Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 658 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 36 öffentliche Gewissen wäre befreit von den folternden Gedanken, daß ein Unschuldiger unter der versengenden Gluth der Tropensonne dahinschmachtet, daß ein Unschuldiger eine Todesstrafe erduldet, die sich von jeder anderen Hinrichtungsart nur durch den langsamen und darum um so grausameren Vollzug unterscheidet. Aber Dreyfus ist ein Jude, und da verlieren die Gebote der Menschlichkeit, das Gesetz und das Recht ihre Wirkung, und laut wird es verkündet, das Ministerium sei im Vorhinein von der Schuld des Dreyfus überzeugt, als wäre es nicht das attereinfachste Erforderniß der Gerechtigkeit, daß man unbefangen und ohne Voreingenommenheit an die Sache herantrete, die man zur Entscheidung bringen muß. Da wurde seit Jahren das Schlagwort von der res judicata Allen entgegengerufen, die für die Erforschung der Wahrheit ihre Stimme erhoben. Und doch ist viel wichtiger der Respect vor dem zu fällenden Urtheil und von desien Unabhängigkeit, der Respect vor der res jndicanda als vor der res judicata. * * Antisemitische Erbärmlichkeit und Verlogenheit ist überall dieselbe, an der Seine, wie an der Donau. An leitender Stelle besprechen wir die neueste sensationelle Wendung in der Affaire Dreyfus, und an leitender Stelle dieses Blattes ergreift heute auch ein Arzt das Wort, um in einfacher und darum um so wirkungsvollerer Darstellung die Lage der jüdischen Aerzte in Oesterreich und in Wien zu schildern. Dieser Artikel ist von unmittelbarster und brennendster Actualität. Das Märchen vom Ritualmord tritt nämlich in neuer moderner Gewandung auf. Da es heutzutage nur mehr den allerdümmsten Menschen eingeredet werden kann, daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut gebrauchen, hat die antisemitische Schandpresie eine neue Methode ersonnen, um den leichtgläubigen Theil der Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen. Sie verdächtigen nämlich die Spitäler überhaupt, weil in denselben auch jüdische Aerzte thätig sind, und erheben gegen jüdische Aerzte die infamirende Beschuldigung, daß sie Patienten absichtlich vergiften. Da läßt sich das „Deutsche Volksblatt" von einem, wiees sich ausdrückt, „gutmüthig aussehenden" Schustergesellen erzählen, ein jüdischer Assistenzarzt im Rudolfsspital habe ihm eine Jnjectivn verabreicht, um ihm „das Gift einer schrecklichen Lustseuche" einzuimpfen. Bei solchem Dingen hört sich die Prüderie auf, und wir müssen unsere Leser um Entschuldigung bitten, wenn wir das Ding beim rechten Namen neunen. Das „Deutsche Volksblatt" also behauptet, Dr. Groß habe dem Schuhmachergehilfen Josef K n a u s absichtlich, zu experimentellen Zwecken, im Spital Syphilis eingeimpft und habe dann freudig gelacht, als die Krankheit innerhalb der veranschlagten Zeit zum Ausbruch kam. Die Lügenhaftigkeit dieser infamen Anschuldigung war schon nach dem Berichte des „Deutschen Volksblattes" selbst, und der Zweck, einem jüdischen Arzte die Ehre abzuschneiden, offenkundig. Kein ernster Mensch brauchte erst die nachträglich eingetroffene Berichtigung abzuwarten, um zu erkennen, daß die Beschuldigung erlogen sei, und daß das Berganiblatt die offenkundigen Lügen jenes Schuhmachergehilfen im Bewußtsein der Unwahrheit der Thatsachen zur antisemitischen Hetze ausgebeutet hat, welche es noch durch die Ausschmückung zu verstärken suchte, Dr. Groß habe dem Schustergesellen auch „sieben Eprouvetten Blut abgezapft!" Die amtliche Berichtigung, in welcher die Direction des Rudolfs-Spitals sich eine gewisse Reserve auserlegte, um das ärztliche Geheimniß nicht preiszugeben, hinderte das „Deutsche Volksblatt" und den mit einer „Gonorrhoe" behafteten Schuster, zu dessen Organ es sich machte, nicht daran, den Hergang neuerlich im Sinne der Verleumdung zu erörtern. Und da gestatten wir uns die Anfrage, die kürzlich bei einem anderen Anlässe aufgeworfen wurde, nämlich die Frage: Wo bleibt der Staatsanwalt? Entweder ist die Geschichte, die der Schustergeselle und das „Deutsche Volksblatt", welches sich seiner als eines willkommenen Fanges bemächtigt, hatte, wahr oder nicht. Im ersteren Falle hätte Dr. Groß das Verbrechen der schweren körperlichen Beschädigung begangen und müßte augenblicklich verhaftet werden. Im anderen Falle aber haben die antisemitischen Verleumder nicht etwa blos eine Amtsehrenbeleidigung begangen, sondern sich der Verbrettung beunruhigender, falscher Gerüchte schuldig gemacht, weil es die Bevölkerung geradezu alarmiren muß, wenn sie erfährt, daß Personen, welche die öffentlichen Spitäler aufsuchen, um daselbst Heilung zu finden, der Gefahr preisgegeben sind, daß ihnen Syphilis oder irgend eine andere Krankheit eingeimpft wird, hinsichtlich deren es einem „jüdischen" Arzte gerade beliebt, einen Menschen als Versuchskaninchen zu behandeln. Wir begreifen es nicht, wie die Oeffentlichkeit, wie die Behörden, wie der ärztliche Stand einen so unerhörten Fall gleichgiltig hinnehmen können. Warum tritt der Ausschuß der Aerztekammer nicht sofort zusammen, um den Sachverhalt zu erforschen, warum fordern die Directoren der Spitäler nicht augenblicklich die umständliche amtliche Constatirung des Sachverhaltes? Ist die Ehre des ärztlichen Standes vogelsrei und ist der Ruf der Wiener Spitäler und der Wiener medicinischen Schule der Verdächtigung schutzlos preisgegeben, wenn der verdächtigte Arzt ein Jude ist? Das ist die neueste Species des Märchens vom Ritualmvrd, der klinische Ritualmord. Wir möchten wissen, ob es in Wien gestattet ist, die Krankenhäuser als Stätte für verbrecherische Experimente zu schildern, oder ob eventuell, wie es in einem früheren Falle geschah, die Wirksamkeit der Aerzte vom Disciplinarrathe des „Deutschen Volksblattes" ihre maßgebende Beurtheilung erfährt. Ein unbescholtener Arzt wird bezichtigt, einen gesunden Menschen absichtlich und muthwillig syphilitisch gemacht zu haben. Das ist etwas so Unerhörtes, etwas so Schreckliches, daß entweder der Arzt in's Zuchthaus gehört, der das gethan, oder der Mensch, der das erdichtet hat, inclusive seines publicistischen Interpreten, jenes von der Verleumdung der Juden lebenden Ernst V e r g a n i, der das Zuchthaus ohnehin schon mit dem Aermel gestreift hat. R o b e r t W o l f. Der Sultan und der Ziomstericongreß. Der Präsident des- Zionistencongresses, Herr Dr. Theodor Herzl, hat von Basel aus dem Sultan zum Jahrestage seiner Thronbesteigung gratulirt und von dem Ober-Ceremonienmeister Munir Pascha aus Mldiz-Kiosk telegraphisch eine dankende Antwort erhalten. Gleichzeitg meldet eine Depesche des „Wiener Tagblatt" vom 29. August aus Constantinopel: Nachrichten aus Beirut besagen, daß Einheimische und Fremde wieder aus der Rothschild'schen Colonie im Hauran ausgewies e n und selbst gezwungen werden, ihre Ländereien aufzugeben. Der Bali gibt an, auf höheren Befehl zu handeln. Das Judenthum auf der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. In der letzten Woche des vorigen Monats fand in Krefeld die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands statt, von der in diesen Blättern zu reden wir schon deshalb das Recht haben, weil auch katholische Zeitungen über den Zionistencongreß in Basel berichten. Aber wir haben um so mehr Veranlassung, uns mit dieser Generalversammlung zu beschäftigen, als auf ihr auch von den Juden viel die Rede war. Es ist merkwürdig, daß die Katholiken, das heißt nur die agitirenden und Politisirenden, selbst wenn sie unter sich sind, sich stets gern mit den Juden beschäftigen, den Juden gern etwas anhängen. So wurde auch auf dieser Generalversammlung der Antrag, die nächste Versammlung in Breslau zu halten, abgelehnt, weil dort „das Judenthum übermächtig sei". m Von irgend welchem Vorherrschen der Juden in der Hauptstadt Schlesiens hat man bis jetzt nichts gehört und der Fürstbischof von Breslau hat jedenfalls ein viel größeres Einkommen und viel größeren Einfluß, als sämmtliche Rabbiner Schlesiens. Aber es ist die bekannte Manier der Antisemiten, wo sie nicht herrschen und unterdrücken können, über Judenmacht und Judenherrschaft zu klagen. Noch mehr wurde aber in Krefeld über das Abnehmen des Peterspfennigs und die „äußerst precäre finanzielle Lage des Papstes, die für die ganze katholische Kirche verhängnißvoll werden kann", geklagt. — Stets wird doch gepredigt und von allen Katholiken geglaubt, daß die Kirche auf dem Worte Gottes beruht, und nun sollen ihr die fehlenden klingenden Gründe verhängnißvoll werden! So sagt wenigstens Weihbischof Doctor Schmitz von Cöln. Er fügte noch hinzu: „Gott sei es geklagt, kein Land der Welt spendet jetzt so wenig zum Peterspfennig, wie das katholische Oesterreich!" Wie, haben wir nicht so oft in antisemitischen Versammlungen selbst von hervorragenden Parteiführern das Erstarken des christlichen Geistes in Oesterreich rühmen gehört? Haben nicht die „Christen" Wiens Siegesfeste gefeiert? Geberdet sich nicht Dr. Lueger, als wäre er der Retter des Christenthums in