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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-19 · 33 (19.8.1898) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
33 (19.8.1898)
Date
1898-08-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 614 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 33 Das jüdische Proletariat in England. Einem größeren Aufsatze der „Frankfurter Zeitung" unter dem Titel „Der Jude als Arbeiter" entnehmen wir die nachstehende interessante Schilderung: Erst seit dem Anfang der achtziger Jahre, seit dem Beginn der russischen Judeuunterdrückungen, gibt es in einigen großen Städten Englands und der Vereinigten Staaten eine compacte jüdische Arbeiterbevölkerung. Das Ziel fast aller der Tausende und Tausende, die sich damals aus dem Laude, in welchem ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gelebt hatten, vertrieben sahen, war Amerika. Aber bei weitem nicht Alle gelangten dorthin. Diesem ungeheuren Massenelend gegenüber erwies sich selbst die umfassendste Wohlthätigkeit ohnmächtig. Die deutsche Regierung freilich zeigte sich unnachsichtlich gegen jene heimatlosen Schaaren und sie handelte dabei aus wohl begreiflichen Gesichtspunkten. In England aber, und besonders in London, blieben viele Tausende jener Auswanderer haften, Lenen die Mittel ausgegangen waren, bevor sie ihr Ziel, die neue Welt, erreichen konnten. Man weiß, daß heute ein großer Theil des Londoner Last - eine jüdische Stadt geworden ist. L. Soloweitschik, ein in Paris lebender russischer Gelehrter, schätzt die Zahl der dort lebenden Juden auf 100.000, die zum größten Theil von ihrer Hände Arbeit leben. Durch ihr Elend, durch ihre ökonomische Sclaverei sind diese Parias unter den europäischen Arbeitern in der civilisirten Welt zu einer traurigen Berühmtheit gelaugt. Sie sind die typischen Schwitzarbeiter. Im Vergleich mit dem L^veating-System, wie es im Londoner Osten herrscht, ist die Lage der Heimarbeiter in Wien, in Breslau und in Berlin noch glänzend und beneidenswerth. Bekanntlich sind es die Bekleidungsindustrien, in welchen die große Mehrzahl der nach England eingewanderten Juden eine Unterkunft gefunden haben. Herr Soloweitschik schätzt die unter dem Lneating-System im East-Eud arbeitenden jüdischen Schneider auf etwa 10.000, die Schuharbeiter aus 11.000, die Mützen- und Pelzarbeiter aus je 2000. Daneben sind noch 9000 jüdische Cigarren- und Cigarrettenmacher zu neunen, die unter ganz ähnlichen Verhältnissen wie die Bekleidungsarbeiter, also ebenfalls in den Wohnungen und für Zwischenmeister arbeiten. In der Möbelindustrie sind gegenwärtig 1500 Juden thätig. Ueber die jüdischen Arbeiter in London außerhalb des East=End ließen sich leider keine Daten finden. In Leeds gibt es 8000 jüdische Schneider (oder genauer: Confectionsarbeiter) und 1500 Schuharbeiter, in Manchester 4000 Confectionsarbeiter und 1300 Schuharbeiter, in Glasgow 5000 bis 6000 Confectionsarbeiter rc. Wir brauchen uns hier auf eine Beschreibung des wirtschaftlichen Charakters der Heimarbeit und des 8w*a1i^g- Systems im Besonderen nicht eiuzulassen. Seit dem großen Streik der Berliner Confectionsarbeiter vor zwei Jahren weiß alle Welt in Deutschland, was man darunter zu verstehen hat, und selbst die allem socialpolitischen Fortschritt am feindlichsten gesinnten Gruppen des Reichstages haben damals dieses System verurtheilt und von der Regierung Maßregeln dagegen verlangt. Auch das Leben dieser aus Halbasien in die westeuropäische Millionenstadt geworfenen Massen brauchen wir nicht näher zu schildern. Es genügt für uns, die ethische und intelectuelle Bilanz dieser jüdischen Arbeiterbevölkerung auszustellen und die Punkte hervorzuheben, in denen sie sich von ihren christlichen Genossen am meisten unterscheiden. Vor Allem versteht die gesummte ältere Generation, und selbst ein beträchtlicher Theil der jungen, die englische Sprache nicht, und selbst die Postbeamten im East - Eud müssen den jüdisch-deutschen Jargon kennen, welchen dieses vor Jahrhunderten aus Deutschland vertriebene Volk noch heute redet. Ist es nicht merkwürdig, daß das Deutsche die Sprache ist, in welcher sich die Juden fast der ganzen Welt verständigen können? Wenn die junge Generation noch nicht durchwegs die Schulen besucht, obgleich das Fernbleiben streng bestraft wird, so ist das furchtbare Elend daran schuld. Ein Vater, dem man deshalb Vorwürfe machte, erwiderte: „Ich bin hier mit 3 Kindern, mit den 3 übrigen ist meine Frau in Rußland zurückgeblieben. Ich verdiene kaum soviel, um zu leben. Wenn mein Sohn nicht Mitarbeiten und wöchentlich 3 bis 4 Shilling beisteuern würde, könnte ich meiner Frau und meinen anderen Kindern nichts schicken." Was soll man diesem Manne erwidern? (Uebrigens gab es in den Londoner Schulen im Jahre 1897 18.438 jüdische Kinder.) Ihre Unkenntniß der englischen Sprache ist zugleich die Ursache, weshalb diese Massen auch im freien England vorläufig noch eng bei einander hocken, aber es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die Zeit hier eine Aenderung bringen wird. Die Concurrenz, welche diese jüdischen Arbeiter den eingeborenen englischen machen, darf deshalb nicht überschätzt werden, weil sie meist sich solchen Industrien zuwandten, die bisher in England nicht in dieser Art oder wenigstens nicht in diesem Umfange betrieben waren. Wohl ist es wahr, daß die heimatlosen Flüchtlinge, froh auch nur ein Stück Brot zu finden, bei Hungerlöhnen zu arbeiten begannen und daß sie unter dem L^eativg-System und unorganisirt, wie sie sind, bisher keine höheren Löhne durchzusetzen imstande waren. Aber trotzdem würde Lassalle, wenn er diese Zustände erlebt hätte, nicht auf die „verdammte Bedürfnißlosigkeit" des jüdischen Arbeiters zu schelten für nöthig gehalten haben. Der Jude hat zuviel alte Cultur in sich, zuviel Bedürfnisse religiöser, ethischer, ästhetischer Natur, als daß er es je unterlassen würde, mit allen Kräften eine Verbesserung seiner Lage anzustreben.1 Was die englischen Arbeiter den eingewanderten Juden zum Vorwurf machen, ist ihr Fernbleiben von den Trade-Unions. Charles Booth nennt sie deshalb unsocial; ein Blick auf Holland und die Vereinigten Staaten aber wird zeigen, wie unrecht er mit dieser Behauptung hat. Der Psychologe wird das vorläufige Fernbleiben des eingewanderten Juden von den Gewerkoereinen gar leicht begreifen. Der Jude war in Rußland unfrei und elend über alle Begriffe, in Rußland war ihm jede Coalition unmöglich gemacht; man hat ihm deshalb niemals davon gesprochen, er begreift gar nicht, was für einen Nutzen sie ihm bringen könnte, er murrt nicht über die übermenschliche Arbeitszeit, er hat soviel gehungert, ist soviel herumgeirrt, daß er froh ist, wenn er überhaupt zu arbeiten und zu essen hat. Dazu kommt sein durch alle Verfolgungen nur noch verstärkter Familiensinn, den der englische Arbeiter nicht im gleichen Maße kennt. In der englischen Arbeiterfamilie verdient jeder seinen Lohn für sich, in der jüdischen arbeiten Alle für Alle. Der Familiensinn und auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Genossen aller Drangsalen und Verfolgungen ist bei diesen Juden vorläufig noch stärker als das Classenbewußtsein im Sinne der modernen westeuropäischen Arbeiterbewegung. Aber ist dies nicht eigentlich durchaus menschlich und natürlich? Wäre es nicht wunderbar, wenn es anders wäre? Das englische Volk, das diese Flüchtlinge gastlich in seiner Mitte ausgenommen hat, wird ihm auch Zeit lassen, sich in fe'ne neue Umgebung hineinzufinden. Die Vorbedingung dieser Anpassung ist aber die Ausrottung des Lwoating-Systems und die davon zu erwartende Hebung der ökonomischen Lage dieser Proletarier. Wie das Lweating-System zu bekämpfen ist, diese Frage harrt leider noch immer auf eine gänzlich befriedigende Antwort. So radical die Maßregel ist und so undurchführbar sie manchem erscheinen mag: man wird schließlich doch wohl vor einem gänzlichen Verbot der gewerbsmäßigen Heimarbeit nicht zurückschrecken dürfen. Bis man aber diesen Schritt wagt, werden noch viele Hunderte an den Folgen dieses ungesunden und geradezu menschenmordenden Systems zu Grunde gegangen sein.

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