Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 642 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 35 Die läppische Ausführung eines Artikels, der den Titel trägt: „Risum teneatis, amici“ gipfelt darin, daß Rußland seinen Antrag selbst nicht ernst nimmt, sondern nur einen „schlauen Schritt" unternommen hat, um gegenüber den anderen Mächten als „gutmüthiger Friedensfreund" zu erscheinen. Die eigene verächtliche und niedrige Denkungsart unterschiebt das „D. V." auch dem russischen Kaiser. Die Zufriedenheit und Wohlfahrt der Völker würden den Antisemitismus freilich verschwinden machen und politische Straßentypen vom Schlage Vergani's wären der Lächerlichkeit verfallen. Heutzutage sind sie noch gemeinschädlich und eines Maulkorbes bedürftig, in Zukunft könnte man sie unbedenklich frei herumlaufen lassen. * * * In Ischl hat zwischen einem protestantischen Musiker und einem katholischen Priester ein Conflict stattgefunden, der zur Verhaftung des Musikers wegen Religionsstörung führte. Der Musiker soll nämlich den Priester, welcher sich auf dem Gange zu einem Sterbenden befand, durch Pfeifen verhöhnt und durch ein Schimpfwort insultirt haben. Wenn das richtig ist, wird der Musiker der verdienten Strafe gewiß nicht entgehen. Aus diesem Vorfall, an welchem die Juden doch gewiß unschuldig sind, die Berechtigung zu einer wüthenden Judenhetze abzuleiten, dazu gehört alle Verlogenheit und Niedertracht, die sich im „Deutschen Volksblatt" conceutrirt. Es haben nämlich anläßlich der Verhaftung in Ischl einige Blätter auf die Staatsgrundgesetze hingewiesen, nach denen zu einer religiösen Handlung Niemand gezwungen werden kann, und es als unzulässig bezeichnet, daß ein Priester wegen bloßer Nichtbezeugung der von ihm geforderten Ehrfurcht einen Passanten zur Rede stelle. Diese Blätter sind natürlich „Judenblätter", und unter gehässiger Verdrehung dessen, was diese Judenblätter schrieben, wird den Lesern des „Deutschen Bolksblatt" vorgelogen, daß die Juden eine Hetze gegen katholische Priester veranstalten. Diese Lüge ist natürlich darauf berechnet, das religiöse Gefühl aufzustacheln und zum Haste gegen die Juden aufzureizen. * * * Die Niedertracht, die da geübt wird, geht so weit, daß das „Deutsche Bolksblatt" sich erfrecht, beim Allerhöchsten Hof die Juden als Leute zu denunciren, welche die katholischen Priester insultiren, und mit besonderem Wohlgefallen citirt das „Deutsche Volksblatt" die „Allgemeine Sportzeitung", die bei Hof gelesen sei, und reclamirt sie als Gesinnungsgenossin. Herr- Victor Silberer hat sich da in eine Gesellschaft begeben, die seiner nicht würdig ist. Wenn er sich auf den Standpunkt der Schicklichkeit stellt, so wird er schwerlich von irgend Jemandem einen Wiederspruch erfahren. Was hat die selbstverständliche Forderung, daß man einem Priester in Ausübung seines Amtes angemessen begegne, mit Antisemitismus und. Judenthum zu thun? Herrn Silberer hätten wir etwas mehr Geschmack zugemuthet, als daß er durch den Wunsch, die „Neue Freie Presse" zu kritisiren, sich in die zweideutige Situation begibt, von einem V e r g a n i gelobt zu werden. Bei allem Respect vor priesterlichen Functionen wird Herr Silberer doch nicht die Behauptung aufstellen wollen, daß die Staatsgrundgesetze durch die Anforderungen der Schicklichkeit derogirt werden, und daß andererseits das Benehmen eines Geistlichen niemals einer sachlichen publicistischen Kritik unterzogen werden dürfe. Herr Cooperator Peer theilte selbst mit, wie er sich Glaubensgenossen oder Andersgläubigen gegenüber zu verhalten pflege, denen er begegnet. Nun gestatten wir uns die bescheidene Anfrage: Sieht der hochwürdige Herr den Leuten ihren Glauben an der Nase an und ist ein Jrrthum ausgeschlossen? Dieser Tage erst veröffentlichte ein Wiener Friseur ein Eingesendet, in welchem er erzählte, ein Geistlicher habe ihn mit den Worten angerempelt: ..Saujud steh mir nicht im Weg!" Auch in diesem Falle hat sich ein Geistlicher geirrt und ein guter Katholik war, wie dies bei der praktischen Anwendung der Racentheorie sehr oft geschieht, das Opfer antisemitischen Thatendrauges. Wie denkt Herr Victor Silberer über die Schicklichkeit in diesem Falle? Wenn man das Benehmen jenes Geistlichen radelt, der einen Wiener Bürger ohne jeden Grund beleidigt, weil er ihn für einen Juden hält, heißt das gegen katholische Priester hetzen oder die christliche Religion verunglimpfen? Soll man das Benehmen eines Pfarrers Deckert, eines Grafen Colloredo, eines Dietrich, eines Scherzer rc. sich ruhig gefallen lassen, weil sie Priester sind? Man lese doch das Memorandum, das der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bartoli als Präsident der societa politica istriana an den Ministerpräsidenten Grafen Thun gerichtet hat. Der Abgeordnete beschwert sich über die Bischöfe von Veglia und Triest, weil sie es dulden, daß Geistliche den Nationalitätenkampf schüren. Betreibt auch Dr. Bartoli eine Priesterhetze? Alle Achtung vor den religiösen Empfindungen, allein die Feinfühligkeit darf nicht einseitig gefordert werden. Herrn Silberer speciell hatten wir für feinfühlig genug gehalten, eine Kritik der Blätterstimmen von antisemitischen Allüren rein zu halten, es wäre denn, daß die Zeitströmung ihn zu einem Opfer des Jntellects verleitet hätte. * * * Der Herausgeber der „Allg. Sportzeitung" glaubt aus dem Vorgehen der „Judenpreffe" die Folgerung ableiten zu dürfen, wie nothweudig der Antisemitismus sei „als Gegengewicht gegen diese Preßjuden, denen unsere Priester als vogelfrei gelten und die es dahin bringen möchten, daß wir erbgesessenen Katholiken im eigenen Lande uns von den zugelaufenen Juden dieser Sorte in unserer Religion drangsaliren und in unseren religiösen Gebräuchen einschränken lassen müßten". Herr Victor Silberer hat sich als Zielrichter bei Regatten ausgezeichnet bewährt, allein als oberstem Richter über die gesammte „Judenpresse", wenn wir schon diesen mit den sonstigen aristokratischen 'Allüren des beliebten Sportsmannes contrastirenden Ausdruck gelten lassen, erlauben wir uns, ihm die Einwendung der Inkompetenz zu unterbreiten. Die Redacteure der meisten „Judenblätter" besitzen vielleicht annähernd denselben Grad von Bildung und Tact, wie Herr Victor Silberer. Es ist in der gebildeten Welt nicht Sitte, von unbescholtenen Journalisten als von „zugelaufenen Juden" zu sprechen, und daß sie es darauf abgesehen hätten, die Christen in ihren religiösen Gebräuchen zu stören, ist eine Anschuldigung, für die nicht der allergeringste thatsächliche Anhaltspunkt vorhanden ist. Die Lehren des Judenthums verbieten geradezu die Geringschätzung einer anderen Religion, und keinem anständigen Juden wird es jemals einfallen, religiösen Uebungen einer gesetzlich anerkannten Kirche mit Geringschätzung zu begegnen. Das hätte Herr Silberer eigentlich wissen sollen, und wenn er es nicht gewußt hat, so erlauben wir es ihm nunmehr zu sagen, damit er seine irrige Anschauung zu berichtigen in der Lage sei. Das können wir Herrn Victor Silberer nämlich durchaus nicht zumuthen, daß er gegen sein besseres Wissen, nur um dem Antisemitismus zu dienen, unbegründete Pauschal-Anschuldigungen erhebt. Das mag er getrost Herrn V e r g a n i allein überlassen, der zwar auch Katholik ist, aber wegen eingetretener Verjährung nicht erbgesessen. Christliche Nächstenliebe und Judenhaß sind nach den Glaubenslehren beider Coufeffionen gerade so unvereinbar wie Judenthum und Christenhaß. * * * Der ostdeutsche „volkliche" Antisemitismus wetteifert bekanntlich mit dem Antisemitismus von der christlich-socialen Spielart in socialpolitischer Unzurechnungsfähigkeit. Das „deutfchvolkliche" Organ des Herrn K. H. W o l f macht das „Judenthum in der Industrie" zum Gegenstände einer sentimentalen Betrachtung, aus welcher der Weltschmerz eines offenbar verkannten Genies über die Erfolge der Juden auf industriellem Gebiete in die urteutonischen Gaue hinausdringt. Insbesondere die Chemie ist entsetzlich verjudet, der Verein österreichischer Chemiker „strotzt" von Juden, und auch die wissenschaftliche Presse ist in Judenhänden. Man muß gestehen, daß Vergani die Judenhetze viel rationeller betreibt als Herr ,K. H. Wolf, resp. als der vermeintliche Bekämpfer des „Judenthums in der Industrie". Der Obligationär von Mühldorf überschüttet zwei Mal täglich das Judenthum mit einem Kübel pöbelhafter Beschimpfungen und findet damit den Beifall jenes Lesepublicums, auf dessen Umgangsformen und Bildungsgrad der Ton des „Deutschen Volksblattes" gestimmt ist. Der tiefgekränkte, auf das Linzer Programm dressirte Chemiker von der „Ostdeutschen" aber macht unbewußt den Juden eine Reclame, die wir selbst als übertrieben bezeichnen müssen. Wenn es richtig ist, daß vorwiegend die Juden als Industrielle die größten Erfolge aufzuweisen haben, dann gereicht ihnen das gewiß nur zur Ehre, und der gramdurchfurchte deutschnationale Chemiker macht sich mit einem solchen vermeintlichen Angriffe einer Abirrung des ursprünglichen Willens schuldig, die lebhaft an Bileam's Privatsecretär erinnert. Robert Wolf.