Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 622 Dr. Bloch'« Wochenschrift Nr. 34 Feuereifer standen die Freiheitshelden Mirabeau*) Robespierre, der Herzog von Montmorency, Talleyrand, Durot für die Juden ein, und ihre edlen Bemühungen und Bestrebungen blieben nicht erfolglos, denn am 27. September 1791 entschied sich die National-Versammlung für die Emancipation der Juden, die wenige Tage später vom Könige Ludwig XVI. bestätigt wurde. Die Juden waren ihrerseits bestrebt und bemüht, sich der errungenen Freiheit würdig zu zeigen, indem sie mit Gut und Blut für das Heil und Wohl Frankreichs, das sie nunmehr ihr Vaterland nennen durften, einstanden und auf dem Felde der Ehre gleich ihren christlichen Mitbürgern für Thron und Vaterland wacker kämpften. Als jedoch Napoleon den Kaiserthron bestieg, wurden, besonders vom nördlichen Theile Frankreichs, Beschwerden beim Kaiser, gegen die Juden eingebracht. Man konnte sich nicht in allen christlichen Kreisen mit der Emancipation der Juden befreunden, weil es eben nicht Allen leicht war, sich von den mit der Muttermilch eingesogenen Vorurtheilen zu emaicipiren. Der Kaiser wurde daher bestürmt, die Rechte der Juden wieder zu beschränken. Allein Napoleon war viel zu freisinnig, als daß er sich hätte bestimmen lassen, solchen Einflüsterungen Gehör zu geben und Bürgern um ihres Glaubenswillen Rechte' zu entziehen, durch die ihnen gestattet war, ein menschenwürdiges Dasein fristen zu können. Er entwarf vielmehr einen anderen Plan, um die Mißstände, über die so bitter geklagt wurde, beseitigen zu können. Er berief nämlich eine jüdische Notablenversammlung, die aus 110 Mitgliedern bestand und am 26. Juli 1806 ihren feierlichen Einzug in den vom Kaiser im Hotel de Bille in Paris ihr eiugeräumten Sitzungssaal hielt. Die hervorragendsten dieser aus allen Theilen des Reiches gewählten Deputirten waren: Beer Jsak Beer, dessen Sohn Michael Beer, David Sinzheim, dessen Neffen Baruch, Daniel und Theodor Cers Beer und Abraham Furtado. Letzterer hatte eine sonderbare Geschichte: „Seine Eltern waren Moramen in Portugal, und trotz zweihundertjähriger Anschmiegung an die Kirche hatte seine Mutter ihren Ursprung und ihre Anhänglichkeit an das Judenthum nicht vergessen. Als das fürchterliche Erdbeben Lissabon in einen Trümmerhaufen verwandelte, wurden Furtado's Eltern mit verschüttet, der Vater erschlagen und die Mutter in gesegneten Umständen in ein Grab eingeschlossen. Sie hatte gelobt, wenn sie Gott aus dieser Gefahr befreien sollte, würde sie, keine Gefahr scheuend, zum Judenthum zurückkehren. Ein neuer Erdstoß öffnete chr das Trümmergrab. So koimte sie den Ort der Schauer verlassen, nach London entkomme» und sich zum Judenthume bekennen. Hier gebar sie ihren Sohn Abraham, den sie jüdisch erzog. Abraham Furtado verstand die hebräische Literatur; er sammelte Material zu einer jüdischen'Geschichte und hatte sich in das Buch Hiob vertieft; aber sein jüdisches Wissen war dilettantenmäßig ohne Gründlichkeit. Sein Lieblingsfach war Naturwissenschaft. Vor der Revolution gehörte Furtado der Commission an, welche Vorschläge zur Verbesserung der *) Mirabeau rief in seiner Schrift „Sur Mendelssohn" aus: „Wollt Ihr, daß die Juden bessere Menschen, nützliche Bürger werden? Verbannt aus der Gesellschaft jede erniedrigende Scheidung, öffnet ihnen alle Wege des Erwerbes und der Subsistenz; weit entfernt, ihnen Ackerbau, Handwerke, mechanische Künste zu verbieten, ermuthigt sie,, sich darauf zu verlegen. Wachet, daß die Juden, ohne die geheiligte Lehre ihrer Väter zu vernachlässigen, die Natur und ihren Urheber, die Principien der Ordnung, die Interessen des Menschengeschlechtes, der großen Gesellschaft besser kennen lernen, von denen sie einen Theil bilden. Setzet die jüdische Schule auf gleichen Fuß mit der christlichen, in Allem, was nicht Religion betrifft. Möge diese Nation, wie jede andere, die freie Uebung ihres Cultus haben, möge sie auf ihre Kosten soviel Synagogen und Rabbiner unterhalten, als es beliebt. Mit einem Worte, möge sie in den Besitz aller Bürgerrechte gesetzt werden, und bald wird sie diese billige Verbesserung zum Range der nützlichsten Staatsbürger erheben. Die Verfassung wird zugleich den Hebeln, die man ihnen angethan, und den Fehlern abhelfen, deren sie sich gezwungener Weise schuldig gemacht haben." Lage der französischen Juden machen sollte. Während der Schreckensherrschaft und als Anhänger der Giroudiften- Partei war sein Leben gefährdet und all sein Vermögen confiscirt worden. Sein Fleiß hatte es indeß dahin gebracht, daß er wieder Grundbesitz in Bordeaux ankaufen konnte. Nebst Beer dem Aeltern und dem Jüngeren war Furtado eine Zierde der Versammlung. Er besaß große Beredsamkeit und richtigen Tact für öffentliche Angelenheiten. Nachdem die Notabeln-Versammlung sich constituirt und Abraham Furtado zu ihrem Präsidenten gewählt hatte, wurden ihr von drei kaiserlichen Commissären feierlich zwölf Fragen im Namen der Regierung vorgelegt, die sie gewissenhaft beantworten sollte. Die Fragen lauteten: „ 1. Dürfen die Juden mehrere Frauen heiraten? 2. Ob die Ehescheidung statthaft und ob sie rein religiös sei? 3. Ob die Juden sich mit Christen verheiraten dürfen? 4. Ob die Juden die Franzosen als Fremde oder Brüder betrachten? 6. Wie haben sich die Juden nach dem jüdischen Gesetze gegen die Franzosen zu verhallen? 6. Betrachten die französischen Juden Frankreich als ihr Vaterland? Sind sie den Laudesgesetzen und dem Landrechte Gehorsam schuldig? 7. Wem steht die Ernennung der Rabbiner zu? 8. Welche Gerichtsbarkeit steht den Rabbinern zu? 9. Beruht ihre Gewalt blos auf Herkommen oder ist sie im Gesetze begründet? 10. Gibt es Gewerbe, die dem Juden verboten sind? 11. Ist der Wucher gegen Glaubensgenossen gesetzlich verboten? 12. Ist der Wucher gegen Fremde erlaubt?" In fünf Sitzungen wurde über diese Fragen debattirt und folgende Antwort formulirt: „Die Polygamie, obwohl biblisch gestattet, wurde bereits 1030 durch Synodalbeschluß aufge- Hoben. Die Ehescheidung ist wohl gestattet. Doch erkennen die Juden in Civilsachen das Landesgesetz überall an, lassen daher keine Scheidung gelten, ohne richterliches Erkenntniß eingeholt zu haben, wo dies festgesetzt ist. Die Misch-Ehe ist weder vom biblischen noch vom talmudischen Standpunkte aus untersagt, da die europäischen Völkerschaften nicht als Götzendiener betrachtet werden dürfen, würde aber, wenn man sie jetzt gestatten möchte, auf Schwierigkeiten stoßen, da die bei einer solchen Eheschließung erforderlichen Ceremonien kaum angeweudet werden könnten. Die französischen Juden betrachten ihre Mitbürger in Frankreich als ihre Brüder. Schon Moses habe Wohlwollen gegen Fremde zum Gesetz gemacht; um wie viel mehr müssen die Juden diejenigen als Brüder betrachten, mit denen sie in einem Lande leben; ja durcb deren Menschlichkeit sie nun des besten bürgerlichen Zustandes sich erfreuen. In Betreff der Erfüllung der Menschenpflichten kennen dieJuden keinen confessionellen Unterschied. Frankreich erkennen die Juden unt r allen Umständen als ihr Vaterland, dessen Heil und Wohl zu fördern sie sich gesetzlich wie moralisch verpflichtet fühlen.. Die Rabbiner werden gewählt, sie haben keinerlei Gerichtsbarkeit, das Gesetz kann ihre Stellung regeln. Kein bürgerliches Gewerbe ist dem Juden verboten. Der Talmud stellt sogar das Erlernen eines Handwerkes unter die Bürgerpflichten. Jede ArtWucher ist nach der Lehre des Judenthums strengstens verboten. Diese Antworten haben den Kaiser in solch hohem Maße befriedigt, daß er, um den von der Notablen-Versammlung gefaßten Beschlüssen Rechtskraft verleihen zu können, ein Synhedrion, das aus 71 Mitgliedern, therls Rabbinern, theils Laien, bestand, cinsetzte. Dasselbe wurde, um ihm das Gepräge der Ehrwürdigkeit aufdrücken zu können, nach dem Vorbilde des alten einst in Jerusalem bestandenen Synhedrion gebildet. R. David Sinzheim wurde zum (Nasi) Vorsitzenden, Abraham de Colfogna zum ersten Beisitzer (Ab-bet-Diu) und Abraham Segre zum zweiten Beisitzer (Chacham) ernannt. Die noch heute in Frankreich be-