Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch’s Jahrgang XV. ♦ Centralorgan für die grfammten Interessen des Iudenthums. fr K. ft. ssostsparftaffrn-Anit EtearingvrrKeh r Nr. 610.976. SrdarUon und Administration: »irn >>.. Nnirrr Augartrnstr. ia. Telephon - Nr. 6535. -S -_—'■ ———- Wien, 19. August 1898. Erscheint jeden Freitag. -.» <• —fr- Bries-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien. fr fr BFjugapttta für Srfl-rrrich: Halbjährig « fl. » Jtt. Einzelexemplare Sft kr. Mr'» Nu»land: halbjährig » fl. — IO Jtt. ganzjährig »0 , — rv „ Anzeigen: Die ^mal gespaltene Peiitzeile 12 kr. -« Inhalt. Leitartikel: Spanien und Oesterreich. — Fürst Bismarck und die „Zndenfrage". — Offener Brief an Sr. Wohlgeboren Herrn I. II. Dr. Jacob Scharf. — Esterhazy in Freiheit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Flucht eines antisemitischen „Schriftleiters". „Haben die alten Hebräer Seife gebraucht?" Tie Gesellschaft für jüdische Volkskunde. — Meister Josephns. — Das jüdische Proletariat in England. — Korrespondenzen: Das Martyrium der jüdischen Hausirer, Bad Nauheim, Berlin, Lorldon, Paris, Petersburg. — Vermischtes: Wien, Netz, Abbazia, Brünn, Kojetein, Troppau, Prag, Eger, Neubidschow, Salzburg, Teschen, G.-Jenikau, Berlin, Belgrad, Mannheim, Rom. — Feuilleton: Der Letzte. — Literatur. — Briefkasten. Spanien und Oesterreich. Der spanisch-amerikanische Krieg ist beendet, Spanien hat seinen letzten Colonialbesitz in Amerika verloren und ist nach dem Zeugnisse seiner eigenen Presse zu einer Macht dritten Ranges herabgesunken. Das Schicksal jenes einst weltbeherrschenden Reiches, welches seine kühnen Eroberer über alle Meere entsendet hatte und in dessen Grenzen unter Carl V. die Sonne nicht unterging, hat sich erfüllt. Den Entdeckern Amerikas gehört kein Stückchen Boden mehr in der neuen Welt und eine blutige Ironie ist es, daß sie von jenem stolzen Besitze nichts niehr zurückzufordern haben, als die Gebeine Christoph Columbus', des Entdeckers Amerikas. Ein anderes Volk, in dessen Grenzen eine andere Sonne, jene der Freiheit, nicht untergeht, war das rächende Werkzeug der Weltgeschichte. Das Schauspiel, welches das friedenschließende Spanien bietet, ist lehrreich für alle Völker des Erdballs. Sein Niedergang hat an dem Tage begonnen, an welchen! Ferdinand der Katholische sein Land dem pfüffischen Geiste der Unduldsamkeit und Verdummung überantwortete und 300.600 treue, gewerbsfleißige, geistig hochstehende Unterthanen vertrieb, weil sie dem Glauben ihrer Väter nicht abtrünnig werden wollten. Nicht in Wundern offenbart sich heute mehr die lohnende und strafende Hand Gottes, wohl aber in dem ursächlichen Zusammenhänge der geschichtlichen Ereignisse. Dieselbe finstere Macht, die zur Austreibung der Juden und zur Folterung der Ketzer rieth, hat aus Spanien in vier Jahrhunderten einen zuckenden Leichnam gemacht. Im Mutterlaude senkte sich die Nacht frömmelnden Stumpfsinnes auf die Geister und aller Reichthum der Colonieu diente nur dazu, die Taschen gewissenloser Beamten und der unersättlichenGeiftlichkeit zu füllen/ Von Parteiungen, Bürgerkriegen und Palastrevolutionen zerrissen, sank Spanien immer tiefer, bis es nunmehr mit dem demüthigenden Präliminarfrieden von Washington aus der Reihe selbst der Mächte zweiten Ranges geschieden ist. Nicht historische Erinnerungen allein verbinden Spanien mit Oesterreich. Auch das mitteleuropäische Reich an der Donau war von jeher der Hort des machtbegierigen Papstthums und all' seiner Auswüchse. Die religiöse Unduldsamkeit hat auch in den österreichischen Erbländernzu den furchtbarsten Erschütterungen geführt und auch hier knüpft sich an vergangene Zeiten das Gedüchtniß an grausame Judenverfolgungen. Wie der Haß gegen das protestantische England, Spanien zu einer Reihe unglaublicher Kriege drängten, in welchen es Hunderte seiner schönsten Schiffe und Hekatomben von Menschen verlor, so haben auch bei uns die Religionskriege und der stete Kampf gegen das freiheitsliebende Ungarn ungeheuere Opfer gefordert und die blühenden Erbläuder wiederholt verwüstet Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts war Oesterreich wie mit einer chinesischen Mauer gegen alle modernen Ideen, gegen die Errungenschaften der Wissenschaft und des Rechtes abgeschlossen und huldigte auf allen Gebieten der Staatswirthschaft und Staatsverwaltung einer Rückständigkeit, welche es zum Popanz der Völker Europas gemacht hatte. Und auch seither hat der Cleriealismus immer wieder seinen Sturmlauf gegen die Principien des modernen Rechtsstaates versucht. Wenn heute die Monarchie sich in einer schweren Krise befindet und Feinde Oesterreichs sogar schon die Frage aufwarfen, ob das Reich seine Großmachtstellung noch werde bewahren können, so danken wir dies der Wühlarbeit jener finsteren Mächte, die unser Vaterland schon einmal an den Rand des Abgrundes gebracht haben, und die von dem Schicksal Spaniens nicht abgeschreckt werden, an dem Körper Oesterreichs die gleichen unheilvollen Experimente vorzunehmen. Man macht den Ungarn den Vorwurf, daß sie, unverrückt auf dem Boden des Gesetzes fußend, ihre Mithilfe zur Lösung der österreichischen Wirren verweigern. Aber seit zwei Jahrzehnten hat man es hier geduldet, daß die Häuptlinge der antisemitischen Partei eine wilde Hetze gegen Ungarn entfachten, und es hat Niemanden gegeben, der diese Hetze als verderblich für die Großmachtstellung des Reiches verdammt hätte. Wie die Antisemiten zu Gunsten ihrer verwerflichen Tendenzen alle Rücksichten auf die staatliche Ordnung und den Bürgerfriedeu bei Seite ließen, so haben sie auch vor den Augen ganz Europas das Ansehen und die