Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 638 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 35 dem Sittengesetze in Dir folgen und Deinem Feinde helfen.) Auch dem rabbinischen Geiste, dem Talmud, war, wie Lazarus treffend hervorhebt, der kategorische Imperativ ein geläufiger Gedanke, und die Autonomie des Sittengesetzes wohl bekannt. Dies beweist schon die Thatsache, daß alle Handlungen, die gesammte Lebensführung l’schem schomajim sein sollte, also im Namen und zur Ehre des Himmels, ebenso die Forderung, daß das Gesetz lischmoh um seiner selbst willen und nicht um irgend eines Vortheiles willen ausgeübt werde. Utilitarismus und Endämonismus sind der jüdischen Ethik fremd. Zwar hat man in der Thora das Nützlichkeitsprincip finden wollen, da in ihr oft von Segen und Fluch, Lohn und Strafe die Rede ist; allein man hat, wie Lazarus treffend hervorhebt, vergessen, daß Drohung von Sttafe und Verheißungen nicht die Gründe des Gesetzes sind, sondern nur psychologische Mittel, um die Erfüllung der Gesetze zu sichern. Auch darf nicht vergessen werden, daß die Thora nicht blos ein ethisches Lehrbuch, sondern auch ein Gesetzbuch ist; ferner darf man auch den pädagogischen Standpunkt nicht übersehen, daß die große Maffe des Volkes der Erziehung und Entwicklung bedarf, um zur Stufe reiner Sittlichkeit zu gelangen. Im Talmud finden sich zahlreiche Aussprüche, welche auf die Autonomie des Sittengesetzes Hinweisen; es sei, abgesehen vom Ausspruche des Anttgonos aus Socho, nur hingewiesen auf den Satz Berachoth 17a: „Sßer das Gute aus anderem Grunde, als wegen des Guten selbst thut, dem wäre besser, nicht geboren zu sein". (Siehe auch Lazarus, Anhang Nr. 26, S. 405 ff). Doch „nicht auf einzelne Aussprüche kommt es indessen an, sondern darauf, daß aus der gesammten Lebensanschauung des rabbinischen Geistes sich der Hauptgedanke ergibt: nicht äußere, sinnliche, oder sonst natürliche Erfolge sind der wahrhafte Lohn der guten That, sondern der Lohn einer guten Handlung, weil der nothwendige Erfolg derselben, ist eine weitere gute Handlung" (S. 133f). Im 3. Capitel, „der Charakter der jüdischen S i t t e n l e h r e", wird nachgewiesen, daß die Ethik des Judenthunis nicht national, sondern universell ist. Der reine Monotheismus schließt schon einen Nationalgott aus. Treffend bemerkt Lazarus: „Wenn verschiedene Völker verschiedene Götter haben, so ist ein jeder derselben nothwendig der Gott seines Volkes, er ist ein Nationalgott; Gott, als der Eine erkannt, neben dem kein Anderer ist, kann nicht Nationalgott sein; mit der steigenden Erkenntniß, mit der Vertiefung der religiösen Idee verschwindet die nationale Beschränkung und Beschränktheit des Gottgedankens". (S. 146). Das Judenthum kennt keine aristokrattsche Stttenlehre; vor Gott gibt es keinen Fremdling. Gott ist Schöpfer aller Menschen, jeder Mensch ist im Ebenbilde Gottes geschaffen. Die jüdische Ethik, kennt auch keinen Racenstandpunkt. Der „ideale Antrieb allein, und nicht die Abstammung eutscheidet, so daß jeder Mensch aus jedem Volke den moralischen Werth und die sittliche Würde erreichen kann, die innerhalb Israels dem Hohenpriester zukommt." (S. 154). Der Weg zur Seligkeit steht nach jüdischer Lehre allen Menschen offen. Die Rabbiner lehren, Israel habe die Lehre empfangen, damtt alle Völker durch dieselbe begnadet werden. Wohl ist es wahr, daß es zwei Richtungen innerhalb des Judenthums gibt, die national-particularistische und die menschheirlich-universalistische. Lazarus aber weist überzeugend, und meines Wissens zum erstenmale nach, daß beide Richtungen nicht ethisch, sondern nur Psychologisch von einander verschieden sind. Wohl mußte die nationale Absonderung betont werden gegenüber den Heiden, da sie einem mit den größten Lastern und Verbrechen verbundenen Götzendienste ergeben waren; während aber die Heiden andere Völker kaum achteten, sie auch gar nicht als ebenbürttge Menschen betrachteten, so gehörte es zum besonderen parttcularen Gehalte der jüdischen Volksseele, daß „sie von der Verheißung und Hoffnung und Forderung des Uuiversalismus, der allgemein menschheitlichen Einheit im höchsten Lebensziel erfüllt war. Dies war ethisch bettachtet ihr stärkster und schärfster Gegensatz, ihr tiefdringender und ausschließlicher Vorzug gegen die anderen Völker; um diesen Vorzug zu Pflegen, ihn zur Geltung zu bringen, mußte Israel sich absondern, mit kurzen Worten: Israel mußte parti cularistisch sein, um universalistisch zu werden und zu bleiben." .... „Denn das erkennen auch die Vertreter des Universalismus, daß die Strenge des Gesetzes, die Starrheit der Ueberlieferung, diese feste Härtigkeit der Schale den zarten Kern des Jdealgehaltes beschützt und erhalten hat." (S. 163 f.) Ueber das ethische Ziel sind Particularisten und Universalisten einig; nur rechnen die Particularisten mit der „menschlichen Natur, dem Durchschnitt nach psychologischer Wahrscheinlichkeit, und fürchten den Verlust der Individualität und der Energie", die Universalisten rechnen mit der „ethischen Aufgabe und setzen ihre Hoffnung in die Macht der Idee". (S. 165.) Uebrigens haben abstracte Lehrsätze von „allgemeiner Menschenliebe" keinen Werth, wenn die Thatsachen das stricte Gegentheil beweisen. Das Judenthum aber begnügt sich nicht mit allgemeinen schön klingenden Sätzen, sondern stellt Rechtsgleichhheit auch gegenüber dem Fremdling auf; die Ethik des Judenthums nimmt infolge dessen nicht blos eine „hervorragende, sondern unvergleichliche und geradezu ausschließliche Ehrenstelle unter allen Völkern ein." (S. 172.) Einen ebenso hohen Standpunkt nimmt aber auch der Talmud ein, indem er hervorhebt, an 36 Stellen habe die heilige Schrift jede Kränkung des Fremden auch nur mit kränkenden Worten verboten. Mit Recht sagt Lazarus: „Man muß diese Hervorhebung der literarischen Thatsache mit der griechischen Anschauung des Fremden als „Barbaros" vergleichen, um den Höhengrad der sittlichen Anschauung des Talmud daran zu ermessen." (S. 180.) Dies sind in aller Kürze die wichtigsten Punkte aus dem 1. Abschnitte der „Ethik des Judenthums", der „Grundlegung der Sitte.nlehre"; den Inhalt des 2. Abschnittes werden wir in einem folgenden Artikel besprechen. Vudspester Brief. 30. August. Voll Spannung sieht hier Jeder der endlichen Lösung der Ausgleichsschwierigkeiten entgegen, welche diesmal durch die innerpolitischen österreichischen Wirren einen so ttisten Hintergrund erhalten. Wie ganz anders, wie glatt verliefen die Ausgleichsverhandlungen ehedem in der ante-antisemitischen Aera, als der Oberbonze aller christlich-socialen Wiener Arier noch nicht aus dem kurulischen Präsidentenstuhl des schönsten Rathhauses saß, und Herr von Lueger anstatt in magistratsoberhoheitlicher Würde über die Rentabilität seines neuen Gasunternehmens noch blos als einfacher Anwalt über den Werth der Beuschel nachzudenken hatte. Wann immer aber die Ausgleichsverhandlungen zum Abschlüsse gelangen, es bleibt das unbestrittene ewige Verdienst des jetzigen Bürgern«eisters von Wien, die Bande, welche die Reichshälften bisher so innig verknüpften, stark gelockert zu haben, denn — uni mit seinen geflügelten Worten zu sprechen — „die Judäo-Magyaren" sind durch die steten Verhetzungen in den Wiener Bierhausern und — si licet componere — Reichstagsversammlungen erst recht zum Bewußtsein ihrer politischen Nüchternheit und Präponderanz gelangt. Herr Dr. Lueger und Consorten trieben mit ihrem wüsten Geschimpfe auf Ungarn das Wasser geradezu auf die politische Mühle unserer Unabhängigkeitspartei, sie führen den Ungarn praktisch die Lehre vor, daß man social-politisch ja nicht so tief sinken darf, wie drüben in Oesterreich; und daß Budapest die großstädtischen Errungenschaften des jetzigen Wiener Gemeinderathes nicht zu beneiden hat. Ein.kleines Häuflein gibt es freilich auch bei uns, den« die Lorbeeren der cisleithanischen Rassen- und Classenverhetzer keine Ruhe lassen, und das ist unsere Volkspartei, deren parlamentarische Vertrerer sich ihre Mandate nur in den an Oesterreich angrenzenden Wahlbezirken holen konnten, welche von dem Giftschaum der über die Grenze herüberschlagenden Schmutzwellen inficirt werden konnten. Die Provinzpartisane dieser kleinen Fraction wissen nur zu gut, daß ihre Parteiprincipien bei den toleranten Magyaren keinen Anklang finden. Deshalb versuchen sie es in jüngster Zeit, um der Regierung neue Verlegenheiten zu bereiten, ihre haßgetränkten Politischen Lehren dem Bauernvolke nach der anderswo so oft bewährten Methode einzuflößen. Auf den Aberglauben des primitiven Volkes speculirend, verbreiten sie jetzt neue Blutmärchen über die Juden. So entstand vor Kurzem in zwei Städtchen: Tab und Szolnok, wo der Bau der neuen Synagogen sehr langsam von statten geht, die unsinnige Märe, daß die Juden ihre Gotteshäuser deshalb nicht fertig bringen können,, weil ihnen dazu noch — Christenblut fehle. Die giftige Saat solch niederträchtiger Verhetzung schießt wohl auf den Mistbeeten manch' bäuerlichen Unverstandes und rohen