Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 634 Dr. Bloch's Wochrnschrist Nr. 34 Feuilleton. Der Letzte. Erzählung von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Einen Moment regte sich denn doch in der verknöcherten Seele des hartherzigen Purkhammer ein Fünkchen gerechter Bewunderung für den edlen Mann, welcher der Menschheit ein so ungewöhnlich hohes Opfer zu bringen vermochte; — aber im nächsten Moment war es schon unter dem Wüste eines krassen Egoismus, jener geistigen Gewohnheittsträgheit, welche das Heraustreten aus altgewohnter Bahn als allzuschweres Opfer betrachtet, erstickt, und er erwiderte mit offenbarer Schadenfreude: „Sie sehen es ja, Herr Regierungsrath, Sie stehen mit Ihren gewagten Anschauungen und Bestrebungen so ziemlich vereinzelt iu Oesterreich! Ich spreche nur von Juristen und Beamten. So viel mir bekannt ist, hat bis jetzt in Oesterreich sich nur ein einziger Maun von Bedeutung, Hofrath von Martini, auf Ihre Seite gestellt und hat in seinem auf Befehl Ihrer Majestät der Kaiserin entworfenen Jus civitatis gleichfalls gegen die Tortur gesprochen. Sie wissen es, Herr Regierungsrath," fuhr Purkhammer mit einem giftigen Lächeln fort, „Ihre Bemiihungen wurden hohen und allerhöchsten Ortes nicht immer wohlwollend ausgenommen, so daß Sie von der hohen Behörde .,zu mehrerer Vorsichtigkeit und Zurückhalten im Schreiben und Vorlesen angewiesen und Ihnen insbesondere über die Tortur und Todesstrafe Stillschweigen auferlegt wurde." *) Allerdings .vermochte diese Rüge noch immer nicht Ihren Feuereifer zu dämpfen, und Sie überreichten Ihrer Majestät eine neue „Schutzschrift," wie Sie zu neunen beliebten, iu welcher Sie behaupten, daß die pflichtschuldige Obedienz, welcher zufolge, Sie in Ihren Vorträgen die peinliche Frage nicht berühren, rrcht der Freiheit einer ehrerbietigen Vorstellung wiederstreite." **) Sonnenfels blickte erstaunt auf und sagte mit bitterem Lächeln: „Ich hatte nicht geahnt, daß Sie mit dem Inhalte meiner Schutzschrift so vertraut wären." „O! ich kenne noch eine zweite Ihrer directen Eingaben an die Kaiserin. Als Ihre Majestät infolge Ihres Andrängeus von allen Landesstellen Gutachten über die Aufhebung der Tortur abfordern ließ, hatte sich der Referent der uiederösterreichischen Regierung mit Lebhaftigkeit für die Beibehaltung ausgesprochen, was Sie zu einem Votum seperatum veranlaßte. Dieses gelangte zum Drucke und auf diese Weise auch zu meiner Keuntniß. Zum Beweise dafür will ich Ihnen die marcanteste Stelle, die ich meinem Gedächtnisse unverlöschlich eiugeprägt habe, anführen: „Die Folter, welche die Rechtschaffenheit Niemandem sicherstellen, nicht die Zernichtung der Gesundheit, die Verstümmelung des Körpers, die Befleckung der Ehre, die Geringschätzung der Mitbürger abwenden kann, vereinigt weit größere Gefahren über dem Haupte der Bürger, als alle Diejenigen waren, denen zu entziehen wir den gesellschaftlichen Vertrag errichtet und uns Regenten und Gesetzen um Schutz iu die Arme geworfen."***) Sonnenfels blickte von Neuem betroffen auf. „Meine Gegner sind vortrefflich von allen Schritten unterrichtet, die ich zu Gunsten meiner Bestrebungen unternommen — und scheuen keine Mittel diese zu bekämpfen!" Sonnenfels blieb eine kurze Zeit in tiefes Sinnen versunken, dann sprach er: „Sie haben mich im Laufe unseres Gespräches mehrmals auf die Proceßacten verwiesen; ich bitte mir dieselben vollständig vorzulegen." Der Bürgermeister verbeugte sich schweigend. „Darf ich mir die Ehre nehmen, Sie, Herr Regierungsrath, auf Mittag zu Tische zu bitten? sprach er dann. „Ich würde Ihnen dringend ratheu, meine ergebene Einladung anzunehmen; in dem hiesigen Gasthose würden Sie nichts weniger als ein lukullisches Mal vorfinden." *) Wörtlich historisch. **) Wörtlich aus der Schntzfchrift. ***) Wörtlich aus: Votum separatum, VII. Band von Sonnenfels gesammelte Schriften (Wien 1785). „Ich beanspruche auch ein solches nicht," entgegnete Sonnenfels mit einem ernsten Lächeln, „und danke für Ihre Einladung. Ich will sofort an meine Arbeit gehen, und da werden mir kaum einige Minuten übrig bleiben, einen Schluck Wein und einen Bissen Speise zu nehmen." * * *. Piertes K ap it e l. Sonnenfels harte die Untersuchungsacten genau durchstudirt. Er mußte sich's gestehen; nach dem Wortlaute des Gesetzbuches und auf Grundlage der Ergebnisse des zu Recht bestehenden Gerichtsverfahrens konnte der Gerichtshof das über Duppau gefällte Urtheil rechtfertigen. Nur waren die Verhandlungen nicht in seinem Sinne geführt wurden. Die Vergangenheit des Angeklagten, der schon länger als ein halbes Jahrhundert gelebt, hätte genau durchforscht und erwogen werden müssen, in dem vorliegenden Falle umso mehr, als das einzige denkbare Motiv, das bei dem Mörder vorausgesetzt werden konnte — der höchste Grad der Rachgier — doch in irgend einer Weise schon früher bei diesem erkennbar hätte auftreten müssen. Ueberdies waren die Verhörprotokolle nicht mit jener Genauigkeit geführt worden, welche die Wichtigkeit des Gegenstandes erfordert hätte. Die Antworten des Juquisiten waren offenbar nicht wortgetreu wiedergegeben; es wurden ihm z. B. juridische Termina in den Mund gelegt, deren er sich ganz gewiß nicht bedient hatte. Wenn es auch immerhin möglich war, daß er mit seinen Worten denselben Sinn ausdrücken wollte, so war es doch unzweifelhaft, daß seine Aussagen in veränderter Weise wiedergegeben waren. Unter diesen Verhältnissen konnte es doch immerhin möglich erscheinen, daß nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt der protokollarischen Aufzeichnungen eine Modification erlitten hatte. Namentlich, und ganz besonders war es gerade der allerwichtigste Punkt in der Untersuchung, der im Protokolle mit auffallender Kürze behandelt war. Es war dies nämlich die Angabe des Geklagten, nach welcher sich der Gerichtshof berechtigt glaubte, zur Folterung schreiten zu dürfen. — Duppau hatte, gleich als er sich auf die allgemein gehaltene Aufforderung des Gerichtes, diesem zur Auskunftsertheilung gestellt, freiwillig angegeben, daß er sich in jener dunkeln Novembernacht in der Nähe des Thatortes befunden, und hätte dies auch kaum zu läugnen vermocht,. da ihn ja auch Wallbruck dort gesehen hatte. Sonnenfels mußte sich's gestehen, daß, nachdem auf den Juden schon der Schatten eines Verdachtes gefallen war, der Umstand, daß sich bezüglich der Zeitangabe zwischen Duppau und Wallbruck eine Differenz von zwei Stunden ergab, immerhin geeignet erschien, diesen noch um eine Nuance zu verstärken, und dieser erfuhr noch eine weitere Steigerung durch die Antwort, welche Duppau nach dem Verhörprotokolle auf die Frage: „Was hat Er bei Nacht auf dem freien Felde zu thun gehabt?" ertheilt hatte. Jene lautete nach den Acten: „Ich habe sehen wollen, ob sich der Himmel aufheitert, und es ist auch wirklich so gewesen. Wenn der Herr Dr. Wallbruck sich noch deutlich zurückerinnern kann, wird er dies bestätigen, da es ja nur dadurch möglich gewesen, daß wir Beide uns in der Nacht erkennen konnten." Gerade diese Aussage, so gravirend für den Verurtheilten sie auch beim ersten Anblicke erscheinen mußte, war ihm doch auffallend, gab ihm zu denken. Abraham Duppau war — diesen Eindruck hatte er aus dessen Aussagen empfangen — ein kluger, verständiger Mann. Wenn er nun in der That das Verbrechen begangen und gewußt hatte, daß er in der Nähe des Rodlerhofes gesehen worden, hatte er immerhin doch Zeit gehabt, sich einen plausibleren Grund für seine Anwesenheit zu ersinnen als gerade einen so vollkommen unglaublichen. Dieser Uulstand veranlaßte Sonnenfels zu glauben, daß dieser Theil des Protokolls nicht mit der so wünschenswerthen Genauigkeit wiedergegeben sei. Dem menschlichen, gewissenhaften, die Erforschung der Wahrheit anstrebenden Manne schien es, daß sich der Untersuchungsrichter nicht mit dieser lakonischen Antwort begnügen dürfte, daß die Antwort allermindestens eine unvollständige war, und es stieg in ihm der Verdacht auf, daß der Verhörrichter, um sich den Ruf eines gewandten Inquisitors zu bewahren und eine unangenehme Untersuchung rasch zu Ende zu führen, mehr darnach gestrebt, irgend einen plausiblen Thäter, als den richtigen aufzufiuden. Er beschloß von dem ihm eingeräumten Rechtenden Verurtheilten in seinem Kerker zu sprechen, Gebrauch zu machen. _ (Fortsetzung folgt.)