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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 645 Abravanel studirte er am Bette, wenn die Kranke mit ihren wilden Phantasien erschöpft innehielt. Nach der „Franz-Schule", wo er Elementarunterricht genossen hatte, kam er an das Beth-Hamidrasch eines H. Kohn, und Ostern 1826 an das Gymnasimn zu Halle. Dichterische Neigungen regten sich. Der jüdische Jüngling übertrug die kleinen Propheten metrisch in das Deutsche und fühlte sich . außerdem zur altgermanischen Mythologie hingezogen; Freya und Baldur spielten keine kleine Rolle in den Gesängen, die er „Wodanslieder" überschrieben hat. Tiedge ermuthigte ihn fortzufahren, doch sollte er auf ganz anderem religiösem Gebiete hervorragen, weit abseit von Walhall, Walküren, Einheriern und Nornen. Im Octobcr!829 bezog er die Universität Berlin. „Die damalige jüdische Jugend", so berichtet er, „war durchaus höchst ideal angelegt und gestimmt, aber nicht träumerisch, nicht sentimental, sondern auf die Wirklichkeit im edelsten Sinne gerichtet, insbesondere auf methodischwissenschaftliche Bildung.. Gewissermaßen der Instinkt sagte es uns, da äußere Anzeichen dafür nicht vorhanden waren, daß baldige Aenderungen in den drückenden Beschränkungen und Ausnahmen, unter denen die Inden schmachteten, bevorstünden". Wissenschaftliche Arbeiten, in den geachtetsten gelehrten Blättern pnblicirt, sollten ihm den Unterhalt gewähren während der Dauer der Hochschulzeit. Ueber „Patristik" schrieb er und griechisch-philologische Aufsätze. Dann — 1833 — kam er — wie zufällig! — nach Magdeburg als deutscher Prediger. 1837 faßte er, 25 Jahre alt, den damals überkühnen Plan zur Gründung einer Zeitung für die Juden, eines unparteiischen Organs für alles jüdische Interesse! Die von ihm beabsichtigtigte Errichtung einer jüdisch-theologischen Facultat stieß auf Lauheit und Theilnahmslosigkeit überall. 1836 schon dachte er an eine große Uebersetzung der Bibel. 1839 wurden dem 27jährigen Manne auch die rabbinischen Functionen der Gemeinde übertragen. Die erste Lieferung der Philippson-Bibel kam in demselben Jahre heraus, die letzte 96., erst Juli 1854. In zahlreiche Polemiken trat er mit seiner streitbaren Feder ein. Joel Jacoby und Gutzkow hießen damals seine Widersacher. Kayserling's Eapitel: Damascus-Philippson und Montefiore ist lesenswerth. Doch wurde der Inhalt in diesen Blättern zu oft behandelt, als daß nochmalige Rekapitulation erwünscht sein möchte. In Rußland und Preußen rührte es sich in den 40er Jahren und rumorte jndenfeindlich. Philippson war abwehrend zur Stelle und auch das Hospital zu Jerusalem fand — wie alles Gute — iu ihm einen mächtigen Schutzherrn. Sein positiver religiöser Standpunkt, von dem nebulösen Geiger's grundverschieden, welcher die freie „Entfaltung der inneren sitttlichen Kraft" als das Wesentlichste ansah, gipfelte darin, „daß das w a h r e L e b e n s p r i n c i p d e s I u d e n t h u m s seine geschichtliche Entwicklung auf dem Boden der Thora und d e r h e i l i g e n S ch r i f t i st." Er war weder reformnoch orthodoxer Jude und bedauerte Alle, welche nur diese zwei Sorten kannten. Es würde zu weit führen, wenn wir hier aus alle religiösen Streitfragen und Gutachten — auf die Rabbinerversammlung in Braunschweig 1873 — in Frankfurt a. M. 1845 - in Breslau 1846 — des Nähern eingehen wollten. Auch die zahlreichen religionswissenschaftlichen Schriften, die liturgischen und belletristischen, können wir nicht ausführlich erörtern; wir verzichten aber noch weit schwerer darauf, unserm Philippson in seine neu begründete Häuslichkeit zu folgen, ihn als weisen Väter und erleuchteten Erzieher in seiner Familie zu sehen. 1862 schied er aus Magdeburg und übersiedelte nach Bonn. Philippson stand immer mitten in der Bewegung seiner Zeit, für Gewissensfreiheit ebenso begeistert wie für politische. Sein Blick verfolgte die bedeutsamen Vorgänge in der ganzen Welt, und wenn er seine Stimme erhob, so wurde sie — oft mit Widerspruch — aber stets mit Achtung vernommen. Durch die herauswachsende antisemitische Bewegung wurde er wohl peinlich berührt, aber nicht entmuthigt. W. Marr, der Pamphletist, erschien ihm, weil dessen Schriften an's Lächerliche, Alberne streiften, als kein ebenbürtiger Gegner. Er lehnte es ab, mit ihm zu polemisiren. Gildemeister, Wahrmuth, E. v. Hartmann, namentlich Treitschke hat er in würdiger entschiedener Weise bekämpft. Am 27. Tecember 1889 legte er sich in ungebeugter geistiger Frische nieder zum Sterben. Wir schließen, am Ende einer flüchtigen Betrachtung angelangt, mit den Worten des Biographen M. Kayserling: „Philippson, der über ein halbes Jahrhundert auf der Zinne der Zeit stand, ist mit der Geschichte der Juden, ihren Kämpfen um die bürgerlichen Rechte und die staatliche Gleichstellung, und ebensowohl mit der Entwicklung der Geschichte des Judenthums so innig verknüpft, daß er nur im Zusammenhänge mit derselben richtig erkannt und gewürdigt werden kann", und fügen die tröstlich erhebenden Worte des Meisters selbst beschließend hinzu: „Von der Ahnung, daß alle Bestrebungen und Anstrengungen des zurückgelegten Lebens vergeblich gewesen, die Saat ohne Frucht, das Geschaffen e o h n e L e b e n, von solchen stürmischen und zer st örendenMein ungen habeich nichtsempfunden." I. S a s ch a r. Correjpondemen. Ueber den Zioniften-Congretz erhalten wir folgende Telegramme: Basel, 28. August. Heute wurde in Basel der zweite Zionistencongreß eröffnet. Bon Delegirten sind 350 anwesend. Schriftsteller Dr. Herzl aus Wien eröffnete den Congreß und bezeichnet als nächstes Ziel der Zionisten, sich an den Cultuswahlen zu betheiligen. Mit großer Heftigkeit greift er die Rabbiner an, welche zwar gemäß beit Satzungen und Vorschriften der mosaischen Confesfion für die Wiederherstellung eines zionistischen Reiches beten wenn es sich darum handelt, einen Versuch zur Verwirklichung des Gedankens zu machen, nichts davon wissen rvollen. Dr. Herzl erwähnt dann der Skepsis, mit welcher die Idee der Gründung einer jüdischen Nationalbouk ausgenommen wurde. Die Skepsis sei unbegründet — die Bank werde noch im Laufe dieses Jahres eröffnet werden. Hierauf besprach Max N o r d a u (Paris) die Lage der Juden im letzten Jahre. Bei der Schilderung der Zustände Frankreichs kam er auf die Affaire Dreyfus zu sprechen. Die Mehrheit der Franzosen glaube an das tendenziöse Märchen von einem jüdischen Syndicate, welches das Vaterland verrathen wolle. Dieses Märchen vom Syndicate sei mit dem Blutmärchen auf eine Stufe zu stellen. Aber eben dieser Umstand sei betrübend, da man ja wiffe, mit welch' intensivem Erfolge die Erzählung von gemordeten Christenkindern unwissende Geister packe. Die Gesammtheit der Juden betrachte die Dreyfus-Affaire als Privatsache, der antisemitischen Hetzpresse sei es Vorbehalten gewesen, in diese die Judenfrage hineinzuzerren. Nordau meint, er könne den Juden den Vorwurf der Indolenz nicht ersparen. Denn zahlreiche Christen hätten in großem Edelmuth die Pflicht erfüllt, die ihnen ihr Gerechtigkeitssinn eingegeben. Wäre Dreyfus ein Christ, so hätten sich hunderttausende für ihll eingesetzt mit Muth und Entschlossenheit. Eine glänzende Ausnahme unter den Juden bilden die Namen Lazare (Tücherschwenken und Beifall), Bahar — beide zionistische Delegirte — und Reiuach. Wie zahlreichen Christen stehen doch diese wenigen Juden gegenüber! So vor Allem Zola (bei Nennung Zola's erhebt sich die Versammlung zu stürmischem Beifall), Scheurer-Kestner (erneuerter Beifall). Der Glaube an das Syndicat entspreche der allgemein verbreiteten Ansicht von der Solidarität der Juden, die aber Nordau in der Dreyfus-Affaire schmerzlich vermißt. Die Theilnehmer trugen nun Nordau zu seinem Sitze und wählten ihn in das Bureau zum Vicepräsidenten, Dr. Herzl zum Präsidenten, Professor G a st e r aus London, Dr. M a n b a u m aus Kiew und Bernhard Lazare zu Beisitzern. Bei den Commissionswahlen wurde ein Antrag auf Berücksichtigung der organisirten Arbeiterschaft eingebracht. Derselbe gelangte, trotzdem sich das Präsidium dagegen ausspricht, zur Annahme, aber mit ausdrücklicher Verwahrung gegen seine principielle Bedeutung. Eine lebhaftere Debatte entspinnt sich bei starker Opposition über die st r e n g e Geschäftsordnung. Dr. Herzl, welcher ein Mandat der B o r y slawer Grubenarbeiter erhalten hat, brachte die Beschwerden über ihre Lage vor, die aber als nicht zum Congreßprogramm gehörig von der Tagesordnung abgesetzt wurden. W o l f s o h n aus Köln beantragt, daß die Berathung socialer Fragen vom Congresse überhaupt auszuschließen sei. Der Antrag wird abgelehnt, dagegen der Beschluß gefaßt, die Entscheidung über solche Fragen dem Präsidium von Fall zu Fall zu überlaffen. Wie hier verlautet, sind von den erforderlichen 24 Millionen des Grundcapitals für die prozectirte Colonialbank erst ls/* Millionen gezeichnet worden. Basel, 29. August. Zweiter Berhandlungstag' In der heutigen Sitzung des Zionistencongresses wurde dem Ausschuß das Absolutorium ertheilt. Auf eine Anfrage, welche politischen Schritte in Betreff der galizischen Excesse unternommen werden, erklärt Herzl (Wien), daß die Zionisten der inneren Politik fernestehen. Aschkenase (Lignc) beantragt eine Kundgebung an den Czar für das Abrüstnngsmanifest und ein Memorandum an die bevorstehende Staatenconserenz um Rückgabe Palästinas.

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