Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 650 Vr. Vloch's WochrnschrP Nr. 35 Bett verlassen und eine Wegstunde weit laufen? . . . Das hättet Ihr ja von Eurem Fenster aus erkennen können ..." Duppau sah den Regierungsrath groß an, als wenn dieser Sinnloses gesprochen. „Freilich war es so, die Herren wollten es nur nicht glauben, daß ein Jude ein rabbinisches Gebot so hoch und heilig halten könnte, wie ich gethan! — Freilich," stieß Duppau in tiefster Bitterkeit hervor: „der liebe Gott hat mir hier aus Erden meine Frömmigkeit nicht glänzend gelohnt; — es wäre für mich besser gewesen, wenn ich, wenigstens das Einemal, in der Erfüllung religiöser Pflicht weniger eifrig gewesen wäre ... bah! — Was liegt an dem Diesseits! — Es gibt ja ein Jenseits! — Dort werde ich für all' das endlos große Leid, das ich hier erlitten, schadlos gehalten werden; — dort ist's schöner als hier auf dieser . . . eklen Welt!" „Was sprecht Ihr da für unsinnige Worte? Euere Religion gebietet Euch bei schlechtem Wetter nachzusehen, ob sich das Wetter aufgeheitert hat? Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, mir so etwas vorsprechen zu können, mir sind Eure Religionsgebräuche nicht fremd!" „Wenn Sie die Gebräuche der Juden kennen," fuhr Duppau erregt aus, „so sollten Sie auch wissen, daß wir allmonatlich verpflichtet sind, beim Anblicke des Neumondes eine Benediction zu sprechen. Unsere Rabbiner legen dieser Pflichterfüllung einen hohen Werth bei, und ich habe sie seit meiner frühesten Jugend stets geübt, diese nie in meinem Leben unterlassen. Die Nacht vom 18. aus den 19. November war die letzte des Monats, in welcher der Segensspruch verrichtet werden konnte, die früheren Nächte waren dunkel, der Himmel umwölkt gewesen. Ich hatte bis lange nach Mitternacht gewacht, und da die Mondscheibe mir in meinem Hause noch immer nicht sichtbar wurde, scheute ich den Weg auf die Landstraße nicht; allein auch da blieb mir der Mond eine Zeit lang verhüllt; — endlich trat er aus kurze Zeit aus den Wolken — ich konnte die Benediction sprechen!" Einen Moment zuckte Sonnenfels, wie von dem Strome einer starken galvanischen Batterie getroffen, zusammen. „Herr Gott!" rief er im leisen Selbstgespräche, „daß ich daran vergessen konnte. Wie oft habe ich als kleiner Knabe an der Hand meines würdigen Großvaters, des Stadt- und Landrabbiners zu Berlin, Rabbi Michael, dieses Gebet mit ihm verrichtet!*) — Aber Mann!" fuhr er dann erregt laut fort: „warum habt Ihr nicht das zu Protokoll gegeben, Eure Aussage lautet ja ganz unbestimmt; — da glaubten die Herren schon das Recht zu haben, Euch auf die Folter zu spannen!" „Also der Bürgermeister und der Criminalrath wußten nicht, daß ich die lewonoh mekadisch sein**) wollte"? schrie Duppau, und ein convulsivisches Zucken unbezwingbarer Bewegung erschütterte seinen Körper, „wenn Ihnen der Sinn meiner Worte unverständlich war, warum frugen Sie nicht noch einmal, warum überschüttete mich der Bürgermeister sofort mit einer Fluth von Schimpfworten? Herr! Wenn man eines Mordes augeklagt wird, und weiß, daß es dem Richter darum zu thun ist, rasch die Untersuchung zu beenden, einen Thäter, und sei es auch nicht der richtige, zu finden, da wird man befangen, verlegen, da weiß man im Drange des herben Augenblickes nicht immer die Worte richtig zu setzen, da kann man nicht wissen, was sich der Richter dentt; — wenn er mich mißverstanden, und auf der Folter das Geständniß erpreßt hat, so wird er das einst vor dem Richterstuhle Gottes zu verantworten haben; — denn das könnt Ihr mir glauben, Herr! auf der Marterbank gesteht der Edelste die größte Missethat, die ihm des Richters Phanthasie vordichtet." Es ttat eine Pause in dem eigenthümlichen Gespräche ein. Die Seelenqualen des Berurtheilten schienen sich zu verdoppeln. Bisher war ihm der, wenn auch nur schwache Trost geblieben, daß er nicht nur unverdient, sondern auch ganz ohne eigene Schuld seinem furchtbaren Schicksale verfallen, — kurz vor dem Schluffe seines Lebens mußte er glauben, daß, wenn er in der verhängnißvoüsten Stunde seines Lebens besonnen und gefaßt genug gewesen wäre, er möglicherweise das grauenvolle Elend, das über ihn hereingebrochen, von sich fern hätte halten können. Endlich sprach Sonnenfels: *) Josef von Sonnenfels war von jüdischen Eltern geboren und trat als kleiner Knabe mit seinem Vater zum Katholicismus über. **) Benediction über den Neunwnd sprechen. „Ich habe es schon gesagt, ich will mich Eurer Familie nach besten Kräften annehmen, nicht unmöglich ist es, daß es meiner Bemühung gelingt, die Bewilligung für sie zu erlangen, ihren Wohnsitz zu wechseln. Der Gewährung Eurer zweiten Bitte, Euer Gebet uach Eurem Ritus verrichten zu dürfen, könnt Ihr ganz gewiß sein; — und — Gott sei mit Euch!" Ohne dem Juden Zeit zu einem Worte der Erwiderung zu lassen, schritt Sonnenfels mit raschen Schritten aus der Zelle, er hörte nur noch des Juden Worte: „Gottes reichster Segen über Euer edles Haupt!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. M J««l. Predigten. Herausgeqeben von Dr. A. Eckstein und Dr. B. Ziemlich, III. Bd.: Säbbathpredigten. Berlin, S. Calvary & Comp. 1898. Nirgends zeigt die Geschichte so lehrreiche Bildungen, wie an den Grenzpunkten heterogener Culturgebiete. Da, wo Hellas und Juda einander berühren, ersteht ein Philo; Israels Glaube, attischem Geist gepaart, in deutschen! Gewände: das ist I o 8 l. Joel zählt noch zu jenen Unmodernen, die man, um sie gebührend zu würdigen, nicht „objectiv" zu nehmen, das heißt in Werk und Autor zu spalten braucht, ja nicht spalten darf. Besonders beim Lesen seiner Predigten wird man dessen inne. Gerade hier offenbart sich jene Dreifaltigkeit eines Geistes, an dessen Wiege ein Mittel, Sokrates und Lessing gestanden, gerade hier bekundet sich die eigenartige Fähigkeit, ohne die Kanzel zum Katheder zu machen, den Midrasch mit Tasso und Faust zu interpretiren, in den Rahmen einer Predigt polemische Ausfälle gegen Spinoza oder Carl Vogt zu flechten, so deutlich und überraschend, daß man um die Wirkung dieser Predigten auf das Durchschnittspublicum mitunter bangen müßte — hielte sie kein Joel. Daß aber Joel an seine Zuhörer solche Anforderungen stellen durfte, beweist, zu welcher Höhe er sie erzogen. So sind seine Predigten ein Ehrendenkmal für seine Gemeinde nicht weniger als für ihn selbst, und die nach seinem Ableben veröffentlichten noch im Besonderen ein Denkmal der Pietät. Mögen die Hände, die sich ein solches auch im vorliegenden Bande wieder errichtet haben, nicht ermüden, das kostbare Erbe weiter auszuschachten! Das ist unser Urtheil über diese Predigten: das Verlangen nach mehr. Nicht nur als homiletische Muster sind sie unschätzbar, wenn auch manches Publicum den rollenden Wortschwall, volltönenden Satzschluß und Schärfe der Pointe darin vermissen wird. Sie werden oft geradezu zu Offenbarungen classischer Weisheit. Wie wahr und wie bedeutsam für unsere Zeit das treffende Wort (S. 95): Wer nicht einmal die Consequenzen seiner Geburt zu tragen vermag, es wäre ihm besser, nicht geboren zu sein" oder S. 166: „Vereinigung, Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, Bewußtsein, daß man der Ergänzung bedarf, das macht stark". Nicht ohne einige Wehmuth liest man (S. 294) in der „Rede an der Bahre des Dr. Leopold Zunz" den Hinweis auf den Tod Jehudas des Heiligen (Kethubb. 104a). Gar mancher Mund weiß von unserem Ivel Aehnliches zu sagen, weiß zu bezeugen, wie er, der durch seine unbewußt zwingende Persönlichkeit im Leben der berufene Proselytenmacher, noch im Tode Herzen gewonnen hat. Und gerade, indem wir in einer Besprechung des I. Bandes dieser Predigten „das Fehlen von Predigten für den achten Tag des Pesachfestes u. s. w." betont finden und uns dabei erinnern, was über Joöl in dieser und so mancher ähnlichen Hinsicht umläuft, glauben wir nicht passender schließen zu können, als mit dem Wunsche: Es möchten, die ihm nahegestanden, rechtzeitig an die Sammlung all' dieser köstlichen Wörtchen denken! Nicht gar zu fern ist die Zeit, wo persönliche Rücksichten nicht mehr verbieten, Joels Verehrer mit solcher Gabe zu erfreuen. G r u n w a l d. Litt s’fod. (Hebräische Texte aus Bibel, Talniud und Midrasch zu Leichenreden.) Von S. Klein, Oberrabbiner in Zenta, Ungarn. 1898. Leichenreden sind oratorische Moment-Aufnahmen und unterscheiden sich von der photographischen nur durch ihre minder leichte Herstellung. Sie bereiten dem Redner manche Schwierigkeit, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er, wie der Verfasser im Vorworte richtig bemerkt, oft telegraphisch an die Bahre berufen wird, so daß ihni für jene heuristische Vorbereitung, die sich auf das Suchen eines