Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Bloch'« Wochenfchrifi Seite 659 Wien? Und dabei Versiegen des Peterspfennigs Ja, wo kommt denn das viele Geld hin, fließt es nur in die Taschen der antisemitischen Agitatoren und Wahlmacher? Oder erstreckt sich der christkatholische Eifer der Wiener nicht bis auf den Geldbeutel? Freilich ist es bequemer, aus den allgemeinen Steuergeldern, zu denen auch Juden beitragen, Kirchen zu bauen, als selbst in die Tasche zu greifen. Endlich sagte Dr. Schmitz noch in der Generalversammlung: „Der Peterspfennig brachte bisher jährlich circa sieben Millionen Francs ein. Von diesen sind drei Millionen gesichert, an einer Stelle, die ich nicht nennen will." Dazu bemerkt die Redaction der Münchner „Allgemeinen Zeitung" in Klammern: „Rothschild, Paris." Die Redaction ist gewiß gut unterrichtet, aber es wäre doch interessant zu wissen, in welchem Verhältniß der Jude Rothschild zum Peterspfennig steht. Sammler kann er doch nicht sein, denn es heißt ja, die drei Millionen sind gesichert; also gibt er sie aus Eigenem, ist er verpflichtet, jährlich drei Millionen zu zahlen? Oder hat Jemand das Geld bei ihm deponirt? Oder ist er, der Jude, und nicht ein katholischer Finanzmann Bankier des Papstes? L. Eine Anfrage der österreichischen Regierung. Aus Hildesheim erhalten wir nachstehende interessante Mittheilung: Im Jahre 1884 hat die k. k. österreichische Regierung, veranlaßt durch ihre Absicht, die Rechtsverhältnisse der Juden innerhalb der Monarchie zu regeln, eine Anfrage an die preußische Regierung behufs Information über die Ergebnisse des Austrittsgesetzes vom 28. Juli 1876 gerichtet. Der diesbezügliche Erlaß des damaligen preußischen Ministers des Innern, i. V. Herrfurth, ddo. Berlin, den 1. Februar 1884, hat folgenden Wortlaut: Die österreichisch-ungarische Regierung hat, aus Anlaß einer von ihr beabsichtigten Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden, eine Anfrage über die praktischen Ergebnisse des diesseitigen Gesetzes, betreffend den Austritt aus den jüdischen SynagogengemeindG, vom 28. Juli 1876, insbesonders über die daraus für die Synagogengemeinden erwachsenen Vortheile und Nachtheile, hierhergelangen lassen. Indem ich Ew. Excellenz um eine gefällige Aeußerung hierüber ganz ergebenst ersuche, sehe ich Ihrem Berichte innerhalb vier Wochen entgegen. .Der Minister des Innern. In Vertretung: gez. Herrfurth. Dieser Ministerialerlaß wurde von dem Herrn Oberpräsidenten hiesiger Provinz durch den Herrn Regierungspräsidenten laut Rescript vom 14. desselben Monats Herrn Doctor Gut mann, damaligen Landrabbiuer Hierselbst, dem Vorgänger des jetzigen Landrabbiners Herrn Dr. Lewinsky, gegenwärtig Gemeinderabbiner zu Breslau, übermittelt, „mit dem ergebenen Ersuchen, sich in Beziehung auf den Ihnen unterstellten Landesrabbinatsbezirk über die aufgeworfenen Fragen recht bald gefälligst eingehend gegen uns äußern zu wollen." Reichsrath und Versöhnungstag. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaction! Der Reichsrath ist für den 26. September einberufen. Se. Excellenz. der Herr Minister-Präsident, scheint bei der Bestimmung des Einberufungstages einen Kalender nicht zu Rathe gezogen zu haben, denn sonst würde er gefunden haben, daß auf diesen Tag der jüdische Versöhnungstag, der größte und heiligste Fest- und Fasttag der Israeliten, fällt, und schon aus Rücksicht für die jüdischen Reichsrathsabgeordneten würde er einen anderen Tag zum Wiederzusanimentreten des Reichsrathes gewählt haben, denn eine bewußte Rücksichtslosigkeit gegen die jüdischen Abgeordneten kann ich nicht glauben. Hochachtungsvoll I. W—m—r. Bor Antisemiten wird gewarnt! Reichsrathsabgeordneter Wenzel B r e z n o w s k i veröffentlicht in den „Narodni Listy" folgenden Aufruf: „An die geehrten Handwerker- und Gewerbegenossenschaften im Königreiche Böhmen! Dieser Tage weilten in Prag Delegirte der antisemitischen Partei in Wien, um die Vertreter der gewerblichen Corporationen für eine gewisse Action, welche die Wiener Antisemiten im ganzen R e i ch e p l a n e n, zu gewinnen. Auch in anderen Orten Böhmens haben sich solche Agitatoren zu dem gleichen Zwecke eingefunden. Indem wir uns den principiellen Standpunkt vor Augen halten, welcher die Handwerkerschaft Böhmens eint mit den sämmtlichen übrigen nationalen Parteien im Königreiche Böhmen, fordere ich Euch auf, sich mit den betreffenden Delegirten aus Wien in keinerlei Unterhandlungen u n d b e st i m m t e Abmachungen einzulassen oder irgendwelche Verbindlichkeiten zu übernehmen." Bezeichnend ist es nun, daß selbst das Hauptorgan der polnischen Antisemiten, der- Krakauer „Glos Naroda", dem christlich-socialen Emissär die Thür weist, indem er schreibt: „Es gehört eine besondere Unverschämtheit dazu, nach all dem, was in Wien geschah, noch in ein slavisches Land zu kommen, um da gemeinsame patriotische Actionen zu organisiren. Die Politik Ihrer Genossen, Herr Schneider, bewirkt es, daß die wirtschaftliche Noth, zu deren Linderung beizutragen Sie keine Zeit haben, immer größer wird. Deshalb wollen wir, daß Sie gehen, woher Sie gekommen, und daß Sie den Staub von Ihren Füßen schütteln. Das Land, in welches sie gekommen sind, ist wegen seiner Gastfreundschaft bekannt, aber die Leute, welche es bewohnen, wissen, daß es eine noch höhere Pflicht gibt, als die Gastfreund'chast — nämlich die nationale Würde!" Nächstenliebe eines christlich-germarnscheu Junkers. Kürzlich wurde der Gutsarbeiter H. in D. bei Stolp welcher bei der jüngsten Reichstagswahl einen liberalen Stimmzettel abgegeben hatte, aus der gutsherrlicheu Wohnung gerichtlich exmittirt. Als der zuständige Amtsvorsteher anordnete, daß der Exmittirte eillstmeileu in seiner Wohnung wieder unterzubringen sei, blieb sein Wirthschaftsmobiliar in der Nacht im Regen draußen, er selbst, Frau und Kinder brachten die Nacht auf Stroh in einem sonst unbewohnten Raume zu Vorher hatte der Exmittirte seine Kuh, Schwein. Gänse und Hühner verkaufen müssen, weil sein bisheriger Arbeitgeber die Thiere nicht mehr auf der Straße dulden wollte, da ihm die Ausübung des Auenrechts zustehe. Am andern Tage in früher Morgenstunde holten benachbarte liberale Bauern, die viel geschmähten „Nordöstler", den Bedauernswerthen nebst Familie, sein Hab und Gut in die Bauerngemeinde und gaben ihm eine gute Wohnung. Was man den Inden alles vorwirft. Abgeordneter Sander sagte in der Badischen Stäudeversammlung 1833: „Der Jude wurde in neuerer Zeit nicht und nirgends unter der Zahl Derjenigen gesehen, die an den freisinnigen Ideen und an ihrer Ausbildung theilnahmen." Mit Humor antwortete damals Gabriel R i e ß e r , der verdiente Hamburger Advocat, in einer Denkschrift (s. Ges. Schriften U., 665 f.): „Diese Bemerkung erinnerte mich an einen der ergötzlichsten Eindrücke, den die Aeußerung jenes stupiden Borurtheils, dem kein Vorwand zu dumm und keiner zu schlecht ist, und der sich in ungestörtenl Behagen zwischen den grellsten Widersprüchen bewegt, je auf mich gemacht hat. Als im Jahre 1831 zwei bekannte Schriftsteller von jüdischer Abkunft als die talentvollsten Vertheidiger der Ideen der Revolution anftraten, da hat es auch nicht ein Einziger von den Gegnern, die sich im Interesse des Bestehenden gegen Me Beiden erhoben, unterlaßen, ihre revolutionäre Tendenz, das Ungeschichtliche, das Zerrissene, und wie die beliebten Redensarten sonst lauten — in ihren Bestrebungen dem Judenthume zuzuschreiben und den Juden als solchen eine ultraliberale Gesinnung Schuld zu geben. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde ich auf einen Aufsatz in dein in Würzbnrg erscheinenden Bolksblatte aufmerksam gemacht, in welchem die Juden sammt und sonders des schmählichsten Servilismus gegen die Negierungen beschuldigt und mit der Rache des Volkes am Tage der Freiheit bedroht wurden. Ein anderer Journalist, der Herausgeber des „Kasseler Verfassungsfreundes" wollte die Sache — ich glaube, es war in einer Recension über Börnes Briefe — recht gescheidt machen und warf den Juden vor, sie seien entweder servil oder ultraliberal, das rechte Maß der Freiheit könnten sie nicht halten. Nicht lange darauf las ich in einem Kasseler Correspondenzartikel in der Stuttgarter „Allgemeinen Zeitung", der aus einer ultraliberalen Feder geflossen war, die Juden seien in Maffe dem ]ustemilieu zugethan. Wir sehen hier den ganzen Kreis der politischen Gesinnungen in abwechselnden Vorwürfen erschöpft." Ue-er den Wucher in Italien bringt der Mailänder „Corriere della Sera" einen interessanten Artikel: „Je weiter man nach dem Süden kommt, um so höhere