Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 608 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 33 zahlreiche Existenzen vernichtet hat, das; zum Danke dafür, daß die Juden in den entlegensten czechischen Dörfern die „Pionniere" des Deutschthums waren, der Antisemitismus sämmtliche deutsche Kreise und Corporation en beherrscht, bleibt ein unwiderlegbares Factum. Und nun wollen Sie, hochgeehrter Herr Doctor, Landtagsabgeordneter re. rc., uns aus diesem deutschen Mizrajim in das czechische Kanaan führen, oder, um einen Terminus des Dr. Herold zu gebrauchen, in das warme Nest des czechischen Staates. Glauben Sie mir und auch Anderen: Es ist uns voriges Jahr jm December und auch in den ersten Monaten dieses Jahres nicht nur recht warm, sondern sehr heiß geworden unter Ihren Connationalen besonders in den Weinbergen, dem Sitze Ihres „Freundes" Dr. Herold, und auf dem flachen Lande. In Wirklichkeit jedoch kämen wir aus der Scylla in die Charybdis; denn nicht unsere Pflicht ist es, uns zu betheiligen an den sinnlosen und brudermörderischen Nationalitäts- und Racenkämpfen, welche unser Vaterland zerfleischen; die ganze czechische Presse ohne Ausnahme ist antisemitisch und daß sie ihre jüdischen Mitkänrpfer unbesonnenerweise viel eher als dies unsere biederen Deutschen gethan, mit Maulschellen tractirt, ist nur zu begrüßen; dies bewahrt rechtzeitig unsere breiten Masten vor neuerlich jahrelang andauernder Irreführung seitens gewiffer Streber, welche mit uns nichts anderes als die Abstammung gemeinschaftlich haben und unseren Kindern bleibt für die „czechische Assimilation" ein ähnlicher Dank erspart, wie wir ihn gegenwärtig für unsere „deutsche Culturförderuug" einheimsen. Wir böhmischen Juden speciell sollen nichts mehr und nichts Anderes bleiben als „Juden", das heißt, nicht wie uns unsere Gegner schelten, als Ausbeuter unserer Mitbürger, sondern als die Verbreiter der wahren Humanität unter ihnen, und diese jüdische Idee, und keine andere, soll die führende unserer „Führer" sein; Privatsache jedes sEinzelnen unserer Glaubensgelwsten muß es bleiben, ob er seine und einer Kinder Ausbildung in deutscher oder czechischer Sprache üewerkstclligt, und Sache unserer „Führer" soll es sein, nur rein jüdische Interessen zu fördern. Sind Sie nun, hochgeehrter Herr Doctor, Landtagsabgeordneter, Stadtverordneter rc. rc., von wahrhaftem Thatendrange für die „jüdische" Allgemeinheit beseelt, so kann es nicht anders kommen, als daß die Lection des Bkeznovsky auf Sie und Ihre „national" gleichgesinnten Glaubens-, respective Stammesgenossen wirken wird, wie die Hefe auf den edlen Wein, ausscheidend aus demselben alle unlauteren Elemente! Ich wünsche Ihnen dies ebenfalls aus ganzem Herzen in Ihrem Interesse und im Interesse der böhmischen Judenheit. Zu allerletzt: Ich schlage die verehrliche „Oesterreichische Wochenschrift vor", öffentliche Umfrage in ganz Böhmen zu halten, ob es opportun war, Ihnen, hochgeehrter Herr Doctor rc. rc., unter Darlegung faktischer Verhältnisse dieses Schreiben öffentlich ergebenst zu unterbreiten; die Endresultate dieser Umfragen mögen dann für oder gegen dasselbe zeugen und auch maßgebend sein.' B i e l e h 0 r s^k y. Esterhazy in Freiheit." Paris, 12. August. Esterhazy, der Nationalheilige der französischen Patrioten, athmet wieder im rosigen Lichte der Freiheit — reingewaschen auf der einen Seite durch die Militärjustiz, reingewaschen auf der anderen durch die civile Anklagekammer. Er hat niemals gefälscht, niemals betrogen, niemals spionirt. Eine militärische Enquetecommiffion wird ihn vielleicht noch ein wenig ins Gebet nehmen — aber man wird ihm unter Kameraden nicht wehe thun. Hinterher wird er wahrscheinlich aus Frankreich verschwinden, obschon das undankbar wäre. Und auch Paty de El am, der Cousin des Kriegsministers Cavaignac, ist rein wie ein Hermelin. Er hat niemals die Speranca-Depeschen fabricirt, niemals Esterhazy geheime Documente zugesteckt, niemals die verschleierte Dame gespielt. Lauter Ehrenmänner! Nur Piquart bleibt im Gefängniß und wird demnächst — wegen Nichtzuständigkeit der Civilgerichte — vor ein Kriegsgericht gestellt werden, wo man ihm „die Sache besorgen" wird. So kennen der Triumph und die Freude der Patrioten keine Grenzen. Die Redaction des „Jour", dessen Chefredacteur, Rochefort's Schwager Vervoort, nach dem Esterhazy-Processe den Freigesprochenen in einer erhebenden Ansprache feierte, — die Redaction der „Libre Parole", an welcher Esterhazy und Paty de Clam fleißig mitgearbeitet, und die Redactionen der anderen gutgesinnten Blätter werden illuminiren. Rochefort, der mü seiner Gattin in Trouville weilt, vergißt im Jubel über diese Ereigniffe seine ehelichen Unfälle, und der Prinz Henri de Orleans kehrt gerade zur rechten Zeit aus Abessinien zurück, um den Märtyrer Esterhazy abermals zu umarmen. Man hat sett dreiviertel Jahren hier so oft „das Wunderbare" gesehen, daß man verlernt hat, über irgend etwas sich zu verwundern, über irgend etwas zu erstaunen. Trotzdem konnte man die Vorgänge der letzten Tage nicht ohne eine gewisse Verblüffung mit ansehen. Die Veranstalter und Leiter der Zola-Processe hatten das Ersttckungssystem mit einer Ungenirtheit betrieben, von der man hätte glauben können, daß sie nicht zu überbieten sein werde. Aber diese Ungenirtheit verblaßt beinahe und erscheint schamhaft und zimperlich neben der — neben der völligen Bedenkenlosigkeit, mit der in dieser Affaire Esterhazy-Paty de Clam verfahren wurde. Es liegt beinahe etwas Erfrischendes in dieser rücksichtslosen Offenheit, und unwillkürlich empfindet man Respect . . . Nur daß ein leises Gefühl des Gruselns sich zu diesem Respect gesellt, und daß man sich zagend fragt: wenn das Alles möglich ist im klaren Sonnenlicht, vor Aller Augen, in breitester Oeffentlichkeit — was ist dann unmöglich? Was ist unmöglich, wenn das Alles möglich ist, ohne daß ein Aufschrei durch das Land geht, ein Schrei des Protestes, ein Schrei, der Rechenschaft verlangt? - Es geht nicht an, zu sagen: „ihr dürft euch kein Urtheil über diese Affaire anmaßen, denn ihr kennt nicht das Material, ihr wißt nicht, ob Esterhazy und Paty de Clam, Cousin des Kriegsministers Cavaignac, genügend belastet waren." Es geht nicht an, das zu sagen, denn alle Welt kennt das Material, und alle Welt weiß, daß Esterhazy und Paty de Clam, der Cousin des Kriegsministers Cavaignac, genügend belastet waren. Der „Siecle" hat in seiner Artikelserie „Die Fälscher" das Material veröffentlicht, und Jeder, der sehen wollte, sah, daß Esterhazy und Paty de Clam die Sperancadepeschen fabricirt, und daß Paty de Clam die „verschleierte Dame" gewesen, welche Esterhazy berathen. und ihm ein geheimes Document aus .den Schränken des Kciegsministeriums zugesteckt. Die Beweisführung des „Siecle" — welche zugleich die Beweisführung des Untersuchungsrichters Bertulus war — war allein schon niederschmetternd für die Beiden. Aber Etwas wie ein Wunder geschah: ein Zeuge trat auf, um diesen Jndicienbeweis noch zu unterstützen, ein Zeuge, der all diese Jntriguen miterlebt, ihnen zugesehen, bei ihnen geholfen: der junge Christian Esterhazy. Und auch seine Aussage kennen wir — wir kennen sie von ihm selbst, denn er hat Alles im „Siecle" selbst erzählt: Die Fabrikation der Speranca-Depeschen, seine heimlichen Gänge zu Paty de Clam, die Komödie der „verschleierten Dame", in der er selbst fungirt hat, da e r nach dem Dictate Esterhazys jene Briefe der „Verschleierten" geschrieben, welche Esterhazy am anderen Tage zur Unterstützung seines Märchens dem glaubensfrohen General de Pellieux vorlegte. Wir kennen also das ganze Material, auf das Bertulus seine Anklage begründete, und die Untersuchungsacten liegen ganz offen vor uns. Und man hat das Recht, zu sagen, daß niemals, in keinem Proceffe, eine Anklage auf ein stärkeres Beweismaterial basirt war. Sigismond Lacroix schreibt im „Radical": „Die militärischen Richter verstehen, was es bedeutet, wenn man sich die Mühe gibt, sie darauf aufmerksam zu machen, was man von ihnen erwartet; man liefere ihnen Picquart aus und mache ein Ende mit diesem Lästigen, der sich anmaßte, zu beweisen, daß Cavaignac sich habe täuschen können! All das ist im Plan des Generalstabes, und der Plan des Generalstabes wird sich Buchstaben für Buchstaben verwirklichen: denn er ist sehr tüchtig in den Manövern . . . der Procedur, unser Generalstab. Der Generalstab wird also Esterhazy retten, den Verfasser des Bordereau und der Ulahnenbriefe; denn Esterhazy ist eng verhandelt mit du Paty de Clam und du Paty de Clam mit den Anderen. Wenn sie Esterhazy preisgäben, würde die ganze Verkettung des Verbrechens klar an den Tag kommen, und das wäre der Zusammenbruch. Sie sind miteinander verbunden, und sie werden ihn nicht preisgeben, .müßten sie, um ihn zu retten, immer neue Schandthaten auf einander häufen." „Esterhazy ist eng verbandelt mit du Paty de Clam und du Paty de Clam mit den Anderen." In der That, wenn es wahr ist, daß du Paty de Clam Esterhazy das geheime Document aus den Archiven des Kriegsministeriums übergab, so ist der Cousin des Kriegsministers Cavaignac nicht der einzige Schuldige. Er besaß nicht den Schlüssel zu den Schränken. Dieser kleine, unscheinbare Umstand führt hinüber zu dem oder zu den „Anderen". Man wird verstehen, daß Diejenigen, welche die Herkulesaufgabe hatten, Esterhazy und Paty de Clam, den Cousin des Kriegsministers Cavaignac, noch einmal zu retten, in der Wahl ihrer Mittel sich nicht von kleinlichen Scrupeln leiten lassen konnten. In so verzweifelnden Fällen sind alle Mittel will-