Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 J&x. Bloch's Wochenschrifi Seite 609 kommen. So begann man zunächst damit, in allen untergebenen, gegen „baar" oder freiwillig dienenden Organen eine formidable Verdächtigungscampagne gegen den Untersuchungsrichter Bertulus zu eröffnen. Dem „kleinen Tulus", wie diese Blätter ihn nannten, wurde mit Enthüllungen aus seinem Vorleben gedroht. Diese Drohungen verwirklichten sich nicht, denn offenbar gab es nichts zu enthüllen — man entschädigte sich, indem man Bertulus den „Mann des Syndikats", den „Freund Bleichröders", den „Agenten Schwartzkoppens" namlte. Und dasselbe Spiel wiederholte sich, als Christian Esterhazy auftauchte: — dieser „junge Elende", dieser „Schänder der Familienehre" war natürlich vom „Syndikat" geworben und gekauft. Soweit für die „öffentliche Meinung". Inzwischen war man hinter den Coulissen bemüht, die offene Schwurgerichtsverhandlung zu verhindern. Wären Esterhazy und Paty de Clam unschuldig, sie könnten nichts sehnlicher wünschen, als diesen offenen Proceß, wo sie die ganze Schändlichkeit ihrer Verleumder darthun könnten. Aber sie wissen, was sie von einem solchen Proceß zu fürchten hätten. Darum mußte die Untersuchung mit all ihren Resultaten glatt cassirt werden. Die Anklagekammer übernahm dieses ehrenvolle Geschäft. In geheimer Verhandlung prüfte sie die Acten. In geheimer Verhandlung erklärte sie die Untersuchung für beendet. In geheimer Verhandlung erklärte sie das Material für nicht belastend. In geheimer Verhandlung wusch sie Esterhazy und du Paty de Clam, den Cousin des Kriegsministers Cavaignac, von der Anklage frei. Aber das genügte noch nicht. Es war nöthig, daß die Begründung dieser Entscheidung dem Civilkläger Picquart und seinem Anwalt Labori vorenthalten würde, damit allen Kritiken der Boden entzogen bliebe. Man fand ein Mittel, die Geheimhaltung der Gründe zu motiviren. Es war auch nöthig, zu verhindern, daß die Sache vor den Cassationshof käme, der nach dem ersten Zola-Proceffe eine gewisse Unabhängigkeit gezeigt. Man sand auch dafür ein Mittel. „Der Gerichtshof ertheilt Urtheile, nicht Dienste," soll zu Karl X, der erste Präsident des Pariser Gerichtshofes, der Baron Signier, gesagt haben. Die Enkel Söguiers haben die Wahrheit dieser Anekdote später bestritten, aber das Wort ist geblieben. Heute kann man es umkehren. Es ist noch mancherlei anderes nöthig, wenn jene „Verkettung des Verbrechens", von welcher Sigismund Lacroix spricht, nicht an den Tag kommen soll. Der „Siöcle", die „Aurore", die „Droits de l'homme", die „Petite Röpublique", der „Rappel" und der „Radical" nennen den Lieutenant- Colonel du Paty de Clam, den Cousin des Kriegsministers Cavaignac, täglich einen Fälscher — und du Paty de Clam, der Cousin des Kriegsministers Cavaignac, darf sich nicht rühren. Er darf nicht mucksen, darf seine Gegner nicht wegen Verleumdung vor die Gerichte citiren! Denn die offene Gerichtsverhandlung wäre der „Zusammenbruch". Er hüllt sich also in den Mantel des Philosophen und sagt, daß er „über diesen Gemeinheiten" steht. Wie lange wird ihm das noch möglich sein? Der „Temps", welcher die schwere Aufgabe durchführen will, zugleich revisionsfreundlich und nach allen Seiten hin versöhnlich zu sein, hat in seiner Antwort aus Björnsons Brief geschrieben: „Alles dies (und die Ausländer müssen es schon vernehmen) vollzieht sich unter guten Franzosen, unter braven Leuten, welche die Wahrheit suchen oder sie zu besitzen glauben." Der „Temps" darf nicht böse sein, wenn man nach Allem, was täglich geschieht, seine Ironie etwas grausam findet. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. Die Wiener sind nicht nur patriotisch, sie sind auch, in erster Linie, loyal. Der Monarch ist ihnen die Personifikation des Vaterlandes, und der Wiener ist als Patriot immer auch kaisertreu. Dr. Lueger läßt keine Gelegenheit vorüber, um seinen Patriotismus — natürlich aus Kosten der Gesammtheit — zu beweisen und sich selbst populär und beliebt zu machen, und sein Anhang theilt diesen seinen gewissermaßen demokratischen Byzantinismus, indem er allerwege Vaterlandsliebe und dynastisches Gefühl dort anruft, wo es sich um reine Parteizwecke handelt. So zum Beispiel gründet man einen christlich-socialen Arbeiterverein und benennt ihn „Austria"; damit soll offenbar documentirt werden, daß österreichisch und christlich - social dentische Begriffe seien. Dieser Verein veranstaltet ein Fahnenweihfest, zu welchem, da der Verein feinem Programme nach nur religiöse und humanitäre Zwecke verfolgen soll, eine Erzherzogin ein Fahnenband spendet. Diese den Verein auszeichnende Thatsache wird in einem Artikel bekanntgegeben, in welchem gleichzeitig die Anwesenheit der hervorragendsten antisemitischen Parteihänpter bei der Fahnenweihe constatirt wird. Dem Volke soll damit die irrige Meinung beigebracht werden, daß die Tendenzen nicht nur des katholischen Vereines, sondern auch die der antisemitischen Partei von höchster Seite protegirt werden, und so wird aus einer Gnadenbezeugung, die Humanitären Zwecken zugedacht war, politisches Capital zu schlagen versucht. * * * Der hervorragendste Redner bei dem erwähnten Fahnenweihfest war Prinz Alois Liechtenstein. „Gott zu Dank", rief er begeistert aus, „die Zeiten der bewußten systematischen Verhetzung aller Stände und Classen des christlichen Volkes durch eine verworfene Literatur und Tagespresse sind vorüber! Der Friede, die Harmonie innerhalb der christlichen Gesellschaft, sie sind theils hergestellt, theils angebahnt." „Gerade die christliche Bewegung in Wien und Niederösterreich, um die uns die Wohlgesinnten der ganzen Welt beneiden (!), ist die herrliche Frucht dieser Einigkeit der verschiedenen Stände des Volkes." Der Mißbrauch, der mit dem Worte „christlich" da getrieben wird, wo darunter nichts Anderes als „antisemitisch" verstanden wird, ist ein altbekanntes Requisit im Kampfe der Reaction gegen Humanität und Bildung. Die Wohlgesinnten der ganzen Welt, ineint der lange Alois, beneiden uns um diese Bewegung. Wenn das richtig ist, dann muß die berufene Repräsentanz der niederösterreichischeu Kaufmannschaft der Wiener Handelskammer darauf verzichten, zu den Wohlgesinnten gezählt zu werden. In ihrem Jahresberichte nämlich beklagt diese Körperschaft den ökonomischen Rückschritt, das Darniederliegen des Handels und der Industrie und unter den wichtigsten Ursachen dieses Niederganges führt sie an: daß die unerquicklichen socialen Zustände in der Reichshauptstadt die vermöglichsten Bevölkerungsschichten zu weitgehender Zurückhaltung in der Befriedigung ihrer mannigfaltigen, namentlich auch die Luxus- und Kunstgewerbe alimentirenden Bedürfnisse b e st i m m t, wie sie auch Ursache ist, daß trotz wachsender Zahl der Hotelfremden und der Fremdentage jene der Auslandsfremden, der willkommensten weil kaufkräftigsten Besucher, im Berichts jahre nicht unbeträchtlich gesunken i st; insbesondere weicht auch die ungarische Kundschaft dem hiesigen Platz möglichst aus." Die antisemitische Bewegung fügt den Wienern und den Niederösterreichern selbst den empfindlichsten Schaden zu, und wenn nicht Prinz Alois es den Wienern gesagt hätte, sie hätten es auch heute nicht gewußt, wie beneid enswerth die wirthschaftliche Lage ist, in der sie sich — Dank den „Wohlgesinnten" — eigentlich befinden. * * * Der Wuchererkönig Ferdinand Linke war in den letzten Tagen Gegenstand der öffentlichen Discussion. Ferdinand Linke war ein Wucherer, dessen Grausamkeit auch nach seinem Tode fortwirken wird. In dem Testamente, in welchem er die Tochter seiner Wirthschafterin zur Universalerbin einsetzte, verzeichnet er sorgfältig seine ausständigen Forderungen und verfügt, daß sie mit der größten Energie und Strenge eindringlich gemacht werden sollen. Auch nach dem Tode des Wucherers werden also die bedauernswerthen Menschen, die in seine Klauen gerathen waren, durch Klagen, Pfändungen und Feilbietungen so lange maltraitirt werden, als irgend etwas Pfändbares zu finden ist. Diese und andere Bestimmungen des Testamentes sind darauf berechnet, möglichst viele Personen zu ärgern, zu bedrängen und unter Umständen auch unglücklich zu machen, und bezeichnend für den Charakter dieses Mannes ist es, daß er die Ausfolgung der Erbschaft an die Bedingung knüpft, daß den Leuten, die ihn bei seinen Lebzeiten gepflegt, ja keine Wohlthat erwiesen werde. Der geringste Liebesbeweis zu Gunsten dieser seiner Pfleger sollte das Testament umstoßen. Robert Wolf. Die Flucht eines antisemitischen „Schriftleiters". Einer der eifrigsten antisemitischen Agitatoren in Nordböhmen, der „Schriftleiter" der „National-Zeitung" in Saaz,