Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 87 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 673 bringen. Das Ministeriunk B r i s s o n ist von der Norhwendigkeit der Revision durchdrungen und nur der neue Kriegsminifter erklärt die Revision für unmöglich. Wohlgemerkt, er erklärt sie nicht für unberechtigt, sondern für unmöglich, also für gefährlich hilisichtlich ihrer eventuellen Folgen, und Ministerpräsident Brisson sieht sich bereits nach einem neuen Kriegsminifter um. Nunmehr tritt auch der Präsident F a u r e auf den Plan lind auch er erklärt die Revision für „unmöglich". Die Gerechtigkeit soll unterdrückt werden durch die Politik und ein Unschuldiger wird gemordet, um den Regierenden politische und persönliche Verlegenheiten zu ersparen. In wenigen Tagen wird es sich entscheiden, ob Frankreich dahin gelangt ist, den begangenen Jrrthum der Justiz in einen wissentlich begangenen Justizmord zu verwandeln. * * * Einer jener „classischen Ritualmorde", die das von Bergani gemachte Schandblatt erdichtet, um die jüdischen Aerzte zn verdächtigen, ist nun gerichtlich erledigt worden. DasVergani- Blatt hatte der Geschichte von dem Tode eines Mädchens, lvelches sich auf der Klinik des Hofrathes Nothnagel einer Bandwurmcur unterzog und während derselben starb, gegen die Klinik sowohl als insbesondere gegen den Arzt Dr. Pa sch e l e s ansznbeuten versucht. Die Staatsanwaltschaft leitete hierüber eine Untersuchung ein, welche feststellte, daß die Aerzte gewissenhaft ihre Pflicht erfüllt haben, und daß die betreffende Patientin einem Lungenödem erlegen war, die Anschuldigung gegen den „jüdischen Arzt" auf der Klinik Nothnagel war also gerade so verleumderisch wie die gegen einen „jüdischen" Arzt im Rudolfsspital, von welchem das Bergani-Blatt behauptet hatte, daß er einen Patienten absichtlich inficirt habe. Die Infamie des „Deutschen Volksblattes" richtet sich aber nicht blos gege'.l die betreffenden Aerzte allein, sondern gegen die Juden überhaupt. Es könnte sich nämlich sehr leicht der Fall ereignen, daß ein jüdischer Arzt einen Kunstfehler begeht oder sich eine Pflichtverletzung zu Schulden kommen läßt. Dabei zu betonen, daß es ein „jüdischer" Arzt war oder, wie es die Zeitung des von der Tramway parychalirt gewesenen Dr. Wähner thut, mit läppischer Bosheit von einem „jüdischen" Heiratsschwindler zu sprechen, ist gerade so dumm und gemein, als würde man von einem „katholischen" Einbrecher, einem „protestantischen" Räuber „helvetischer Confession" und dergleichen sprechen. Daß derartige aus einem einzelnen Falle abgeleitete Allseindungen einer Confession oder einer Nationalität eine Gemeinheit darstellen, das wissen die Bergani und Wähner sehr genau, aber sie begehen dieselbe mit Vorbedacht, denn sie ist ein unentbehrliches Requisit des von ihnen betriebenen Geschäftsantisemitismus. * * * Die Wiener Gastwirthe gehen daran, einen neuen Genossenschaftsvorsteher zu wählen, und die Christlich-Socialen empfehlen mit großem Eifer solche Candidaten, welche sich als entschiedene Antisemiten erklärt haben. Einer dieser von der christlich-socialen Partei wegen ihrer unzweifelhaft antisemitischen Gesinnung empfohlenen Candidaten, ist HerrMitzko in der Schottengasse, welcher aber bei der practischen Bethätigung des Progranimes, auf welches er für die Genossenschaftsvorstehung candidirt, in das unangenehme Dilema gerathen wird, entweder auf den practischen Antisemitismus oder auf eine große Anzahl von Gästen zu verzichten. Herr M i tz k o ist nämlich auch Restaurateur des Schachclubs, welcher bekanntlich stark „verjudet" ist, und wenn Herr Mitzko ein principientreuer „strammer" Genosse ist, so wird er es vermutlich ablehnen, den „Leuten vom Stamme Sem" ein zuvorkommender Wirth zu sein. Allerdings hat da vor einigen Tagen der Obmann des christlich-socialen Arbeitervereines, ein sicherer Nagordzansky oder wie er heißt, den antisemitischen Gastwirthen eine sehr hübsche Moral zurechtgelegt. Dieses Subject ist seines Zeichens Marqueur und nimmt, wie er als gelehriger Imitator von Ernst Schneider sich ausdrückt, von Juden und von Menschen Trinkgeld, er grüßt sogar Juden, als ob sie Menschen wären. Außerhalb des Geschäftes aber sei er Antisemit. Nun kann sich solche Scherze nur ein Marqueur erlauben, den man nicht persönlich kennt und vor welchem man sich daher, wenn Einer nicht so behandelt werden will, als wäre er kein Mensch, sondern ein Jude, nicht hüten kann. Ein solches Individuum vermag daher die Gesinnungslumperei, die in dem von ihm selbst eingestandenen Vorgehen liegt, unerkannt zu begehen. Bei einem Restaurateur dagegen, den Jedermann kennt, werden Inden, die sich der Meinung hingeben, daß sie trotz der Erklärung des Herrn Nagordzansky, doch Menschen sind, die von diesem „Wiener" Marqueur gezogene feine Unterscheidung sich schwerlich gefallen lassen. Die antisemitischen Gastwirthe rechnen übrigens gewiß mit dieser Eventualität und werden daher auf jüdische Gäste gewiß gerne verzichten. * * * Welche Folgen übrigens die Wiener Zustände für das Wiener Gastwirthgewerbe hat, das konnten die Herren Wirthe auch aus der lehrreichen Thatsache entnehmen, die soeben in der Generalversammlung des Gremiums der Wiener Hoteliers bekanntgegeben wurde. Die Zahl der im vergangenen Jahre nach Wien gekommenen Ausländer hat um 6691 Personen abgenommen. Die Antisemitenblätter haben bekanntlich seit jeher in Abrede gestellt, daß der Fremdenverkehr in Wien unter dem christlich-socialen Regime abnehme. Sie rechneten hiebei die Gäste, die zu den verschiedenen Fahnenweihen, Luegerfesten, Gedenkfeiern re., antisemitischer Vereine aus Langenlois, Stockerau, Korneuburg und ähnlichen Großstädten an Sonntagen nach Wien zu kommen pflegen, zu den „Fremden". Der wichtigste und maßgebendste Factor im Fremdenverkehre ist aber selbstverständlich der Ausländer, und es wurde bereits in dem Berichte der niederösterreichischen Handelskammer constatirt, warum in Wien der Fremdenverkehr leidet und warum die Beziehungen der auswärtigen Geschäftswelt mit dem Wiener Platze gelockert und vielfach unterbrochen worden sind. -i- -i- * Nachdem wir schon dem Herrn Nagordzansky die Ehre erwiesen haben, seine „Grundsätze" hier zu veröffentlichen, so machen wir die jüdischen Dienstmänner darauf aufmerksam, daß er der Obmann desselben christlich-socialen Arbeitervereines ist. in welchem der berühmte Socialpolitiker Bielohlawek für die Errichtung eines städtischen Dienstmannsinstituts mit beschränkter Aufnahule plaidirt hat. Herr Bielohlawek hat Herrn Dr. Lueger copirt. So wie dieser bei der Eröffnung des städtischen Arbeitsvermittlungsamtes von Unparteilichkeit und Gerechtigkeit sprach und damit sein eigenes antisemitisches Programm desavouirte, so verleugnete auch Herr Bielohlawek urplötzlich den ganzen Antisemitismus. Er erklärte, er werde sowohl für die jüdischen als auch für die christlichen Dienstmänner sorgen. Diese Objectivität würde uns rühren, wenn wir an sie glauben würden; wir sind im Gegentheile der Ansicht, die von einzelnen jüdischen Dienstmännern in der Versammlung auch ausgesprochen wurde, daß es sich darum handelt, die Juden und die Ungarn brodlos zu machen. Die wohlwollende Neutralität antisemitischer Parteiführer, sei es in der Dienstmännersrage, sei es in der städtischen Arbeitsvermittlung ist eine innere Lüge. Wenn es Herr Dr. Lueger mit der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit in der Arbeitsvermittlung ernst meinen würde, so hätte er nicht einen antisemitischen Agitator mit der Leitung betrauen dürfen, der einfachste politische Anstand hätte ihm diese Erwägung nahe legen müssen. Robert Wolf. Die Friedhofs Affaire von Stryzotv. Am vorigen Montag gelangte vor dem Cassationshofe die Nichtigkeitsbeschwerde des Aufsehers des jüdischen Friedhofes in Stryzow, Jacob Hagel, gegen das Urtheil des Kreisgerichtes Rzeszow, mit welchem derselbe wegen Religionsstörung ,;u einem Jahre schweren Kerkers verurtheilt worden war, zur Verhandlung. Hagel hatte gegen die Anordnung des Gemeindefnnctionärs, der den Husaren den jüdischen Friedhof als Lagerplatz anwies, mit der Bemerkung remonstrirt, derselbe möge die Pferde auf dem christlichen Friedhof oder in der Kirche einstellen. Man erinnert sich noch der Aeußerungen des Staatsanwaltes von Rzeszow bei der erstgerichtlichen Verhandlung, welche den Vertheidiger Professor Dr. R o s e n b l a t t zu der Entgegnung veranlaßten, daß solche Aeußerungen sich sonst nur in der antisemitischen Hetzpreffe dritten Ranges finden. Die Nichtigkeitsbeschwerde war von Professor Dr. R o s e n b l a t t allsgeführt. Vor dem Casfationshofe hatte dieselbe Herr Dr. Alexander M i n tz übernommen, welcher in seinem Plaidoyer die böswillige Absicht des Friedhofsaufsehers bestritt ^.und deffen Aeußerung lediglich als einen allerdings in ungehöriger Form vorgebrachten Protest gegen die Entweihung des jüdischen Fried-