Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 615 Erwähnt sei noch, daß ein sehr großer Theil der nach England verschlagenen russischen Juden, durch die Noth gezwungen, am Sabbath arbeitet. Im Lu8t-Lnä, dem von Alkohol und Unsittlichkeit am meisten heimgesuchten Stadtviertel des großen Babel, in welchem diese jüdische Arbeiterschaft lebt, bildet sie nach den Aussagen aller Behörden den am wenigsten mit dem Gesetze in Conflict kommenden Theil der Bevölkerung. Unter den vielen betrunkenen Weibern hat man noch niemals eine Jüdin gesehen, und auch die Prostitution ist unter den Jüdinnen des Ls.8t-Lnä verschwunden, seitdem sich eine philantropische Gesellschaft der mittellos und sprachunkundig eintreffenden Mädchen annimmt. An die Stelle der Geldverschwendung für Alkohol soll häufig bei den Juden und noch mehr bei den Jüdinnen der auf jeden Fall harmlose Hang treten, sich gut oder sogar auffallend zu" kleiden. Auch der Spieltrieb soll bei den Juden des East=End ziemlich verbreitet sein. Doch handelt es sich dabei nicht um reines Hazard, sondern um Spiele, die die größte Spitzfindigkeit verlangen. * * * Nicht besser als ihren in England haften gebliebenen Brüdern ist es der größten Mehrzahl jener Tausende und Abertausende von russischen Juden ergangen, welche glücklich nach dem ersehnten Amerika gelangten. Bei weitem die größte Mehrzahl der Hunderttausende von russischen Juden, die seit 1882 in den Vereinigten Staaten eingewandert sind, hat sich der Handarbeit zugewandt. Auch in den amerikanischen Städten wurden besonders die Bekleidungsindustrien und die Cigarrenindustrie von den Juden überschwemmt und das 8neatin§-System herrscht mit gleicher Grausamkeit wie in London. Etwa 20 Percent aller Eingewanderten fiitb Confectionsarbeiter, 10 bis 15 Percent Cigarrenarbeiter geworden; von den nicht in einem bestimmten Handwerk vorgebildeten fiub etwa 25 Percent in die Fabriken gegangen. Es gibt viele Fabriken, wie z. B. die Singer'sche Maschinenfabrik in Elisabeth Port, wo die Mehrzahl der Arbeiter Juden sind. Aber auch Dachdecker, Zünmerleute, Steinhauer, Tapezierer, Schlosser re. sind viele der Einwanderer geworden, und nur eine Minderzahl ist in den Handel und in die liberalen Berufe ein getreten. Wie unendlich traurig die Lage der meisten eingewanderten Juden sein muß, das zeigt am deutlichsten die bei einer jüdischen Bevölkerung doppelt bemerkenswerthe Abnahme der Geburten und die Seltenheit der Eheschließungen. Während in der christlichen Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf 1000 Einwohner jährlich 18 bis 22 Eheschließungen kommen, können bei den Juden nur 4 bis 7 von .1000 jährlich heiraten, und auch das Durchschnittsalter, in welchem die Eheschließung erfolgt, ist bei ihnen wesentlich höher. Erwähnt sei nur, daß eine Arbeitszeit von 18 Stunden und mehr nicht zu den Ausnahmen gehört und daß man die Kinder schon im Alter von 6 bis 7 Jahren zur Arbeit heranzieht. Im Gegensatz zu England steht bei den in Amerika eingewanderten jüdischen Arbeitern das Gew er k sv^reinswes e n in hoher Blüthe. Es liegt dies daran, daß die jüngeren und regsameren Elemente einen größeren Percentsatz der bis über den Ocean gelangten Juden ausmachten und daß unter ihnen wieder sich eine große Anzahl von Studenten und gebildeten jungen Leuten befand. Bon allen Mitteln, ihre Studien sortzusetzen, entblößt, wandten auch sie sich der körperlichen Arbeit zu; ihre Intelligenz bewirkte, daß sie die neuen Verhältnisse schneller und schärfer zu überblicken vermochten und daß sie deshalb bald in der Vereinigung den mächtigsten Hebel zur Erkämpfung einer besseren und menschenwürdigeren Lage erkannten und mit Aufopferung dafür thätig wurden. Damals, als sie, der Landessprache und der Zustände unkundig, nach Arbeit und Brot lechzend in der neuen Welt eintrafen, hat man die Juden direct von den Schiffen aus fortgeholt, um sie an Stelle von streikenden Arbeitern zu verwenden, und sie wußten dann nicht, wie ihnen geschah, wenn sie von einem Hagel von Steinen empfangen wurden. Heute wäre das gänzlich unmöglich. In den Bereinigten Staaten gibt es zur Zeit mehrere Hundert jüdischer Gewerkvereine, in New-Iork allein 30 mit zusammen 15.000 Mitgliedern. Man unterscheidet zwischen den Tewish Trade Unions und den United Hebrew Trades, welche letztere eine Section der Loeialistie Labour Party ausmachen. Das Organ der United Hebrew Trades: Die „Arbeiter-Zeitung" erscheint in 10.000 Exeniplaren. In New-Iork erscheinen 12 Blätter imjüdisch-deutschen Jargon, auch eine Schauspiel- und eine Operettenbühne gibt es in dieser Sprache. In der Amsterdamer Dia m a n t i n d u st r i e unterscheidet sich noch heute ziemlich scharf der jüdische von dem niederländischen Typus. Aber die Hauptsache bleibt doch, daß beide Typen einträchtig und friedlich miteinander leben, daß keine Gegensätze religiöser oder ethischer Art bestehen und daß der mächtige und mustergiltige allgemeine niederländische Diamantarbeiter-Bund, die Schöpfung des intelligenten Heinrich P o l a ch, von allen Arbeitern gleichmäßig als ihr festestes Bollwerk angesehen wird. Was macht es dann schon aus, ob die Inden am Sabbath und die Christen am blauen Montag feiern, ob die Christen ihr Geld für Schnaps und die Juden für schölte Kleider und Theater ausgeben? Verschiedenheiten darf man doch nur dann beklagen, wenn sie sich schädigend fühlbar machen! Zu einer Zeit, da in den Geisteswissenschaften die historische Schule ihre größten Triumphe feiert, sollte man sich auch mehr, als es bisher der Fall ist, bemühen, die Judenfrage vom h i st orischen Standpunkt zu betrachterr. Wenn die Juden noch heute in gewissen Ländern sich vorzüglich deni Handel zuwenden, so möge man bedenken, daß sie vom frühesten Mittelalter bis in die neueste Zeit hinein von allen anderen Berufen ausgeschlossen waren. Auf das Geldgeschäft wurden sie förmlich gedrängt; der Wucher, der den Christen verboten war, wurde von Päpsten und Fürsten den Jllden ausdrücklich gestattet. Seit ihrer staatsrechtlichen Emancipation sind sie mit größter Energie bestrebt, in allen anderen Berufen Eintritt zu finden, und wenn man sie von vielen zurückhält, so ist dies nicht ihre Schuld. Biel wird schon gewonnen sein, wenn die große Mehrzahl der Nichtjuden ein wenig mehr kennen und berücksichtigen wird. Dann würde man vielleicht mit dem König in Grillparzer» „Jüdin von Toledo" sagen! „Ich selber lieb es nicht, dies Volk, doch weiß ich, Was sie verunziert, es ist u n s e r Werk; Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken." Correspondenzen. Tas Martyrium der jüdischen Haufirer. Wien, im August. Anfangs dieses Monates brachte die „Wiener Zeitung" eine Verordnung, gemäß welcher seitens des Ministeriums des Innern im Einvernehmen mit dem Handelsministerülm ein Hausirverbot für eine Reihe galizischer Badeorte erlassen wird. Diese galizischen Bäder sind kleilie Markte und Dörfer mit zweifelhaften schwefel- oder eisenhältigen Quellen, deren Gesammtfrequenz im Maximum einige hundert Besucher erreicht. Diese „Weltcurorte" werden in ihrer Idylle durch nichts als die galizisch-jüdischen Hausirer gestört, daher gegen Letztere mit der Ultima Patio vorgegangen werden muß, denn der Wunsch auch der letzten galizischen Commune ist Befehl, wen»l es auch die Existenz einiger hundert jüdischer Haufirer gilt. Nichts natürlicher, als daß das Beispiel der obersten Centralstellen prompt Schule macht. Schon eine Woche nach der citirten Verordnung des Ministeriums des Innern und des Handels ist seitens der niederösterreichischen Statthalterei an den Wiener Magistrat nachstehender, sehr merkwürdiger Erlaß gerichtet worden: „Aus den vorgelegten Ausweisen über die Zahl der im Jahre 1897 neu ertheilten, verlängerten und vidirten Hausirbewilligungen hat das k. k. Handelsministerium ersehen, daß in den meisten Verwaltungs gebieten die Zahl der neu ertheilten Hausirbewilligungen gegen das Jahr 1896 abgenommen hat, in einzelnert Bezirken einiger Verwaltungsgebiete jedoch wieder eine Steigerung eingetreten ist. Da die Klagen über die Beeinträchtigung der stabilen 'Handelsgeschäfte durch den Hausirhandel noch immer fortdauern und es angezeigt erscheint, auch weiterhin über die Zahl der bisher jährlich ertheilten Hausirbewilligungen womöglich nicht h i n a u s z u g e h e n, wird der Magistrat neuerlich aufgeiordert, die Ertheilung von Hausirbefugnissen auf wirklich rücksichtswürdige Petenten zu beschränken." Die hohe niederösterreichische Statthalterei gesteht selbst zu, daß die Zahl der im Vorjahre neu ertheilten Hausirbewillignilgen gegen das Vorjahr in den meisten Verwaltungsgebieten gegen früher abgenommen hat. Zu diesen Vcrwaltungsgebieten gehört in erster Reihe zweifelsohne Wien. Der Wiener Magistrat ertheilt an jüdische Bewerber schon seit Jahren grundsätzlich