Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 640 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 35 dem nicht heizbaren Oien steht eine gypserne Luegerbüfle. Im Zimmerchen der Kinder ist der uns so freundlich gesinnte Bürgermeister sehr effectvoll unter Glas und Rahmen gleichfalls anzutreffen. Es wurde von Seiten des würdigen Hauseigenthümers mehr als einmal bedauert, daß Büsten von Gregorig, Bergani und Schneider noch nicht im Handel erhältlich wären, und man darf es dem braven Manne schon glauben, daß er, der für die geringste Neuanschaffung oder Reparatur im Hause, welche zur möglichen Bequemlichkeit der Inwohner bienen könnte, keinen Kreuzer übrig hat, mit Wonne bereit wäre, die größten Geldopfer zu bringen, um — uns zu ärgern. Das Anschlägen einer ganz Leinen Mesusa wurde uns schroff verwehrt, weil wir ihm seine Thüren, seine wundervollen Thüren. die schief in ihren Angeln hängen, schlecht schließen, gesprungen und geborsten sind, und die vor dreißig Jahren vielleicht angestrichen waren — ruiniren und außerdem noch nebenbei ein bischen sein Haus — verhexen könnten. Ja wohl, „verhexen" — am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts! An gar nichts dürfen wir rühren, sonst wäre gleich die Hölle los, und der ganze antisemitische Hausrath muß an Ort und Stelle verbleiben. Wir wohnen nämlich Parterre — sehr feucht, Abends Niederschläge — und von der Straße aus kann unser Haustyrann Alles, was wir thun oder lasten, genau contcoliren, und er controlirt auch. Was etwa seiner geschärften Aufmerksamkeit entginge, rapportirt ihm getreulich die treffliche Gattin und ein mit seinen Gesinnungen innig vertrauter und sie theilender böhmischer Hausbebesorger nebst wackerer, keifender Ehehälfte. Alle Mitbewohner des Hauses — wir sind die einzigen Juden darunter — sind Abonnenten und eifrige Leser des Verganiblattes, was durchaus nicht zu verwundern ist, da es bei ihrem niedrigen Bildungsgrade die einzige für sie geeignete Lectüre ist. Daß aber daraus laut vorgelesen wird — und zwar nur dann, wenn wir im Garten unser Nachtmahl einnehmen — um uns herauszufordern, ist eine aparte Sache. Würden wir es wagen, uns das höflich zu verbitten oder gar energisch zu verbiete», so würde das voraussichtlich von gar keiner Wirkung sein und die Leute sähen nur, daß sie uns geärgert haben, und diese Freude möchten wir ihnen denn doch nicht so ohneweiters bereiten. Wir sind sehr friedliche ordnungsliebende Leute, die nicht zum Bezirksgericht laufen wollen, und die sich lieber ein Unrecht ruhig gefallen lasten, als daß sie dagegen reagirten und remonstrirten. Vielleicht, Herr Doctor, finden Sie, daß es angezeigter wäre, sich kräftig aller Unbill zu erwehren und sich dagegen aufzulehnen? Aber das liegt eben nicht in unserer Gemüthsart. Wir sind durchaus keine Kampf- und Streitnaturen. Uebrigens sind die Leute manchmal wirklich scheinbar anständiger gegen uns, als gewöhnlich. Doch das gehört zu den selteneren Ausnahmen. Die Höflichkeit und zeitweilige Gutgelauntheit unseres Haustyrannen erscheint uns dann noch weitaus unerträglicher, als seine grollenden Blicke, seine verhaltene Mißstimmung oder seine brutalen Zornesausbrüche. Da ist er von einer so unangenehmen Zutraulichkeit und klebrigen Liebenswürdigkeit, und gar nicht mehr zum Loskriegen; da spricht er in unserem Dialect, mit unseren! Tonfall — das heißt, er versucht es, sich ihm anzunäheru, wie er es eben vermag; da spricht er am liebsten mit mir oder mit meinem Mann über unsere hohen Feiertage, über die Beschneidung, und entwickelt uns seine geläuterten Ansichten. Auch über die „Mazes" schwätzt er, über den „Zeder", und titulirt herablastend meinen Gatten, der viel zu gutmüchig sich Alles von seiner huldvoll herablassenden Unverschämtheit gefallen und bieten läßt, consequent: „Liaber Herr van Schabbas". Zuweilen beliebt es ihm auch, uns gewaltige Complimente zu machen, was wir doch, und nur wir ganz alleinig, in der weiten Welt für angenehme, feine und gesittete „Uesrailütten" wären. Das thut er aber blos, um dann nur um so ungenierter über alle Uebrigen herfallen zu können, welche er für nichtswürdig und verabscheuenswerth erklärt, und denen Ausbrennen oder Abschießen am allerwohlsten thäte. Wir wehren die in solcher Form angebrachten Schmeicheleien nach Möglichkeit ab, weil wir schon wissen, wohin er damit abzielt und was gleich nachfolgt. Er beabsichtigt nämlich nichts weiter, als uns zutraulich und gesprächig zu machen, wenn er auf sein Haupt- und Leibthema kommt, den Ritualmord. Er verlangt nichts Geringeres von uns harmlosen Landbewohnern, die zur Erholung und vor der Hitze in der Stadt uns zu ihm geflüchtet haben, als daß wir ihm ein bischen die Richtigkeit des grausen Blutrituales im Sinne Deckert-Rohling- Schneiders bestätigen sollen. „Gengans, liaber Herr van Schabbas" girrt und flötet er, „machens do kane so Gschichten, wo mir do hierzt ganz unter uns san — i bitt ihna gar schön — was is denn da dabei, wegn so an Tröpferl Bluat, deffntwegn muaß ja ans no net glei hin werdn, war nit schlecht, und was der heilige Glaub'n schafft, dös muaß jo g'scheg'n, meiner Söl und God, und wann i selber a Herr Uesrailütt war, i war ja a nit anderst ..." Vergebens ist unser Ersuchen, uns doch mit derlei Dingen, namentlich in der Hitze der Hundstage, zu verschonen, wir fürchten nämlich mit allem Grund, daß eines Tages die Hundswuth bei ihm ausbricht und er läuft immer so maulkorblos herum, er läßt aber nicht so leicht locker, bis er sich endlich grollend zurückzieht und was murmelt wie „Judenbagaschi", ein Beiwort hinzufügend, welches unsere Reinlichkeitsliebe in Frage stellt oder eins, das uns nicht als sonderlich wohlriechend bezeichnet. Im Vorbeigehen stößt er wohl auch noch mein kleines Mäderl roh aus der Wiese: „Jüdischer Bankert, gehst mr auffi glei aus mein Gras oder i reiß d'r no Deine Ohrwascheln aus . . .", oder ähnlich. Wir machen uns jedoch gar nichts mehr aus Derartigem, weil wir es im Laufe der Monate vollständig gewohnt worden sind und unsere feineren Sinne sich dagegen völlig abgestumpft haben. Schließlich kann er uns ja doch nur Pöbelhaft gemeine Schimpf- und Scheltworte zurufen; uns zu beleidigen, ist er ja doch nicht im Stande! Diese Anschauungen habe ich auch bei meinen beiden Knaben entwickelt, und die kleinen Burschen behandeln derlei mit geradezu stoischer Gelassenheit als Ausbrüche eines kranken Hirns und vergifteten Gemüthes. Seine Gattin treibt es womöglich noch ärger. Sie kaust nicht bei Juden ein und macht in diesem Sinn die eifrigste Propaganda. Sie liegt fortwährend dem Herrn Hetzcaplan in den Ohren, der mir auch meine beiden alten Dienstboten, welche durch volle neun und fünf Jahre bei mir ganz zufrieden gewesen sind, glücklich abgeredet hat. . . Doch nun käme ich in Hausfrauengeschichten hinein, und das gäbe kein Ende. Deshalb rasch abgebrochen! Fragen wir die Hausleute, warum sie bei solchen Gesinnungen eigentlich an Juden vermiethen, so lächeln sich die zwei sehr verständnißinnig zu und die Antwort ist leicht zu errathen: weil die Juden viel besser als die Christen zahlen, und sich dann für ihr theueres Geld noch alle Unbequemlichkeiten, Chikanen und Gemeinheiten bieten lassen und dieselben ruhig einstecken. Als die Dienstmagd unseres edlen Quälerpaars ihren Ausgang hatte, und wie das ja schon vorzukommen Pflegt, sobald nicht nach Hause kam, wurden wir aus der Ruhe herausgetrommelt und mit verdächtigenden, unheimlichen Blicken ausgefragt, ob wir nichts von dem Verbleib des Mädchens wüßten. Er glaubte doch nicht; daß wir sie ihm abgestochen und unter der „Zeder" aufgegessen hätten? Uebrigens ist dieser gewaltthätige Dummkopf für das Dümmste gerade gut genug, um es zu glauben. Zu unserem Glück kehrte das Weibsbild doch noch, und zwar unter militärischer Bedeckung, nach 3 Uhr- Morgens heim und zwar in ziemlich lebendigem Zustande, und wir waren für diesmal gerettet. Wir gaben ihr etwas Geld und nahmen ihr dafür das feierliche Versprechen ab, in Zukunft nie wieder so lange über die Sperrstunde auszubleiben. Haben wir wenig gebraucht und bürgerlich gespart, waren wir die schmutzigen Juden, die auf ihrem Geld sitzen und Keinen leben lasten, haben wir uns einmal an Festtagen etwas vergönnt, sprengte man uns gleich als Protzig-jüdisch aus und verspottete uns. Gingen wir zuin Feuerwehrfest, so drängten wir uns vor^ blieben wir beim Berschönerungsabend daheim, galten wir für hochnäsig und knickerisch. Es war absolut nichts recht zu machen und Alles in Allem eine sehr angenehme Sommerfrische, welche wir noch lange in der Erinnerung bewahren werden. Besten Dank, Herr Redacteur, für die Geduld und Nachsicht, welche Sie vielleicht allzu redseligem Ausführungen einer israelitischen Hausfrau und Mutter erzeigen werden, und genehmigen Sie gleichzeitig den Ausdruck meiner besonderen Verehrung und Hochachtung Rosa L—n.