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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 Vr. Vloch's Wochrnfchrifl Seite 8S7 Socialisten, auf den der ganze französische Preßabhub die höchsten Auszeichnungen herabwünschte, nachdem er, der Held im Zola- Proceß, einen Meineid geleistet hatte — der schwere Fall jenes Fackelträgers der Boisdeffre, Pellieux, Gonse und Anderer, er hat eine große Anzahl der früheren Dreyfus-Feinde mitgerissen. Diese aber sind wie das behende Geschlecht der Katzen. Alle, vorgebildet in den Jesuiten-Schulen, haben sie eine wesentliche Beweglichkeit und Geschicklichkeit sich angeeignet. Sie fallen stets auf die Füße und stehen schon heute mit allen beiden, und zum Theil ganz breitbeinig, auf - dem Boden der Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit, auf dem Boden der Revision. Sie sind unbezahlbar, diese Leute! Wenn man sie hörte, sollte man glauben, sie, und nicht die Scheurer-Kestner, Zola, Reinach, Grimaux, Duclaux, Giry, Ives Guyot, und vor allen Anderen Clemenceau. hätten die Campagne zu Gunsten eines Unschuldigen geführt, der nunmehr hoffentlich die längste Zeit auf der Teufelsinsel wird zugebracht haben. Der größte Theil aller theils direct bezahlten oder von Racenrespective Religionshaß verleiteten Organe kann kaum noch begreifen, wie es möglich war, daß sich Leute fanden, die Urkunden fälschten, während doch sie selbst jeden Tag und jede Stunde die öffentliche Meinung fälschten und in noch viel gemeinerer, weil weniger verantwortungsvoller Weise, als der Oberst Henry. Alle diese Herren befinden sich außerhalb des generalstäblichen Dunstkreises, in dem sie nichts mehr zu suchen haben, weil dort auch nicht mehr ein lumpiger Franc zu finden ist. Die Hand, die zahlte, ist auf immer geschloffen, und diejenigen, welche die Summen anwiesen, ziehen sich immer mehr aus dem Geschäfte zurück, das der Baarmittel zu benöthigen beginnt. Man fängt an, die Caffen zu schließen, und man kann Niemandem verdenken, daß er sich von einem Hause fernhält, welches seinen Verpflichtungen nicht nachkommt. Der Procurist hat sich in Folge einer irgendwie eingegangenen falschen Urkunde die Kehle abgeschnitten, und der Chef hat daher erklärt, er habe alles Vertrauen verloren. General de Boisdeffre, eine Creatur der Jesuiten, das Lieblingsbeichtkind des Paters Dulac, hat seinen Abschied genommen und seine Carriere als Generalstabschef abgeschlossen, da der Boulangertraum gerade im schönsten Moment zu Ende gegangen war. Der Mann, der geschworen hat, daß zu seinen Lebzeiten kein Jude in den Generalstab kommen werde, hat unter der Herrschaft seines Beichtvaters und seiner eigenen Beschränktheit die Bureaux zu den Otternnestern werden lassen, in die all die muthigen Vorkämpfer der Wahrheit ihre Blitze schleuderten. Diese haben endlich eingeschlagen, und es scheint nicht mehr recht geheuer zu sein im Baue. Die Reptilien und ihre Wärter sind gleicherweise erschreckt. Diese laufen davon und schreien demüthig: nostra culpa, und jene kriechen heraus, selbst auf die Geiahr hin, daß ihnen der Schädel eingeschlageu wird oder daß sie sich selbst den Kopf vom Rumpfe trennen müssen. — Mehr als je steht es fest, daß die Dreyfus-Affaire eine jener ungeheuren clericalen Machinationen ist, von denen die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit zu berichten hat. An den Personen, die in ihr thätig waren, erkennt man die, welche die Fäden in der Hand hielten, und man wird nicht eher ruhen, als bis man sie ihnen aus der Hand gerissen hat. Die ganz unerhörte Haltung der clericalen Presse und jener Literaten, die in dem den Bankerott der Wissenschaft ankündigenden Herrn Brunetiere ihr Oberhaupt sahen, hat zur Genüge gezeigt, was die Leute wollten, die Dreyfus zu verderben suchten. Die Revision des Dreyfus-Proceffes und die Befreiung des Märtyrers von der Teufelsinsel ist schon lange nicht mehr ein Rechtsact, sondern ein politischer geworden. Diejenigen, die sich aller Billigkeit, allen Beweisen, aller Logik verschlossen, die wider besseres Wissen zu höherer Ehre ihres inquisitorischen Wahnsinns einen Unschuldigen wissentlich dem Tode weihen wollten, sie werden, so scheint es, sehr seltsame Ueberraschungen erleben. Man wird ihnen ihre Sünden wie moralische Ruthenschläge aufzählen, und man wird sehen, wie ihnen die Procedur bekommt, die sie verdient haben. Ein ungeheures Verbrechen an der ewigen Gerechtigkeit, an der Menschheit, an der Ehre des französischen Volkes, aber auch an den Judenthum ist geschehen. Die Sonne bringt es endlich an den Tag. Die antisemitische Reaction hat in Frankreich eine Niederlage erlitten, welche auf ganz Europa fortwirken muß. Wieder hat es sich gezeigt, daß das Schicksal des jüdischen Volkes untrennbar verbunden ist mit dem Fortschritte der menschlichen Civilisation, mit den erhabene»: Ideen der Freiheit und des Rechtes, und daß, wo die Feinde der Gerechtigkeit und des Fortschrittes diese an ihre Wurzel treffen wollen, sie ihre vergifteten Pfeile vor Allem gegen das Judenthum richten müffen. Nicht um das Los des Einzelnen handelt es sich hier. Wir beugen uns in Rührung und Ehrfurcht vor dem Märtyrer auf der Teufelsinsel, aber der Leidensweg, den das Judeuthum feit zwei Jahrtausende» zurückgelegt hat, ist ein einziges großes Martyrium, ein Opfergang für die gesammte Menschheit. Trotz aller Leiden aber werden wir fortschreiten auf dem Pfade, den uns Gott gewiesen, denn noch immer zieht die Feuersäule des Ewigen vor uns einher, die uns leuchtet durch die Nacht der Völker und als strafender Blitz herniederfährt auf unsere Feinde. Vom Jahrmarkt des Leben«. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Der Eingemauerte und das Meer. — Das Symbol der Hoffnung. — Der erste Sonnenstrahl. — Der klinische Ritualmord.) Auf einem weltentlegenen Felsen in der Meeresöde schmachtet seit länger als drei Jahren der Unglückliche, von welchem der französische Ackerbauminister nunmehr sagt, daß seine Verurtheilung der schändlichste Justizmord des Jahrhunderts war. Welche Seelenqual er erduldet, wie er in Gram und Verzweiflung die Stunden und die Tage verbrütet, der Gattin gedenkend, deren Thränen wohl unversiegbar sind, und der geliebten Kinder, denen er schuldlos einen schmachbedeckten Na»nen überliefert, wer vermöchte das auszudenken, wer vermöchte sich des tiefsten Mitleids zu entschlagen mit diesem Opfer menschlichen Jrrthums und menschlicher Niedertracht! Daß er Hinausblicken durfte auf das unendliche Meer, auch das rvard ihm von seinen Peinigern nicht gegönnt, und um die Hütte, die den Gefangenen beherbergt, wurde eine Mauer aufgeführt, die ihm den Ausblick auf die Fluthen raubte. Ward jemals eilt Verbrecher so furchtbar gestraft wie der Gefangene von der Teufelsinsel? Als hätten sie es darauf abgesehen, ihn dem Wahnsinn auszuliefern, mauerten sie ihn förmlich ein, und man weiß wirklich nicht, ob es teuflischer Hohn, eine nichtssagende salbungsvolle Phrase oder geheucheltes Mitgefühl ist, wenn der Colonienminister Trouillott sich äußert, die Mauer sei so niedrig, daß Dreyfus darauf fitzen könne, und sie gestatte ihm den Ausblick auf den Horizont, dieses Symbol der Hoffnung. Es gehörte fürwahr übermenschliche Kraft und der unerschütterliche Glaube an eine gerechte Vorsehung und an den endlichen Sieg der Wahrheit dazu, das Stück Himmel, auf welches er innerhalb dieser angeblich so niedrigen Mauer sehen dürfte, als ein Symbol der Hoffnung zu betrachten. Daheim aber grämte sich die arme Dulderin ab, der das Urtheil einer ganzen Welt den Glauben an den Gatten und die Liebe zu ihm nicht schmälern konnte, die heldenhafte Frau welche tiefe Trauer trug um den lebendig begrabenen Gemal und welche mit ihren schwachen Händen immer von Neuem versuchte, die Erdschollen von der Gruft wegzuscharren, unter denen die Freiheit und die Ehre des Gatten für ewig begraben schien. Und nun bricht endlich unaufhaltsam der Quell der Wahrheit hervor, und das Wiedererwachen der Hoffnung ist für diese bewunderns- und bemitleidenswerthe Frau »der erste Sonnenstrahl* seit vier Jahren. Wird wieder der Tag erscheinen, an welchem diese Frau, die Witwe eines Lebendigtodten, die Trauerkleider ablegen wird, der Tag an welchem sie den Gatten, die Kinder ihren Vater wieder erlangen? Daß der Horizont sich wirklich als ein Symbol der Hoffnung bewähren möge — welcher fühlende Mensch müßte dies nicht wünschen, nachdem so viele vermeintliche Beweise sich als Fälschungen, so viele Schuldzeugen sich als falsch erwiesen. Allein Dreyfus ist ein Jude und weil er ein Jude ist, darum sind die Schurken aller Länder einig in dem Wunsche, daß es ihm auch jetzt nicht gelingen möge, seine Unschuld zu erweise»» oder, mehr sollte man eigentlich nicht verlangen dürfen, die Ueberzeugung von seiner Schuld zu erschüttern. Das wäre doch der versöhnende Abschluß einer ergreifenden Tragödie, in welcher es der Trauer und der Opfer wahrlich genug gegeben. Das

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