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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 602 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 32 Feuilleton. Der Letzte. Erzählung von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". Drittes Capitel. Zehn Tage später finden wir Bürgermeister Purkhammer wieder in seinem Bureau. Heute befindet er sich augenscheinlich in besserer Laune. Der Ausspruch seines Freundes Wallbruck: Man stelle sich die Sachen zuweilen ärger vor als sie in der That ausfielen, schien sich diesmal zu bewahrheiten. — Die Einbrecher bei dem Krämer Hladek saßen schon hinter Schloß und Riegel und waren ihres Verbrechens überführt, hatten ein volles Schuldgeständniß abgelegt. Eine am Thatorte Vorgefundene Tabakspfeife hatte rasch zur Entdeckung der Diebe geführt. Sie war als das Eigenthum eines gerichtsbekannten Gauners, der erst vor Kurzem aus dem Prager Criminale entlassen wurde, agnoscirt worden, und hatte man bei einer Hausdurchsuchung bei demselben die gestohlene Waare vorgefunden. Ebenso hatte Abraham Duppau, nachdem Purkhammer sein Bedenken siegreich niedergeschlagen, den Rath Wallbruck's befolgt und den Beschuldigten der Folterung des höchsten Grades unterzogen, ein volles Bekenntniß abgelegt. Purkhammer glaubte mit dem Erfolge seiner Amtsthätigkeit zufrieden sein zu können; und da sein Gesuch um einen vierwöchentlichen Urlaub vom Präsidenten des Appellationsgerichtes bewilligt worden war, hoffte er sofort übermorgen nach Duppau's Hinrichtung mit seiner Nichte auf das Gut seines Freundes Wallbruck reisen zu können, und dort seine Bemühungen, seine Nichte an den Arzt zu verheiraten, mit Erfolg gekrönt zu sehen. Er befand sich daher in so fröhlicher Stimmung, daß er sogar Globner, der sich eben im Bureau seines Chefs befand, um eine Nuance weniger wegwerfend als sonst behandelte. „Euer Gestrengen!"sprach dieser, „ich bitte ganz ergebenst, mich von der Anwesenheit bei der übermorgen stattfindenden Hinrichtung des unglücklichen Abraham Duppau zu dispensiren." „Ich kann es nicht gut leiden," meinte der Bürgermeister mit-wichtiger Miene, „wenn sich ein Beamter einer Pflicht entzieht; in diesem Falle umso weniger, als Sie für ihre Bitte kaum einen vernünftigen Grund anzuführen vermögen..." Globner wollte auffahren; aber schon bei dem kürzesten Bedenken gelangte er zu der Ueberzeugung, daß er sich doch bezwingen müffe; allein während er in fliegender Eile darüber nachsann, in welcher Weise er erwidern sollte, ohne sich von der tiefen Bitterkeit, die ihn erfüllte, zu weit Hinreißen zu lassen, wurde das Gespräch unterbrochen, und ein Fremder übertrat nach dem üblichen Anklopfen die Schwelle. Derselbe war ein mittelgroßer Mann in der ersten Hälfte der Vierzig und war unter dem Reisemantel, den er später ablegte, einfach, aber elegant, ganz in Schwarz gekleidet. In dem blaffen, geistvollen Gesichte fiel vor Allem eine ungewöhnlich hohe Stirne auf, in welche anhaltende Gedankenarbeit schon leichte Furchen gegraberkchatte. Die großen, schwarzen, glänzenden Augen schienen Alles, worauf sie sich richteten, zu durchdringen. Die ftischen Lippen erschienen dadurch, daß wenn der Fremde schwieg, er den Mund fest geschlossen hielt, etwas schmäler als sie waren. Wenn Lavater's Behauptung, daß ein kräftiges Kinn Energie und Geistesstärke verrathe, richtig war, so mußte der Ankömmling diese beide Eigenschaften in hohem Grade besitzen, und sein ganzes Auftreten ließ einem Menschenkenner keinen Zweifel darüber, daß er mit diesen Vorzügen auch Besonnenheit und Ruhe verbinde. Der Eindruck, den der Fremde bei den beiden Anwesenden hervorrief, war ebenso verschieden als deren Individualität. Globner fühlte sich von der Erscheinung des Fremden sympathisch angezogen, während Purkhammer sich von dem unerwarteten Besuche unangenehm berührt fühlte. Er mochte in seinem Bureau Niemanden gerne leiden, der ihm erhobenen Hauptes und offenen Blickes entgegentrat. Im ersten Augenblicke vermochte er sich über die Lebensstellung des Fremden kein Urtheil zu bilden, er mußte annehmen, daß er gar nicht seinem Gerichtssprengel angehöre, eine solche Persönlichkeit in diesem konnte ihm während der langen Dauer seiner Amtsthätigkeit unmöglich unbekannt geblieben sein. Purkhammer war ein Mann, der wie fast alle Beamten seiner Zeit, der äußeren Form einen hohen Werth beilegte, und schon, daß er nicht wußte, welchem Stande sein Besucherangehöre, machte ihn verlegen und befangen. Er mochte eine hochgestellte, einflußreiche Persönlichkeit nicht durch ein zu geringes Maß von Unterwürfigkeit verletzen, fast weniger noch, durch allzufreundliches Entgegenkommen, einem Niedrigstehenden gegenüber — wie er glaubte — seiner Würde etwas vergeben; er drückte daher, um Zeit zu gewinnen, seine goldene Brille etwas fester hinter die Ohren, warf noch einen Blick auf das zufällig vor ihm liegende Actenstück, als wäre er eben in ernster amtlicher Beschäftigung unterbrochen worden, und meditirte dabei fortwährend in raschem Gedankenfluge über eine Ansprache, mit welcher er die beiden gefürchteten Klippen glücklich umschiffen konnte; aber der Fremde ließ ihm zu dieser nicht Zeit und begann mit einer wohltönenden Stimme. „Herr Bürgermeister! Ich habe die Ehre, mich Ihnen als Josef Sonnenfels, niederösterreichischer Regierungsrath und Professor der Staatswissenschaften an der Wiener Universität vorzustellen. Ich befinde mich eben auf einer Jnstructionsreise. Ich beabsichtige das Gefängnißwesen, das peinliche Gerichtsverfahren praktisch näher kennen zu lernen, um Material für ein großes Werk, das ich möglichst bald zu beenden wünsche, zu sammeln. Seine Excellenz, der Herr Appellations-Präsident, hatte die Gnade, mir ein Decret mitzugeben, in welchem sämmtlichen Gerichtsbehörden des Königreiches verordnet wird, mich dienstfreundlichst zu unterstützen, mich in den Protokollen und sonstigen Gerichtsacten Einsicht nehmen zu lassen, die Gefangenen, sowohl jene, welche sich noch in Untersuchungshaft befinden, als die schon Verurtheilten, zu sprechen, im Kerker zu besuchen." — Hierbei überreichte Sonnenfels dem Bürgermeister ein breites Couvert. Purkhammer übernahm dies mit einer tiefen Verbeugung, von der es unentschieden bleiben konnte, ob sie dem Gaste oder der schriftlichen Enunciation des Appellationspräsidenten galt. Er las das Schreiben mit großer Aufmerksamkeit, dann gab er dasselbe zurück und sprach förmlich: „Herr Regierungsrath! Es gereicht mir zur Ehre, Sie hier in meinem Bureau zu sehen, und es bedarf wohl nicht der Versicherung, daß ich den Befehlen Sr. Excellenz, des Herrn Aypellationspräsidenten, in gewohnter Obedienz gehorsamen werde." Purkhammer schob nun dem angesehenen Gaste einen Stuhl hin. Mit Globner aber war, als er den Namen des Besuchers hörte, eine eigenthümliche Veränderung vorgegangen; eine glühende Purpurröthe überflog seine edlen Züge, sein ganzer Körper schien unter dem Eindruck einer freudigen Aufregung zu vibriren; unwillkürlich trat er einen Schritt näher an Sonnenseld heran; und nachdem Purkhammer seine Ansprache abgeleiert, konnte sich der junge, feurige Mann nicht mehr halten, ergriff leidenschaftlich Sonnenfels' Hand und hätte diese in überströmender Bewegung an seine Lippen gedrückt, wenn nicht Sonnenfels dessen Rechte mit beiden Händen festgehalten und kräftig geschüttelt hätte. „Welch' Glück!" rief Globner, „Sonnenfels, den edlen Vorkämpfer der leidenden Menschheit, den ersten Wortführer für die Aufhebung der Tortur, von Angesicht zu Angesicht zu sehen! Diese Stunde wird mir ewig unvergeßlich bleiben! — Bei Gott! Herr Regierungsrath, so hatte ich mir Sie vorgestellt, so..." Purkhammer schnitt seinem Untergebenen das Wort ab. „Sie vergessen Ihre Stellung Actuar! — die Kluft, welche einen an der untersten Sprosse der Beamtenhierarchie stehenden, unbedeutenden, jungen Mann von einem Rathe der niederösterreichischen Regierung trennt! Mäßigen Sie sich in Ihrer kriecherischen Schmeichelei und vermeiden Sie auch ein vertrauliches Benehmen, das sich wohl gegen Personen, mit denen Sie mit Vorliebe verkehren: Kleinbürgern, Handwerkern, Bauern und dergleichen Volk, nicht aber einem hohen Beamten gegenüber ziemt!" * * * Sonnenfels scharfer Geistesblick hatte sofort die seelische Individualität der beiden ihm gegenüberstehenden Menschen erkannt, er war es sich voll bewußt, ebenso daß Globner's Ausdruck seiner Verehrung ein aufrichtiger, wahrer, als daß Purkhammer einer jener Beamten verknöcherten Herzens sei, welche ihn um seiner Bestrebungen willen anfeindeten, alle Mittel aufboten, diese zu bekämpfen, welche am liebsten ihn selbst vernichtet hätten.

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