Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 626 Dr. Bloch'« Wochenschrift Nr. 34 bei ihrer Vergleichung mit der indogermanischen Herausstellen, durch ihre weltgeschichtliche Mission auf dem religiösen Gebiete mehr als ausgewogen werden. Diese Probell dürsten es rechtfertigen, wenn ich bon bcfrenidlichen Unterstell ungen redete und nun die Erwartung ausspreche, daß alle ehrenhaften Redactionen wie bon dem irrthümlichen Berichte, so nun auch von dieser Berichtigung Kenntniß nehmen werden. Hochachtungsvoll Halle, den 23. Juli 1898. Prof. E. Kautzsch." Em Gespräch über den Antisemitismus. In einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" berichtet Dr. Hugo Ganz über einen Besuch bei Maurus Jokai, mit welchem er sich über verschiedene politische Fragen eingehend unterhielt. Auf eine Aeußerung Jokai's, die oberste Staatsraison sei die Gerechtigkeit, erwiderte der Besucher: „Sie gebrauchen ein in Frankreich heute boycottirtes Wort, verehrter Meister. Dort construirt man einen Gegensatz zwischen Staatsraison und Gerechtigkeit". Der alte Herr machte eine abwehrende Handbewegung. Es ist entsetzlich und geradezu aberwitzig," sagte er. „Was wollen sie in Frankreich mit dem Antisemitismus, w o auf tausendEinwohner doch kaum ein Jude kommt? Dort muß ja ein Antisemit geradezu eine Reise machen, um einen Juden zu Gesicht zu bekommen, den er prügeln könnte. Wo bleibt da auch nur der Schatten der Berechtigung einer antisemitischen Bewegung? „Ich glaube", erwiderte ich, „daß der Antisemitismus nur beim Pöbel Selbstzweck ist. Künstlich benützt aber wird er, um als Quartiermacher der c l e r i c a l e n Reaction zu dienen. Drumont hat von den Jesuiten Geld bekommen, um mit seiner „Libre Parole" Frankreich erst antisemitisch und dann clerical zu machen. Als Panama- und Südbahn- Affaire ihre Wirkung versagten, weil da auf jeden com-- promittirten Juden zehn compromittirte Originalgallier kamen, hat er schließlich mit diabolischem Jnstinct die empfindlichste Stelle der Franzosen herausgefunden, um ihnen dort die antisemitische Jnjection zu appliciren. Er hat, unterstützt von gewissenlosen Officieren der schon seit zwanzig Jahren ganz clericalisirten Armee, die Dreyfus-Affaire direct gemacht, einen Verrath der Armee an Deutschland erfunden, um den revanchesüchtigen Philister aus dem Häuschen zu bringen, und diesen Verrath einem Juden aufgebürdet, wie man im Mittelalter todte Christenkinder den Juden in die Häuser geschmuggelt hat, um dann einen Anlaß zu haben, diese zu plündern. Das Alles sieht man klar und begreift man. Daß aber Frankreich nach der lückenlosen Aufdeckung des ganzen infamen Handels an seinem Unrechte sesthält und die Vertreter des Rechtes garottirt, begreifen Sie das?" „I a!" antwortete Jokai ruhig. „Wie? fragte ich verwundert. „Von der französischen Nation begreifen Sie solche Niedertracht?" In den Augen des alten Herrn flammte es auf. „Seit dreißig Jahren", sagte er, „gibt es keinen Schlamm, der zu tief wäre, daß die französischen Schriftsteller ihre Leser nicht hineinführten, keine Perversität zu empörend, die ihm nicht als etwas Selbstverständliches und Apartes dargestellt würde. Kann eine solche Nation gesund bleiben? Muß sie nicht, wie alles Schamgefühl, so auch alles Rechtsgefühl verlieren und pervers werden, wie chre Literatur?" „Meister", warf ich betroffen ein, „aber gerade die Literaten sind es doch, die sich jetzt den Schändlichkeiten der Machthaber entgegenstellen, Zola, Octave M i r b e a u, Anatole France, B a r b i e r, S a r c e y, und im Gegensatz zu ihnen war gerade einer der „frömmsten" Literaten, Alphonso Daudet, zugleich einer der stärksten Anhänger der perversen Staatsraison." „Darin haben Sie Recht, aber ich rechne auch nicht Zola, Mirbeau und Anatole France zur perversen Literatur. Sie wissen schon, welche Leute ich meine. Darüber", fuhr Jokai fort, „lasse ich nicht mit mir streiten, daß die Literatur den Geist eines Volkes so vergiften wie veredlen kann. Ich habe bei jeder Zeile, die ich geschrieben habe, mir vor Augen gehalten, daß sie auch von einem Mädchen mit reifem Geiste müsse gelesen werden können." Eine Demonstration Mittermayer's. Die „Ostdeutsche Rundschau" schreibt: Unter dieser Ueberschrist lesen wir in einem Blatte: „Der gewesene Taschelz i e h e r und nunmehrige Reichsrathsabgeordnete Mittermayer veranstaltete heute Mittags mit circa 120 Burschen höchst zweifelhaften Calibers eine Demonstration im Rathhause. An der Spitze dieser fragwürdigen, zerlumpten Gesellen, von denen die Mehrzahl bereits in den v e r s ch i e d e n st e n A r r e st e n über den Unterschied von „M ein und Dein" nach gedacht haben mochten, zog Taschelmayer in den Arkadenhof, woselbst die Bande Aufstellung nahm und „Pereat Lueger! Pereat Tachau!" brüllte. Die Sicherheitswache, sowie einige städtische Diener jagten das johlende Gesindel aus dem Rathhause, das den Abgeordneten Taschelmayer auf die Schulter gehoben hatte. Vom Rathhause zog das Gesindel über den Ring in das Hotel Rabl, wo die Wahl der Kellner stattfinden sollte." Das steht wörtlich zu lesen im-„Deutschen Volksblatt", in demselben „Deutschen Volksblatte", dessen Herausgeber und Eigenthümer der durch die Mühldorfer Obligationen der weiteren Oeffentlichkeit bekannt gewordene Ernst Vergani ist, in demselben „Volksblatte", welches sich mit aller Entschiedenheit und Wärme für die Wahl des „Taschelziehers" Mittermayer zum Reichsrathsabgeordneten eingesetzt hatte, in demselben „Deutschen Volksblatte", das nicht Lobes genug sein konnte über die strammen christlich-socialen Wähler, welche jetzt als „johlendes Gesindel", „fragwürdige zerlumpte Gesellen" und „Zuchthäusler" hingestellt werden. Das Blatt hat wohl keine Ahnung, wie es mit jedem dieser Worte, die Mittermayer und dessen Anhang gelten, doch nur sich selbst und die eigene Partei trifft, aus der Mittermayer hervorgegangen ist, und der er mit all' seinem Sinnen und Denken angehört, denn in seinen politischen Ansichten hat er sich ja nicht geändert und der „Taschelzieher" war er, bevor er von Dr. Lueger empfohlen und von dem „johlenden Gesindel" gewählt wurde. Synagogengejänge der Neuzeit. Besprochen von Obcrcantor Eugen Davidsohn, Tcplitz. Um die „gute, alte Zeit" stimmen meist Diejenigen ein Klagelied an, welche für die neue Zeit kein Verständnis; haben. Zugleich möchten diese geistig Kurzsichtigen sich aber doch nicht den Anschein geben, als wäre ihnen thatsächlich die Urtheilskraft ausgegangen, und so wird die Unwissenheit schnell durch einen spöttelnden Ton bemäntelt. An dem spöttelnden Ton erkennt mau meist den Eharlatan, der Alles zu wissen vorgibt, im entscheidenden Augenblick aber nichts Besseres, vorzubringen weiß, als seinen Spott. Als im Jahre,, 1889 in Berlin die Erstlingsarbeit „Gerhart Hauptmann's" ausgeführt wurde, da sandte ein gewaltiger Kritiker hinter der Verschanzung eines „berühmten Namens ganze Salven von Spott auf den jungen, kühnen Dramatiker herab. Er schrieb: „Und als sich der Vorhang hob, da erschien ein blonder, hoch aufgeschossener Jüngling vor der Rampe. So jung — und schon so verdorben, dachte man —"! Diese Salven des Spottes verpuffen wie Platzpatronen in der Luft, ohne zu treffen und Schaden anzuthun. Statt des einep Gegners, auch wenn er Einfluß hatte, fand der junge Dramatiker eine Anhängerschaft, die sich ihm in Massen anschloß und heute, nach nenn Jahren, hat er den Ruf des größte n deutschen Dramatikers, jener „verdorbene" Jüngling, Gerhart Hauptmann. Auf einen. Hieb fällt eben kein Stamm, dazu gehört Zeit. Ucber einen wichtigen Bcstandtheil unseres Gottesdienstes, über den Synagogengesang trafen in letzter Zeit die Meinungen in verschiedenen jüdischen Zeitschriften sehr hart auf einander, und selten trifft der alte Satz von Streitenden: „Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte", so zn, wie in diesem Falle. Der Dritte in* diesem Falle ist nämlich das Publicum, denn es genießt den Vorthcil, daß man dem Synagogengesang in neuerer Zeit lebhafteres Interesse entgegenbringt, daß er von productiv begabten Männern neu belebt wird, nachdem die alte Form als nutzloses, störendes Anhängsel einer zeitgemäßen Form Platz, machen mußte. Die Worte des deutschen Kaisers „die Welt steht im Zeichen des Verkehrs" bewahrheiten sich auch für unser Jndenthnm. Unsere Interessen erfahren eine viel größere Förderung, seitdem der g e i st i g e Verkehr durch Verbreitung jüdischer Zeitschriften gewachsen ist, es sollte deshalb auch in j e d e m jüdischen Hause eine jüdische Zeitschrift anzutreffen sein. lieber den Charakter unseres Synagogengesanges herrschte bis in die neuere Zeit hinein tiefes Dunkel. In der Vorrede zu ihren Werken vertraten wohl einzelne Componisten ihre Ansichten. Diese Werke kamen doch aber meist nur Fachleuten zu Gesicht, das Publicum erfuhr nichts davon. Seitdem sich aber zwei günstige Factoren zusammenfanden, g u t r e d i g i r t e jüdische Zeitschriften und Cantoren, die nicht blos h a n d w e r k s mäßig ihr Gebiet beherrschen, sondern mit Herz und Geist ihren Beruf im idealen Sinne aufzufassen verstehen, seitdem gelangte man zu der Ueberzeugung, daß der alte überlieferte Gesangsstyl für unsere Gebete doch an musikalischem Gehalt reicher ist und zu seiner Beherrschung ge-