Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 644 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 35 Seele, die den Namen, den sie und ihre Kinder tragen, von diesem schrecklichen Schmutz gereinigt sehen will. Ich rufe Dir, wie allen Änderen, immer und immer wieder zu: Muth und abermals Muth! Küsse die lieben Kinder für mich und sage ihnen, wie lieb ich fie habe! Eine christliche Stimme «ber Galizien aus dem Anfänge des 19. Jahrhunderts. Der Gelehrte Schuttes, Professor an der Universität zu Krakau, der im Jahre 1806 die Karpathen bereist und in geographischer, physischer und naturhistorischer Hinsicht beschrieben hat*), entwirft folgende Schilderung von Galizien: „Hier in Galizien ist die Cultur auf der untersten Stufe. Nicht Bürger-, nicht Gatten-, nicht Vaterpflicht kennt der polnische Bauer, nur Branntwein — eau de vie, eigentlich eau de mort de Pologne — ist die Hauptursache seiner Lähmung und Apathie gegen alles Menschliche. Die Sonne scheint sich in Galizien nur zu erheben, um dem Bauern den Weg in die Trinkstube zu zeigen. Schon vor zehn Ubr Morgens findet man Mann und Weib, Herrn und Diener so sehr betrunken, daß sie sich nicht mehr erkennen; so wird auch der Pflug nur von den Ackerslenten auf das Feld geführt, die vor Rausch nicht mehr stehen und vor Abspannung sich nicht mehr sortschleppen können. Hier kann der Bauer weder lesen noch schreiben; hier macht er des Tages hundertmal das Zeichen des Kreuzes und reist zehn Meilen weit, um einen Ablaß zu gewinnen, aber er raubt, er besaust sich, er ist ausschweifend, ein elender Wirth, ein schlechter Bürger und der schlechteste Soldat. — Dessenungeachtet gibt es in Galizien eine Art Menschen, welche es allein noch zu verdienen scheint, daß sie diese ebenso schöne, als fruchtbare Gegend bewohnt. Ich spreche nicht von den Deutschen, welche man in diese Provinz eingeschoben hat und bei deren Wahl größtentheils das Princip der Römer, die vorzüglichsten Männer in die neueroberten Provinzen zu schicken, nicht befolgt wurde. — Ich spreche von den Söhnen Israels. Sie sind die Schneider, Schuster, Tapezierer, Kürschner, Glasmacher, Goldarbeiter, Graveurs, sie poliren die Steine und bebauen die Felder, die sie in Pacht haben, besser, als ihre christlichen Nachbarn, weil sie das Gesäme von der Fremde mitbringen. Das Vier, welches sie brauen, ist fast das einzige trinkbare; sie sind überall die Gastwirthe und oft finden sie etwas, womit sie sich stärken können, mitten in einer Wüste, in einem Dorfe, das ein Israelit bewohnt, während ihnen alle christlichen Einwohner einer Kreisstadt für ihr Geld ein Stück Brot verweigern. Ich habe niemals Geld von den Israeliten geborgt, wie jene, die gegen ihre Gläubiger geschrieben und gehandelt haben, anstatt ihnen zu bezahlen. Ich habe also auch keinen Vortheil davon, daß ich meine Meinung zu Gunsten der Abstämmlinge Israels ausspreche, die ich für das Wohl von Galizien eher nothwendig und nützlich halte, als schädlich." Mehr als hundert Jahre sind verflossen, daß Galizien österreichisch ist. die Cultur hat in diesem Lande noch keine Fortschritte gemacht, sie steht auf derselben Stufe wie vor der Theilung Polens, vielleicht noch um einige Grade niedriger; die Cultur der galizischen Juden ist nach der Schilderung, die Professor Schuttes von ihnen im Jahre 1806 gemacht, sogar zurückgegangen, da heute 90 Percent der galizischen Juden in Noth, Elend und Unwissenheit vegetiren und demzufolge auch ihr moralisches Niveau bedeutend' gesunken ist. In zwanzig Jahren der österreichischen Vertvaltung im Occupationsgebiete haben diese Länder, wie Jeder, der den bosnischen Pavillon in der Jubiläumsausstellung besucht, sich überzeugen kann, bewundernswürdige Fortschritte in der Cultur gemacht. Vielleicht könnte Herr v. Kalay mit der Mlssion betraut werden, auch etwas Cultur nach Galizien zu tragen? Der Staat hat nicht nur das Recht, von seinen Völkern Opfer an Gut und Blut zu verlangen, er hat auch die Pflicht, für deren physisches und geistiges Wohl Sorge zu tragen! I. W—m—r. Mechaniker Schneider auf Reisen. Der . Reichsrathsabgeordnete Mechaniker Schneider bereist gegenwärtig Galizien und hält mit den bekannten galizischen Antisemitenführern „Conferenzen" ab. Am verflossenen Freitag weilte Schneider in Lemberg einige Stunden, er kehrte im „Hotel de France" ein, wo er im Laufe des Vormittags mit den Führern der Lemberger Antisemiten conferirte. Am Nachmittag setzte er seine Reise in Galizien fort. — Die Früchte der Schneid er'schen Reise dürsten wahrscheinlich in einer Serie neuer Ritualmordmärchen bestehen. Goethe und die Deutfchnationaleu. In der soeben erschienenen 2. Auflage von „Goethes Unterhaltungen. mit dem Kanzler Friedrich v. Müller" (Stuttgarts I. G. Cotta, 1898) findet sich folgender Ausspruch Goethes: „Verpflanzt nnd zerstreut wie die Juden in aller Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heil aller Nationen zu entwickeln, die in ihnen liegt." (S. 2.) *) Siehe „Annalen der Literatur des österreichischen Kaiserthums, Septemberhest 1807". Und Kanzler v. Müller führte in seiner Gegenwart aus: „Die höchste Stufe der Cultur und Humanität sei Duldung und heiteres Bewußtsein, daß alle Disharmonie früher oder später in Harmonie sich auflösen werde und müsse!" (S. 2.) Wolfgang Menzel, der bekannte Literarhistoriker und Feind H. Heines, wird seitens der Antisemiten für ihre Interessen in Beschlag genommen. Und doch übersehen sie geflissentlich den Aufsatz, den er im „Literaturblatt" 1833 Nr. 20/21 veröffentlicht hat, als sich die' Badische Kammer gegen die Emancipation der Juden wehrte. Der Aufsatz schließt mit den Worten (s. G. Rießer's gesammelte Schriften. Frankfurt a. M. 1867. Bd. II. S. 574): „Wenn wir den Juden noch länger ihre Menschenrechte vorenthalten, so verdienen wir, die unseren auf immer zu verlieren." Eine Philippfon-Mographie. (Von M. Kayserling. Leipzig, 1898.) Wer einen Helden wählt und es unternimmt, dessen Leben und Wirken wahrheitsgetreu niederzuschreiben, darf niemals, so bedeutend der Mann auch sei oder scheine, ihn isoliren, ihn loslösen von Zeit und Umgebung, ihn von dem Milieu trennen! Der Hintergrund verleiht das Relief. Auch wird ein moderner Biograph den Menschen als Glied einer Reihe, als Ring in einer Kette betrachten, die geistigen und leiblichen Ahnherren nicht übersehen und die lachenden Erben der Bemühungen nicht vergessen; er wird uns sagen, inwieweit der Mann hinter seinen größeren Absichten zurückgeblieben ist, denn, wer nicht mehr als das Erreichbare anstrebt, erscheint von vornherein als viel zu klein für eine Lebensbeschreibung und verdient keine. Wer Alles kann, was und so wie er es will, der will eben zu wenig, und die äußerste Unbescheidenheit der Anforderungen, an sich selbst — die einzig zulässige — ist mit ein Merkmal der Größe. Diese Erwägungen hat sich M. K a y s e r l i n g in Budapest, der seine Feder verständig nnd gewandt, mit Geist und Mäßigung führt, ohne Zweifel vorgelegt, ehe er daran schritt, Ludwig Philippson ein würdiges Denkmal »aere perennius« zu errichten. An einer ähnlichen Arbeit, der gediegenen Moses Mendelssohn - Biographie, hatte er seine Kräfte bereits vorher versucht und bewährt. Alle Quellen erforschte er mit Gewissenhaftigkeit und die verstaubtesten Jahrgänge der vergessensten jüdischen Zeitschriften fast eines ganzen Jahrhunderts blätterte er spähenden Blickes nach. Das fleißig zusammengetragene Material verwerthete er keineswegs in der Weise literarischer Abfallsammler und Notizensieder, auch nicht als braver Index-Verfertiger — ganz im Gegentheil! — er verlebendigte und vergeistigte alle Daten und Facten Die berühmte, schon mehr berüchtigte ..deutsche Gründlichkeit" ist hier übertroffen von einer besseren, jüdischen. In zehn Bücher gliedert er seinen Band von Vierthalbhundert Seiten: I. Jugend. 2. Erste Zeit öffentlicher Wirksamkeit. 9. Verwenden für Glaubensgenossen. 4. Innere Wiedergeburt. 5. Religionswissenschaftliche Schriften. 6. Magdeburg. 7. Belletristische Schriften. 8. Anregungen nnd Schöpfungen. 9. Literarische und öffentliche Thätigkeit im Ruhestande. 10. Letzte zehn Jahre Schon hieraus ersieht man ungefähr die Reichhaltigkeit des Gebotenen. Die Form ist eine anregende, die Sprache von wohlthuender Schlichtheit. Der Verfasser vermeidet überhitzte, überblümte Ausdrucksweise. Seine Feder geht ihm nicht durch. Den zu schildernden Gegenstand behält er sicher im Blick. Gleichwohl wird er nicht nüchtern oder trocken. Der Leser folgt mit Vertrauen und überläßt sich seiner sicheren Führung, die ihn von einer armseligen Wiege in Dessau bis zu einem Grabstein mit stolzer Inschrift in Bonn am Rhein geleitet. Früher noch als von der Wiege hebt Kayserling mit des Vaters kurzem Lebensabriß an, der hebräischer Gelehrter und Poet, Lehrer und Schriftsteller, Büchermacher und Bücherverkäufer zugleich war, und überanstrengt blutjung verstorben ist. Der Witwe mit drei unmündigen Kindlein hinterließ er einen geachteten Namen, einen Haufen hebräischer Bücher und Schriften, aber nichts sonst weiter. Rührend ist's nun zu lesen, wie das brave, auf Gott vertrauen-d jüdische Weib darangeht, Brot und Bildung in's Hans zu schaffen, wie sie mit des Gatten hebräischen Büchern die Messe bezieht und dann sieht, daß Spielsachen besser begehrt sind als Ernste sachen. Ohne Anwendung von schlagenden Beweismitteln, durch Liebe und Güte allein, erzieht sie ihre drei Kinder. Ludwigs geistige Gaben regen und entwickeln sich frühzeitig. Damals sentte sich ein mysttscher Same tief in des Knaben empfängliche Seele. Drei lange Jahre hindurch war die Schwester an dem merkwürdigsten Leiden schwer erkrankt. Schreikrämpfe gingen in somnambulistische Zustände über. Die Leidende führte die seltsamsten prophetischen Reden in pathetischer Weise. Eine Erleuchtete? eine Verzückte? eine Besessene? jedenfalls eine Kranke. Ludwig schrieb ihre Visionen zumeist religiöser Richtung getreulich nieder. Dadurch gerieth nun seine eigene junge Seele in merkwürdig bewegte Zustände hinein. Er ging auf den guten Ort hinaus und sang, ivenn er sich allein wußte, den Todten hebräische Psalmen vor, nach eigenen Melodien über die lang sich hinstreckenden Hügelreihen. Nepos und