Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021256--08074-3032434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32 Vr. Bloch's Wochenschrift Seite 603 „Herr Bürgermeister!" sprach er lächelnd, aber aus dem Tone seiner Stimme klang die volle Entschiedenheit, welche ein charakteristisches Merkmal in dem Wesen des großen Humanisten und Rechtslehrers, bildete, „ich sehe diesen Herrn das Erstemal in meinem Leben; aber ich bin ein Menschenkenner und vollkommen davon überzeugt, daß seine überschwenglichen Worte, trotzdem wahr und aufrichtig gemeint sind, und ich kann kaum annehmen, daß Sie ernstlich glauben, diese könnten mich verletzen. Allein meine Zeit ist kostbar und ich beabsichtige auch nicht, Sie durch werthlose Gespräche Ihrer Amtstbätigkeit zu entziehen. Darf ich sofort auf den Zweck meiner Anwesenheit übergehen und mir die für mich wünschenswerthe Auskünfte erbitten?" „Ich bin gerne bereit Ihnen dieselben zu ertheilen, Herr Regierungsrath; ich bitte Ihre Fragen zu stellen/ erwiderte Purkhammer sich Sonnenfels gegenübersetzend, „doch gestatten Sie, daß ich vorerst noch einen dienstlichen Auftrag ertheile: Herr Actuar! Entwerfen Sie das Ersuchsschreiben an das hochlöbliche Egerer Festungseommando mit der dieustfreundlichen Bitte, es möge dafür Sorge tragen, daß die, bei der übermorgen stattfindenden Hinrichtung, nothwendige militärische Assistenz von dort ans beigestellt würde. Gewöhnlich erscheint dabei ein ganzes Bataillon Fußvolk und ein Zug Cavallerie. Da sich voraussichtlich der mich so hoch erfreuende Besuch des Herrn Regierungsrathes auf längere Zeit erstrecken wird, können Sie das Ersuchschreiben an das Generalat in Eger, von meinem Stellvertreter, dem Herrn Kriminalrath Labwandel, unterfertigen lassen." Der Actuar verbeugte sich und ging. „Da wären wir ja eigentlich schon in meäia re", meinte Sonnenfels, als er mit dem Bürgermeister allein blieb. „Sie sprechen von einer Hinrichtung, die übermorgen stattfinden soll — wer ist der Berurtheilte, welches Verbrechens wurde er angeklagt, in welcher Weise wurde der Schuldbeweis erbracht?" „Das hiesige Criminalgericht hat den Lucker Schutzjuden Abraham Duppau eines grausamen Mordes, also eines überschweren Verbrechens wegen, zum Tode durch Radbrechen von unten hinauf verurtheilt, und der Delinquent wird übermorgen auf diese Art vom Leben zum Tode gebracht werden." Sonnenfels' Züge verdüsterten sich und seine Stimme klang leicht verschleiert, als er nach einer Pause sprach: „Die von Ihnen genannte Todesstrafe zählt, seitdem unsere allergnädigste Kaiserin die früher bestandenen unnatürlichen, grausamen, die Menschheit schändenden, als: Lebendig Schinden, Pfählen u. m. A. aufgehoben, zu den schwersten. Nach der peinlichen Gerichtsordnung mußten Sie das Urtheil der härteren Todesstrafe dem Obergerichte zur Bestätigung vorlegen." „Es ist von diesem vollinhaltlich bestätigt worden." Sonnenfels stützte den Kopf in die Hand. Es trat eine Pause ein, endlich sprach er: „Darf ich bitten, Herr Bürgermeister, mir die species facti, wie sie und auf welche Weise sie zur Kenntniß des Gerichtes gelangten, dann auch den Gang und Verlauf der Untersuchung anzugeben?" „Ich diene Ihnen gerne, Herr Regierungsrath. Der Sachverhalt war folgender: Am 19. des vorigen Monats erstattete der Bauer Claudy Rodler, der auf seinem, an der Straße von D. nach C. gelegenen einschichtigen Hofe wohnt, die Anzeige, daß seine Frau in der vergangenen Nacht in grausamer Weise ums Leben gebracht worden war. Er gab Folgendes zu Protokoll: Er wäre von einer kurzen Reise, etwa zwei Stunden nach Mitternacht, mit seinem Wagen nach Hause gekommen. Seinen Knecht, der mit ihm auf dem Wochenmarkt gewesen, hatte er in einem Städtchen zurückgelassen, weil er dort von einem Müller Geld für ihn eincassiren sollte; der zweite Knecht war in seine Heimat bei der Hochzeit seiner Schwester, von den beiden Mägden wäre eine zu ihrer, in einem sechs Stunden entfernten Dorfe wohnenden kranken Mutter zu Besuch gegangen; während die zweite, die sich bei der Arbeit einen Arm verrenkt hatte, für einige Tage zur Heilung in ein nahegelegenes Nonnenkloster beurlaubt worden war, so daß sein Eheweib Barbara ganz allein am Hofe geblieben. Diese pstegte, wenn sie während der Nacht allein auf dem Hofe blieb, immer in der Wächterhütte zu übernachten. Sie fürchtete sich in dem abgelegenen Wohnhause, die Wächterhütte aber lag an der belebten Landstraße. Schon in einiger Entfernung von seinem Hofe war es Claudy Rodler ausgefallen, daß er die Wächterhütte nicht sah: allein, da in dieser Nacht der Himmel umwölkt war, glaubte er zuerst diese nur der Dunkelheit wegen nicht erkennen zu können; allein als er näher kam, fiel ihm zuerst ein starker Brandgeruch auf, endlich sah er, daß die Hütte ganz vom Feuer zerstört war. Rodler war, wie er sich wörtlich ausdrückte, so erschrocken, daß ihm fein die Zunge an dem Gaumen klebte und daß, wenn ihm der Bader die Ader geschlagen hätte, fein kein Tropfen Blut geflossen wäre! Sein Weib Pflegte ja während seiner Abwesenheit in der Hütte zu übernachten! Einen Augenblick, so gab Rodler weiter zu Protokoll, hatte er doch noch immer gehofft, der liebe Gott werde ihn doch nicht so gar hart strafen, ihm plötzlich sein braves Weib zu nehmen! So halb von Hoffnung beseelt, halb von Verzweiflung erfaßt, wäre er in das Wohnhaus geeilt, das er aber von außen fest verschlossen gesunden hätte. Mittlerweile wäre der Morgen angebrochen und einer seiner Nachbarn, der Bauer Wendler, sei mit seinem Knechte auf der Straße vorübergegangen. Die Beiden wären näher getreten und hätten ihm endlich geholfen, unter den Brandresten, von denen noch einzelne Stücke glimmten, zu suchen. Bald hätten sie einen \ verkohlten Leichnam gefunden, welcher durch eine Schnur Korallen, die seine Frau stets am Halse trug, agnoseirt werden konnte. Der Bauer Wendler und sein Knecht bestätigten, so weit als diese sie selbst betraf, Rodler's Aussage; uud auch die Gerichtscommission, welche sofort an den Thatort entsendet wurde, fand soweit dies eben erkennbar, die äußere Sachlage mit Rodler's Aussagen übereinstimmend." Purkhammer machte eine kurze Pause, als wolle er Sonnenfels Zeit gönuen, das Gehörte zu überdenken, dann fuhr er fort: „Criminalrath Eusebius, welcher die ersten Aussagen Rodler's entgegennahm, frug ihn, ob er auf Jemanden einen begründbaren Verdacht werfen könne, worauf der Bauer erwiderte: Zuerst habe er geglaubt, daß ein Raubmord vorläge, ja selbst als er gesunden, daß nichts im Hause, in den Scheuern fehle, hatte er angenommen, der oder die Räuber wären etwa durch das Geräusch eines sich auf der Straße nähernden Wagens verscheucht worden; allein bei längerem Bedenken mußte er diese Ansicht aufgeben. Wäre ein nächtlicher Einbruch beabsichtigt gewesen, so hätten die Diebe und Räuber dies gewiß nicht von der Straßenseite, sondern von der Rückseite des Hauses, welches an einen öden, fast nur von Bewohnern des Hofes benützten Fußweg stößt, versucht. Es scheine ihm jetzt, daß ein böser Mensch die grause That aus Rachsucht verübt habe." „Vermochte Claudy Rodler Jemanden zu bezeichnen, der in feindlichen Beziehungen zu seiner Frau gestanden, und von dem man sich auch einer solchen That versehen mochte?" frug Sonnenfels, mit seiner Frage dem Berichterstatter vorgreifend. „Der Lucker Jud' Abraham Duppau war ihr Feind. Die Ermordete war in den letzten Jahren habsüchtig und geizig geworden. Sie hatte ihm einige Wochen früher für sein Fuhrwerk ein Pferd als fehlerfrei verkauft, von dem es sich, wie Duppau behauptete, später herausstellte, daß es mit allen möglichen Fehlern behaftet war. Als Duppau dann zu der Bäuerin kam, ihr Vorstellungen wegen der Uebervortheilung machte und den Kauf rückgängig machen wollte, hetzte sie ihren Hund auf ihn, der ihn in den Schenkel biß. Diese Thatsache ist auch durch die Aussage des Chirurgen, welcher Duppau behandelt hatte, bestätigt." . „Entschuldigen Sie die Unterbrechung!" sprach Sonnenfels. „Gelangte es zur Kenntniß des Gerichtes, daß der Jude in Gegenwart von Zeugen davon gesprochen, sich an der Bäuerin zu rächen? Und ist der Berurtheilte ein Mensch, der in seinen« Vorleben einen so hohen Grad von Bosheit, Rachsucht, Grausamkeit gezeigt, mit einem Worte ein Charakter, der die Ausübung einer solchen schauderhaften Unthat wahrscheinlich oder auch nur möglich erscheinen läßt?" Der Bürgermeister streichelte sich — wie er zu thun pflegte, wenn er verlegen war — langsam, sanft, die feiste Wange und sprach nach kurzem Bedenken: „Herr Regierungsrath! Sie werden sich wohl die Proceßacten vorlegen lassen; ich erlaube mir ergebenst. Sie auf diese zu verweisen, sie verbreiten sich ausführlich über alle Einzelheiten." Die ausweichende Antwort schien Sonnenfels nicht zu befriedigen; auch schien er von der Vortrefflichkeit der ihm an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.