Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 35 Seite 649 Dr. Vloch's Wochenschrifi Der Jude zuckte aus seinem dumpfen Brüten auf. Einen Moment glaubte er, es wäre der Kerkermeister, der ihn riefe; aber als er einen Fremden, ihm Unbekannten vor sich stehen sah, überlvhte zuerst Feuergluth seine mageren, welken Zuge; aber schon im nächsten Augenblicke floß die emporgestiegene Blutwelle wieder langsam in sein Herz zurück, so daß er bleich wie Linnen wurde — er erhob sich und ein convulsivisches Beben - durchzuckte seinen Körper. „Was wollen Sie von mir, Herr?!" rief er, und seine Stimme hatte fast die Klangähnlichkeit mit einer menschlichen verloren, so schrill und heiser war sie geworden. „Was können Sie noch von mir wollen? Ich habe ja Alles gestanden, nicht das Allermindeste verheimlicht, die Herren Criminalräthe können ja ganz zufrieden sein!. .. ich habe Barbara Rodler getödtet — aus Rache, weil sie mir ein fehlerhaftes Pferd als fehlerlos verkauft, und noch als ich ihr darüber Vorwürfe gemacht, ihren wilden Hund auf mich gehetzt; — ich habe ja genau angegeben, wie ich sie in den Flammen umkommen ließ; — ich Hin eben ein böser, rachegieriger Mensch ... warum würde ich's denn sagen, wenn es anders wäre? Sie können es ja glauben!... Um Gottes Barmherzigkeit willen, verlangen Sie nichts weiter von mir — nicht etwa, daß ich Teilnehmer meines Verbrechens angebe; — ich habe keine gehabt!. . . Nur nicht noch einmal jene grauenvoll entsetzliche Marterqual! — die letzte — die war zu... zu ... zu hart, die kann kein Menschgeborener ertragen! . . . Bei dem lebendigen Gotte! — hätte mich dieser, bevor er die Welt erschaffen, gefragt, ob er sie aus dem todten Nichts ins Leben rufen soll; — aber ein Mensch, hören Sie es. ein einziger Mensch sollte einmal so gefoltert werden, wie man mir gethan — bei meiner Seele ew'gen Seligkeit — ich hätte: „Nein!" geantwortet!... Ah!" Duppau sank, wie zu Tode ermattet, auf sein Lager zurück; aber bevor noch Sonnenfels ein passendes Wort zu seiner Beruhigung fand, fuhr er wieder heftig fort. „Also, was wollen Sie Herr? Sprechen Sie! — Und wenn Sie mir nichts zu sagen haben, wenn Sie nur die Neugierde hergetrieben, den grausamen Mörder zu sehen, so sehen Sie mich an und gehen Sie; — lassen Sie mich allein; — ich will die letzten Tage vor meinem Tode Ruhe haben; das ist mein gutes Recht; — auch ein zum Rädern Verurteilter hat ein Recht!" Duppau schlug eine verzweiflungsvolle Lache auf. „Die Menschen," fuhr er dann plötzlich mit unsäglicher Traurigkeit fort, „die ich liebe, Weib und Kind, kann ich nicht sehen, die Marter wäre noch härter als Leiter und Feuer! — andere Menschen will ich nicht sehen — ihr Anblick thut mir zu weh! Seien Sie gütig Herr! Gehen Sie!... Oder" — Duppau erhob sich plötzlich mit einer Raschheit, die man dieser Menschenruine gar nicht Zutrauen mochte, ein heller Freudenstrahl überflog sein Gesicht, er schaute mit Plötzlich aufleuchtenden Augen in Sonnenfels' Züge. „Herr! Bringen Sie mir eine glückliche Nachricht, eine Heilsbotschaft? Hat man den Mörder entdeckt? Hat er seine Unthat eingestanden? Sieht man ein, daß man mir schweres Unrecht gethan? — Daß ich kein grausamer Mörder bin, der eine wehrlose, in einer Hütte eingesperrte Frau bei lebendigem Leibe martervoll verbrennen läßt? ... Also flicht man mich nicht aufs Rad? ... Bringen Sie mir die goldene Freiheit? Entläßt man mich aus dem Kerker, zu meiner Frau, zu meinen Kindern? ... So sprechen Sie doch, Herr!" Sonnenfels war dem vulkanischen Ausbruche stürmischer Gefühle mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Das eigenthümliche Gehaben des Juden mußte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn Hervorrufen. Das volle Bekenntniß, das der Verurtheilte in übersprudelnder, leidenschaftlicher Bitterkeit abgelegt, verlor durch den sofortigen Widerruf jedwede Glaubwürdigkeit, und der Widerruf — das Voraussetzen der Möglichkeit, daß ein Anderer der Mörder war — was ja Duppau's volle Unschuld erweisen mußte — konnte trotz der Naturtreue und Lebendigkeit, mit welcher seine Hoffnungen zum Ausdrucke gelangten, immerhin doch eine glänzend gespielte Comödie eines listigen Verbrechers sein, der in keinem Falle etwas zu riskiren hatte; Sonnenfels verlor nicht einen Augenblick seine Ruhe, seine Besonnenheit, er wollte sich seine volle Objectivität bewahren, und nach kurzem Bedenken sprach er: „Weder Eure Befürchtungen noch Eure Hoffnungen sind berechtigt. Ich will Euch an Euren letzten Lebenstagen weder geistig noch körperlich quälen — noch kann ich Euch die Freiheit, bringen .. . Ich will Euch nur fragen, ob Ihr noch Wünsche habt, die erfüllt werden könnten." Duppau blickte befremdet auf; die Worte, die der Mann, der vor ihm stand, sprach, klangen milde. „Herr! Sie sind ein guter Mensch, das seh' ich .. . besitzen Sie aber auch die Macht, meine Wünsche zu erfüllen?" „Ich müßte diese erst hören, um Eure Frage zu beantworten." „Ich hätte zweierlei zu bitten, etwas" — Duppau's Stimme zitterte noch mehr — „für meine hinterbleibende Familie; etwas für mich selbst. Sehen Sie, lieber Herr! Der Jude ist wie der Bauer an die Scholle gebunden, ich bin Lucker Schutzjude, meine Familie muß hier wohnen bleiben; das wird sehr hart für sie werden, Jedermann wird mein Weib und Kind verachten, sie werden hier Entsetzliches zu ertragen haben, man wird sie meiden, ärger als die Verpesteten! In der Synagoge wird Niemand in ihrer Nähe bleiben wollen; — man wird sie nicht zur heiligen Thora aufrufen, es wird sich Niemand mit ihnen verbinden wollen, Niemand wird mit ihnen umgehen, Niemand wird etwas von ihnen kaufen oder an sie verkaufen wollen, meine Familie wird sich ja nicht erhalten, nicht ernähren können, sie wird verarmen; und wenn mein Weib und Kind von Haus zu Haus betteln gehen werden, wird man sie von jeder Schwelle stoßen. Sie werden verhungern, erfrieren, in Elend und Schmach verkommen müffen .... allbarmherziger Gott! das ist ein Gedanke, der mich mehr foltert, als das Feuer und Eisen zu thuu vermochten! . . . . Lieber Herr! Es würde mir vor meinem quallvollen Tode eine Beruhigung gewähren, wenn ich hoffen dürfte, daß es meiner Familie verstattet würde, weit weg von hier, etwa ins Böhmische hinein oder nach Prag, vielleicht unter verändertem Namen ziehen zu dürfen!" Duppau mußte erschöpft innehalten und blickte mit fieberhafter Spannung in Sonnenfels Gesicht. Dieser ward tief bewegt. „Ich will mich Eurer Familie nach besten Kräften annehmen", sprach er und unwillkürlich reichte er Duppau die Hand, .welche dieser, bevor es Sonnenfels zu verhindern vermochte, inbrünstig an seine Lippen preßte. „Ihr sprächet aber auch von einer Bitte, die Eure Person selbst betrifft .... Laßt mich auch diese hören." „Herr! Ich will auch diese aussprechen; ich boffe, Ihr werdet mich darum nicht verlachen"; dann fuhr er zögernd, schamhaft fort: „Seitdem man mich in den Kerker geworfen und in Ketten gelegt hat, habe ich nicht in Betmantel und Philakterien*) meine Andacht verrichten können — ich möchte, bevor ich sterbe, mir nur die eine Gnade erbitten, so thun zu dürfen!" „Das glaube ich Euch unbedenklich Zusagen zu können," meinte Sonnenfels. „Ah! Das freut mich," rief Duppau, „mehr, als ich es auszusprechen vermag, ich hoffe dann der grauenhaften Stunde doch gefaßter und ruhiger entgegengehen zu können." „Ihr seht, Duppau!" begann Sonnenfels wieder nach einer Pause, „ich bin bemüht, Euer Schicksal, so weit es mir etwa möglich — es ist dies leider wenig genug — zu lindern... gestattet mir eine Frage und beantwortet sie unbefangen; Ihr wißt es ja, eine offene Beantwortung kann ja in keinem Falle Euer hartes Schicksal verschlimmern." „Herr!" fuhr der Jude zornig auf, „wollen Sie mich durch gleißnerische Freundlichkeit täuschen? Wollen Sie mich wieder foltern lassen, wie diese Tigerherzen Bürgermeister Purkhammer und Criminalrath Eusebius! . . . Verlangen Sie vielleicht doch, ich sollte Mitschuldige angeben? Allbarmherziger, gerechter Gott! — ich soll Mitschuldige eines Verbrechens angeben, das ich nicht begangen, von dem ich ja gar nichts weiß... ah!" Duppau stöhnte tief auf vor schwerer Seeleupein. „Ihr irrt Euch," sprach Sonnenfels, und tiefe Bewegung zitterte in seiner Stimme, „Bei dem lebendigen Gott! Nichts liegt meiner Absicht ferner, als Euch Böses zuzufügen!" Diese Worte beruhigten Duppau. „So fragen Sie, Herr!" sprach er, tief aufathmend. „Was hattet Ihr in der verhängnißvollen Nacht vom 18. auf den 19. November auf der Spitze eines Hügels in der Nähe des Rodlerhofes zu thun? Im Protokoll sagtet Ihr aus: „Ich habe sehen wollen, ob sich der Himmel aufgeheitert." — Das klingt unwahrscheinlich, mehr als das, unglaublich! Welchem vernünftigen Menschen ist es zuzutrauen, er würde mitten in der Nacht von so sonderbarer Neugierde getrieben, sein warmes *) Gebetriemen.