Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 35 jfa. Vloch's Wochenschrift Seite 647 Saratoga (Staat New-Dork.) (Eine Rede über Zola.) Allgemeines Aufsehen erregt eine Rede des Herrn Joses St. Chratc, die derselbe vor dem Convente der American Bar Association hier gehalten. Herr Chratc ist ein bedeutender Advocat. Er wird mit unter jenen wenigen Advocaten genannt, die nach Paris gehen sollen, um als Rechtsbeistände den amerikanischen Friedenscommissären beizustehen. Er sprach über das Jurorsystem, und wir erlauben uns, Einiges, das unsere Leser interessiren dürfte, hervorzuheben: „Sie werden sich gewiß der Hauptzwischenfälle des Processes Zola erinnern. Ein Officier, zu jener Race gehörend, die aus Neid und Eifersucht vom französischen Volke gehaßt wird, wird eines infamen Verbrechens beschuldigt, von einer feilen Presse verleumdet, ward gerichtet und von eurem Militärgerichte verurtheilt und nach einer äußerst schmachvollen Degradirung lebenslänglich verbannt in Einzelhaft auf einen Felsen im Meere. An seinem Herzen zehrt die Verzweiflung schlimmer als die Krallen des Geiers und der Schnabel des Adlers. Er protestirte in seiner Unschuld. Eine Schaar der besten Männer Frankreichs erklärten ihren Glauben daran, unter ihnen Staatsmänner und Beamte von hohem Rang und fehlerlosem Charakter Es war klar, ob schuldig oder unschuldig, er ward verurtheilt, ohne gehört zu werden, und die Regierung erklärte, daß Staatsinteressen verbäten, daß die Wahrheit bekannt werde. Um diesen Zeitpunkt war es, daß Zola, der meistbekannte, wenigstens der kraftvollste französische Schriftsteller, mit einem Muthe, der ja kaum übertroffen, den Fall dieses unglücklichen Opfers aufnahm, dessen Unschuld proclamirte und die Autoritäten aufforderte, ihn selber vor Gericht zu fordern wegen seiner Beschuldigung des Militärgerichtshofcs, welcher, so erklärte er, hätte ungesetzmäßiger Weise Dreyfus verurtheilt, ein Gerichtsverbrechen begangen und so den wirklichen Verbrecher gedeckt. Die Regierung nahm den Fehdehandschuh auf und dann folgte ein Proceß, welcher wegen seiner Nichtachtung jedes Rechtsprincipes und Verleugnung aller Gerechtigkeit ganz gewiß keinen Vorgänger in der Geschichte besitzt und doch vor einer Jury verhandelt wurde. Eine Jury wurde eingeschworen, aber es war klar, deren einzige Function war, den Erlaß der Regierung zu registriren. Die Armee und die Presse verlangten die Verurtheilung. So war es natürlich, der Angeklagte wurde als schuldig angenommen, bis er seine Unschuld bewiesen, aber jede Anstrengung seinerseits und seines Anwalts, die Wahrheit herzustellen, ward vereitelt. Einer feindseligen Zuschauermenge, die den Gerichtssaal füllte, wurde erlaubt, den Angesckuldigten stets zu beschimpfen. „Conspirez Zola“ begrüßte ihn beim Eintreten. Beschimpfungen vom Richter, Staatsanwalt und von den Zeugen wurden anstatt der Beweise und Argumente gebraucht. Es gab da kein Recht des Kreuzverhörs, kein Gesetz der Evidenz. Zeugen, die vorgeladen waren, blieben off.'nkundig absichtlich weg, und jene, die erschienen, refusirten Zeugniß abzulegeu und es ward ihnen erlaubt, die Jury zu haranguiren. Hörensagen war die Hauptsubstanz der Verhandlung. Ein scheußliches Pandemonium herrschte während des Processes und nach dem Ende zweier Wochen, wie Jedermann schon vom Anfang vorhergeschen, wurde der Angeklagte schuldig befunden und verurtheilt, und seine Hauptzengen wurden degradirt und vom öffeutlichenDienste entlassen. Wie eine solche Methode der Administration der Criminaljustiz auch das französische Volk befriedigen mag, welches daran hängt durch all den Wechsel ihrer Regierungen, es kann nur Schrecken und Abscheu errregen, durch die ganze anglosaxonische Welt. Die Verhandlungen wurden gelesen überall, wo Zola's bezaubernde Romane ihnen vorhergekommen waren. Jeder Schutz der persönlichen Freiheit wurde da verletzt. Wir können nicht den Verlauf dieses Processes lesen, ohne ihn zu vergleichen mit unserem Gericht und unserer Jury und nicht ohne den Ausruf: „Gott sei Dank! Ich bin ein Amerikaner!" Wien. („Ferienheim" in der Jugendhall e.) Die aus den Colonien des „Ferienheim" zurückkehrenden Schulkinder werden sich am 14. September, 4 Uhr- Nachmittags, in der Jugendhalle der Jubiläums-Ausstellung in ihren militärischen Hebungen und Gesängen, wie sie dieselben in den Colonien betreiben, produciren. Hierauf folgt eine von den Eigenthümern des „Jubiläums-Case" in der Ausstellung gespendete Festjause. Es werden zu dieser festlichen Veranstaltung alle Freunde des „Ferienheim", sowie alle Kindersreunde herzlichst eingeladen. Wien. (Trau u n g.) Sonntag, den 4. September, '/,3 Uhr Nachmittags findet im israelitischen Tempel in der Seitenstettengasse die Trauung von Fräulein Helene Freyberg, Tochter des Herrn Fabrikanten Wilhelm Freyberg, mit Herrn Rudolf Abeles, Chef des Hauses Heinrich Abeles in Ober- Döbling, statt. Wien. (Religio nslehrer an M i t t e l s ch n l e n.) Der Minister für Cultus und Unterricht hat unterm 11. Juli d. I. angeorduet, daß die bisher als Hilfslehrer bezeichneten Lehrkräfte für evangelische und mosaische Religionslehre an den k. k. Mittelschulen von nun ab den Titel k. k. Gymnasial- (respective Realschul-) Religionslehrer zu führen haben. Wien. (Verein zur Hebung der G e w e r b e.) Vom Borstanve der israelitischen Cultusgemeinde geht uns folgende Kundmachung des Wiener Magistrates zu: Kund m a ch u n g Zahl 120/533. Am 28. November 181*8 gelangen aus der Theobald Uffenheim'schen Gewerbest i s t u n g für verarmte oder arbeitsunfähige Gewerbslente vier Stiftplätze, und zwar: zwei für Gewerbslente christlicher Consession und zwei für Gewerbslente israelitischer Cousession mit dem Bezüge von je fl. 98*75 ö. W., zur Bertheilnng. Die Gesuche sind bis längstens 15. September 1898 einzureichen und denselben Geburtsschein, Zuständigkeitsbeweis, Armuths- oder Mittellosigkeitszeuzuiß, Genoffenschaftsangehörigkeit, beizulegen. Nähere Auskunft ertheilt die Bereinsleitnng täglich von 5 bis 6 Uhr Nachmittags. Für die Vereinsleitung: A. Kisch, Schriftführer. S. B r o d, Präsident. Wien. Seitens des israelitischen Bethausvereines im lX. Bezirk wird anläßlich der hohen Feiertage im IX. Bezirk, Sechsschimmelgasse 16, ein provisorisches Bethauslocal errichtet. Die Sitze werden vom 1. bis 12. September bei Herrn Leop. Hendl, IX.. Währingerstraße 52, von da bis 16. September im Bethauslvcale selbst von 5 bis halb 8 Uhr Abends, vermiethet. Wien. (A u f n a h m s - und W i e d e r h o l u n g s- Prüfungen für M i t t e l f ch ü l e r israelitischer Confessio n.) Mit Rücksicht darauf, daß in diesem Jahre der erste Feiertag des Neujahrsfestes a_us den 17. September füllt, hat der niederösterreichische Landesschulrath über Einschreiten des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde verfügt, daß in diesem Jahre die Aufnahms- und Wiederholungsprüfungen israelitischer Schüler an den Gymnasien und Realschulen des Wiener Gemeindegebietes ausnahmsweise am 16. September ft a ttfi n den und einen Erlaß dieses Inhaltes an säunntliche Wiener Mittelschuldirectionen gerichtet. Wien. (Humanitärer G e s e l l i g k e i t s - verein „Vorwürt s".) Samstag den 3. September 8 Uhr Abends findet im Bayrischen Hofe. II., Taborstraße, ein Recruten-Abschiedsfest, verbunden mit Vorträgen und Tanzkränzchen, statt. Die Musik besorgt eine Militärkapelle. Karten sind zu haben im Clublocale Leopold Berger, II., Lilienbrunngaffe 9. Der Reingewinn wird humanitären Zwecken gewidmet. Prag. Am 29. August (11. Ellul) feierte Sr. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. Ehrensetd mit seiner würdigen Gattin in aller Stille im engsten häuslichen Kreise das Fest der silbernen Hochzeit. Wenn auch die Genannten in ihrer schlichten Art selbst ihren nächsten Freunden und Bekannten keine Gelegenheit zur Darbringung von Glückwünschen gaben, so möge doch nachträglich an dieser Stelle dem allverehrten Jubelpaare ein inniges „Masaltow" zugerufen werden. Nasice. (Todesfall.) Am 18. d. M. starb hier plötzlich die Gattin des Cassiers der Chewra Kadischa, Frau Johanna Weiß, im Alter von 31 Jahren. Ihr Dahinscheiden hat eine große angesehene Familie in Trauer versetzt. Liebeschitz. Bei der jüngst stattgefundenen Generalversammlung der israelitischen Beerdigungsbruderschaft wurde der Herr Rabbiner Philipp Lederer einstimm'g zun: Ehrenmitgliede derselben ernannt.