Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 612 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 33 Daß Josephus Christi wirklich erwähnt hat, und daß nicht die ganze Erzählung eingeschoben ist, sondern nur Theile, um die Übereinstimmung mit den Evangelien herbeizuführen, geht auch aus der Stelle hervor, wo sie bei Josephus steht. Sie steht nach der Erzählung der ersten Fehler und Gewaltsamkeiten des Pilatus, dieses Römers, den der edle Philo von Charakter unbeugsam und rücksichtslos hart nennt, dem er Bestechlichkeit, Gewaltthaten, Räubereien, Mißhandlungen. Kränkungen, fortwährende Hinrichtungen ohne Urtheilsspruch, endlose und unerträgliche Grausamkeiten vorwirft. Ehe Josephus von Christus spricht, bringt er die Geschichte des Aufruhrs der Juden vor wegen der — im Widerspruch mit den jüdischen Privilegien — auf den römischen Feldzeichen befindlichen Kaiserbilder und wegen des Pilatus Angriff auf die Tempelschätze für Herstellung der — allerdings für Jerusalem sehr nützlichen — Wasserleitung. Wenn man also an diesen Gesichtspunkten festhält und sich Josephus' Schreibart seiner Denkweise gemäß, die der beginnenden christlichen Bewegung gegenüber feindlich war, leicht verächtlich und abweisend vorstellt, so wird man mit Reinach und Henri Weil dem Altmeister der französischen classischen Philologie, das testimonium pro Christo in das ursprüngliche testimonium de Christo leicht zurückverwandeln können. — Auf die Details der scharfsinnigen philologischen Kritik durch die beiden französischen Gelehrten wollen wir nicht eingehen. Tms Resultat ihrer Erwägungen ist, daß die Stelle bei Josephus ursprünglich lautete: Zu dieser Zeit lebte Jesus, ein geschickter Mann (denn er war ein Wundermacher), der den Menschen, die immer gerne dem Neuen nachstrebten, predigte. Und viele Juden und viele Hellenen verführte er. Und als ihn Pilatus auf Anklage unserer ersten Männer mit dem Kreuze bestraft hatte, ließen nicht ab die, welche ihn zuerst geliebt. (Die Lesart: Diejenigen, welche sich zuerst von ihm hatten täuschen lassen, statt: Diejenigen, welche ihn zuerst geliebt, scheint mir, so geistreich sie ist, den Franzosen doch zu sehr von der Affaire Dreyfus eingeflößt.) Noch bis heute hat das Geschlecht derer nicht aufgehört, die von ihm Christen genannt sind. Im Gegensatz zu der Art, wie die Historiker den Charakter des Pilatus schildern, laffen die Evangelien, um allein das jüdische Volk für den Tod Christi verantwortlich zu machen, Pilatus die Rolle eines schwachen, persönlich zur Milde geneigten Römers spielen, der der Pression des Volkes nachgibt und die letzte Entscheidung der Bolksstimme überläßt. Folgen wir dem klaren, des späteren Aufputzes entkleideten Wortlaut Josephus, so wurde Jesus durch Pilatus auf die Anzeige der jüdischen Notabeln verurtheilt, und zwar ist — das geht aus Pilatus' Charakter sicher hervor — zweifellos nicht die religiöse Ursache der Spaltung zwischen Jesus und den Juden dem Pilatus von letzteren vorgetragen worden, dessen Rücksichtslosigkeit und Gewaltthätigkeit gegenüber der Religion Israels schon erwiesen war. Pilatus verurtheilte Jesum wegen Verbrechens gegen die Majestät des römischen Reiches, als Störer der von Rom eingesetzten Ordnung, weil Jesus sich „der Juden König" nannte, respective sich so nennen ließ. Jesus als „der Juden König" verspottet und die Unmöglichkeit eines von Pilatus ausgegangenen Rettungsversuchs, den das Evangelium Johannis erzählt, werden in einem neuen Lichte gezeigt durch eine Reihe scharfsinniger Beobachtungen, die in den folgenden Abhandlungen niedergelegt sind: Parmentier und Cumont. „Le roi des Sartunales“ in der Revue de Philologie XXI3 Juillet 1897 und Paul Wendlaud, „Jesus als Saturnalienkönig" im „Hermes" XXXHL1 Januar 1898. Wir müssen, indem wir diesen ebenso interessanten als gelehrten Publicationen folgen, mit einer Reche neu publicirter oder neu ausgelegter Quellenerzeugniffe beginnen und von den 1897 in den Analecta Bollardiana — herausgegeben durch Mitglieder der Gesellschaft Jesu in Brüssel — zum ersten Male veröffentlichten Märtyreracten des heiligen Dasius ausgeheu. Die Legende von diesem Märtyrer ist in griechischer Sprache überliefert, doch wohl aus einer ursprünglichen lateinischen Niederschrift in's Griechische überttagen. Ihr Inhalt ist in Kurzem: Die Soldaten, welche zu Durosturum in Mösien in Garnison lagen, hatten die Gewohnheit, bei den alljährlichen Krpnosfesten (Saturnalien) durch's Loos einen König zu bestimmen. Mit den Insignien der Königswürde bekleidet, zog der König der Saturnalien dann mit Gefolge herum, sich allen Excessen und Ausschweifungen hingebend. Diese Erlaubniß galt für ein Specialgeschenk des Saturn und der Tageskönig als sein irdisches Ebenbild. Dreißig Tage, so erzählen die Acten, durfte sich der Gewählte seiner Zügellosigkeit überlassen,dann wurde der erwählte König hingerichtet, d. h. dem Saturn geopfert. Durch das Loos wird Dasius, ein römischer Soldat, Saturnalienkönig; er weigert sich, die heidnische Rolle zu spielen, und gesteht, daß er Christ ist. Vor den Legaten Bassus geführt, weist Dasius auch zurück, den Kaiserbildern zu opfern; er wird zum Tode verurtheilt und sofort am 20. November 303 enthauptet. Der Uebersetzer der Dasius-Legende aus dem Lateinischen ins Griechische hat Vieles mißverstanden; aber es haben sich auch die Menschenopfer bei den Saturnalien — und zwar opferte man gewöhnlich verurtheilte Verbrecher — bis in die nachchristlichen Jahrhunderte erhalten, besonders bei dem Heere mit seinen rohen Sitten und seiner zügellosen Wildheit, dessen Saturnalienfeier sich von den zahmeren civilen, wo die Sclaven die Herren spielen durften, durch die Kraßheit der Gebräuche wohl unterscheidet. Das Original der Dasius-Legende hatte seinen Heiligen gewiß in ein helleres Licht gesetzt gehabt. Denn wenn Dasius so wie so nach 30 Tagen dem Saturn als Opfer zu fallen hatte, hat er nichts so Hervorragendes gethan, indem er ein sofortiges Martyrium auf sich nahm. Niemals dauerten die Saturnalien 30 Tage. Man muß also annehmen, daß Dasius 30 Tage vor den Saturnalien, die am 19. December beginnen, durch's Loos zum Saturnalienkönig bestimmt wurde und sich weigerte, den Saturnalienkönig zu spielen und Saturn zu opfern. So kommt man auf den 20. November, den Tag seines Martyriums. Die historische Grundlage des Ereignisses ist eine sichere. Man lese nur in dem unentbehrlichen Goyau „Chronologie de l'Empire Romain“, die Christenverfolgungen des Jahres 303 nach, um die Jahresbestimmnngen richtig zu finden. Seit dem Erscheinen der obenerwähnten beiden Monographien besitzen wir auch noch eine andere treffliche französische Arbeit, die in der Bibliotheque de PEnseignement de l’histoire ecclesiastique erschienen ist. »Le Christianisme et l’empire romain de N(§ron a Thdodose«, aus der ich S. 121 entnehme: »Sous prötetxe de raffermir la discipline militaire Galere obtint de son collegue Diocletien sur lequel des victoires räcentes lui donnaient de l’ascendant, Pautorisation de rötablir dans Parmfie, pour tous les officiers, Pobligatiou de prendre part aux sacrifices. A cette mesure rSsistaient beaucoup de Chretiens, qui furent cassfis de leurs grades. Une epuration generale suivit. Elle atteignit jusqu’ aux soldats, qui pouvaient etre prives de leurs droits ö, la veterance. Quelques refus plus energiques furent punis par le supplice«. Ein Jrrthum des Uebersetzers der Dasiusacten aus dem Lateinischen, auf den die Analecta Bollardiana aufmerksam machen, trägt, wenn rectistcirt, ebenfalls dazu bei, die ursprüngliche Wahrheit der Dasiuslegende zu sichern. In der lateinischen Erzählung hieß es wohl, daß der heilige Dasius von einem Manne, Namens Johannes, begraben wurde (sepultus est.) Der des Lateinischen nicht besonders mächtige Grieche las dafür depulsus oder pulsus est, und somit lautet sein griechischer Text, daß Dasius von einem Manne Namens Johannes geköpft oder niedergeschlagen wurde, ein Mißverständniß, das schon der christliche Name Johannes lösen muß. Dagegen ist das Begräbniß durch Johannes wieder ein heiliger Act, wohl werth in der Legende zu figuriren. „On remarque aussi le relns de eepuiture, oppose plus trequemment que par le passd aux parenfcs ou aux amis des condamnes par la crainte avouee du courage, qu’entretiendrait ehez les ebretiens survivants le culte de leurs reliques.“ (Allard S. 130.) Zu den von Allard hier angeführten Stellen möchte ich noch Lactantius De mortibus persecutorum XXI anführen, aus der hervorgeht, mit welch' ausgesuchter Vorsicht man die christlichen Märtyrer verbrannte und ihre Asche zerstreute, um den Reliquiencult unmöglich zu machen. Man sieht also, daß und wie die römischen Soldaten im 4. Jahrhundert die Saturnalien noch feierten, und das dauerte noch im 5. fort. Es ist noch eine Predigt des heiligen Asterius, Bischof von Amasea in Pontus, gestorben 410, erhalten (Migne SS. prtr. aeg pt. opera XL), worin dieser heftig gegen das Kalenderfest, das dazumal identisch mit den Saturnalieu geworden ist,*) eiferte. Asterius sagt ungefähr: Sehen wir nun, *) S. den Extract aus Lydus, publicirt von M. T r e u als wissenschaftliches Programm des Gymnasiums zu Ohlan „Excerpta auonymi Byzantmi ex codice Parisinö“ rc. S. 39l Dasselbe War für Camort „introuvable“ und Camort hat daher den Codex Parisinus selbst zum Theil für. seine Zwecke abgeschrieben. Ich hatte Gelegenheit, die maßgebende Stelle in beiden Abschriften zu vergleichen, Treu und Camort differiren nur in Nebensächlichem.