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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Bloch'» Wochenschrift Seite 341 Vom Jahrmarkt des Lebens. Sensationelle Wendung in der Dreyfus-Affaire. Verhaftung des Oberstlieutenants Henry. — Der Schuldbeweis gegen Dreyfus ein Falfificat. . In der Affaire Dreyfus ist eine sensationelle W e n d un g eingetreten. Aus Paris, 30. August, wird telegraphisch gemeldet: Die „Agence Havas" veröffentlicht folgende Note: Im Cabiuete des Kriegsministers wurde heute Oberstlieutenant Henry als der Autor des vom October 1896 datirteit Brief es, i n w e l ch e m D r e y f u s genannt ist, erkannt, und er g e st a n d auch diese Thatsache zu. Der Kriegsminister verfügte sofort dieVer- Haftung H e n r y's, welcher nach d e r F e st u n g Mont Valerien gebracht wurde. Diese seusationelle Entdeckung ist ein neues Beweismittel für die ohnehin bereits festgestellte Thatsache, daß der unglückliche Capitän Dreyfus das Opfer eines Justizmordes und das Opfer eines nichtswürdigen Complots ist, welches die Erforschung der Wahrheit bisher gehindert hat. Der Kriegsminister selbst hat die Verhaftung des Oberstlieutenants Henry angeordnet; wir glauben, die Nachricht müßte stündlich erwartet werden, daß die Revision des Processes Dreyfus angeordnet worden ist. Der vom Oberstlieutenant Henry gefälschte Brief ist derselbe, welchen Kriegsmiuister C a v a i g u a c als unumstößlichen Beweis der Schuld Dreyf u s' in der Kammer verlesen hat. Gerade dieser Brief stellt sich nun als das F a b r i k a t e i n e s F ä l s ch e r s heraus. Oberstlieutenant Henry ist Chef des Jnformationsbureaux des Generalstabs, der Nachfolger des Oberstlieutenant Picquart, der auf Grund der Zeugenaussage gerade dieses Fälschers Henry, wonach er geheime Actenstücke indiscret behandelt haben soll, sich in Haft befindet. Der sensationelle Zwischenfall, welcher mit einem Schlage die Situation verändert hat, ruft in Frankreich die größte Aufregung hervor und es ist selbstverständlich, daß ein Umschwung der gesammten Meinung unausbleiblich ist. Die Fälscher sind entlarvt, die Wahrheit ist auf dem Wege! Das Geständniß Henryks. Das „N. Wr. Abendblatt" meldet aus Paris vom 31. August: Die Nachricht von der Verhaftung des Oberstlkeutenants Henry ruft außerordentliches Aufsehen hervor. Jeder fühlt, daß ein Ereigniß vorliegt, welches unab? sehbare Folgen nach sich ziehen kann. Jedenfalls scheint heute Eines gewiß, daß die Revision des Processes Dreyfus durch keine Macht der W e l t m e h r v e r h i n d e r t werden kann. Oberstlieutenaut Henry, einer der Urheber des an dem Hauptmann Dreyfus begangenen Justizmordes, hat gestern Abends vor dem Kriegsminister Cavaignac das Geständniß abgelegt, daß er die Fälschung begangen, um zu verhindern, daß die Unschuld Dreyfus' zu Tage komme. Die Fälschung, um welche es sich handelt, ist jener vielberufene Brief, welchen ein auswärtiger Militärattache an seinen Collegen geschrieben haben soll und worin er dringend ersucht, von den Beziehungen zu D r e y f u s n i e m a l s zu sprechen. Es ist dies jener absolute Beweis für die Schuld Dreyfus', dessen Echtheit General Pellieux, General Gons e und General Boisdeffre im Prozesse. Zola eidlich bekräftigten. Der Belästigung gab Letzterer noch durch die Demissionsdrohnng besonderen Nachdruck. Es ist dies jener Brief, welchen Cavaignac als unumstößlichen Beweis f ü r die Schuld Dreyfus' in der Kammersitzung vom 7. Juli verlas, indem er hinznfügte: „I ch h a b e d i e materielle moralische Authenticität des Schriftstückes nach gründlichster Prüfung s e st g e ft e l l t." Oberst Picquart, welcher sich erbötig gemacht hat, nachzuweisen, daß das Schriftstück eine plumpe Fälschung sei, wurde bekanntlich auf Befehl Cavaignac's ins Gefängniß geworfen. lieber die Art, wie Cavaignac dazu kam, das Verbrechen H e n r y's zu entdecken, wird berichtet: Cavaignac hatte seit Kurzem Zweifel betreffs der Echtheit seines unumstößlichen Beweises gefaßt. Es scheint, daß die Verhöre des Untersuchungsrichters F a b r e mit Oberstlieutenant Henry und das Ergebniß ber gegen Esterhazy eingeleiteten Disciplinaruntersuchung hiefür einige Anhaltspunkte geboten haben. Gestern Abends ließ Cavaignac Oberstlieutenant Henry rufen, um ihn einem Verhöre zu unterziehen. General Roger, der Cabinetsdirector des Kriegsministers, wohnte demselben bei. Henry wurde befragt, wie der famose Brief in seine Hände gekommen sei. Henryverwickelte sich i» W i d e r s P r ü ch e, g e r i e t h i n w a ch s e n d e Aufregung und legte schließlich das Geständniß ab, er habe den Brief selbst fab ricirt, um die uothwendig gewordenen neuen Beweise für die Schuld Dreyfus' herbeiznschaffen. Henry versuchte d a r z u l e g e n, e r h a b e d e n G e n e r a l st a b r e t t e n w o l l e n, doch schnitt Cavaignac den weiteren Rechtfertigungsversuch ab, indem er die Verhaftung Henry's anordnete. Cavaignac, welchen die sensationelle Enthüllung in begreifliche Aufregung versetzt hatte, begab sich sofort zu B r i s s o n, um ihn über das Vorgefallene zu unterrichten. Brisson billigte das Vorgehen Cavaignac's vollständig, worauf Henry unter Gendarmerie-Escorte nach der Festung Mont Valerien gebracht wurde. Selbstmord Henry's. Paris, 1. September. Der verhaftete Oberstlieutenant Henry entleibte sich mittelst Rastrmeffers. Der G e n e r a 1 st a b s ch e f B o i s d e f f r e hat seine Demission gegeben. Präsident Faure Unterzeichnete die E n t l a s s u n g E st e r h a z y's aus d e m Arme everbände. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Der russische Kaiser und Ernst Bergani. — Antisemitische Verleumdung. — Ein Malheur für Herrn Dilberer. — Ein Opfer des Intellekts. — Einiges vom guten Ton. — Unbeabsichtigte Reclame.) Das Friedensmanifest des russischen Kaisers ist, abgesehen von seiner allgemeinen politischen und kulturhistorischen Wichtigkeit, auch sür die Juden von vielverheißender Bedeutung. Ein Monarch, der von so edlem Drang erfüllt ist, der Welt den Frieden und den Wohlstand zu sichern und die Völker von den Lasten des Militarismus zu befreien, kann es unmöglich dabei bewenden lasten, daß seine jüdischen Unterthanen von den Wohlthaten des Friedens und des culturellen Fortschrittes ausgeschloffen bleiben. Bon einem solchen Fürsten dürfen wir hoffen, daß er auch den Juden in seinem großen Reiche die bürgerliche Gleichberechtigung nicht versagen wird. Die Erlangung des Wohlstandes für die Völker ist das Ziel, welches dieser Monarch sich gesetzt hat; wird dieses Ziel in absehbarer Zeit erreicht, dann verliert die Judenfrage ihre Schärfe, denn die Nothlage großer Bevölkerungsschichten, die sociale Unzufriedenheit ist die Grundlage des Antisemitismus. Die gesammte europäische Presse begrüßt das Manifest des Czaren als eine epochale Tbat, als ein historisches Ereigniß von unübersehbarer Tragweite. Das Wiener „Deutsche Bolksblatt" allein macht eine klägliche Ausnahme.

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