Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021257--08083-3032444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 33 Seite 611 Vr. Bloch's Wochenschrift Titel „Meister" gerne acceptiren und ihn — allerdings in unserem Sinne — anreden, in dem Sinne, wie andere Historiker, die Geschichte mit Leidenschaft, Ueberzeugung und mit Tendenz schreiben, auch Meister genannt werden, wie wir z. B. den Verfasser der deutschen Geschichte im XIX. Jahrhundert auch einen Meister nennen. Der „trotzige Patriotismus" des deutschen Meisters Hch. von Treitschke — der im sächsischen Sinne ja auch ein Renegat war — hat dem Meister Josephus allerdings gefehlt; der jüdische Historiker sah in der Versöhnung mit Rom das Heil seines Vaterlandes. Aber man muß, wie ein wahrlich unparteiischer Zeuge, der Theologieprofessor E. Schürer, in seiner ausgezeichneten Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi I S. 71 schreibt, um billig zu sein, doch sagen, daß das gerade, worin Josephus' Hauptschwäche liegt, ihm schließlich nicht zur Unehre gereicht; er schrieb zur Verherrlichung seines Volkes. So schrieb auch Treitschke; so Meister I a n s s e n, so P a st o r, die allerdings unter dem deutschen Volke den nach dem päpstlichen Rom blickenden Theil verstehen, wie Flavius Josephus nach dem kaiserlichen geschaut haben mag. Der wahrste Meister der Geschichtsschreibung, Leopold v. Ranke, der, von seiner hohen Zinne über die Parteien hinwegblickend, wirkliche Geschichte geschrieben hat, sagt von Josephus (Analekten, Kritische Erörterungen zur alten Geschichte, Weltgeschichte Ul 2 S. 13): „Die Empörung der Juden gegen die Römer war ihm vom Anfang an antipathisch; und es ist von vorneherein zu begreifen, daß er, obwohl zu einer hohen Befehlshaberstelle berufen, doch nur wenig leistete und vielmehr zur Partei der Römer übertrat. Seine Verbindung mit dem Hofe des Nero wird ihm eine Verständigung mit Bespasian und Titus möglich gemacht haben. In diesem Sinne schrieb er seinen „jüdischen Krieg", von welchem Titus gesagt haben soll, die Begebenheiten könne man nur aus diesem Buche lernen. In Josephus repräsentirte sich persönlich der Anschluß der Juden nach der Zerstörung des Tempels an die römisch-griechische Welt. Dabei war er aber doch weit entfernt, das Jndenthum und dessen Ueberlieferungen aufzugeben. — Wie wir aus seiner Schrift gegen Apion ersehen, ließ er es sich vielmehr angelegen sein, die Ansprüche der Juden auf die Priorität der historischen Entwicklung zu behaupten. — Die Meinung des Josephus geht dahin, daß die Juden ebenbürtig den anderen Nationen, namentlich den Griechen, in das römische Imperium eingetreten seien. In seiner Archäologie nahm Josephus nicht alleill den Titel von Dionysius von Halicarnaß herüber: sein Gesichtspunkt war dem dionysischen analog. Wie dieser den Zweck hatte, das Wesen der römischen Welt den Griechen zur Anschauung zu bringen, so wollte Josephus die Römer über die Vorstellungen, welche die Griechen in Bezug auf die Juden hatten, erheben." Und Schürer sagt von Josephus: „Es gilt über ihn das richtige Maß zu halten." Man braucht ihn nicht zu überschätze» und mit dem Kirchenvater Hieronymus den griechischen Livius zu nennen; ebenso aber ist die Bemerkung des Marburger Bibliothekars Haeberlin zurückzuweisen, welcher besagt: „Josephus bleibt als Hauptvertreter des Renegatenthums ein erbärmliches Subject, aber nach solchen schießt man nicht mit Kanonen, auch wenn diese wie im vorliegenden Falle blind geladen sind." Haeberlin bespricht nämlich in Nr. 12(1898) der „Deutschen Literaturzeitung" ausführlich die Leipziger Schmähschrift „Meister Josephus", während die „Deutsche Literaturzeitung" sonst nur erste und ernste Literaturerzeugnisse in möglichst knapper Form kritisirt und Haeberlin selbst sich frägt, ob die Brochüre ernst zu nehmen oder ein baUon ä'essni ist. Selbst eine Besprechung nach Gebühr sollte eine wissenschaftliche Zeitschrift vermeiden, wenn eine Schrift — man entschuldige das eine Citat — z. B. Folgendes enthält: „Wenn ein fanatischer jüdischer Agitator (Elias) mehrere hunderte Priester einer anderen Religion mit Hilfe des Mob überfällt und mordet, so freut sich sowohl der Fromme wie der Aufgeklärte, der Bildungsphilister, über Jahve's Sieg. Der Bildungsphilister hört wenigstens mit Behagen die Musik an, die der Jude Mendelssohn zu diesem Vorgang gemacht hat. Es ist bezeichnend genug, daß sein schlaffes und affectirtes Tongeklingel sich sofort zu einer gewissen Verve erhebt, sobald die nationalen Blutdurstaffecte gekitzelt werden." Der blutdürstige Felix Mendelssohn-Bartholdy! Der Meister Richard Wagner, nennt ihn in seinem „Judenthum in der Musik" eine zartsinnige Individualität, die sich der Unmöglichkeit gegenüber ihre Ohnmacht eingesteht. „Dies ist — so fährt der Meister fort, — wie wir sagten, der tragische Zug in Mendelsohn's Erscheinung; und wenn wir auf dem Gebiete der Kunst an die reine Persönlichkeit unsere Theilnahme verschenken wollten, so dürften wir sie Mendelssohn in starkem Maße nicht versagen, selbst wenn die Kraft dieser Theilnahme durch die Beachtung geschwächt würde, daß das Tragische seiner Situation Mendelssohn mehr anhing, als ihm zum wirklichen, schmerzlichen und läuternden Bewußtsein kam." Josephus gegenüber muß man, wie gegenüber allen Historikern des Alterthums, kritisch auftreten, damit das bei ihm vorhandene große werthvolle Material richtige Beurtheilung findet, selbst da, wo Josephus als einziger Zeuge auftritt. Die moderne Wissenschaft, der so viele Mittel zur Kritik zu Gebote stehen, schont Josephus nicht, ebensowenig wie sie Livius und Tacitus zu schonen braucht. — Eine der bestrittensten Stellen im Josephus ist bekanntlich sein Zeugniß über Jesus. Sind doch die Josephus-Stelle und die bei Tacitus Annalen XV, 44 die einzigen nichtchristlichen Zeugnisse über den Stifter der christlichen Religion. Die Tacitusstelle darf man sogar sofort ausscheiden, denn Tacitus weiß von Jesus nur, was er bei Josephus gelesen hatte. lieber das sogenannte Zeugniß des Josephus von Christo ist eine ungeheure Literatur entstanden; aus diesem Jahrhundert hebt Schürer in seiner Geschichte der Juden I S. 455 als bedeutendere Arbeiten bis 1890 hervor: 7 für die Echtheit, 11 für die Interpolation, 8 gegen die Echtheit. Nun ist in neuester Zeit von dem hervorragenden französischen Historiker Theodore R e i n a ch, dem wir eine treffliche, auch iu's Deutsche übersetzte Geschichte Mithradats verdanken — eine höchst beachtenswerthe Abhandlung erschienen: loaöpbs snr Jeaua (Revue des etudes juives XXXV No. 69 Juillet-Sept. 1897), auf die wir näher eingehen wollen. Die Stelle bei Josephus autig. jud. XVIII, 3, 3 (Ed. Niese § 63/64) lautet in der Uebersetzung, so wie sie jetzt in den Textausgaben steht: „Zu dieser Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn anders nwu ihn einen Menschen nennen soll. Er war nämlich ein Thäter wunderbarer Werke, ein Lehrer der Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnehmen. Und viele Juden und viele Hellenen zog er zu sich heran. Er war der Messias. Und als ihn auf Anklage unserer ersten Männer Pilatus mit dem Kreuze bestraft hatte, ließen nicht ab die, welche ihn zuerst geliebt. Denn er erschien ihnen, nach dreien Tagen wieder lebendig, nachdem die göttlichen Propheten dieses und tausend anderes Wunderbare über ihn gesagt hatten. Noch bis heute hat das Geschlecht derer nicht aufgehört, die von ihm Christen genannt sind.'« Es ist vor Allem festzustellen, daß die jüdische Wissenschaft, oder besser gesagt, die Synagoge Josephus' Werke vernachlässigt hat; auch ihr Urtheil über ihn ist ein durchaus parteiisches, ungünstiges, sie sieht nur den Freund Roms in ihm. Allein die christliche Kirche und die christlichen Copisten haben die Schriften des jüdischen Historikers überliefert. Wer kann da zweifeln, daß zu einer Zeit, als der Glaube größere Macht hatte als der gute Glaube — so drückt sich Reinach geistvoll aus — Interpolationen in den ursprünglich von Josephus niedergeschriebenen Text von christlicher Hand vorgenommen worden sind, wie sie die Copisten nothwendig hielten, um die Worte des jüdischen Schriftstellers mit der christlichen Tradition in Einklang zu bringen? Josephus war ein gläubiger Jude; so können einige der von den christlichen Juden überlieferten Phrasen nicht von ihm herrühren, da sie mit seiner Ueberzeugung als Jude nicht in Einklang zu bringen sind. Die Meffianischen Hoffnungen lagen ihm so fern — die aber keineswegs im jüdischen Volke sonst erstorben waren (siehe Schürer ü, Seite 425) —, daß er die Messias- Prophezeiungen auf Bespasian bezog. Wer darf aber auch zweifeln, daß Josephus das Ereigniß von Jesu-Austreten wirklich erwähnt hat, warum sollte er es verschwiegen haben, da er doch von Jacobus dem Gerechten, Christi Bruder, auch erzählt? An mehreren Stellen, wo der Kirchenvater Origenes von Jacobus, dem Bruder Jesu Christi spricht, hebt er als merkwürdig hervor, daß Josephus diesem ein schönes Zeugniß ausstellte, obwohl er (Josephus) doch nicht an Jesum als den Christ geglaubt habe. Es ist kaum denkbar, daß Origines sich so geäußert haben würde, wenn er die Stelle in dieser Fassung gekannt hätte. Wenn Origines zu Beginn des HL nachchristlichen Jahrhunderts Josephus tadelt, weil er an Christus nicht glaube und Eusebius (gestorben 340) die Josephus-Stelle in der jetzigen Faffung citirt, so muß die Interpolation um die Mitte des LI. nachchristlichen Jahrhunderts vorgenommen worden sein.