Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 610 Dr. Vloch's Wochrnfchrist Nr. 33 Edmund Pummer, sollte eine wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit über ihn verhängte viermonatliche Kerkerstrafe antreten, hat sich jedoch geflüchtet und wird nunmehr steckbrieflich verfolgt. Das Blatt Pummer's enthält über diese Sache folgende Mittheilung: „Wie bekannt, hat der Herausgeber unseres Blattes, Herr Edmund Pummer, der vom k. k. Kreisgerichte in Brüx wegen Theilnahme an Ausschreitungen bei der hiesigen „Beseda" im November v. I. zu einer viermonatlichen schweren Kerkerstrafe verurtheilt worden war, um Wiederaufnahme des Strafverfahrens angesucht, da er auf Grund neuer ihm zu Gebote stehender Zeugen eine Abänderung des Urtheils zu erzielen hoffte; das Kreisgericht in Brüx hat jedoch das Ansuchen um Wiederaufnahme des Verfahrens abschlägig beschieden und auch das k. k. Oberlandesgericht in Prag hat die gegen diese Abweisung eingebrack-te Beschwerde zurückgewiesen. Herr Pummer erhielt die diesbezügliche Entscheidung am Freitag den 29. v. M. mit der Aufforderung zugestellt, die ihm zuerkannte Strafe innerhalb dreier Tage anzutreten. Herr Pummer erklärte auch, am Montag den 1. d. M. die Strafe in Brüx antreten zu wollen. Wie wir jedoch aus einem uns am Dienstag den 2. August zugekommenen Erkenntniffe des k. k. Kreis gerichtes in Brüx entnehmen, hat Herr Pummer diese Strafe bisher noch nicht angetreten, weil er in demselben aufgefordert wird, die Strafe unverzüglich bei sonstiger Vorführung durch die Gendarmerie anzutreten. Da Herr Pummer auch nicht in Saaz ist, besteht hier, zumal er sich früher öfter diesbezüglich äußerte, die Vermuthung, daß er sich nach Wien zur Erwirkung eines Strafaufschubes begeben und von hier aus zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit einen reich sdeutschen Badeort aufgesucht habe. Genaue Mittheilungen über den Verbleib des Herrn Pummer zu machen, sind wir jedoch außer Stande, da uns Herr Pummer keine Mittheilung von seinem Entfernen machte." „Haben die alten Hebräer Seife gebraucht?" Der Leipziger „General-Anzeiger" bringt am 4. August unter vorstehender Ueberschrift folgende Notiz: Haben die alten Hebräer Seife gebraucht? Der Verfaffer des Artikels: „Wer hat die Seife erfunden?" im „General-Anzeiger" vom 4. August d. I. sagt ironisch: „Ob das auserwählte Volk Gottes die Seife kannte, vermochte ich. nicht zu eruiren. Seine historische Haupturkunde, die Bibel, spricht zwar von Myrrhen rc. rc., von Seife findet sich in ihr aber nirgends, mindestens soviel ich herauslese, - auch nur die leiseste Andeutung. Der Verfaffer scheint nicht sehr bibelfest zu sein. In Jeremias 2,22 wird ausdrücklich von Waschen mit Laugensalz und Seife zur Hautreinigung, und Maleachi 3,2 von Seife zum Kleiderwaschen gesprochen (Vgl. auch Hiob 9.30 und Jes. 1,25). Der Verfasser konnte, wenn ihm das Suchen in der Bibel zu unbequem oder zu langweilig war, die Artikel Seife oder Laugensalz im ersten besten biblischen Real-Wörterbuch nachschlagen, um sich zu überzeugen, daß schon die alten Hebräer vegetabilische, sowie mineralische Reinigungsmittel gebraucht haben. Selbstverständlich werden diese u. A. auch im Mischna und Talmud öfters erwähnt, so zum Beispiel Traktat Sabbat 89b fünf verschiedene Reinigungsmittel aufgezählt sind und Traktat Nidda 61b sogar sechs. Leipzig, Nürnberger Straße 4, ll. Dr. S. Mandelkern. Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde (Vorsitzender Dr. M. G r u n w a l d) in Hamburg hat das zweite Heft ihrer intereffanten Sammlungen über Sitten, Gebräuche, Sagen und alle sonstigen volksthümlichen Erscheinungen aus der Vergangenheit und Gegenwart Israels herausgegeben. Die „Mgemeine Zeitung des Judenthums" schreibt über diese Gesellschaft: „Die jüdische Volkskunde ist eben ein anderer Zweig der Culturgeschichte des Judenthums. Sie ist gewissermaßen das Spiegelbild des jüdischen Lebens und Treibens im Ghetto! Der Jude der Vorzeit hatte seinen eigenen Jdeenkreis. Abgesondert von allen andersgläubigen Nachbarn sollte er eigentlich im Sinne seiner Unterjocher geistig verkommen, um dann als moralisch und geistig verkrüppeltes Schreckbild von seinen Widersachern desto besser und erfolgreicher ausgebeutet zu werden. Aber je mehr der Jude unterdrückt und separirt wurde, desto besser entwickelte sich sein Talent. Die Noth machte die Juden erfinderisch und erzeugte in den jüdischen Familien den sogenannten Galgenhumor, der zu witzigen Bemerkungen und erheiternden Handlungen förmlich anspornte, die eben Materialien zu Sagen, Erzählungen und Dichtungen lieferten, die das eigentliche Gebiet der Folkloristik sind. Das Ghetto hat für Langeweile keine eigentliche Benennung; denn tatsächlich war „d i e Welt, in der man sich langweilt" in den Ghettomauern ganz und gar unbekannt. Der Familienvater und die Söhne waren in der freien Zeit Frequentanten des Beth-Hamidrasch, wenn sie nicht selbst in den weiten Hallen der jüdischen Wissenschaft forschen und eifrig „lernen" konnten. Die Töchter hatten im Hause mitzuhelfen, um dereinst die Führung des Haushaltes auf Grund praktischer Erfahrungen übernehmen zu können. Es gab auch gebildete Töchter im Ghetto, aber diese wurden in erster Reihe dazu angehalten, persönlich an allen Arbeiten des Haushalts theilzunehmen, und erst in der freien Zeit konnte ein solches lernbegieriges- Mädchen sich mit literarischer Lectüre befassen. Die jüdische Tochter war daher wohlerzogen und eine treue Gefährtin ihres zukünftigen Gatten. Sie wurde seine Beratherin in allen Lagen des Lebens. Scheidungen waren rar und gehörten zu den Seltenheiten. Sie wurden auch erschwert, und dies mag auch die Ursache gewesen sein, daß sich eine so große Literatur über Ehescheidungen entwickeln konnte. Denn jeder Scheidungsfall wurde in's Unendliche aufgebauscht; zum abschreckenden Beispiele der Nachbarn sollte er dienen, und diese Methode hatte einen ziemlich guten Erfolg! Ganze Bücher könnte man über die Vortheile dieses vielgerühmten jüdischen Familienlebens schreiben. Aus diesen! innigen Familienleben entwickelte sich der Kehilaverband, eine Societät, die auf gegenseitiger Hilfe und Nothwehr beruhte und allen Anstürmen von feindlicher äußerer Seite wacker und kampfgerüstet widerstehen konnte. Daß man aus solchen Zeiten und von solchen Menschen wie aus einem unerschöpflichen Born Charakteristiken und Eigenthümlichkeiten, Sagen, Erzählungen und Gebräuche gewinnen kann, das bedarf wohl keiner näheren Erklärung. Die jüdische Volkskunde hat daher ein großes Feld für ihre Thätigkeit zur Verfügung. Es handelt sich nur in erster Reihe darum, recht viele Mitarbeiter für die Sammlung und Aufzeichnung volksthümlicher Erscheinungen im Jndenthum zu finden, und das ist doch nicht schwer! In jeder jüdischen Gemeinde sollte ein Freund der Wissenschaft des Judenthums sich dieser kleinen Mühe unterziehen; denn jede jüdische Sage, jedes jüdische Bonmont ist ja nichts anderes als die humoristische oder ernste Kundgebung des jüdischen Charakters über die Vorgänge im Gemeinde- und Familienleben des Judenthums. Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg hat mit der Begründung und Förderung jüdischer Folkloristik insbesondere der Culturgeschichte des Judenthums einen sehr schätzenswerthen Dienst erwiesen; denn diese gelehrte Vereinigung ist die einzige Corporation in der ganzen Gelehrtenwelt, welche ausschließlich nur jüdische Folkloristik berücksichtigt, während die anderen Folkloristen international in dieser Richtung Vorgehen und nur zeitweilig, und dabei in gedrängter Kürze, jüdisch-volkskundliche Producte veröffentlichen. Mögen alle Freunde und Förderer der jüdischen Wissenschaft der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hambnrg durch Beiträge ihre Sympathie bezeugen! Die wackeren Herren jüdischen Folkloristen in Hamburg verdienen die weitgehendste Förderung ihrer Bestrebungen. . Sch—g. Meister Josephus. Unter dem Titel „Meister Josephus und das Märchen von Jerusalem" und unter dem Deckmantel „Ein wenig Geschichtskritik" ift schon in zweiter Auflage in Leipzig eine anonyme Ahlwardtiade gegen den vor ungefähr 1800 Jahren gestorbenen jüdischen Historiker FlaviusJosephus erschienen, auf die man ilicht genauer eingehen kann, ohne dem Verfasser der Schmähschrift eine zu große Ehre zu erweisen oder die erwünschte Reclame zu machen. Aber da man auch vom Gegner lernen und aunehmen soll, wollen wir für Flavins Josephus den