Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Br. »7 Dr. Bloch’s Jahrgang LV. Centralorgan für die gesammtrn Interessen des Iudenthums. -- - —^- Wien, 16. September 1898. Erscheint jeden Freitag. -p— - Br»es-Ädrtsje: Wien, 1., Hauptpostamt — Zach. Telegramm-Adresse: Bloch'S LVocheniebrM Wien. Nkprgmirri» Kr Seflrrrrich: Halbjährig 4 fl. --- S Kr. Einzelexemplare »4 kr. Lür's Ausland: halbjährig 4 ff. — 10 Sh. ganzjährig 10 „ 30 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Peritzeile IS kr. A. k. Poysparksgrn-Amt Clearingverkehr Ar. 810.976. Bsbattion und Administration: Itin i Ä»tm NugarNpstr. la. I Toto phon - Nr. 6535. m —.— Inhalt. Leitartikel: Ein Trauergast. — Die Kaiserin und ihr Dichter. — Ein ungesetzlicher Schulerlaß. — Städtisches Arbeitsvermittlungsamt Wien — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Friedhofsaffaire von Stryzow. Ein antisemitischer Anarchist. Zum Proceß Esterhazy-Dreyfus. Der Antisemitismus in Karlsbad. Ueber die Befreiung jüdischer Kinder. Die neue Synagoge in Berlin. — Zur Jahreswende. — Statistik über die Juden in Wien. — Die Ethik des Judenthums. — Korrespondenzen: Von der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Wien, Baden, Amstetten, Karlsbad, Lemberg, Krakau, Essegg, Friedland, Berlin, Königsberg, Mainz, Straßburg, München, Petersburg, Warschau, Palästina, Buenos- Ayres, Philadelphia. — Vermischtes: Wien, Die Musikschule Morini, Baden, Brünn, Damboritz, Prag, Bielitz-Biala, Krakau, Breslau, Capstadt, London, Constantinopel, Rom, Neu-Süd-Wales. — Feuilleton: Der Letzte. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. irauergast. Es ging Ein Schauer durch die Welt und sie verstummte Vor athemlosem Schmerz. Und Alle sahen Sich heißer Augen an und Alle weinten. Und zwischendurch erhob sich heftig Schluchzen. Ein feierlicher Chorsang stieg das Leid Zum blauen Himmel auf. Und alle Völker, Sie reihten sich zum Zuge. Wieder sah man, Wie Eines nur ein Einziges verbindet, Was unvereinbar sonst: ein namenloses, Ein unerwartetes und unentrinnlich, Ein allgemeines Weh. Ein Riesenvogel, So schwang sich's auf. Vom Rauschen seiner Schwingen Verstummte Zwist und Streit; des Tages Glänzen Verblich vor ihrer Nacht. Und Einer war Im endelosen Reih'n. Ein ur-uralter Und müder Mann. Der wirre Bart Floß grau in Strähnen ihm zur Brust; so stürzt Ein Katarakt zu ewig starren Felsen. In seiner Stirn standen tausend Runen, Die Runen der Jahrhunderte: sein Auge Glomm dunkel unter hochgeschwungenen Brauen. Ein ewig Zucken zog um seinen Mund, Als kam' ihm Weinen, das er doch nicht kennt: Der ruhelosen Herrin gab der Wandrer, Gab Ahasveros das Geleite. Und es kam Ihm in den Sinn die längst verklungene Weise, Erhoben fern an Babels Thränenbach: Und Psalmodien klagten laut dazwischen Aus David's Sängermund; das Widderhorn Gellt' ihm durch seine Seele; Abul Hassan's *) Schwermüthig Lied vernahm er, dem sie gerne, Die Lebende getauscht hat. Und erstickt Vom inneren Krampf.die Stimme, sprach für sich Er das Prophetenwort: „Du fielst vom Himmel Der Morgenröthe Kind, der schönste Stern," *) Juda Halevi. Er hat Des Fragens sich entwöhnt. Man wird des müde, Beschauend stäten Wandel wirrer Zeiten. Die Fluth des Unbegreiflichen bestaunend, Das ewig sich erneut. Er glaubt nicht Schuld, Der unverschuldet trägt sein grimmig Los. Ein neues Räthsel, dem kein Zweites gleich. Drückt seine Seele und er grübelt drob, Und sucht in seinem mahnenden Gedächtniß Nach einem gleichen Fall, nach gleicher Güte, Gleicher Holdseligkeit und reiner Anmuth. Wie diese war, die vor der Zeit uns schwand. Nichts Gleiches weiß er. Und er strählt den Bart In schweren Zweifeln: schlägt an seine Brust Und neigt das Haupt Ach! ihm und seinem Stamm War sie gerecht, die niemals Unrecht kannte. Ihr holder Mund sprach nimmer Fluchesworte. Nur Wohllaut, reine Milde. Seinen Sänger, Den Besten, den sein alt Geschlecht geboren, Den man geschmäht, dem man die späten Ehren Des Ehrenmals geweigert, hielt sie hoch, Die selber sangeskundig, und sie lud Den Ausgestoßenen zu sich; im Märcheneiland, Umspült von Wogen, rings umblüht von Rosen, Von Nachtigallen laut umschluchzt erhob Sie ihm das Mal, und späte Rosen ließ Die Hand der Kaiserin herniederfallen Auf Heinrich Heine's Grab. Also sann der Alte. Ihm voraus ging der Zug. Er kam zuletzt Zum Grabeshügel und er blieb allein Bis all' der Schwarm verlaufen war. Dann bog Er seine Kniee, nimmer sonst gebeugt, Die Arme warf, aufschreiend er gen Himmel, Allein und unbelauscht; er stöhnte mächtig, Wie man in unerhörten Qualen stöhnt. Ein neues Quellen war in seiner Brust Davor er selbst erschrak — am Grabesmal Der todten Kaiserin weint Ahasveros, Zum ersten Male seit dem Falle Zions.