Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 646 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 35 Basel, 30. August. Dritter B er handlungstag. Bankreferent Wolfsohn theilt mit, daß für die jüdische Colonialbank ein Zehntel des Grundkapitals von 23.000 Personen gezeichnet wurde. Er verlies das Bankprospect: die Bank beabsichtigt das Orientgeschäst zu pflegen, vorläufig bis zur Erlangung Palästinas aber auch anderen europäischen Geschäften die Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ein Delegirter (Aschkenase aus Ligne) spricht gegen die Bankgründung, wird aber von der Majorität am Weitersprechen verhindert. Dr. Farbstein (Zürich) erhebt ebenfalls Bedenken gegen die Bankgründung. Actien für ein anderes Besitzthum und die Bankleitung können leicht antizionistischen Einflüssen unterliegen. Ec beantragt Vertagung des Projectes. Nach einer langen und lebhaften Debatte ergreift das Wort Generalredner contra: W. Bambus (Berlin). In ruhiger und sachlicher Ausführung zeigt er die Gefahren dieser Gründung und befürwortet Vertagung des Projectes. Bernard L a z a r e begründet ebenfalls sein Contra-Votum. Generalredner pro, Dr. Marmorek (Paris), sucht die Bedenken zu zerstreuen, worauf der Antrag auf sofortige Gründung der Bank angenommen wird. Basel, 30. August. Die Abendsitzung gestaltete sich überaus st ü rm i s ch wegen einigen Conflicten der Opposition, welche die praktische Colonisationsarbeit befürwortete, mit den Präsidenten. Bei den Vorstandswahlen verzichteten die Gewählten aus Galizien, die Doctoren S a l z, K o r k i s und M a l z, a u f d i e M a n d a t e. In die Leitung wurden gewählt : Theodor Herzl, die Doctoren Schnierer, Kokesch, Kahn und Architekt Marmorek. Der Congreß wurde um 4 Uhr Morgens geschlossen. Rosfitz. (Ferienheim.) Frau Baronin Clara de Hirsch Gereuth in Begleitung ihrer Schwägerin Frau Amalie Bam berge r, geborene von Hirsch aus Paris, beehrten Freitag den 26. August die Colonie des Wiener Vereines „Ferienheim" in Rossitz mit ihrem Besuche, und weilten daselbst genau zwei Stunden in dem von der Frau Baronin Hirsch dem Vereine zur Verfügung gestellten Schlosse, wo sie mit Wohlgefallen den Productionen der 71 Wiener Knaben zusahen. Kurz vor Ankunft der Gäste hatten sich die Colvnisten in Reih und Glied gestellt, und als der Wagen der edlen Wohlthäterin näher herangekommen war, jubelten die Kinder den Damen ein herzliches „Seid gegrüßt" zu. Nachdem das Begrüßungslied der Kleinen verklungen war, begrüßten die Präsidentin Frau Dr. Grünfeld und die Bicepräsidentin des Mädchencomitäs Fräulein Caroline Schneider die Damen im Namen des Vorstandes. Nach einer Ansprache eines Ferienzöglings nahmen die Exercitien ihren Anfang, welche die Knaben militärisch stramm ausführten. Dann hörten die Damen einige vielstimmige Chöre der Kinder an, und sprachen wiederholt ihre Zufriedenheit aus. Besonders gefiel ein der Frau Baronin, der Wohlthäterin des „Ferienheim", gewidmetes Lied, das mit einem dreimaligen Hoch auf die edle Frau schloß. Nachdem die Damen auch die Räumlichkeiten und Arbeiten der Colonisten besichtigt hatten, verließensie,vvu demWirkendes Vereins befriedigt, dasSchloß, luden die Vorstandsdamen zum Gegenbesuch ein und sagten für die nächste Zeit abermals ihren Besuch an. Montag den 29. August erwiderten die Vorstandsdamen, denen sich die mittlerweile zur Jnspection angekommene Schriftführerin Frau Antonie Graf angeschlossen hatte, den Besuch der Fran Baronin in dem nahe gelegenen Schlosse Eichhorn. Die Damen wurden aus das liebenswürdigste empfangen, zum Luuch geladen und verblieben zwei Stunden daselbst. Eger. Ln der Generalversammlung der hiesigen Gremialkrankencasse vom 6. Juni l. I. wurde von radical-nationaler Seite der Antrag eingebracht, daß die bei der Casse bestehende freie Aerztewahl aufzuheben und als Cassaärzte in Hinkunft nur deutscheAerzte arischer Abkunft zu bestimmen seien. Dieser Antrag, dessen Spitze sich gegen die hier domicilirenden, allgemein geachteten jüdischen Aerzte richtete, gelangte fast einstimmig zur Annahme und mit 1. Juli d. I. zur Durchführung. Eine Anzahl von Gehilfen recurrirte jedoch sofort gegen die Durchführung eines solchen statuten- und gesetzwidrigen Beschlusses bei der k. k. Bezirkshauptmannschaft, und diese hat mit Entscheidung vom 17. August d. I. jenen Beschluß im Grunde des § 127 der Gewerbeordnung behoben und die weitere Durchführung desselben untersagt, mit der Begründung, daß nicht nur dieser Beschluß den Statuten zuwiderläuft, sondern auch mit den Staatsgrundgesetzen überdie allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder im Widerspruche steht. Pretzburg. (Der Schulbau für die Lehranstalten der hiesigen orthodoxen israelitischen Cultusgemeinde) schreitet rasch seiner Vollendung zu. Jüngst wurde das Gleichenfest begangen, bei welchem der Vorstand, die Repräsentanz und viele Mitglieder dieser Gemeinde anwesend waren. Bauleiter Strelinger richtete eine schwungvolle Ansprache an die Anwesenden, welche vom Vorsteher L. G e st e t n e r in formvollendeter Rede erwidert wurde. Das erste Eljen galt unserem allgeliebten und verehrten Könige; sodann sprach Vorstandsmitglied I. H e r z f e l d, der sein Glas auf das Wohl des Lehrkörpers leerte. Repräsentant Duschinsky feierte den Fortschritt und die Bildung. Lehrer W. K o h n rühmte die Opferwilligkeit der Gemeinde. Prag, 28. August. Das »?rävo lidu« bringt in seiner gestrigen Nummer folgende bemerkenswerthe Notiz, welche wir ohne jeden weiteren Commentar reproduciren: Durch wessen Hilfe gelangte der gegenwärtige Prager Primator Herr Dr. Podlipny in die Prager Rathsstube? Man berichtet uns aus Wählerkceisen: Es ist wirklich ungemein interessant, zeitweilig in der Vergangenheit der jungczechischen Partei Rückschau zu halten. Die interessanteste Epoche hiefür sind die Anfänge der 80er Jahre, als die Jungczechen mit den Altczechen um die Palme des Sieges und um die politische Führung der Nation rangen und kämpften. Besonders bei der jetzigen Judenhetze, welche unsere -vlagtenei« (etwa Vaterlandsfreunde, Patrioten) betreiben, wird bei uns, den alten Vorkämpfern der Jungczechen, so manche Erinnerung aufgefrischt. So z. B. als im Jahre 1884 Doctor Podlipny im HI. Wahlkörper der Prager Judenstadt (Josefstadt) in das Stadtverordnetencollegium candidirt wurde. Damals hatte der Josefstädter Bürgerclub, dessen Mitglieder größtenteils Juden waren, wie z. B. Ornstein, Steiner, Jnwald, Zalud, Scharf, Stein, Rychnovsky u. s. w., alle Hände voll zu thun, und besonders sämmtliche Juden strengten alle Kräfte an, um dessen Wahl durchzusetzen. Außer den Juden waren auch zahlreiche Kleingewerbetreibende thätig, unter denen auch ich mir im Interesse des Herrn Dr. Podlipny die Füße wundgelausen habe. Einen kranken Wähler hob ich in meine Arme, trug ihn zur Droschke und geleitete ihn bis in das Wahllocal, nur zu dem Zwecke, das Podlipny gewählt und die Altczechen geschlagen würden. Heute freilich bedaure ich diese Anstrengungen, welcher ich mich im Dienste einer Partei unterzogen habe, welche gegenwärtig viel schlimmer ist, als es die Altczechen waren. Und die Juden? Damals waren sie gut genug, ihren Rücken herzuhalten, auf welchen der jetzige Primator in die Rathsstube klimmen konnte. Nunmehr haben sie ihre Pflicht erfüllt und zum Danke dafür wurden ihnen — die Decemberexcesse. Bad Nauheim, 29. August. Kaiserin Elisabeth ist heute Nachmittags von dem nahen Cronberg, Schloß der Kaiserin Friedrich, wohin sie sich zu Wagen über Frankfurt a. M. begeben hatte, nach Mont Caux abgereist. Dort wird sie mehrere Wochen bleiben, dann nach Territet gehen. Dem hiesigen Arzte der Kaiserin, Professor Schott, ist vom Kaiser von Oesterreich in Anerkennung der erfolgreichen Behandlung durch den Generalmajor v. Berzeviczy heute der Orden der Eisernen Krone dritter Classe überreicht und die Anerkennung der Kaiserin, ausgesprochen worden. Tripolis. (Die erste Synagoge in der Sahara.) Wie arabischen Blättern aus der benachbarten Hafenstadt Benghazi geschrieben wird, besteht in der berühmten Handelsstadt Kano in der Sahara seit einigen Monaten eine kleine Ansiedelung von maghrabinischen (marokkanischen) Juden, die über die große Negerstadt Timbuktu dorthin kamen, um dort Handel zu treiben, und besitzen auch schon ein kleines Bethaus (zalijah), das freilich blos eine Lehmhütte mit einem Strohdache ist. Die Stadt Kano gehört dem Sultan von Jakuba, der wieder ein Vasall des Sultans von Sokoto, des mächtigsten Fürsten der Sahara, ist. In der Wüste Sahara, wo es mehrere Negerreiche mit blühenden Städten gibt, lebten bis jetzt keine Juden, da die Bevölkerung dort, die theils mohammedanisch, theils heidnisch ist, noch zu wild ist. In der neuesten Zeit aber, besonders seitdem die große Stadt Timbuktu von den Franzosen besetzt wurde, haben marokkanische Juden, die bekanntlich sehr unternehmungslustig sind, fleißig Reisen nach der Sahara unternommen, um dort europäische Waareu zu verkaufen.