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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 36 Vr. Vloch's Wochrnfchrifi Seite 663 freudlosen Grau des venetianiichen Ghettos stellt sich das üppige, sinnbethörende, berauschende, berückende Leben gegenüber in der Triumphperiode der Königin der Meere. Hier farbenreiche, blickverwirrende Herrlichkeit — San Marco taucht auf, ganz Woldglanz und Marmor! — dort sieben Stock hohe, schmutzige, schmale Baracken — am Canale grande spiegelt Palazzo an Palazzo gereiht sich in crystallklaren Fluten — jenseits des Canareggio ist ein trübes, stehendes Wasser, von Wirthschaftsabfällen verunreinigt — in Scharlach, Hermelin, Brocat und Seide kleiden sich die stolzen Nobili — und bärtige, bleiche Männer mit gehörnten Mützen hasten stumm aneinander vorüber in der trübseligen Vielgeschäftigkeit des Ghettos. Jeder mit seinem gelben Fleck — geschmückt — wie mit einem Orden. Zangwill schildert einen armen kleinen Judenknaben, der nichts anderes kennt als das Ghetto, und der dann mit Eins geblendet und betäubt in das überschäumende Lnstgetriebe, in das wilde Bacchanal des Genusses hineingeräth und dann wieder traurig sich zurückfindet in sein Ghetto . . . Und zu Heinrich Heine geleitet er uns, dem Märtyrer. Ein tieftrauriger Krankenbesuch in der Matratzengruft! Wie Zangwill seinen Heine erfaßt und ftei ausgestaltet hat, das ist von einer geradezu bewundernswerthen Genialität. Ja, so muß er gewesen sein, so und nicht anders gesprochen und sich mit Anmuth zwischen Ernst und Scherz geschaukelt haben — Rosen, Lilien und Veilchen ausstreuend mit vollen Händen in den Schooß der Geliebten und immer zugleich auch einen faulen Apfel bei der Hand oder ein älteres Ei bereit für allerlei gute Feinde. Besser als die genaueste Lebensbeschkeibung führt diese Dichtung den Menschen und Poeten Heine vor Augen. Tief hat sich Zangwill in ihn hineingedacht und eingelebt. Er bietet aber alles andere als eine öde Stylcopie oder ein langweiliges literarisches Stimmporträt. Die höchste dichterische Wahrheit ist doch viel wahrer als der notizelnde Biograph, der Fleischerrechnung und Apothekenrecept seines Heros wichtigthuerisch auspackt. Wir zögern nicht, den „Besuch in der Matratzen gruft" an die Spitze von Allem zu stellen, was — außer von ihm selbst — bisher über Heinrich Heine gesagt worden ist. Das Bild des edlen Denkers und Dulders Spinoza wird mit reinen freien Linien Umrissen. Viel ist aus seinen Werken hineingearbeitet und mitverwoben in den Gang der Erzählung, die mehr Stimmungsbild ist, dabei von einer holden, süßen, entsagenden Schwermuih, wie wenige. Es geht aus Moll. Man möchte weinen, aber es gilt Affecte zu bekämpfen und weise zu sein und stille.. Viele werden den „türkischen Messias" Sabbatai für die schönste Erzählung erklären und Recht haben — sie ist farbenprächtig und spannend — andere wiederum dem „Träumer Joseph" die Palme reichen, der aus dem römischen Ghetto des XVI. Jahrhunderts den Weg hinaus findet und katholischer Priester wird — andere den „Meister vom Namen", Baal Schem sich erwählen, und darin die vollendete Erzählungstechnik mit Grund bewundern — und sie werden wiederum Recht haben — je nach Neigung und Sinnesart mag jeder seinen Liebling sich erwählen. Wir unserseits stehen nicht an, „Chad Gadya" für das Schönste zu erklären, und glauben, daß wenig gleich gedankentiefe, edelster Empfindung durchströmte Werke in letzter Zeit geschrieben worden sind. Es findet — unbewußt, so möchte man glauben — die erlösende Formel für vieles, was kaum dunkel vorgeahnt, schlummert in der Brust Tausender von modernen Juden, die nur noch ein letzter schwacher Erinnerungsfaden am angeerbten Judenthume festhält, die sich an moderner Cultur und Bildung übernascht und Ziel und Richtung ihres Daseins gründlich verfehlt haben. Tiefsinniger Weisheit voll ist „Chad Gadya". In weiten mächtigen Flügelschlägen erhebt sich die dichterische Phantasie vom Boden der flachen Realität zu mächtigem Aufschwung. Zum gewaltigen Seher wird der gotterfüllte Poet vor unseren Augen, der Geschlechter und Geschlechter mit großem Blick zusammenfaßt und die ewigen Gesetze im Wandelbaren erkennt. „Alles fließt", sagt der griechische Weise, und Zangwill erkennt das »Panta rei« in dem uralten schlichten Liede wieder, das lieblich die ganze verzweiflungsvolle moderne Hamlet-Tragik der Erzählung umrankt, in dem Liede — vom Zicklein, vom Zicklein, das mein Vater gekauft für zwei Zusim. Es werden nicht gar zu viele gute Bücher geschrieben; sie zu besprechen gewährt in der Erinnerung eine Recapitulation des Genusses. I. Saschar. Correspondenzen. Wien. Ueber die Prager deutschen Mittelschulen lesen wir in einem deutsch-nationalen Blatte folgende interessante Daten: Das Gymnasium in der Stephansgafle zählt unter 366 Schülern 188 Christen und 178 Israeliten, das Gymnasium auf dem Graben unter 355 Schülern 209 Israeliten, das Altstädter Gymnasium unter 169 Schülern 139 Israeliten. An dieser Mittelschule gibt es in der Septima und Octava überhaupt keinen Christen, in der sechsten Clafie einen, in der vierten zwei und in der fünften und ersten Classe je sieben christliche Schüler; eine höhere Anzahl finden wir überhaupt nicht vertreten. Ein ähnliches Berhältniß finden wir in der deutschen Handelsakademie, wo von 412 Schülern 235 Israeliten sind. Und da wagt man es deutscherseits, den Israeliten noch zu drohen? Das ganze Prager Deutschthum würde ohnmächtig zusammenbrechen, wenn die Israeliten ihre stützende Hand von ihm Wegzügen! Wien. (Tempelverein in Simmering.) Zwischen dem Borstande der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und der Leitung des Tempelvereines in Simmering bestanden Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Bedingungen, unter welchen die Cultusgemeinde sich bereit erklärt hat, zum Baue eines Tempels in Simmering eine Subvention von fl. 15.000 zu bewilligen. Diese Differenzen führten dazu, daß der Vorstand des Tempelvereines in corpore seine Demission gab und eine außerordentliche Generalversammlung einberief, welche über den projectirten Ankauf eines Bauplatzes Beschluß fassen und einen neuen Vorstand wählen sollte, dem die Aufgabe zufiele, die Verhandlungen mit der Cultusgemeinde zu einem gedeihlichen Ende zu führen. Sonntag den 4. September fand nun die außerordentliche Generalversammlung des Tempelvereines statt, die einen sehr lebhaften Verlauf nahm. Da der Präsident, Herr K a u d e r s, durch einen Krankheitsfall in seiner Familie am Erscheinen verhindert war, führte der Vicepräsident, Herr Leopold W e iß, den Vorsitz. Als Delegirter der Cultusgemeinde war Herr Alfted Berger erschienen. Nachdem der Vorsitzende den Delegirten des Cultusvorstandes, sowie den anwesenden Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" Herrn Dr. Bloch und den Redacteur Wolf begrüßt hatte, erstattete Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Jacob Ornstein das Referat über die Unterhandlungen mit der Cultusgemeinde, welche sich gegen den ursprünglich projectirten Bauplatz in der Geiselbergstraße, der nur fl. 4000 kostete, und für den Ankauf eims Grundstückes an der Ecke der Braunhubergasse und Hugogaffe um fl. 10.000 ausgesprochen habe und demgemäß die ursprünglich mit fl. 10.000 festgesetzte Subvention auf fl. 15.000 zu erhöhen sich bereit erklärte. Herr Dr. O r n st e i n, und nach ihm Herr Leopold Weiß, scizzirten ausführlich den Hergang der betreffenden Verhandlungen, deren schließliches Ergebniß dahin geführt habe, daß die Cultusgemeinde an die Gewährung der Subvention von fl. 15.000 die Bedingung knüpfte, daß die Hälfte des Betrages auf der anzukaufenden Realität vorgemerkt werde, ferner, daß die Bausumme für den Tempel sammt Einrichtung fl. 30.000 nicht überschreiten dürfe, daß die Beschaffung dieses Baufonds nachgewiesen werde und daß schließlich die Herren Kauders, Weiß und Dr. Ornstein die persönliche Haftung dafür übernehmen, daß der Kostenvoranschlag nicht überschritten und der Tempelbau zu Ende geführt werde, widrigenfalls die drei Herren die Subvention zurückzustellen hätten. Die Frage der persönlichen Haftung und die Schwierigkeiten, die in den Verhandlungen immer vom Neuen auftauchen, hätten die Leitung des Tempelvereines bestimmt, zurückzutreten, damit die neue Leitung das begonnene Werk zu Ende führe. Dem aus der Mitte der Versammlung geäußerten Wunsche, ihr Ehrenamt beizubehalten, erklärten die Herren, nicht eutsprecheu zu können. Herr Dr. O r n st e i n, empfahl schließlich, den projectirten Baugrund anzukaufen. Herr Dr. Alfred Berger vertrat hierauf den Standpunkt der israelitischen Cultusgemeinde, welche, wenn sie eine so bedeutende Subvention bewilligt, die volle Sicherheit dafür haben müsse, daß der angestrebte Zweck auch erreicht werde. Die Cultusgemeinde könne sich nicht der Eventualität aussetzen, daß der Bau halbsertig bleibe und daß sie ihn dann zu Ende führe; sie müsse auch dessen sicher sein, daß der Kostenvoranschlag nicht überschritten werde. Es entwickelte sich nun eine eingehende Debatte, an welcher sich die Herren Alexander Vogel, Siegfried Stein, Dr. W e n-

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