Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 613 was den Soldaten dies Fest nützt (er macht einen Unterschied zwischen militärischen und Civilsaturnalien). Ihr. Geld geht darauf; Sitten und Disciplin leiden. Da lernen sie allerhand Schmutz, die unehrlichen Künste der Komödianten, Schwelgerei und Auflösung aller Sitten, endlich treiben sie ein Spiel, das der Regierung und den Gesetzen, deren Hüter sie sein sollen, in's Gesicht schlägt. Sie spotten aus die höchste Herrschaft und ziehen sie herunter, indem einer als Herrscher aufzieht, mit Gefolge auf einem Wagen stehend, wie man sie auf der Bühne gebraucht." Von einer Hinrichtung des Saturnalienkönigs ist aus der Predigt des heiligen Asterius nichts zu entnehmen, dagegen geht auch daraus hervor, daß Einer beim Heere zum König gewählt wurde und als solcher seine Possen trieb. Woher dieser Brauch seinen Weg ins römische Heer gesunden, ist nicht schwer zu eruiren: es sind asiatische Gebräuche, die vom Orient her ihren Einfluß auf die Soldaten ausübten. Daß vom Beginne der christlichen Zeitrechnung die Saturnälien einen so grausamen Charakter annahmen, den sie nie gehabt oder längst verloren hatten, führt Preller ans den möglichen Einfluß des punischen Saturn zurück (Röm. Myth. II3 p. 17; ich kann noch auf das Capitel „Th« religion of the Carihaginars“ in Davis' „Carthage and her remains“ verweisen). Für den Saturnälienkönig sind das babylonische Zagmnlsest und die persischen Sakaeen die Väter, von denen, wie Meißner nachweist („Zur Entstehungsgeschichte des Purimsestes", Zeitschrift der morgenländischen Gesellschaft 1896, L. S. 296), auch das jüdische Purimfest seinen Ursprung genommen hat. Wie bei den Sakaeen ein Sclave mit königlichem Pompe angekleidet wird und fünf Tage Gewalt über die Herren hat — mau vergleiche damit auch die bekannte dritte Horazische Satyre des I. Buches, wie in Rom bei den Saturnalien Herren und Sclaven die Rollen vertauschten — so heißt es Esther VI, 7: Haman sprach: „Den Mann, den der König gerne wollte ehren, soll man herbringen, daß man ihm königliche Kleider anziehe, die der König pflegt zu tragen, und das Roß, da der König aufreitet, und daß man die königliche Krone auf sein Haupt setze rc." Der König sprach zu Haman: „Eile und nimm das Kleid und Roß, wie du gesagt hast, und thue also mit Mordachai dem Juden (d. h. dem Angehörigen einer niederen Gesellschaftsclasse), der vor dem Thore sitzt u. s. w." Ein noch deutlicheres Beispiel, wie diese Spottgebräuche in Heer und Volk der alten Welt schon früher eingedrungen sind, gibt Philo aus dem Jahre 38 n. Chr., als Agrippa I. auf seiner Reise von Rom nach Palästina nach Alexandrien gekommen war. Um diese Zeit stand der Antisemitismus in Alexandrien in höchster Blüthe und der fanatische antisemitische Pöbel von Alexandrien sah in der Ankunft des Judenkönigs ein gewaltiges Aergerniß. Philo erzählt (m Flaeenm VI): „In Alexandrien lebte ein Narr, Namens Karabas, kein solch gefährlicher, sondern eiiD^ der sanften Art. Er war gewohnt, Tag und Nacht nackt auf der Straße zuzubringen, ein Spott für die Kinder und Faullenzer. Den führten die Alexandriner vor das Gymnasium, man setzte ihm ein aus Papyrusstaude gefertigtes Diadem auf, hing ihm eine Decke statt der Chlamys (des Amtsgewandes) um, gab ihm statt des Scepters das Stück einer Papyrusstaude in die Hand. Eine Leibwache von Jünglingen trat ihm zur Seite, andere nahten sich ihm, ihn zu begrüßen oder einen Rechtsspruch von ihm zu verlangen oder öffentliche Angelegenheiten ihm vorzutragen. Und die Menge umher rief ihn laut — mit der syrischen Bezeichnung — Herr an." So verspotteten die Alexandriner Agrippa den Judenkönig in Karabas. — Dieser Karabas war wohl ein Narr, wie sie in der Heimat der Fakirs, Safis und Marabuts häufig sind, und die einmal vom Pöbel mit Koth beworfen und dann wieder adorirt wurden. Auch der christliche Orient kannte solche „Thoren um- Christi willen". Gelzer (Histor. Zeitschrift N. F. XXV) erzählt von dem gottseligen Symevn; dieser Mönch und Asket war eine Art Till Eulenspiegel Syriens. Der Tag nach dem Einzug des gottseligen Symeon in Emesa war ein Sonntag. Da nahm er Nüsse, und während der Gottesdienst begann, bewarf er die Kirchengänger mit Nüssen und blies die Lichter aus. Als ihn die Kirchendiener verfolgten, eilte er auf die Kanzel und zielte mit seinen Nüssen nach den Weibern auf den Emporen, so daß diese ihn fast zu Tode prügelten. Als er nun kreuzlahm war, sagte er zu sich: Demüthiger Symeon! wahrhaftig in den Händen solcher Leute wirst du keine Stunde leben. „Dies Alles hat der gottselige Symeon zu Emesa, wo er den Thoren machte, gesagt", ruft sein Biograph, der Bischof Leontions von Neapolis auf Kypros. Also: Dasius fiubet als Saturnalienkönig seinen Tod, der heilige Asterius kämpft gegen die Saturnalienkönige, Agrippa, der Judenkönig wird in Karabas als Saturnalienkönig verspottet mit dem Papyrusdiadem auf dem Kopf und einem Rohr in der Hand. Wie Agrippa, der wirkliche König der Juden, von den Alexandrinern verspottet wird — Wendland hat diese Analogie aus Philo hervorgeholt — so verspotteten die römischen Soldaten C h r i st u s, den vermeintlichen König der Juden. Es ist nichts anderes als Saturnaliengebrauch, was Marcus 13, 16—20 und Matthäus 27, 26—31 erzählen: die Soldaten aber führen Christum ab hinein in den Hof, nämlich das Prätorium, und rufen die ganze Kohorte zusammen und ziehen ihm Purpur an, flechten einen Dorneukranz und setzen ihm denselben aus und gaben ihm ein Rohr in die Rechte. Und sie fingen ihn zu begrüßen an: sei gegrüßt König der Juden rc. — So finden die Alexandriner den jüdischen König Agrippa und die römischen Legionen den jüdischen König Jesus gleich lächerlich und sie treiben ihren Spott mit ihm nach dem Muster des beliebten Volks- und Soldatenfestes. Und wie der Saturnalienkönig — meist ein zum Tode verurtheilter Verbrecher — wird Christus gleich nach der Huldigung zum Tode geführt. Somit ist der Rettungsversuch, den Johannes 19, 7—12 den Pilatus machen läßt, unmöglich. Die Verurtheilung Christi zu dem Kreuzestod — der römischen Todesstrafe, die jüdische wäre Steinigung gewesen — durch Pilatus war vor der Verspottung erfolgt. Und Wendland fügt hinzu, daß des Pilatus Rettungsversuch auch innerlich unwahrscheinlich ist, weil er damit die Ungerechtigkeit seines Urtheils offen documentirt hätte. Römisches Gericht, r ö m i s che Spottgebräuche und römische Hinrichtungsart haben die Richtigstellung der Josephus-Stelle durch Reinach und die historischen Deductionen aus Camont und Parmentier und aus Wendland ergeben: aber die christliche Tradition hat dem Judenthum ein unsühnbares Verbrechen mit Christi Kreuzestod ausgeladen, das _ seit 16 Jahrhunderten auf den Juden lastet. Reinach schließt seine Abhandlung mit den schmerzvollen Worten: »Le n’est donc pas le suppliee volontaire de Jesus, c’est le long martyre d’Israel qui constitue la plus grande erreur judiciaire de l’histoire!« Französische Besprechungen von Reinach's »Jos&phe sur Jesus« haben ihm diese Phrase übel genommen. Nicht mit Unrecht. Die Wahrheit läßt sich nicht aufzwingen: das muß er, der Franzose, zur Zeit erkannt haben. Dem Historiker muß es genügen, die Wahrheit gezeigt zu haben: die Wahrheit saus phrase. M. Anmerknn g. Wäre diese Stelle authentisch, hätten gewiß die Kirchenschriftsteller der früheren Jahrhunderte, welche in fortwährendem Kampfe mit Juden und Heiden standen, denen sie Beweise von der Geschichtlichkeit Jesu zu liefern hatten, dieselbe als den schlagendsten uud unwiderleglichsten Beweis unzähligemale citirt. Allein wir finden nirgends eine Kenntniß derselben. Sie wird uns vielmehr zunl erstenmal im IV. Jahrhundert von Eusebius vorgeführt. » Wie willkommen hätte der Augenzeuge Josephus dem um die Mitte des II. christlichen Jahrhunderts gegen die Angriffe des Judenthums und Heidenthums sich schwer vertheidigenden Justin Martyr, toelcher seine ganze Kenntniß biblischen Schriftthums und der jüdischen Geschichte aus den Schriften griechisch schreibender Juden geschöpft hat, sein müssen! Dasselbe gilt von den zahlreichen Kirchenlehrern nach ihm bis auf Eusebius. — Der große Gelehrte Origines, der gegen den heidnischen Philosophen Celsus, welcher die christliche Lehre und deren Gründer in ihren Grundfesten zu erschüttern versuchte, beide zu vertheidigen hatte, wie gierig hätte er, um die Einwendung der Juden und Heiden zum Schweigen zu bringen, nach dieser Stelle gegriffen, wenn sie ihm Vorgelegen. — Und er hatte gründlich die Schriften des Josephus und des Philo studirt und ausgenützt. — Ebenso schweigen alle die zahlreichen Apologeten des Christenthums bis ins IV. Jahrhundert. Dieses und manches Andere hat bei den größten Gelehrten mit Recht die Ueberzeugung hervorgerufen, daß die bei Eusebius citirte Stelle des Josephus eine Interpolation des VI. Jahrhunderts ist. Philo, ein älterer Zeitgenosse Jesu, verräth in allen seinen Schriften nicht eine Spur von der Kenntniß Jesu. Der Talmud, von welchem wir in erster Linie Nachrichten aus der Vorzeit des Christenthums erwarten sollten, weiß nichts davon zu erzählen. — Erst aus der Mitte des zweiten christlichen Jahrhunderts tauchen einige Mittheilungen in demselben auf und selbst diese sind aus secundären Quellen geflossen. — Die jüdischen Geschichtsschreiber des ersten Jahrhunderts, Josephus und Justus von Liberias, haben keine Kenntniß von der Existenz Jesu. Der Letztere, der nicht mehr auf uns gekommen ist, hat eine jüdische Geschichte von Moses bis Agrippa 1l, d. i. bis >00 nach Christi geschrieben. Photius hat ihn noch gelesen und beschwert sich darüber (cod. 33), daß Justus mit keinem Worte von Jesu Erwähnung thut. _