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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-19 · 33 (19.8.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
33 (19.8.1898)
Date
1898-08-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 606 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 33 Machtstellung des Reiches schwer compromittirt. Wäre es den Ungarn zu verargen, wenn sie nach den blutigen Insulten, die sie erfahren mußten, die erste Gelegenheit ergreifen, sich von der Gemeinschaft mit solchen Elementen loszusagen? Die clerical-feudale Reaction hat das Volksgewissen vor Allem mit dem Jahrhunderte alten „Hep hep" zu betäuben gewußt. Wie vor vierhundert Jahren die Judenaustreibung in Spanien, so hat seit zwanzig Jahren bei uns die Judenhetze dem Clericalismus den Weg geebnet. Die Reaction arbeitet heute mit demagogischen Mitteln. Der Rechtsbruch aber, der in tausend und abertausend Einzelfällen an den Juden vollzogen wurde, hat auf der einen Seite das Rechtsbewußtsein und die Rechtsunsicherheit im Allgemeinen erschüttert, und auf der andern Seite die Begehrlichkeit aller Nationalitäten, Classen und Stände gestachelt, die ' sich auf Kosten des Gemeinwohles und des Staatsganzen befriedigen will. Selbst unsere weitsichtigsten Politiker haben es nicht begriffen oder begreifen wollen, daß der Antisemitismus ein weit gefährlicheres Element in sich birgt, als jenes der Rechtsverkürzung einer einzelnen Classe der Bevölkerung. Sie haben es übersehen, daß die stillschweigend geduldete Erschütterung staatsbürgerlicher Grundrechte wie ein fressendes Gift immer weiter greifen und schließlich den ganzen Staatskörper durchseuchen muß. So ist man zu einer Verleugnung des Gemeiusinnes, zu einer Lockerung aller gesammtstaatlichen Bande gelangt, welche am 29. November 1897 zu einer bis heute irreparabeleu Niederlage des Parlamentarismus in Oesterreich und in weiterem Verfolge zur Unvereinbarkeit der principielleu Gegensätze, welche Ungarn von Oesterreich trennen, führten. Derselbe Geist fanatischer Verblendung, der vor Jahrhunderten die spanische Armada gegen England ausrüstete und die „Ketzer" den Folterqualen der Inquisition überantwortete, hat bei uns den Antisemitismus eirtfacht und den Kampf gegen Ungarn und die verfassungsmäßigen Grundlagen der Monarchie entfesselt. Der Antisemitismus ist die einzige, die wahre, von jeder patriotischen Empfindung losgelöste Internationale. Vor vier Tagen hat ein antisemitischer Führer, der Pfarrer Eichhorn, der staatlichen Jurisdiction das Recht abgesprochen, geistliche Personen auch nur in einer Ehrenbeleidigungsklage zu verurtheilen. Da haben wir die Quelle der Auflehnung gegen die Autorität des Staates, alles Unrechtes und aller Gesetzlosigkeit. Nochmals: Das Schicksal Spaniens ist lehrreich für alle Völker und Staaten, lehrreich insbesondere für unser liebes Oesterreich. Fürst Bismarck und die „Iudenfrage". In dem Bedürfniß, die Autorität eines Bismarck für chre Zwecke auszunutzen, find die Antisemiten von jeher mit der Rede hausiren gegangen, welche der 32jährige stockreactionäre Junker Bismarck in dem Vereinigten Landtage gegen die Judeuemancipation gehalten hat, in welcher er gesagt, daß, wenn er sich als Repräsentanten der geheiligten Majestät des Königs gegenüber einen Juden denke, dem er gehorchen solle, er bekennen müsse, daß er sich tief niedergedrückt und gebeugt fühlen würde u. s. w. Diese Rede, mit dem Bildniß des Fürsten Bismarck geziert, haben die Antisemiten als Flugblatt verbreitet und ihr auch im Antisemitenkatechismus unter den Aussprüchen berühmter Männer einen Platz eingeräumt. Bismarck hat später in Versailles, wie Moritz Busch erzählt, bekannt: „Ich habe im Vereinigten Landtag doch manche dumme Rede gehört und (nach einer Pause lächelnd) auch gehalten." Selbst ein antisemitisches Blatt „Freideutschland" war einmal so ehrlich zu schreiben: „Gewisse Blätter reiten immer noch herum auf einer gänzlich verschimmelten „forschen" Judenrede Bismarck's aus den vierziger Jahren!!! Herr Gott, ist das lange her! Wir schreiben jetzt 1896; und die ganze Zwischenzeit bildet seitens Bismarck's die vollständigste Verleugnung, man könnte fast sagen: den schnödesten Verrath seiner verschimmelten Judengegnerschaft aus uralter Zeit! Wie würde man es beurtheilen, wenn z. B. ein Coperuicus, der doch geschichtlich anerkannt die Lehre vertritt, die Erde drehe sich um die Sonne, immer noch steif und fest in einem Lehrbuch als Vertreter der entgegengesetzten Ansicht angeführt würde?!! Die Ungereimtheit wäre nicht größer." Die Antisemiten würden doch nur dann ein Recht haben, sich auf jene emancipationsfeindlichen Aenßerungen des Abgeordneten v. Bismarck zu berufen, wenn dieser später, wo er an der Spitze des preußischen Staatsministeriums und der deutschen Regierung stand, versucht hätte, die infolge der Revolution von 1848 .erfolgte Emaucipation der Juden wieder rückgängig zu machen. Das ist aber nicht geschehen. Seinen beschränkten, vorurtheilsvollen Junkerstandpunkt hatte Bismarck aufgegeben und unter seinem Regime ist das Gesetz vom 3. Juli 1869 zu Stande gekommen, welches lautet: „Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben. Insbesondere soll die Befähigung zur Theilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Aemter vom religiösen Bekenntniß unabhängig sein " Und in Artikel 3 der Reichsverfassung ist die Gleichberechtigung der Confessionen mit der verfassungsrechtlichen Bürgschaft umgeben worden. Damit waren die letzten Schranken, welche der verfassungsniäßigen Gleichberechtigung der Juden in Deutschland noch entgegenstanden, hinweggeräumt. Daß Bismarck in seiner Auffassung der Judenfrage seine rückschrittlichen Traditionen über Bord geworfen, hat er auch sonst vielfach in Wort und That bekundet, bestätigen nachstehende Actenstücke: An die „Alliance Israelite“ in Paris. Berlin, 22. Februar 1868. Ich habe die Ehre, Ihnen in Beantwortung Ihres Briefes vom 4. d M. mitzutheilen, daß die Königliche Regierung ihren Repräsentanten in Bukarest aufs Neue dahin instruirt hat, daß Derselbe seinen ganzen Einfluß anwenbe, daß Ihren Glaubensgenossen in Rumänien der Schutz zu Th eil werde, welchen sie in anderen Ländern in denen die Legislatur auf den Principien der Humanität beruht, genießen. Ich bin übrigens fest überzeugt, daß die Absichten des Fürsten Karl vollständig mit unseren Wünschen übereinstimmen, und daß Seine Hoheit mit festem Willen die Entwicklung der Constitution des Landes herbeiführen wird, durch die der Regierung die Ausübung eines gleich wohlwollenden Schutzes für alle Classen der Bewohner und tu einer schnelleren Weise, wie in der Vergangenheit, erleichtert wird. Empfangen Sie u. s. w. v. Bismarck. An den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin. Berlin, 18. April 1868. Seine Majestät der König haben mich beauftragt, die Immediateingabe des Vorstandes der jüdischen Gemeinde vom 6. d. M. zu beantworten, worin derselbe die Allerhöchste Verwendung Seiner Majestät gegen die Durchführung eines bei der rumänischen Volksvertretung eingebrachten, die Rettung der Israeliten betreffenden Gesetzentwurfes nachgesucht hat. Infolge dessen benachrichtige ich

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