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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Vr. Bloch's Wochenschrift Sette 655 müthige Spenden, worunter einzelne erheblich in's Gewicht fielen, durch energische Thätigkeit der Allianz und Intervention derselben an Ort und Stelle, gelang es thatsächlich, die erschreckenden Folgen antisemitischer Raubzüge thmllichst zu mildern. Aber diese Milderung kam spät, in einzelnen Fällen vielleicht zu spät. Naturgemäß vergingen bei Sammlungen Wochen, bis die Allianz einen halbwegs entsprechenden Betrag zur Verfügung hatte, und wohl nirgends mehr als bei Stützung gefährdeter Existenzen gilt das Wort: doppelt gibt, wer gleich gibt. Die von den Antisemiten leider in gewohnt unwahrer Weise als so reich geschilderte Allianz laborirt schonseit Jahren an Deficiten, und ist thatsächlich nicht in der Lage, bei Vorkommnissen, wie die galizischen, tief in den eigenen Säckel zu greifen. Abgesehen von der peinlichen Lage, immer wi der an dieselbe engbegrcnzte Schichte edelmüthiger und leistungsfähiger Personen herantreten zu müssen wird eine eventuell rasch nöthige Action durch den enormen Verlust an Zeit gehemmt, wenn nicht lahm gelegt. Die regelmäßigen Jahreseinnahmen des Vereines sind eben viel zu gering, die Anzahl der Mitglieder steht mit der Zahl der Glaubensgenossen in Oesterreich-Ungarn in gar keinem Verhältnisse. Während die „Alliance israelite" in Paris 35.000 Mitglieder zählt, hat die Wiener Allianz bei der großen Anzahl von Juden in der Monarchie rund dreitausend. In heutigen Zeitläufen ist es gewiß nicht unmöglich, daß wieder ähnliche Arbeiten, wie die vorher scizzirteu, geleistet werden müssen, aber auch füralle Zukunft sollte — soweit dies möglich — vorgesorgt werden. Darn m t h u t rasche und ausgibigeHilfe noth, die in demmasseuhaftenBeitrittezurAllianz liegen würde Drei Gulden sind statutenmäßig der Mindestbeitrag im Jahre, ein Betrag, der ja nur zu leicht für eine Tarockpartie, einen Theatersitz, einen vergnügten Abend verausgabt wird. Wem aber auch dieser Betrag zu hoch erscheint, verpflichte sich, einen kleineren jährlich dem Dienste der Gerechtigkeit, des jüdischen Solidaritütsbewußtseins, der Bruderliebe zu opferrr, wem: das Statut auch drei Gulden von einem vollberechtigten Mitgliede verlangt und die Vereinssatzungen unter heutigen Verhältnissen nicht so leicht zu ändern sind. Eine einfache Anmeldung mittel st Correspondenzkarte an die „Israelitische Allianz, Wien, I., Weihbnrggasse 10" genügt, damit alles Nöthige veranlaßt werde. Es sollte Ehrensache jedes Juden in unserem Vaterlande sein, diesem Vereine beizutreten! Die Allianz hat ja eine rein jüdisch-humanitäre Tendenz und umfaßt Orthodoxe, Reformfreunde, Strenggläubige und Rationalisten, Zionisten und Anti-Zionisten, Israeliten der verschiedensten politischen Anschauungen in gleicher Liebe, in gleichem Zielbewußtsein. Der Schofar ist ein unscheinbares, künstlerischen Anforderungen gewiß nicht entsprechendes Instrument, und doch wirkt sein einfacher Ton auf Millionen unserer Glaubensgenossen ermannend, erschütternd, erhebend. Mögen auch diese schlichten und kunstlosen Worte, dem „großen Schofar der Befreiung" ähnlich, tausende unserer Brüder versammeln, um einem Vereine opferfreudig beizutreten, der bessere Zeiten vorbereiten will, dem Judeuthum zur Ehre, der Cnltur und Menschenliebe zum Siege! Möge uns das neue Jahr die Morgenröthe dieser helleren Tage bringen! Das walte Gott! Die jüdischen Arrzte in Wien und Oesterreich. Eine sociale Studie. Der Antisemitismus in Oesterreich hat die jüdische Bürgerschaft schwer und tief getroffen und ihr schwere Wunden geschlagen, viele zugrunde gegangene Existenzen haben ihre Ursache in dem „Schandfleck des neunzehnten Jahrhunderts". Wunden wurden geschlagen, die Jahre zur Heilung brauchen werden, falls sie überhaupt geheilt werden können. Kein Stand hat aber mehr gelitten, als der ärztliche Stand. Wenn es auch eine heikle Sache ist, solche Wunden bei einem wegen seiner Gelehrsamkeit und Humänität angesehenen Stande zu berühren, so wäre es andererseits nicht klug, schonend die Gründe einer die Gesammtheit des Judenthnms tief berührenden Misere, den theilnamsvollen Herzen der Glaubensgenossen zu verheimlichen. Gehen wir gleich in meäias ivs! Der jüdsche Aerztestand i st der P r o l e t a r i s i r u u g nahe! Eine öffentliche Stelle ist dem jüdisch en Arzt völlig verschlossen. Mag er noch so tüchtig sein, mag er seine Prüfungen mit bestem Erfolge abgelegt haben, sich in allen Gebieten der Wissenschaft auf das gründlichste ausgebildet haben, die Möglichkeit, als Beamter der 1l. oder 10. Rangsclasse, Sanitätsconcipist oder Bezirksarzt zu fungiren, ist eine Utopie! Und dies ist nicht nur in Niederösterreich, sondern fast in allen Kronländern Oesterreichs! Man kann sich denken, daß die privaten Corporationen dem Staate in diesem Vorgehen nacheiferu! D i e Stadt Wien stellt selbstverständlich keinen jüdischen Arzt au, mag er noch eine so gute Qualification besitzen. Es ist bekannt, welcher Nepotismus unter dem antisemitischen Regime bei der Besetzung der Lehrstellen herrschte, als Herr P u r s ch t das Referat hatte. Trotz alledem konnte es wegen des staatlichen Oberaufsichtsrechtes nicht Vorkommen, daß ein Petent ernannt wurde, der nicht die Qualification besessen hätte. Es stand Herrn P u r s ch t frei, irgend einem jungen antisemitischen Heißsporn mit fünf Dienstjahren eine Stelle mit Präterirung ergrauter Collegen zu verleihen, aber der Ernannte mußte die Lehrbefähigungsprüsung haben. Wie parteiisch aber bei Besetzung ärztlicher Stellen vorgegangen wurde, ist kraß und nur deshalb möglich, weil eine Oberaufsichtsbehörde nicht ihres Amtes waltete. Ein jüdischer College, der unter der Aera Friebeis und früher für eine elende Remuneration durch fast zwei Jahre den Gesammtdienst des städtischen Bezirksarztes versah, der sogar zur Zeit der Choleragefahr während einer mehrmonatlichen Vacanz in zwei Bezirken den aufreibenden Dienst allein versehe:: mußte, der eine über fünfjährige Spitalspraxis und die Physicatsprüfnng absolvirt hatte, wurde unter der Aera Lueger bei der Systemisirung präterirt, und dessen Stelle erhielt ein Verwandter eines großen Componisten, der in keiner Weise die gesetzlichen Anforderungen der Qualification besaß und der nicht einmal die zur Erlangung einer bleibenden Anstellung im Staatsdienste nothwendige Physicatsprüfnng abgelegt hatte. Ein noch krasserer Fall ist der, daß die Stelle eines städtischen Arztes für Armenbehandluug einem Arzte verliehen wurde, der keinen Tag Spitalspraxis Nachweisen konnte, obwohl im Concurse ausdrücklich eine zweijährige Praxis verlangt wurde. Die bestqualificirten jüdischen Bewerber werden abgewiesen, damit das Protectionskind Herrn Schneidens und Hauck's die Stelle erhalte, nur darum, damit der fanatische Antisemit und Agitator belohnt werde. Es ist förmlich schmachvoll, wie altgediente jüdische städtische Aerzte von ihren jungen arischen Collegen im Fluge überholt werden. Müssen doch jene dafür belohnt werden, daß sie seinerzeit im Comite der diversen „drei BükUermeisterfeste" fungirten!

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