Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 598 Nr. 32 Dr. Bloch's WocheDhrifi Sachverständiger in Duellsachen, endlich in bem Duell des Hauptmannes Mayer mit dem Marquis Mores den Juden große Dienste geleistet, wofür mir Baron Edmund Rothschild dankbar ist. Diese Beziehung, von welcher ich auch Deinen Vater wiederholt profitiren ließ, stelle ich jetzt mit Freuden in Deinen und Deiner Mutier Dienst, vorausgesetzt, daß ich Eurer Discretion sicher sein kann. Man räth Euch an, für Euer Geld Prioritäten, Bank Ottoman-Actien, türkische Renten und egyptische Schuldverschreibungen zu kaufen, man muß ein Blödsinniger oder ein Schuft sein, wer Euch empfehlen kann, in dieser Zeit türkische Werthe zu kaufen. Du sprichst mir von Börsenspekulationen, niemals würde ich Euch rathen, an der Börse zu spielen, denn jede Börsenspekulation kann schlecht ausgehen." Nach diesen Reflexionen, welche Esterhazy, der sehr fleißig an der Börse gespielt hat, und dessen Handschrift auf dem facsimilirten Bordereau zu allererst von Börseanern erkannt wurde, für seine Person nicht befolgt hat, fährt er fort: „Ich werde durch Vermittlung meines Freundes an einem Geschäfte betheiligt, von welchem ich Euch profitiren lassen will. Er selbst führt es persönlich und er hat mir versprochen, daß ich, wenn ich eine Summe einlege, die Gewißheit habe, daß wir daran gewinnen. Ich garantire Euch ein Minimum von Zinsen von 25 Percent, jeden Monat zahlbar, natürlich nicht monatlich 25 Percent, sondern 2 Percent und ein Bruchtheil im Monat, macht 25 Percent im Jahre. Ich verbürge mich Euch mit meinem ganzen Vermögen für das Capital. Wenn ihr nach drei oder sechs Monaten das Geld zurück haben wollt, dann braucht ihr es nur zu sagen, es steht Euch zur Verfügung . . ." Graf Esterhazy und seine Mutter übergaben ihrem Verwandten, dem Major Walsin-Esterhazy, einen Betrag von 38.500 Francs. Im Januar 1898, da die Katastrophe über Esterhazy bereits hereingebrochen war, da man sich bereits ein Bild von seinem Charakter machen konnte, wurde Christian Esterhazy unruhig, er kam nach Paris und verlangte sein Geld. Am 26. Januar 1898, vierzehn Tage nach der Freisprechung Esterhazy's durch das Kriegsgericht, schreibt Esterhazy an seinen Verwandten: „Ich darf nicht, bevor der Proceß Zola beendigt ist, meinen Fuß in gewisse Bankhäuser setzen, das könnte mich verdächtigen; ich werde Alles, was Du verlangst, thun, wenn die Sache beendigt ist. Ich erwarte mit Ungeduld das Ende des Proceffes Zola, um mich zu entscheiden, welche Partei ich ergreifen soll; jedenfalls war dieser Proceß ein großer Fehler. Wenn er gut ausgeht, haben wir beschlossen, 500.000 Francs von Mathieu Dreyfus zu verlangen, 200.000 Francs von Zola, 200.000 Francs vom „Figaro", und wenn wir nur ein Drittel von diesen Summen erhallen, ist es auch gut. Wir könnten dann unser Project ausführen und uns unter einem anderen Himmelsstriche nie d e r l a s se n. In jedem Falle wirst Du gut thun, eine fremde Sprache zu lernen." Christian Esterhazy und seine Mutter kamen nach Paris, um in dem Bankhause Rothschild Erkundigungen einzuziehen über die Wahrheit der Behauptungen des Majors Esterhazy. Im Bureau des Bankhauses erfuhren sie, daß Major Esterhazy niemals ein Depot im Hause Rothschild hatte, noch in irgend welchen Verrechnungen mit denlselben stand. Dic 40.000 Francs waren verloren. Christian Esterhazy und seine Mutter erstatteten die Strafanzeige, welch fast fünf Monate geruht hat. Denn Esterhazy war immun, man wagte nicht einmal wegen der Betrügereien Hand an ihn zu legen. Jetzt lebt die Anzeige wieder auf, und Dank der Festigkeit des Richters Bertulus wurde ein überwältigendes Beweismaterial gegen Esterhazy zusammengetragen, welches in den citirten Briefen und in den Aussagen des jungen Grafen Christian Esterhazy, sowie seiner Mutter eine starke Basis hat. Aber es ist bezeichnend, daß noch heute Versuche gemacht werden, den Esterhazy zu retten, und daß die militärischen Kreise glauben, selbst in diesem kritischen Augenblicke sei eine Vertuschung der Affaire möglich. * * , ♦ „SiLcle" veröffentlicht ein langes Interview mit Christian Esterhazy, welcher mittheilt, wie er in die gegenwärtige Affaire hineingezogen wurde. Christian sei, als er von Bordeaux kam, mit offenen Armen vom Kommandanten Esterhazy empfangen worden, der seine Befürchtungen in Betreff der Placirung des Geldes zerstreute und ihn zu Madame P a y s führte. Kommandaut Esterhazy und Madame Pays überredeten Christian bald, ihnen als Vermittler zu dienen, um dem Obersten Du Pa ty de Clam die Pläne für den Kampf mitzutheilen, den sie gegen das Verräther-Syndicat zu unterhalten für nothwendig hielten. Christian theilt sodann mit, wie Du Paty de Clam und Kommandant Esterhazy auf die Idee kamen, P i c q u a r t mittelst der falschen, mit „Blanche" und „Speranza" signirten Telegramme bloßzustellen. Endlich gesteht Christian, daß er es selbst gewesen sei, der die Briefe der verschleierten Dame über dringendes Bitten seines Consins, welcher den General Pellieux über die Provenienz des geheimen Stückes aufklären wollte, geschrieben habe. Christian schließt mit der Erklärung, daß er vor dem Untersuchungsrichter Bertulus unter seinem Eide ausgesagt habe. Eine Grabrede. Wir berichteten unlängst über die Rede, die Professor S t a p f e c in Bordeaux am Grabe des Universitätsprofeffors C o u a t hielt und in welcher er die Unterdrückung des Rechtes in Frankreich beklagte. Eine ähnliche Kundgebung hat nun vor einigen Tagen am offenen Grabe eines der angesehensten Pädagogen Frankreichs stattgefunden, am Grabe PeLaut's, Generalinspectors des Unterrichts und Leiters der Lehrerinnen-Bildnngsanstalt in Fontenay-Roses. Die Leichenrede« hielt der Professor an der Sorbonne und ehemalige Dircctor des Elementarunterrichtes B u i s s o n. Professor Buisson sagte: „Seit acht Monaten martert sich unser Vaterland mit einer schmerzlichen Frage. Ich brauche sie nicht näher zu bezeichnen, denn welche Familie hätte sie nicht erregt, e n t z w e i t und beängstigt? Sie haben in dem Einladungsschreiben gelesen, daß Herr Pecaut bezeichnet ist als ehemaliger Generalinspector, ehemaliges Mitglied des Ober-Stndienrathes. Warum dieses ehemalig? Erst ganz kürzlich, in der vergangenen Woche, hat er durch seine Familie den Minister inständig bitten lassen, ihn von diesen beiden Aemtern, die ihn noch an die Verwaltung fesselten, zu entheben. Er hat dies gethan, um nicht zu st er b en, ohne seinen Namen, wie seine Söhne schon vorher gethan hatten, mit den Männern von Herz vereinigt zu haben, die sich einer der v erblendet st en und zugleich furchtbar st en Strömung der öffentlichen Meinung, die je ein Land hingerissen hat, entgegen werfen. Indem er sich ihnen anschloß, versuchte er die Republik, Frankreich und die Armee vor der einzigen Schande zu bewahren, die sie treffen kann; denn es ist keine Schande, sondern das Gegentheil, wenn man einen Jrrthum, falls ein solcher begangen, wieder gut nt acht. Wie oft hat er mir nicht gesagt: „Aber sieht man denn nicht ein, daß es die schlimmste Beleidigung wäre, die man unserer Armee anthun kann, wenn man vergäße, daß sie als Dienerin Frankreichs auch Dienerin der Gerechtigkeit i st? Lassen wir uns um Gotteswillen nicht in das schreckliche Dilema verstricken, daß wir meinen, wir niüßten. die Gerechtigkeit dem Vaterlande oder das Vaterland der Gerechtigkeit opfern. Beide Begriffe sind Eins, segnet man das Eine, so segnet man auch das Andere. Und hütet Euch, daß Ihr in der Absicht, Frankreich zu retten, nicht das französische Gewissen tödtet. Es ist heutzutage, wo man der Fehde müde ist, leicht zu erreichen, daß man das öffentliche Gewissen zum Schweigen bringt und einschläfert. Zittern wir vor der Möglichkeit, daß uns das nicht zustößt, denn nur dieses Unglück wäre nicht wieder gut zu machen. Und seit dem Tage, da er dieses Unglück fürchtete, hatte er keine Ruhe, bis er, um es zu beschwören, Alles gethan hatte, was in seiner Macht stand; er hat ihm das Letzte entgegengeworfen, was ihm noch geblieben:die Stimme eines Sterbenden. Als er hörte, daß der Oberstlieutenant Picquart verhaftet werden sollte, perlten ihm große Thränen aus den Augen, und noch von seinem Todtenbette aus dictirte er herzzerreißende Briefe an die, die er einer letzten Mahnung zugänglich hielt. Sobald er dann durch seine Entlassung aus dem Amte frei geworden, befahl er, daß man seine Unterschrift auf den Anschlag setzte, der als Antwort auf die Rede des Kriegs Ministers diente. Er fragte nicht danach, ob er morgen sterben werde, er wußte nur, daß er noch Zeit habe, die Th at eines Bürgers, eines Patrioten, eines Erziehers zu vollbringen. 7-'-- rrrrV-