Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 34 Vr. Bloch's Wochenfchrifi Sette 637 schultere Leute braucht, als mancher Laie bisher anzunehmen gewohnt war. Ob der moderne Cantor. der religiösen, musikalischen und ästhetischen Fragen g l e i ch m ä ß i g nachzukommen sucht, auch sich sehr oft die Mißgunst Derjenigen zuzieht, die in Allem, was ihnen begegnet, den eigenen kleinlichen, sehr alltäglichen Standpunkt gewahrt wissen wollen, das bietet für seine Ehre weiter nichts Kränkendes. Im Gegentheil, es erniedrigt sich Jeder, der eine höhere Auffassung anfgibt und einer verdorbenen Geschmacksrichtung Zugeständnisse macht. Diese Zugeständnisse wurden solange gemacht, bis sich sehr bedenkliche Folgen für den Gottesdienst einstellten, nämlich das Interesse für denselben sich namentlich beim gebildeten Theile des Publicums sehr herabminderte. Bei dem einen Theil verstummte infolge eines noch herrschenden veralteten Gesangsstyles die weihevolle Stimmung, man verlangte Musik, die ohne den synagogalen Charakter zu verlieren, doch wieder nicht gänzlich so in Eigenthiimlichkeiten anfgehen sollte, daß sie dem Geschmacke eines gebildeten Menschen, auch wenn dieser ein noch so guter Jude ist, unerträglich würde. Die Andern hingegen fühlen sich erst wohl und verdrehen die Augen vor Entzücken, wenn vom Vorbeterpnlte her Töne dring-n, bei denen nicht sofort schlechtweg von einem Gesangston gesprochen werden kann, der abwechselnd wie Gestöhn, Geächze, Gekrächze und Geheul klingt. Bei solcher Production kann Jeder nach Belieben mitächzen, mitbrnmmen, mitschwatzen — das stört weiter nicht und liegt schon so in der Art. Da fanden sich Cantoren, die nicht nur innerhalb ihrer Gemeinden bezüglich einer würdigen Gestaltung des Synagogengesanges wirkten, sondern sie erweiterten ihre Thätigkeit, indem sie in jüdischen Zeitschriften alle Uebelstände aufdeckten und zugleich die Resultate musikalischer Forschungen bekannt gaben, soweit solche für den traditionellen Synagogengesang von aufklärender Wirkung waren. Herr- Josef Singer, Obercantor in Wien, war der Erste, dessen Forschungen greifbare Resultate ergaben. Seine „Steiger-Theorie" *) ermöglicht es jedem Vorbeter, der nur soviel musikalisches Wissen besitzt, um moduliren zu können, sich vollständig mit den Stylarten unseres Gottesdienstes vertraut zu machen. Scalen mit bestimmten Unterscheidungsmerkmalen bilden gewissermaßen ein Schema, und wendet man dieses an, so erhält man die erforderliche Melodie in ihren Grundzügen. Dem Fachmann bleibt es natürlich unbenommen, die Grundform der Melodie reich auszugestalten. Herr Singer ist somit der Erste gewesen, der es unternahm, die überlieferten Stylarten in ein S y st e m zn bringen, und es ist mindestens so interessant finden jungen Cantor mit Hilfe der neu gewonnenen Theorie Singer's sich die überlieferten Stylarten selbst zu construiren, als es früher geschah, durch fleißiges Zuhören zum Nachahmer irgend eines routU nirten Cantors zu werden. In einer Großgemeinde Ober-Schlesiens war es, wo der von neuen Idealen beseelte Cantor Singer seine ersprießliche Thätigkeit begann. Ihm beim Gottesdienst zur Seite stand ein Knabe, in dessen Herz der Lehrer die Liebe zu dem heiligen Berufe eines Vorbeters einpflanztc. Drei Jahrzehnte sind seitdem in's Land gegangen, die äußeren und inneren Verhältnisse unseres Judenthums haben sich verändert. Unsere große Gemeinschaft vollzog von Männern wie Mannheimer, Geiger, Brüll, Jellinek und Andere angeregt die Trennung von den entwertheten Grundsätzen einer weit, weit zurückliegenden Zeit. Eine Generation, in deren Mitte sich moderne Wissenschaft und Kunst entfaltete, durfte nicht müssig nur in Resignation um eine entschwundene große Vergangenheit verharren, sie stellte sich im Gegentheil mitten in die Reihen anderer schaffender Geister, zeigte sich ihnen ebenbürtig und bewies somit, daß trotz Unterdrückung und Drangsale jüdische Geistesherrlichkeit aus dem Judenthum nicht geschwunden war. Diese neue Generation mit ihrer anders gearteten Empfindung verlangte nach einer Regelung des Gottesdienstes im modernen Sinne, und hiebei fiel dem Cantor die schwierige Aufgabe zu, die Ausprilche seiner Zeit zu erfüllen, dabei aber möglichst jenem Gesangsstyl treu zu bleiben, der uns als Tradition lieb und werth geworden ist. Näher bezeichnet, unser gebildetes Judenthnm bedarf eines Cantors, der mit edlem musikalischem Empfinden die entsprechende Auffassung für den traditionellen Charakter unserer Synagogengesänge verbindet. Vor drei Jahrzehnten gab es, wie gesagt, in jener oberschlesischen Gemeinde einen Mann, der den Ansprüchen der N e u z e i t hervorragendes Verständniß entgegenbrachte, jener Mann ist der würdige Nachfolger eines Sulzer in Wien geworden und der einstige Schüler, ein moderner Cantor im besten Sinne des Wortes, ist Emanuel K i r s ch n e r, der erste Cantor in München. Kirschncr ist völlig der Mann seiner Zeit, sein productives Talent stellt er in den Dienst der neuen Generation, er achtet die werthvollen Bestandtheile der Tradition, liest aber in der Seele eines neuen Geschlechtes und trifft Töne zum Lobe Gottes — „T’hillos Pel eljon“, so nennt er sein Werk — auf welche diese Seele andächtig lauscht. Im Gefühl der Dankbarkeit widmete er den soeben erschienenen zweiten Theil seiner Gesänge seinem einstigen Lehrer Singer, der ihm als ideales Vorbild in der Erinnerung geblieben ist. Auch der Cantorenstand hat seine Mißgönner, man kann sich noch schwer daran gewöhnen, daß auch dieser Stand sich geistig gehoben hat und nicht die Gefälligkeit besaß, unbeachtet auf primitivem Standpunkte zu verharren. Das berech¬ *) Steiger nannte man bekanntlich eine herkömmliche musikalische Gestaltungsweise gewisser Texte. tigte' Streben des modernen Cantors, in allen seinen Leistungen die allgemein anerkannte Kunst form zu wahren, hat ihm mancherlei Gespött eingettagen. Der Eine meint, „dieser Cantor singt theatralisch", dem andern, welchem der Cantor nicht genug krächzt, grunzt, meint: „is dos e Chasen, er is ebbes kei Soger". Gott sei Dank, die Zahl der Verständigen wird immer größer als die der Unverständigen, und das Gespött über den modernen Cantor wird sich allmählich in berechtigte Anerkennung umwandeln, wenn sich productive Talente, wie Kirschner, finden werden, die es verstehen, das alte Chasonus mit den charakteristischen Merkmalen zu erhalten und es sinngemäß ohne große Umhüllungen zu verwerthen. Sich völlig an die traditionelle Singweise („Steiger") anlehnend, beginnt Kirschner die Reihe seiner veröffentlichten neuen Gesänge mit Schochen ad; hieran schließen sich in harmonischer Folge alle übrigen zum Frühgottesdienste gehörigen Recitatia, unterbrochen von Responsen, die entweder als Chor- oder Gemeindegesang gelten können. Speciell bei diesen Responsen hält sich der streng moderne Autor von einem Fehler fern, der sehr häufig in »eueren Werken anzutreffen war. Mit diesen Responsen schafft er nur eine Ergänzung zu den vorhergehenden Recitativen und zugleich eine Ueberleitung zu weiter folgenden, wahrt somit im Gegensatz zu anderen Componisten die einheitliche Fassung. Für die Einführung des Gemeiudegesanges ist entschieden emsig Sorge zu tragen, um ein unmittelbares Interesse für den Gottesdienst zu erzielen. Allerdings sollen damit nicht Zukunftsträume solcher verwirklicht werden, die da glauben, der Gemeindegesang könne Alles allein ersetzen, Chor und Cantor würden überflüssig werden. In diesem Falle hörte der jüdische Gesang überhaupt auf, denn die verzweigten Formen unseres jüdischen Gesanges bedürfen fast durchgängig zur Ausführung der Solostimme, und diese vertritt eben der Cantor. Ebenso wenig wären mächtige Wirkungen ohne Chor, ohne Vielstimmigkeit möglich! Alles am geeigneten Platze — so wird der Verständige meinen. Am wenigsten wurde bisher für den Gemeindegesang gethan, und thatsächlich fehlte es hierfür an geeignetem Material. Solches Material liefert uns Kirschner, und der Styl dieses Gemeindegesanges entspricht unserem modernen Empfinden. Er ist weihevoll, stimmungsvoll, ohne Künstelei, und wirtt niemals fremd, etwa als ein neuer Bestandtheil im Gottesdienst, der mit dem uns vertrauten Styl etwa keine geistige Verbindung hätte. Es gelingt dem Componisten sogar das seltene Experiment, für den Gesang nach Ausheben der Thora ,,w' soss hattorrh" jene überlieferten Betonungen zu verwenden, mit denen die darauffolgende Thoravorlesung beginnt. Wie ist das Schaffen dieses modernen Cantors, der überall auf die Tradition eingeht, zu beurtheilen im Gegensätze zu den Gepflogenheiteu der „guten, alten Zeit," da jeder trivialen, hereingeschleppten Melodie im Tempel eine höhere Weihe mit Gewalt aufgezwungen wurde! Soll man es da nicht lieber mit dem modernen Cantor halten? Aber auch das Psalmodiren erhält durch Kirschner seinen gebührenden Rang. Am Neumondssamstage kann man unmöglich für die Ausführung der Psalmen soviel Zeit verwenden wie am Feiertage. Anstatt der reicher gehaltenen Chöre stellt der Componist daher einen Wechselgesang zwischen Cantor und Gemeinde zur Verfügung. Wir würden diesen Wechselgesang beinahe auch an Feiertagen in den Psalnien bevorzugen, f enn dem Chor bleibt noch Gelegenheit genug zur Action. Um etwas Ganzes zu schätzen, hat man eben auch den Anforderungen seiner Zeit Rechnung zu tragen. Der hastige, vorwärts drängende Zug, der in unserem Verkehrsleben Platz gegriffen, hat sich auch in unsere Empfindung eingeschlichen. Längst ist die Zeit vorüber, in der es nicht darauf ankam, ob der Gottesdienst eine Sttrnde länger dauerte oder nicht. Heute greift man hastig, nervös nach der Uhr, wenn sich der Schluß der Andacht nur um einige Minuten verzögert. Dem Cantor bleibt nichts Anderes übrig, als so gut es eben geht, mit der knapp bemessenen Zeit zu rechnen. Schon dieser äußere Umstand bildet also einen zwingenden Grund, an der breiten Form unserer Reciprocität gehörige Abstriche vorzunehmen. Es ist jedem bekannt, daß es vieler Hebung und scharfer Intelligenz bedarf, um in wenigen Sätzen Vieles zur Anschauung zu bringen. In musikalischen Dingen steigert sich noch diese Schwierigkeit, aber der Autor beherrscht sie voll und ganz. Ueberall, namentlich in der Recitation, ist das Bestreben sichtbar, in knappen Formen viel zu sagen, und dadurch gibt er in feinen Recitatiouen Studienmaterial in die Hand, indem er ein Gebot in unserem Cultus — Kürze — lehrt, ohne die traditionelle Singweise (Steiger) zu beeinträchtigen. Unsere früheren Cantoren erreichten ihre vorzüglichsten Fähigkeiten in der kunstvollsten Entwicklung unseres altjüdischen Gesangsffyls — wir vermeiden absichtlich die übliche Benennnug „polnisch". Man mag dafür viele Gründe zur Beschönigung anführen; geniren wir uns aber nicht, und bekennen wir ruhig, daß diese Einseitigkeit in musikalischem Dilettantismus begründet war. Der begabteste Dilettant wird immer Empfindung, viel Phantasie zeigen, bei der Verhandlung der Form ist er aber mit seinem Latein zu Ende, Formen müssen studirt werden. Die Gewohnheit mag das ihrige dazu beibetragen haben, daß man einverstanden war, wenn schließlich so ziemlich zwei Drittel unserer Gebete heruntergeweint wurden. Der arme, geplagte, sogenannte „polnische" Gesangssthl ist soviel maltraitirt worden, daß wir ihm heute zeitweilig die verdiente Ruhe gönnen und uns freuen. daß natürlich auch unser Kirschner nicht zu gastfreundlich gegen ihn war. Man sieht eben auch gern andere Gesichter. Er versteht es, den