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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 654 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 36 Stockschlägen behandelt, in den comfortablesten Kerkern verpflegt hat, gestattet man ihnen jetzt das Auswandern nach dem unter englischer Verwaltung stehenden Cypern. Da werden sie schon erfahren, was es heißt, nicht mehr unter väterlich russischer Regierung zu stehen! Sie hätten sich doch ein Beispiel an den Juden nehmen sollen, die so treu und patriotisch in der Armee dienen und von der dankbaren gütigen Regierung von jeder Last und Mühe des Osficiersstandes freigehalten werden. Und wenn sie ausgedient haben, kehren sie zu ihrem häuslichen Herd zurück, in jeder Beziehung den anderen Juden gleichgestellt, als ob sie gar nicht gedient hätten. Ja, als Rußland zur Befreiung seinerorthodoxen Glaubensgenossen und slavischen Brudervölker gegen die Türkei Krieg führte, gönnte man auch den Juden die Ehre, sich zu Krüppeln oder todt schießen zu lasten, obwohl sie weder Slaven noch Orthodoxen sind. Ueberhaupt erfreuen sich die Juden einer ganz besonderen Bevorzugung und Verhätschelung seitens der russischen Regierung. Die jungen Leute anderer Religionen und Nationalitäten müssen sich in Gymnasien und Universitäten mit fleißigem Studiren Plagen, den Judenjungen schafft die Regierung ein behagliches dolce far niente. Nur einem ganz kleineil Theil der jüdischen Jugend wird gestattet, auf harten Schulbänken seine Gesundheit zu ruiniren. Die andern können betteln oder hausiren gehen. Ja diese Schonung erstreckt sich sogar auf die vom jüdischem Gelbe unterhaltenen Schulen. Selbst auf die jüdischen Frauen erstreckt sich diese Sorgfalt der Regierung. Damit sie nur ilicht dem Familienleben entzogen, nicht im Umgang mit den Studenten verdorben werden, werden sie vor dem Besuch höherer Lehranstalten behütet, müssen christliche Mädchen sich mit Studien Plagen, Aerztiunen, Lehrerinnen u. s. w. werden, während den Jüdinnen der ehrenvollste Beruf für das allgemeine — Vergnügen zu sorgen freigelasten, ja manchmal vorgeschrieben wird. Wahrlich nur die verstocktesten jüdischen Revolutionäre und Nihilisten, nur judenliberale Zeitungen, die stets bereit sind, die russische Regierung zu verleumden, könne» diese väterliche Liebe als Bedrückung und Verfolgung darstellen. * * * Wenn ein Monarch spricht, wird er mit Höflichkeit und Devotion angehört, wenn er im Namen von Recht und Menschlichkeit seine Stimme erhebt, wird er von käuflichen und nicht käuflichen Federn bewundert und gepriesen; Journalisten, die bis jetzt für alle Bestrebungen der Friedensfreunde nur Spott und Hohn hatten, erklären jetzt die Idee der allgemeinen Abrüstung, ja sogar des ewigen Friedens, für gar nicht so absurd und unausführbar. Aber in Mitten des Chors der Bewunderer und Lobpreiser erheben sich auch einzelne Stimmen des Zweifels und des Mißtrauens. Solche Stimmen sind nicht laut geworden, als der Papst vor einiger Zeit einen ähnlichen Vorschlag niachte, denn bei ihm konnte man keine Nebenabsichten und Hintergedanken argwöhnen. Wie kommt aber der unumschränkteste Monarch, der Herr der größten Armeen der Erde, auf einmal dazu, den Frieden zu predigen, den Militarismus zu bekämpfen? Gewiß, auch Republiken führen manchmal Kriege, wir haben das eben am Beispiel Nordamerikas gesehen; aber ihrer eigensten Natur nach müssen sie friedliebend sein, denn alle Republiken, welche lange Kriege führten, sind schließlich Monarchien, die Beute eines siegreichen Generals geworden. Aus dem Kriege ist das Königthum entsprungen, aus dem Heerführer der Monarch geworden. Es hat wohl Republiken, aber keine Monarchien ohne Armee gegeben. Wenn man fast spottend sagte: della gerant alii, tu felix Austria nube, so beweist dies, daß man eine mehr durch Heiraten als durch Kriege groß gewordene Monarchie als Ausnahme betrachtete. Und nun gar Rußland, dieser durchaus aus Eroberungen entstandene, seit Jahrhunderten sich stets auf Kosten der Nachbarn vergrößernde Staat, mit seiner ganz auf den Krieg berechneten Staatsordnung, ein riesiges Heerlager, in dem selbst die Civilbeamten in die militärische Rangordnung eingereiht sind, wo noch vor wenigen Jahrzehnten jüdische Kinder ihren Eltern entrissen wurden, um zu Soldaten ausgebildet zu werden! Einst kam ein junger Mann zu König Salomo und fragte, was er thun solle, um von den Menschen geliebt zu werden. „Du sollst sie lieben!" antwortete der weise König. Ebenso könnte man dem Herrscher Rußlands antworten, wenn er auf einem Congresse über die Abrüstung berathen will: Du sollst abrüsten! Dann werden die Andern folgen. Kein Staat bedroht Rußland, es fällt Niemanden ein, Polen oder die Ostseeprovinzen oder Finnland erobern zu wollen. Noch hat Deutschland keine Vorstellung wegen Rustificirung von Curlnnd und Liefland, noch Schweden keine wegen Beeinträchtigung der Rechte der Finnländer gemacht, und es wird noch lange dauern, bis ein Gesandter des Judenstaats in Petersburg in einer Note, nach dem Muster der von Rußland an die Türkei gerichteten, eine gerechtere und menschlichere Behandlung der jüdischen Rüsten verlangen wird. Schlimmer und verderblicher als der äußere Krieg ist der innere, die gegenseitige Befehdung' und Beschimpfung der Nationalitäten und Confessionen innerhalb eines Staates, die Bevorzugung einer Nationalität oder Confession, die Bedrückung oder Zurücksetzung einer andern, die parteiische Auslegung und Handhabung der Gesetze durch die Beamten, sei es aus nationalen oder consestionellen Motiven, sei es aus Habsucht, das verderbliche Wirken von Pfaffen, die von der Kanzel den Haß predigen, von Lehrern, die ihn in der Schule den kindlichen Gemüthern einprägen. Kaiser Alexander II. hat durch die Befreiung der Bauern der Menschheit einen großen Dienst geleistet, aber er hat nicht Alles thun können, sein Nachfolger kann nicht wie Alexander der Große klagen, es bleibe ihm nichts zu thun übrig. Wozu doch in die Ferne schweifen. Für „Recht und Billigkeit", für Menschlichkeit gibt es auch innerhalb der Staaten viel zu thun, ja mitunter wäre schon das Unterlassen oder Aufheben schlechter Verfügungen und Beschränkungen eine Wohlthat. Und das gilt nicht blos für Rußland. M. Eine Anregung. Die „Jrael. Allianz zu Wien" hat nicht nur, ähnlich dem großen Brudervereine in Paris, an grotesker, von antisemitischer Seite planmäßig getriebener Ueb erschätzung, sie hat auch an ungerechtfertigter Unterschätzung bei unseren Glaubensgenossen in Oesterreich-Ungarn zu leiden. Was thut die Allianz? So hört man öfter fragen und diese Frage charakterisirt nicht so sehr die Allianz, als unsere reclamreiche Zeit, die gewohnt ist, mit Tam-Tam und Nebelhorn zu arbeiten, so daß es thatsächlich Leute genug gibt, denen eine geräuschlose, discrete, vom Streberthum und Personen-Cultus ferne, zielbewußte Thätigkeit ziemlich unverständlich bleibt. Wohl läßt sich nicht jede seitens der Allianz gegebene Anregung, geistige oder materielle Förderung, nicht jede Intervention derselben völlig der Oeffentlichkeit übergeben, doch ist ihre Thätigkeit großentheils derart, daß selbe klar und offen vor aller Augen liegt. So war der Verein in jüngster Zeit oft bemüßigt, zahlreickien Opfern eines fluchwürdigen Racenhaffes, einer staatsverbrecherischen Verhetzung hilfreich beizustehen. Den im Frühjahre 1897 anläßlich eines glorreichen antisemitischen Wahlsieges in Wien veranstalteten Pöbel-Excessen, die sich gegen jüdische Geschäftsinhaber in der Leopoldstadt wendeten und deren theilweise Gutmachung nur unerhebliche Mittel der Allianz in Anspruch nahmen, folgten die Wuthausbrüche des systematisch verhetzten Mobs in Prag. Hier mußte der Verein schon bei hilfebereiten Glaubensgenossen und Menschenfreunden den Weg der Sammlungen betreten, und gelang es ihm dadurch, den geplünderten Prager Juden mit einer. recht beträchtlichen Summe unter die Arme zu greifen. Doch waren die beiden genug betrübenden Begebenheiten nur Vorspiele jener furchtbaren Tragödie, die wir zur Schande unserer Rechtszustände im Laufe dieses Jahres in Westgalizien erlebten. Noch sind die Acten über diese Greuelthaten nicht geschlossen! Da war es nun Sache der israel. Allianz, den geplünderten Glaubensgenossen beizuspringeu, Existenzen zu erhalten, Thränen zu trocknen. Die Allianz war auf sich allein angewiesen, da sich andere zum Behufe von Sammlungen gebildete Comites von politischen, provinziellen, agitatorischen, mandatserhaltenden, kurz von allen möglichen und unmöglichen Standpunkten leiten ließen. Durch edel-

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