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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Vloch's Wochenschrift Sette 643 Zweiter offener Brief an Seiner Wohlgeboren Herrn J. U. Dr. Jacob Scharf. Landtagsabgeordneter, Stadtverordneter rc. rc. in Prag. Euer Wohlgeboren! Aus Ihrer an die geehrte Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift", auf Grund des § 19 des P.-G. gerichteten und von dieser in Ihrer Nummer 34 veröffentlichten Zuschrift vom 22. August d. I. ersah ich vor Allem, daß mein in Nummer 33 an Ihre hochgeehrte Adresse gerichteter offener Brief seinen besonders erstrebten Zweck erreicht hat und Ihnen rechtzeitig zugekommen ist. Sie haben sich, hochgeehrter Herr Doctor, auch beeilt, diesem „offenen Briefe" eine Erklärung, Entgegnung, ein Dementi, oder, wenn es Ihnen besser paßt, eine Berichtigung geneigtest zukommen zu lassen; aus der Hast, mit welcher dies geschehen, läßt sich schließen, daß der ergebenst Gefertigte ins Schwarze getroffen hat! Es sei Ihnen, hochgeehrter Herr Doctor rc. rc., in aller Form constatirt, daß Ihr ergebenst Gefertigter weder Augennoch Ohrenzeuge der Sitzung des Prager Stadtverordnetencollegiums vom 8. August d. I. war; die Vorgänge, die sich bei derselben für Euer Wohlgeboren so charakteristisch abgespielt, wurden ihm bekannt durch die Sitzungsberichte der Tagesblätter „Bohemia", „Prager Tagblatt", „Narodni listy" und „Pravo Lidu", also je eines deutschliberalen, eines jüdischliberalen, eines jungczechischen und eines socialdemokratischen Blattes. Jedes dieser Blätter brachte diesen Bericht je nach seiner eigenen Parteirichtung mehr oder minder gefärbt, in allen diesen Berichten spiegelte sich das schadenfreudigste Behagen über den Affront, den Ihnen speciell Ihr „Freund" Breznovsky in seiner bekannten Liebenswürdigkeit zugedacht hat; ein kritisch geschulter Leser sämmtlicher dieser Berichte mußte unbedingt zu dem Endresultate gelangen, daß das Benehmen des Herrn Breznovsky Ihnen gegenüber von mir in seinem Wesen vollkommen typisch beurtheilt worden und es daher ganz irrelevant bleibt, ob er die Worte, in welche ich seinen Umgangston Ihnen gegenüber formulirte, auch wörtlich gebraucht hat oder nicht. Sie waren also, hochgeehrter Herr Doctor rc. rc., mit Ihrer „Berichtigung" rasch bei der Hand! Der ergebenst Gefertigte ist ein sehr fleißiger Leser der czechischen Publicistik und kennt also sehr genau die bei uns landesübliche Praktik, mit welcher auf Grund des § 19 P.-G. einer Redaction eine „Berichtigung" mit den üblichen „es ist nicht wahr" an den Kopf geworfen wird und erlaubt sich. Euer Wohlgeboren zu erklären, daß Ihre „Berichtigung", ums das Meritum meines „offenen Briefes" betrifft, nicht nur nicht dementirt, nicht einmal berichtigt, sondern dasselbe vollinhaltlich bestätigt hat. >' Ihre „Berichtigungen" hätten folgendermaßen lauten müssen: 1. Es ist unwahr, daß ich f. U. Dr. I. Scharf, Herrn Breznovsky je als meinen „Freund" (muj pfitel) bezeichnet habe. 2. Es ist unwahr, daß ich J. U. Dr. I. Scharf, meine jüdisch-czechischen Parteigenossen vorigen Jahres haranguirt habe, diesen meinen Freund Breznovsky in den Reichsrath zu wählen. 3. Es ist unwahr, daß die gesummte czechische Presse antisemitisch ist. 4. Es ist unwahr, daß ich s. U. Dr. I. Schars, als Landtagsabgeordneter dem jungczechischen Parteiverbande angehöre, weiters ist unwahr, daß dieser Parteiverband und dessen Organ, die „Narodni listy", officiell ausgesprochene antisemitische Tendenzen cultiviren, es ist unwahr, daß ich f. ü. Dr. I. Scharf, für die jungczechische Partei innerhalb der böhmischen Judenheit Propaganda betrieb und noch betreibe. 5. Es ist unwahr, daß infolge dieser meiner mitunter nicht wählerischen Propaganda in den kleinen jüdischen Landgemeinden Zwietracht gesäet und so mancher ihrer würdigen Functionäre um's Amt und in Verzweiflung gebracht wurde. Derart und nicht anders hätten Sie, hochgeehrter Herr Doctor :c. rc. in einer „jüdischen" Zeitung berichtigen und sich vertheidigen müssen, um die Ihnen in meinem „offenen Briefe" in Nr.. 33 d. Bl. ergebenst gestellten Anwürfe, als jeder Berechtigung entbehrend, zu entkräften. Sie haben es nicht gethan, weil Euer Wohlgeboren es nicht thnn konnten! Und nun hochgeehrter Herr Doctor rc. rc. sei Ihnen ergebenst gedient: Ich bin weder zünftiger Journalist, noch habe ich mich sonst in die öffentlich politische Arena gedrängt. Meinen „offenen Brief" an Euer Wohlgeboren habe ich „einem unwiderstehlichen Zwange" gehorchend „begangen". Ich war nicht so unbescheiden, mich als den Wortführer, wenn auch eines kleinen Theiles der böhmischen Judenheit, zu geriren, ein bei uns hierzulande ziemlich allgemein beliebtes Agitationsmittel; ich sprach in eigenem Namen, jedoch in der überzeugten Hoffnung, daß dieser mein Nothschrei, weil dem jüdischen Gefühl abgezwungen, bei vielen meiner Glaubensgenossen Widerhall finden möge. Ich glaube diesen Zweck erreicht zu haben, und irre ich mich nicht, auch bei Ihnen, hochgeehrter Herr Doctor! Ich bitte Sie inständigst, mich dieserhalb nicht zu desavouiren, wünsche Ihnen und uns Allen eine Kesiwoh wachasimo touwoh und ein Schenas geuloh wijeschoh und endlich wünsche ich, es möge uns böhmischen Juden auch mit Ihrer und Ihrer Parteigenoffen Mithilfe vergönnt sein, im Jubiläumsjahre unseres allgeliebten Kaisers und Königs, getreu dessen Wahlspruche, unsere leider verloren gegangene und uns so dringend nöthige Einigkeit wieder zu erlangen. Belohorsky. Briefe von der Teufelsinsel. Von den Briefen des C a p i t ä n s Alfred Dreyfus aus der Gefangenschaft versendet der Verlag von Siegfried Cronbach zu Berlin die Aushängebogen einer autorisirten Uebersetzung. Diese neuesten Actenstücke zu der schrecklichen Tragödie bilden einen stattlichen Band. Ihr Inhalt wird durch das beigefügte Schreiben der Frau Lucie Dreyfus an einen Abgeordneten zutreffend charakterisirt. „Lesen Sie diese Briefe," so schreibt die Frau des Gefangenen auf der Teufelsinsel, „Sie werden in dieser unverdienten, entsetzlichen Todesqual nichts Anderes hören, als einen langen Schrei des Protestes, als eine lange Betheuerung der Unschuld, als eine unbesiegliche Liebe zu Frankreich." Aus den Briefen von Dreyfus greifen wir den folgenden heraus: 24. April 1897. Theure Lucie! Ich will in Erwartung Deiner liebeU Briefe mit Dir plaudern, nicht um von mir zu sprechen, sondern um Dir immer dieselben Worte zu sagen, die Deinen unzerstörbaren Muth unterstützen sollen, und dann, um aus verzeihlicher, menschlicher Schwachheit mein gefoltertes Herz an Deinem leider nicht weniger gefolterten zu erwärmen. Ich überlas Deine Briefe vom Februar. Du wunderst Dich, Du entschuldigst Dich beinahe, wegen der aufrührerischen Schmerzensschreie, die Dir manchmal entfahren. Entschuldige Dich deshalb nicht, sie sind nur zu sehr berechtigt. Glaube mir, ich habe in diesem langen Todeskampfe der Gedanken dieselben Schmerzen kennen gelernt. Ja, gewiß ist das alles entsetzlich; kein menschliches Wort vermag solche Schmerzen wiederzugeben, auszudrücken, und manchmal möchte man heulen, so unsagbar ist solch ein Schmerz. Ich habe auch schreckliche, gräßliche Augenblicke, um so entsetzlicher, als mein Schmerz verhalten ist. als nie eine Klage über meine stummen Lippen dringt, und dann bricht meine Vernunft zusammen, und alles zerreißt und empört sich in mir. Ich erzählte Dir schon längst, daß ich oft in meinen Träumen dachte: Ach, nur einige Minuten lang einen von den elenden Helfershelfern des Urhebers dieses schändlichen Verbrechens in Händen haben, und ich würde ihn. müßte ich ihm auch die Haut fetzenweise vom Leibe reißen, zum Geständniß der feilen Ränke bringen, die sie gegen unser Land schmieden. Aber all das, Schmerzen und Gedanken, sind nur Träume, — und man muß die Wirklichkeit im Auge behalten. Die Wirklichkeit aber ist immer dieselbeIn dieser schrecklichen Angelegenheit steht ein doppeltes Interesse auf.dem Spiele, das des Vaterlandes und das unserige, das eine so heilig, wie das andere. Deshalb will ich nicht zu begreifen suchen und nicht wissen, warum man mich alle diese Qualen ausstehen läßt. Mein Leben gehört dem Vaterland, heute ebenso wie gestern, es mag es nehmen; aber wenn ihm auch mein Leben gehört, so ist es doch seine unverjährbare Pflicht, in dieses schreckliche Drama volle Klarheit zu bringen, denn meine Ehre gehört ihm nicht. Sie ist das Erbgut unserer Kinder, unserer Familien. Folglich kann ich Dir, theuere Lucie, Dir und Allen nur immer wiederholen: Ersticket Euer Herz, unterdrücket Euren Verstand. — Soweit es auf Dich ankommt, mußt Du heldenmütig und unbesieglich, gleichzeitig Mutter und Französin sein. Jetzt von mir zu sprechen, Geliebte, das vermag ich nicht. Wenn Du wüßtest, was ich duldete, was ich litt, Deine Seele würde vor Schrecken erbeben, und ich bin auch nur ein menschliches Wesen mit einem Herzen. Dieses Herz ist übervoll.^ und ich habe ein Bedürfniß, einen Durst nach Ruhe. Ach! stelle Dir einen solchen Tag von 24 Stunden vor, mit seinen entsetzlichen Minuten, w i e ich ihn in der absolute st en Unthätigkei t, mitden D a u m e n s p i e l e n d, g a n z allein m i t m e i n e u Gedanken verbringe. Ich konnte solchen Qualen bisher nur darum widerstehen, weil ich oft den Gedanken an Dich und unsere Kinder, an Euch, zu Hilfe rief, und dann wußte ich auch, daß Ihr alle gleich mir leidet. Nimm also, Geliebte, Alles, komme was da wolle, auf Dich, leide schweigend, — als eine Mutter mit hoher und stolzer

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