Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 656 Vr. Vloch's Wochrnschrist Nr. 36 Ja es ist soweit gekommen, daß die halb staatliche Wiener Bezirkskran kencasse, der tausende Juden als Mitglieder angehöreu müssen, keinen jüdischen Arzt mehr austellt. Und zwar lhat dies der Vorstand, dessen Präsident zwar nicht damit einverstanden war, auf die Weise, daß man beschloß, bei Besetzung der'Stellen den „W ienerAerzteverein" zu befragen. Nun ist dieser Verein ein ausschließlich antisemitischer Verein, der mit allen möglichen Mitteln die Wahl der jüdischen Aerzte in die Aerztekammer Hintertreiben wollte und sich bei der Agitation Mittel bediente, wie die Barriörestockabtheilung der Partei von der Couleur Bielohlawek und Gregorig. Auf diese Weise wird kein Jude mehr bei der Bezirkskrankencasse angestellt. Die Krankencasse des kaufmännischen Gremiums hat unter Axmann's Leitung keinen einzigen jüdischen Arzt neu angestellt, sondern ausschließlich Arier, von denen viele als anüsemitische Agitatoren bekannt sind. Und das, obgleich tausende Juden der Casse als Mitglieder augehören. Ebenso benehmen sich die Krankeucassen, bei denen Herr Meister Stampiglius^das große Wort führt: Kellner, Selcher, Mechaniker rc. rc. Es ist soweit gekommen, daß Eisenbahnen, uud insbesondere Assecuranzen, deren Aktionäre. und bei letzteren die Beamten fast durchaus Juden sind, jüdische Aerzte nicht acceptiren. Es gibt zur Zeit in Wien nur einen einzigen jüdischen Primararzt. An einer Klinik Operateurzögling zu werden, ist beinahe unmöglich, als Assistent an einer Klinik völlig unmöglich. Ja es gibt Krankenhäuser, in welchen Juden nicht einmal als Aspiranten oder Seeundarärzte Unterkommen, da sie von ihren arischen Collegen, falls sie eintreten, in kurzer Zeit „hinausgeekelt" werden. Aus allen! diesem folgt, daß der jüdische Arzt in Wien und in der Provinz auf den Ertrag der sogenannten Privatpraxis angewiesen ist. Uud diese ist ihm durch zwei Factoren eingeengt, erstens durch den Antisemitismus und ferner durch seine eigenen Glaubensgenossen, die den arischen Arzt vorziehen und ihn zum Arzte chres Vertrauens machen, obgleich Viele von diesen als fanatisch antisemitische Agitatoren bekannt sind. Es ist traurig, aber wahr, daß es möglich ist, daß ein Antisemit rüdester Couleur, der von den Juden nur in den verächtlichsten Ausdrücken spricht, selbst seine jüdischen College» in unzartester Weise beschimpft, seine reiche Clientel fast ausschließlich in den reichen jüdischen Familien findet, ebenso wie jener getaufte Arzt, der stolz sein päpstliches Gregorkreuz trägt und das „Deutsche Volksblatt", im Wagen fahrend, offen aufgeschlagen hat, das ent'aut elieii in den Boudoirs der vornehmsten jüdischen Damen ist! Die jüdischen Aerzte sind in den meisten Fällen aus diesen Salons ausgeschlossen und müssen in den Kreisen der „wiseru plebs" sich chr Brot suchen. Und in welcher Weise wird gegen die jüdischen Aerzte agitirt, falls sie sich durch Tüchtigkeit trotzdem eine Praxis erworben haben! In tausenden von Exemplaren cursireu „Verzeichnisse christlicher Aerzte" in Wien, an die man sich wenden wolle. Es hat sich in den besser situirten jüdischen Familien der Usus heransgebildet, daß man den jüdischen praktischen Arzt, wenn man chn überhaupt consultirt, nur als Auskunftsbureau benützt zu dem Zwecke, welchen Professor mau consultiren solle. Diese sind mit wenigen Ausnahmen antisemitisch, und betrachten trotz der fürstlichen Honorare, die sie erhalten, doch nur die Juden als inferior. Vor kurzer Zeit s'tarb in Wien ein Arzt, der über zwanzig Jahre Privatdocent geblieben war, obgleich er, wie selbst seine Gegner zugeben mußten, durch seine verblüffende Diagnostik die beinahe an Divination grenzte, der beste Internist in Wien war. Er starb als Docent, man versagte ihm den Titel Professor, der den Staat ja keinen Kreuzer kostet, weil er Jude war, obgleich er mehr wissenschaftliche Arbeiten geliefert hatte, wie mancher Hofrath und Professor. An der Universität ist ein Docent, der diesen Titel seit fast zwanzig Jahren führt, dessen wissenschaftliche Leistungen in einem Specialfache förmlich bahnbrechend waren, der Curse abhält, zu. denen Aerzte aus aller Herren Ländern fommett, dessen Schüler Leute mit Ruhm an den diversesten Kliniken Deutschlands und Oesterreichs wirken, er bekommt als Jude den Titel eines Professors nicht. Der jüdische Arzt ist der Proletarisirung verfallen! Auf dem Lande wegen seiner Confession unmöglich wie' in der Residenz, ausgeschlossen von allen öffentlichen Stellen, angefeindet von den Antisemiten, nicht unterstützt von den. Glaubensgenossen, führt die Majorität der jüdischen Aerzte einen verzweifelten Kampf u m's Dasein! Die Aerztekammer hat amtlich erhoben, daß eine Anzahl von Aerzten nicht im Stande war, den geringen Jahresbeitrag für dieselbe zu zahlen und mußte dieselben von der Zahlung befreien, und es ist in Aerztekreisen kein öffentliches Geheimniß mehr, daß die Gattinnen und Kinder von jüdischen Aerzten selbst durch Ertheilen von Lcctionen und auf andere Weise zum Lebensunterhalte der Familie ihren Theil beitragen müssen. Ja es sind Fälle bekannt, daß Kinder von jüdischen Aerzten zur Winterszeit mit Kleidern betheilt werden mußten. Nach langwierigem mühevollen, eventuell unter Entbehrungen vollendetem Studium sieht der jüdische Arzt sich vor die Alternative gestellt, einen anderen Beruf zu ergreifen oder seiner Religion abtrünnig zu werden. Vor dem Machtworte des Hungers und der Noth verstummt die Ethik, und der jammervolle Ausblick in die trübe Zukunft seiner Person und seiner Familie wirkt stärker wie der Gedanke an die.Zusammengehörigkeit. mit, Glaubensgenossen, die ihn in falschem Stolze ignoriren! Noch liegt es in den Händen der jüdischen Mitbürger, Männer von Intelligenz und Bildung, Vorkämpfer für Freiheit und Recht, die durch die geschilderten Umstände dem Ruine zugetrieben werden, dem Judenthum zu erhalten! Möge die jüdische Bürgerschaft sich dieser Pflicht bewußt sein, so lauge es noch Zeit ist! M e d i c u s. §>er Zusammenbruch Ser antisemttischxn Vesrtion in Frankreich. In athemloser Spannung folgt die Welt den Nachrichten aus Frankreich. Was sich dort vollzieht vor den Augen der Welt, erinnert an die Erzählungen ans der alten Geschichte Jsrael's. Ja, der alte Gott lebt noch und seine Vorsehung wacht über dem Volke, das er auserwählt hat, der Menschheit auf den steilen Pfade des Rechtes und der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Humanität voranzuschreiren. Wie ein rächender Blitz durchfuhr plötzlich die Welt die erschütternde Kunde» daß der Chef des Jnformationsbureaus des Generalstabes von deurselben Kciegsminister Cavaignac, der bisher seine schützende Hand über alle Ungesetzlichkeiten gegen den „Juden" Dreyfus gebreitet hat, sich als der Fälscher jener Documente bekannt habe, die Cavaignac in der Kammer verlesen und denen er vernichtende Beweiskraft zugeschrieben habe. Noch am selben Tage büßte Oberst Henry sein Verbrechen durch den freiwilligen Tod. Am folgenden Tage gab der Chef des Generalstabes, zwei Tage darauf der Kriegsminister selbst seine Demission, und heute braust durch ganz Frankreich, wie der Schall der Posaunen am Tage des Gerichtes, dem wir Juden eben entgegengehen, der mächtige Ruf, den Leiden eines Unschuldigen ein Ende zu machen und die Revision des Procesies Dreyfus einzuleiten. Der schwere und tiefe Fall jenes Officiers, der als der Vertreter aller möglichen und besonders des militärischen Ehrbegriffes galt, auf den die ganze Brüderschaftbande der Patriotarden, Clericalen, Imperialisten, Antisemiten und falschen