Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 670 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 37 Die Kaiserin und ihr Dichter. Der jähe, schreckliche Tod, welchen die erste und edelste Frau unseres Landes ferne von der Heimat durch verruchte Mörderhand gesunden hat, ist wie ein Reif auf jegliche Festesfreude des Jubeljahres gefallen. Alle treuen österreichischen Herzen wenden sich, innigsten Mitgefühls voll, dem kaiserlichen Dulder auf dem Throne zu, der seiner ganzen Seelenstärke bedürfen wird, auch diesen entsetzlichen Schicksalsschlag zu verwinden, dem Herrscher, „dem nichts erspart bleibt" von allen Bitter- und Kümmernissen des Daseins. Er wird sich wieder aufraffen und in das strenge Gebiet der eisernen Pflicht hineinflüchten, und in der selbstlosesten Herrscherarbeit und nimmer ermüdenden Sorge um das Wohl seiner entzweiten und in grimmigem Parteihader zerklüfteten Volksstämme Trost und Erhebung suchen und finden. Aber die tiefen Wunden im Herzen werden fortbluten für und für... Zuerst der einzige, hochbegabte Sohn und Thronerbe dahingerafft in seiner Blüthe und nun die kaiserliche Gattin unter dem Mordstahle eines Elenden gefallen .. . Wenn auch ganz Oesterreich in dichte Trauerflöre sich einhüllt, war' es doch nur ein kärgliches, äußerliches Merkzeichen der allgemeinen Trauer im weiten Lande. Und weil man in der Stunde des Abschieds von etwas Theuerem, Großem und Geliebten sich des ganzen Umfanges des Verlustes noch nicht bewußt werden kann, so wollen auch wir in dieser Stunde nur an Eines erinnert haben, aber aus diesem Einem wird sich die ganze Seelevgröße der dahingegangenen Herrscherin wohl abmessen lasten. Sie war eine mimosenhafte, vornehme Natur, welche vor jeder Berührung mit der Oeffentlichkeit zurückscheute und die Schleier nicht lüftete von den zarten Geheimnissen ihres Gemüths, um sie der Neugier und der Zudringlichkeit preiszugeben. Wir wollen von dem idealen Berhältniffe reden, 'in welchem Kaiserin Elisabeth von Oesterreich zu dem großen, geschmähten, gehaßten, jüdischen Dichter Heinrich Heine gestanden hat. Nie hat eine Frau einen Poeten inniger verehrt, treuer gehegt und besser verstanden. Es war das reine geistige Band der seelischen Sympathie um die Beiden geschlungen, um die unglücklichste Frau, die je auf einem Throne gesessen und um den unglücklichsten Dichter, um das gequälteste Genie, welches jemals göttliche Verse gesungen. Auf Korfu, in ihrem herrlichen Märchenschloß, das selbst wie ein süßes Heine'schcs Gedicht traumhaft sich aufbaut, da hat sie ihrem Liebling sein Denkmal errichtet, ein wahrhaftiges Heine-Denkmal; fast alle deutschen Städte haben bekanntlich abgelehnt eines zu errichten. In seiner weißen Marmorpracht glänzt der Feenpalast aus dem dunkeln Grün der Pinien und des Lorbeergebüsches herüber, und eine breite Treppe führt von Terrasse zu Terrasse bis zum Meere hinunter, bis zu den weiß heranschäumendeu, unermüdlichen Wogenkämmen, die den Fuß der Zauberinsel küssen. Ein schattiger Kiesweg geleitet ani sterbenden Achill, am ruhenden Götterboten Hermes vorbei, zu dein runden Säulentempelchen, wo das Marmorbild eines Kranken aufgestellt ist, der in seinem Lehnstuhl von Kissen unterstützt sitzt, die Füße in eine Decke gehüllt. Das edle Haupt ist vorgeneigt. die Züge vom Leiden nur noch mehr durchgeistigt und verfeinert; die zarten frauenhaften Hände halten ein Blatt und auf dem steht geschrieben: „Was will die einsame Thräne, Sie trübt mir ja den Blick — Sie blieb aus alten Zeiten In meinem Auge zurück ..." Und hierher wallte die.„Basilissa", wie sie auf der Insel genannt wurde, fast täglich, uni an dem Denkmal des Dichters zu sinnen und zu träumen — vielleicht auch zu beten. Jeder Gedanke einer groß gestimmten Seele wird zum Gebet. Jeder wahre, schöne, gute Gedanke ist ein Gebet und dem Herrn wohlgefällig. „Keine Messe wird man singen. Keinen Kadosch wird man sagen, Nichts gebetet, nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen .." So schrieb Heinrich Heine über sich selber. Aber die trübe Vorahnung hat den Dichter doch getäuscht. Eine Kaiserin kam zu seinem Standbild Tag für Tag, um seiner zu gedenken, dem sie nachempfand, eine schwer geprüfte Schmerzensmutter, der er Tröster war, und die ihn ganz erfaßte. Die Edle nur war das Edle iu chm ganz zu begreifen fähig. Die gemeinen, niedrigen Seelen spüren nur immer das Gemeine auf und umdeutelnd legten sie es sich zurecht. Der Bildhauer Hasselried in Rom hatte das Heine-Denkmal so ganz für sich ewtworfen, itr.t einen künstlerischen Herzensdrang zu genügen, und gar keine Aussicht bei der eben herrschenden, beschämend traurigen Zeitströmung die Ausführung in Marmor verwirklicht zu sehen. Da trat einen Tages ganz unvernmthet ein vornehmer Herr in das Atelier des Künstlers und ließ sich mit ihm über die Ausgestaltung des Thonmodells „der kranke Heine" in ein Gespräch ein, dessen Ergebniß für den hochbeglückten Künstler der — Auftrag war! Erst lange nachher erfuhr Hasselried, wer eigentlich die Dame gewesen, über deren Veranlassung fein Besteller bei ihm erschienen war. Gar rührend klingt die Erzählung von dem Besuche der Kaiserin bei Heinrich Heine's noch in Hamburg lebender, hochbetagter Schwester Charlotte Embden. In das Stübchen der Greisin trat eines Abends eine schlanke Dame, deren Züge noch deutliche Spuren einstiger großer Schönheit auswiesen. Aber sie waren sehr kummervoll und eine gewisse Müdigkeit lagerte auf ihnen, die erst einem lehafteren Ausdrucke wich, als das Gespräch auf „Harry" kam. Selten noch hatte sich ein Besucher so vertraut gezeigt mit fast jedem Worte, welches der Dichter geschrieben. Charlotte Embden, die kluge Frau, wußte wohl, daß sie die Kaiserin von Oesterreich vor sich hatte, doch unterließ sie in taktvoller Weise, sich es merken zu lassen. Und so saßen die beiden Frauen plaudernd im Dämmer einer altmodischen Hamburger Stube. Der Tag war im Verscheiden und Charlotte erzählte von ihrem Bruder Harry. Sie schöpfte mit Lebhaftigkeit und Gedächtnißfrische aus ihrer reichen Erinnerung. Herzlich schied die Fürstin von der alten Dame, ihr noch lange Jahre und Fortdauer der geistigen und körperlichen Frische mitlieben Worten wünschend. Man erinnert sich wohl noch, daß die Kaiserin, von Heine's Gedicht angeregt, den Wunsch äußerte, den großen hebräischen Poeten Jehuda Halevy näher kennen zu lernen in seinen Werken und wie eine eigene Uebersetzung seiner Dichtungen in das Deutsche für sie angefertigt wurde. Und Abul Hassan, Jehuda Halevy, der hebräische Dichterfürst, der seinen Einzug in die alte, ehrwürdige Kaiserburg zu Wien hielt, war ein national-jüdischer Dichter, der größte nach den Propheten. Die Sehnsucht nach Zion bildet den Inhalt seiner Dichtungen. Ec unternahm im hohen Alter eine Wallfahrt nach Jerusalem und hauchte beim Betreten des heiligen Landes unter der Mordwaffe eines Sarazenen die edle Seele aus. Den Dichter der „Zionide", den Castilianer „mit der bleichen, gedankenstolzen Stirne, dem rätselhaften Lächeln, jenen schön gereimten Lippen, die man nur bei Dichtern findet, mit der Geisterkönigskrone, ein Poet von Gottes Gnade", Heine hat ihn im „Romanzero" verherrlicht und dadurch die Aufmerksamkeit und das Interesse der hohen Frau, der ein ähnlich trauriges Ende bestimmt sein sollte, ans ihn gelenkt. Sie ließ sich nun, jeder Oberflächlichkeit abhold, alle Schriften über Jehuda kommen, die den Dichter und Denker schilderten.. Aber das war doch noch immer nicht er selbst! Eine Anzahl seiner Gedichte waren von Michael Sachs in recht gelungener Weise in das Deutsche übertragen worden, jedoch lange nicht so formvollendet, wie von Seligmann Heller. In dieser Version, welche dem hohen poetischen Schwünge des Originals formschön nacheiferte, lernte nun die edle, für alles Schöne begeisterte Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, den Liebling ihres Lieblings kennen, während ringsum im Lande der Antisemitismus seine verderblichen Wurzeln schlug. Die Uebersetzung von Seligmann Heller ist, von Proben und Vorarbeiten abgesehen, über Veranlassung und auf Wunsch der Kaiserin entstanden, welche sich viel mehr um jüdische Poesie gekümmert hat, als die meisten der jüdischen Frauen dies thun! Eine hübsche kleine Scene verdient der Vergessenheit entrissen zu werden, welche sich zutrug, als Professor Alexander Strakosch in Ischl vor dem engsten kaiserlichen Familienkreise die „Wallfahrt nach Kevlaar" vortrug. Der berühmte Recitator hatte die Strophe ausgelassen: „Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken, Der jetzo tanzt auf dem Seil. Und mancher spielt jetzt die Bratsche, Dem sonst kein Finger war heil." Die Kaiserin war es, die ihn lächelnd darauf aufnlerksam machte. — Sie besuchte auch den Kunstverein, obwohl sie sonst weder in das Theater, noch in Gemäldeausstellungen ging, als