Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr.BIoch's Wochenschrift Seite 639 Gemüthes ein wenig auf, wird aber Dankdem intelligenten christlichen Theil der Bevölkerung bald wieder ausgejätet, so daß sich die ganze Wirkung dieser herzlosen Spekulation blos auf einige eingeschlagene jüdische Fensterscheiben beschränkt, ohne in dem bisherigen guten Verhältnisse zwischen Christen und Juden eine nachhaltige Trübung Hervorbringen zu können. Anders ist es jedoch in den von Schwaben bewohnten Gegenden, selbst in nächster Nähe der Hauptstadt. Dort steckt im Blute der vor einigen Jahrhunderten eingewanderten Deutschen neben dem Ungarhaß auch noch der Judenhaß mit ungeschwächter avitischer Rohheit, und zuweilen kommt dieser um so stärker rum Ausbruche, als diese schwäbische Helden ihrem Ungarhaß eine Luft machen können, denn mit so einem Magyaren ist nicht rathsam „anzubandeln", der hat eine wuchtige „Betyarenfaust", aber eineni armen, alten, schwachen jüdischen Hausirer gegenüber, da kann man schon seine arische „Kiritagskurasch" zeigen. Es dürfte noch in Aller Erinnerung sein, wie vor zwei Jahren in dem von Budapest nur zwei Stunden entfernten Schwabendorfe Budaörs die Bauernburschen den alten kranken Hausirer Gottlieb auf grausamer Weise buchstäblich zu Tode hetzten. In den verflossenen Wochen wurden wieder viele Klagen laut gegen die deutsche Bevölkerung der Sommerfrischen Nagy-Maros und Budakesz, wo vorwiegend Budapester jüdische Familien übersommern und dadurch der Ortsbevölkerung ein beträchtliches Einkommen zuführen. Ja zur Zeit, als die Philloxeraplage so rapid ihre Weingärten vernichtete, waren es die jüdischen Sommerfrischler — es sind ihrer alljährlich einige Hundert Familien dort — die sie vor dem gänzlichen Ruin retteten. Heute, wo sie sich mit Hilfe des jüdischen Geldes neue Weingärten anlegten, fallen die bäuerlichen Wohnungsvermiether ohne Grund über wehrlose Juden und Jüdinnen her und regaliren sie mit ihren arisch - classischen Schimpfwörtern wie „Saujud", stinkender Jud u. dgl. Diese traurigen Erscheinungen sind offenbar auf die Wühlarbeiten zurückzuführen, die der niedere Clerus, oft auch der verdienstvolle Schulmeister, in solchen Gemeinden in neuester Zeit wieder aufnimmt. In rein ungarischen Gemeinden verfangen solche Hetzereien nicht. Ungarn bleibt hoffentlich auch immer der Hort der Gewissensfreiheit und Cultur, worin Jeder ohne Unterschied des Glaubens seine industrielle, merkantile und wissenschaftliche Kraft unbeschränkt entfalten und dadurch das Land und dessen Metropole zu stetem Aufschwünge bringen kann. Dies wünschen und verkünden auch fast alle führenden Geister Ungarns, und so findet man unter ihnen nicht nur keine Antisemiten, sondern vielmehr Philosemiten, die ihre Judenfreundlichkeit öffentlich bekennen, wie dies erst kürzlich wieder unser berühmter Romancier und Oberhausmitglied Moriz Jokai that, als er gelegentlich eines Interview dem Correspondenten der „FrankfurterZeitung" sagte: „Wir fürchten den Clericalismus nicht. In der ungarischen Race steckt von jeher die religiöse Toleranz. Wir sind aufrichtige Philosemiten und wir wollen, daß der tüchtige fleißige Jude bei uns sich wohl fühle und uns conform sei. Jüdische Landwirthe und Mischehen mit ihnen gibt es bei uns massenhaft." Auch ein anderer unserer bedeutendsten christlichen Publicisten, der Schriftsteller und Gelehrte B«la T o t h, äußerte sich vor einigen Tagen in einem Artikel sehr schmeichelhaft über die ungarischen Juden: „Diese Palastreihen, diese Ringstraßen, diese ganze große Stadt, Alles ist das Werk jüdischen Unternehmens, jüdischen Muthes, jüdischen Geistes, jüdischen Geldes. Und was nicht von Juden selbst gemacht wurde, ist das Werk eines Schülers der Juden. Daß das Bauen der Paläste kein Luxus, sondern ein kluges Geschäft, Fabriksanlagen kein wahnwitziges Risico, sondern Vermögenszuwacks ist, die moderne Großstadt Leben, Reussiren, Wohlleben bedeutet: dies Alles haben wir von den Juden gelernt. Aber auch daran haben die Juden rühmlichen Antheil, daß das neue Budapest nicht blos ein riesiges Steinconglomerat, sondern die mächtigste Burg des Magyarismus, Ungarn in Ungarn ist; denn sie waren überall mit dabei, wo Verstand, Geist, Talent, Wissenschaft und Arbeit etwas für die Nation thun konnte. Derjenige lügt, der zu sagen sich erdreistet, daß es unter uns bessere Ungarn gibt, als die gebildeten Juden sind. Der Gradmesser des Magyarismus unserer Judenschaft ist die Bildung. Das ist eine unbestreitbare Wahrheit; und daraus folgt, daß die jüdische Handelswelt deshalb nicht genügend ungarisch ist, weil sie nicht genügende Bildung besitzt." Die Spitze dieser Bemerkung ist nämlich gegen jene wenigen jüdische Kaufleute gerichtet, die noch zäh an den überkommenen fremdsprachigen Aufschriften ihrer Firmatafeln festhalten, dadurch sozusagen die nationale Achillesverse unserer sonst schon total magyarisirten hauptstädtischen Judenschast bilden und deshalb oft Gegenstand wohlwollender Angriffe von Seite unserer ungeduldigen Heißsporne sind. Früher oder später werden ja doch auch noch die wenigen alten jüdischen Kausleute der jüngeren Generation Platz machen müssen, und diese wird gewiß nicht zögern, derartigen Recriminationen vorzubeugen. Einen andern Gegenstand, ebenfalls wohlwollender aber entschiedener Stellungnahme der Presse gegen einen Theil unserer Glaubensgenossen, bildete die nach den antisemitischen Unruhen in Galizien von dort erfolgte massenhafte Einwanderung der brotlosen Juden. Selbst die extremsten Blätter behandelten diese Sache mit feinem Tacte und begründeten ihre Forderungen der Grenzsperre gegen diese Ueberfluthung der ohnehin armen oberungarischen Comitate blos mit national-ökonomischen Argumenten. Diese Forderungen wurden sogar von den leitenden Männern der ungarischen Judenschaft unterstützt, da eine solche Invasion nicht nur eine schwere pecuniäre Belastung der dortigen ohnehin armen jüdischen Bevölkerung nach sich zöge, sondern sie wäre geradezu ein Hemmschuh für die endlich auch unter den im nordöstlichen Ungarn wohnenden Juden beginnende Magyarisirung, welche bei ihnen, da sie zwischen den an ihren nationalen Sprachen festhaltenden Ruthänen und Slovaken eingekeilt wohnen, ohnehin langsam vor sich gehen kann. Es wäre Pflicht der galizianischen Rabbiner und Gemeindevorsteher, diejenigen, die nach Ungarn auswandern wollen, davon energisch abzuhalten, da sie sonst die Lage ihrer ungarischen Glaubensgenossen gefährden würden. B. M. Nus drr Sommerfrische. (Brief einer Abonnentin.*) „Auf dem Lande, auf dem Lande, Da sind Tugend und Verstand". Wilhelm Busch. Geehrer Herr Redacteur! Wollen Sie mir gütigst gestatten, Ihnen unsere kleinen Erlebnisse und großen Leiden aus der Sommerfrische vorzutragen und veröffentlichen Sie getrost meinen Brief, falls Sie finden sollten, daß er auch für weitere Kreise interessant und lehrreich genug ist. Den Ort selbst, welchen wir uns dieses Jahr zum Sommer- Sejour — leider, leider! — ausgesucht haben, dürften Sie aber doch den Lesern Ihrer Zeitung unter gar keiner Bedingung verrathen, denn sonst würden Sie uns unsere traurige Lage für die wenigen noch verbleibenden Wochen zu einer völlig unleidlichen gestalten, und außerdem dem Nest große Reclame bei unseren lieben Glaubensangehörigen machen, welche nächstes Jahr in Hellen Schaaren hieherziehen würden, um sich zu vergewissern, ob denn die Sache wirklich gar so schrecklich arg ist, und ob nicht ein wenig übertrieben wurde. Sie machen das immer so, unsere Leute! Wir selbst waren eigentlich auch nicht anders! Auch wir haben die warnenden Stimmen überhört oder ihnen keine besondere Bedeutung zugemeffen. Wir sind dafür hart bestraft worden an Geld, Bequemlichkeit und Seelenfrieden! Es war ein „schöner" Sommer und wir Alle freuen uns schon darauf, nach Wien mit seinen aufgerissenen Straßen, Sandhaufen und Gasröhren zurückzukehren, um von der ausgestandenen Erholung uns gründlich zu erholen. Wir können den Tag mcht erwarten und den großen Möbelwagen . . . Unser Hausherr, ein Maurer, der sich Baumeister schimpfen läßt, ist der enragirteste Antisemit, und Ritter Stampiglius gegen ihn der reine Nothnagel. Ueber unsere Betten hat er ein altes Oeldruckbild gehängt, vor welchem in rothen Gläschen Tag und Nacht ein kleines Flämmchen flackern muß, und hinter dem Rahmen gucken „Palmkatzerln" hervor. Und welche Betten! Man könnte nicht darinnen schlafen, wenn fie blos hart wären. Neben der Zimmerthür befindet sich ein Weihbrunnkessel und auf *) Wir geben den interessanten Ausführungen einer langjährigen Abonnentin, welche, ohne Schriftstellerin zu sein, doch ganz flink die Feder führt, gerne Raum, weil der einzelne Fall uns typisch erscheint für viele antisemitische Hausbesitzer und jüdische Sommer- Miether. Die Red.