Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 1>72 Dr. Bloch's Wochrnschrifl Nr. ‘67 seits behauptet wird, dominirend, so doch immerhin das treibende Element. Man kann auch annehmen, daß es dem neuen Arbeitsamte ernst ist, sich der Juden als Relief zu versichern. Allein ist es möglich, ja denkbar, daß dieses Amt, wenn auch gewillt, im Stande und in der Lage sein werde, den Willen in die That umzusetzen? Wer kennt nicht die Genesis der Entstehung des städtischen Arbeitsvermittlungsamtes? Es handelte sich bekanntlich darum, daß seitens der antisemitischen Majorität des derzeitigen Gemeiuderathes etwas geschehe, um alle diejenigen zu beschwichtigen, welche die Thaten- und Talentlosigkeit der herrschenden Partei schon ungeduldig zu machen drohte. Denn, daß die Creirung des Arbeitsvermittlungsamtes einem localen Bedürfnisse entsprungen, ist noch nicht erwiesen, dies muß erst durch die Erfahrung erhärtet werden. Bedenken darf wohl auch die Thatsache wachrufen, daß mit der Leitung des neuen Amtes ein antisemitischer Parteigänger strengster Observanz betraut worden ist, davon zu schweigen, daß, wie die Fama erzählt, die Creirung dieses Amtes eigens zu dem Zwecke erfolgte, um einer antisemitischen Parteigröße als Versorgung zu dienen. Wie aber will mau die antisemitischen Theorien, von welchem das gegenwärtige Regime im Gemeinderathe und in der Gemeindewirthschaft durchtränkt ist, in die reale Praxis umsetzen? Wird man dem Schneider, Gregorig und all den dii minorum gentium der antisemitischen Partei, wie es eine sachgemäße unparteiische Amtsführung, welche der Vorstand des Vermittlungsamtes als Glaubensbekenntniß für sich in feierlicher Form verspricht, jüdische Arbeitnehmer zu empfehlen wagen und den Muth dazu haben! Und wenn, was ja bezweifelt werden darf, dieser Muth vorhanden sein wird,' werden die Schneider, Gregorig e tutti quanti die empfohlenen jüdischen Arbeitnehmer, auch wenn ihnen die beste Qualifikation zur Seite stehen wird, aeceptiren? Man muß mit der Thatsache rechnen, daß seitens arischer Arbeitgeber, auch dann, wenn sie aus irgend einem Grunde Anstand nehmen, zur antisemitischen Heilsarmee gezählt zu werden, einem unwiderstehlichen Zwange nachgebend, jüdische Arbeiter zurückweisen werden. Wird es sich dann durch die Praxis nicht erforderlich erweisen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer nach Confessionen zu scheiden, ja für beide einen confessionellen Cataster auzulegen? Man kann sich schon jetzt ein Bild ausmalen von der Geschäftsführung, welche nolens volens in der jungen Institution platzgreifen wird. Da wird eür arischer Arbeitgeber bei der Suche nach einem Arbeiter das Verlangen stellen, er wünsche Arier, oder qualificirte Arier mit antisemitischer Gesinnung. Ein anderer arischer Arbeitgeber wird wieder dem Verlangen Ausdruck geben, der Arbeiter möge ein geschworener, christlich-socialer Parteigänger sein und so weiter mit Grazie. Und wie sollen und werden sich erst jüdische Arbeitgeber benehmen müssen, falls sie es überhaupt über sich gewinnen werden, sich des Vermittlungsamtes zu bedienen? Werden diese nicht als eonditio sine qua non hiustellen müssen, nur keine Arbeiter antisemitischer Gesinnung empfohlen zu bekommen? Wie aber sollen sich erst die jüdischen Arbeitnehmer verhalten? Ein bekannter oberster Grundsatz im Gemeinderathe ist derzeit, Juden als Fremdlinge, als Nichtmenschen zu behandeln. Wird man überhaupt Vermittlungsansuchen von Juden entgegennehmen — in den" Augen der Schneider, Gregorig wäre dies ja überhaupt schon eine crimen laesae majestatis — und falls dies der Fall, wird man diese „sachgemäß und unparteiisch" behandeln und erledigen? Mit dieser Glossirung, welche sich noch weiter ausgestalten ließe, falls es der Raum dieses Blattes gestatten würde, sollte nur dargethan werden, wie hohl, jeder sittlichen, praktischen Grundlage entbehrend der Antisemitismus ist und wie all die schönen antisemitischen Theorien in Nichts zusammenbrechen, wenn dazu geschritten wird, sie in die reale Wirklichkeit umzusetzen und zu verwirklichen. Eduard Beer. * * * Von anderer Sette wird uns geschrieben: Bei der feierlichen Eröffnung des städtischen Arbeitsvermittlungsamtes haben der Bürgermeister Dr. L u e g e r und der zum Leiter dieses Amtes ernannte Abgeordnete Julius P r o ch a sk a sich feierlichst vom Antisemitismus losgesagr. Wer's nicht glaubt, der lese doch einmal die Reden nach, welche die beiden Herren bei diesem Anlasse gehalten haben. Heer De. Lueger sagte, alle Arbeiter, welcher A n s ch a n u n g s i e auch sein möge n, sollen dort ihr Brot finden können. Unparteilichkeitund Gerechtigkeit mögen die Leitsterne für die Beamten sein. Nicht wahr Herr Dr. Lueger, Unparteilichkeit und Gerechtigkeit sind mit der Bethätignng antisemitischer Gesinnung unvereinbar? Und Herr P r o ch a s k a meinte ebenfalls, das Amt müsse vollkommen unparteiisch sein. Gibt es aber, Herr Prochaska, vollkommene Unparteilichkeit, wenn man den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung abspricht? Kann ein Antisemit, der an die Spitze eines öffentlichen Amtes gestellt wird, jemals unparteiisch sein, wenn er, wie Dr. Lueger es wiederholt ausdrücklich kundgethan, das Programm seiner Partei, also das der antisemitischen Partei, durchführen will? Entweder Antisemit oder unparteiisch! Beides zugleich ist eine psychologische und psysische Unmöglichkeit, und man kann, wie das Beispiel des Herrn Dr. Lueger zeigt, seine Gesinnungen nach einander wechseln, aber nicht zwei einander widersprechende Gesinnungen gleichzeitig hegen. Die feierlichen Erklärungen des Bürgermeisters und des „Socialpolitikers", den er zur Verwaltung eines die größte Unparteilichkeit erfordernden Amtes für geeignet hielt, sind also entweder eine entschiedene Absage an den Antisemitismus oder gleichwerthig einem Eide auf die Staatsgrundgesetze, welcher durch Verletzung der bürgerlichen Gleichberechtigung aller Confessionen gebrochen wird. Die beiden Redner- Werden sich also nicht darüber beklagen dürfen, wenn speciell die jüdische Bevölkerung das Walten des städtischen Arbeitsvermittlungsamtes mit einem christlich-socialen Agitator an der Spitze mit jenem unbegrenzten Mißtrauen verfolgen wird, ans welches die herrschende Partei sammt ihrem Oberhanpte Dr. Lueger sich so wohlbegründeten Anspruch erworben hat. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tägesgefchichte. (Die Italiener-Hetze. — Der furchtsame Präsident. — Ein klinischer Ritualmord. — Die Confessio« im Titel. — Antisemitische Wirthe und jüdische Gäste. — Von Menschen und Inden. — Der Wiener Fremdenverkehr. — Roch ein Renegat.) In die Kundgebungen tiefgefühlter Trauer und schmerzlicher Theilnahme um unsere geliebte und verehrte Kaiserin drängen sich als ein verletzender Mißton die Nachrichten über Demonstrationen und Excesse gegen die in Oesterreich lebenden italienischen Arbeiter, die man verfolgt und mißhandelt, weil ein Italiener es war, der das furchtbare Verbrechen begangen hat. Bedenken denn die Veranstalter solcher Demonstrationen nicht,-wie sehr sie dadurch die Trauerfeier für die edelste Frau profaniren, deren ganzes Wesen der Inbegriff zarten Empfindens, milder Denkungsart und reinster Menschenliebe war? Es ist eine immer wiederkehrende Verirrung, für das Verbrechen eines Einzelnen dessen Volk verantwortlich zu machen, und um so tadelnswerther ist diese Ausschreitung, als ja ganz Italien die allgemeine Trauer um die dahingeschiedene Kaiserin und den Abscheu vor dem ruchlosen Mörder theilt und als die Jtaliener diesen Empfindungen in einer Weise, die nicht den geringsten Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Schmerzes und ihres Entsetzens zuläßt, vor ganz Europa Ausdruck gegeben haben. Was will man also von armen Arbeitern, die in der Fremde durch harte Arbeit ein dürftiges Brod finden? Welcher Zusammenhang besteht zwischen ihnen und einem Mörder, mag dieser welcher Nation immer angehören? * . * * Die Affaire Dreyfuß nimmt eine Wendung, welche zu der ernsten Besorgniß Anlaß gibt, daß die Erforschung der Wahrheit um jeden Preis verhindert werden soll, daß die Furcht vor der Soldateska einerseits und vor antisemitischen Scandalen andererseits sogar den Präsiddenten der Republik ergriffen hat. Die Beweisstücke auf welche sich Cavaignac berufen, haben sich als gefälscht erwiesen, und der Fälscher H e n r y, der Hauptbelastungszeuge gegen den unglücklichen Capitän, hat die Fälschung eingestanden und sein Verbrechen mit dem Tode gesühnt. Der andere Ankläger, Major Esterhazy, ist als Fälscher und als Bettüger entlarvt; er wurde aus der Armee ausgestoßen und hat sich geflüchtet — unbekannt wohin. Oberst Paty duClam, der Untersuchungsrichter gegen Dreyfuß, der Mitschuldige des Obersten Henry, wurde aus dem activen Dienste entlassen und damit wird auch ihm der Weg geebnet, um sich in Sicherheit zn