Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ü*x\ 36 Dr. Bloch’s Jahrgang XV, Centralorgan für die gesammtrn Interessen des Iudenthums. L. k. Poysparkallrn-Rmt Tlrartngderkrhr Nr. 610.976. Drdartton und ALministratton: »trn Vnirrr in. Telephon - Nr. 6535, * Wien, 9. September 1898. Erscheint jeden Freitag. - "H* ■> 1" - Brief-Adresse: Wien. L, Hauplpostamr — Zach. Telegramm Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien. X-. - - - H Biprgnvrri» für Srfirrrrich: Halbjähri- 4 ft. s Kr. Einzelexemplare r» kr. Lür'» Ausland: > halbjährig »ft. — IO Kr. »auzjährig 10 „ — »0 „ J Snzeig en: Die 4mal gespalten«!! Petilzeile 12 kr. \ * — ■■-^= - -=* Inhalt. Leitartikel: Der russische Oelzweig. — Eine Anregung. — Tie jüdischen Aerzte in Wien nnd Oesterreich. — Der Zusammenbruch der antisenntischen Reaction in Frankreich. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Der Sultan und der Zionisten-Eongreß. Das Judenthum auf der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. Eine Anfrage der k. k. öfterr. Regierung. Reichsrath und Versöhnungstag. Vor Antisemiten wird gewarnt. Nächsterrliebe eines christlich-germanischen Junkers. Was man den Juden alles vorwirst, lieber den Wucher in Italien. Heimgefunden. Judentaufen. Spanische Greuel auf den Philippinen. — Statistik über die Juden in Wien. — Ein neues Buch von Zangwill. — Correspondenzen: Wie», Karlsbad, Prag, Temesvar. — Vermischtes: Wien, Anerbach'sche Schul- und Hausbibel, Mödling, Olmütz, Lundenburg, Klagenfurt, Krakau, Raab, Ung.-Ostra. — Feuilleton: Der Letzte. — Briefkasten. — Inserate. Der russische Velzweig. Timeo Danaos et dona ferentes. (Virgil.) C’est du Nord que nous vient la lumiere, sagte vor mehr als hundert Jahren Voltaire, theils das wenige Gute überschätzend, das Kaiserin Katharina wirkte, theils von ihrer geheuchelten Menschenliebe und Aufklärungscomödie getäuscht. Und jetzt soll uns nicht blos das Licht vom Norden kommen, sondern der ewige Friede mit all' seinen Segnungen. Die Welt soll wieder nach „Recht und Billigkeit" regiert werden, das goldene Zeitalter bricht an, in dem das Lamm neben dem Wolf weiden soll, selbstverständlich das unschuldige schneeweiße russische Lamm neben den gefräßige» türkischen, chinesischen und persischen Wölfen. Was unsere Propheten Micha und Jesaias verkündet, geht in Erfüllung: „die Völker machen ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebmessern; nicht wird erheben Volk gegen Volk das Schwert und nicht lernen sie fürder den Krieg". — Ja es ist eigentlich keine Prophezeihung mehr; der ewige Friede hat schon begonnen, er herrscht schon; „wem der Ewige seine Gunst zuwendet, mit dem läßt er auch seine Feinde Friede machen", heißt es in den Sprüchwörtern des Königs Salomons und sehen wir nicht wie der Feind des Friedens mit ihm seinen Frieden macht? Und hat der Kaiser von Rußland nicht schon mit der Entwaffnung begonnen? Hat er nicht 30.000 Gewehre und so und so viele Kanonen verschenkt; nur um das Schießgewehr nicht mehr bei sich zu haben, sie weit weg nach Montenegro geschickt, wo Fürst Nicolaus, der eben damit beschäftigt ist, der Baronin Suttner's „Die Waffen nieder" ins Serbische zu übersetzen, bereits den Befehl gegeben haben soll, sie zwar nicht zu Sicheln und Rebmessern, denn die braucht man in den Schwarzen Bergen nicht, doch zu Zweirädern und Nähmaschinen zu verarbeiten. Und jetzt wissen wir auch, was der Fürst von Bulgarien in Petersburg gemacht hat: Er hat zusammen mit den Ministern und dem einflußreichen Menschenfreund Pobedonoszew die Werke der Baronin Suttner gelesen. Aber es scheint, daß sie erst in allerletzter Zeit nach Rußland gelangt sind, denn erst vor wenigen Wochen hat Kaiser Nicolaus II. die Kleinigkeit von hundert Millionen Rubeln zur Vergrößerung der Kriegsflotte überwiesen. Nun, ich gönne der wohlmeinenden Baronin diesen Triumph vom Herzen, nachdem sie wegen ihrer edlen Bestrebungen so viel von osficiellen, officiösen und freiwillig gouvermentalen Zeitungen angefeindet und verspottet wurde. Was man als Phantafieland, als Utopien oder Nirgendwo angesehen hat, das hat nun seinen wirklichen Platz auf der Landkarte. Es liegt unter dem sechzigsten Grad nördlicher Breite an der Newa, und wird sich von dort immer weiter ausdehnen, ganz Europa, ja alle fünf Welttheile erobern. Erobern? Das gibts von jetzt an nicht mehr, das Wort ist mir nur entschlüpft, weil ich gerade von Rußland sprach. Ich habe nicht die Ehre Frau Suttner persönlich zu kennen, aber ich setze voraus, daß sie auch eine gute Wirthin ist, für das Wohl der ganzen Menschheit wirkend, auch für den Comfort ihres Gatten, für die gute Erziehung ihrer Kinder sorgt. Nicht von allen Frauen kann man das sagen. Es gibt auch solche, welche über die öffentlichen Angelegenheiten ihre häuslichen vernachlässigen, an den Nachbarinnen stets Allerlei zu tadeln finden, anstatt ihr eigenes Heim in Ordnung zu halten. Andere sind zuhause Schlampen und Schmutzfinken, auf der Straße paradiren sie aber in Sammt und Seide. Aehnlich handelte der dritte Napoleon, der einen Staatsstreich machte, Frankreich despotisch regierte und dann auszog, um die Italiener zu befreien. Wird noch jetzt in dieser Weise Politik gemacht? Bei der russischen Regierung ist natürlich an so etwas nicht zu denken. In Rußland ist ja Alles am besten bestellt. „Autokratie, Orthodoxie und Nationalität" haben ja aus Rußland die Beste aller Welten gemacht. Hat man dort je von nothleidenden Menschen, von Hungersnoth, Armuth und sonstigem Elend etwas gehört? Wo steht das Volk auf einer höheren Stufe der Bildung und Sittlichkeit? Gibt es Analphabeten und Trunkenbolde in Rußland? Gibt es nicht in jedem Dorfe eine wohleingerichtete Schule mit einem gutbesoldeten Lehrer? Hat nicht jedes Dorf seinen wohleingerichteten frommen Popen, der nie ein Glas Wudki berührt? Kennen wir nicht aus Tolstoi's „Macht der Finiterniß" die musterhafte Lebensführung dieses von einer musterhaften Regierung, von unbestechlichen Beamten geleiteten, zu immer edleren und sittlicheren Zielen geleiteten Volkes? Und mit welcher Toleranz und Milde werden Aufrührer, Andersgläubige, Ketzer und Secttrer behandelt! Wieder erfahren wir aus einer mit einem Nachwort von Tolstoi begleiteten Schrift, welche den Jvohl nicht ernsthaft gemeinten Titel „Eine Christenverfolgung in Rußland" führt, mit welcher Milde die Secte der Duchoborzen behandelt wird. Man denke nur, diese Leute sind so frech gewesen, noch bevor die Friedenskundgebung des Czaren erschien, die Reduction der Militärlast durchzuführen, indem sie erklärten, ihre religiösen Grundsätze verbieten ihnen den Gebrauch der Waffen. Nachdem man sie mit den liebevollsten