Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenfchrifi Seite 595 doppelt angerechnet worden sein. Achtundzwanzig unter den Schulmännern, die mit dem Herrn Stadrath zu concurriren wagten — man sollte sie strafen für diese Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit — waren mit durchgehends „vorzüglich" qnalificirt; aber was gilt das gegen die Qualification des Herrn Tomola, dem Dr. Lueger gewiß das schönste Zeugniß ausgestellt haben dürfte für das, was er in der Erziehung des Volkes zum Antisemitismus geleistet hat! Und Alle, die durch die Präsentation des Herrn Tomola seitens der Gemeinde Wien geschädigt worden sind, mögen sich trösten bei dem Gedanken, daß der Herr Bürgrclub-Director Tomola jener Partei angehört, zu deren Sieg die Lehrerschaft selbst nicht wenig beigetragen hat. * * Noch eine zweite Ernennung haben wir zu verzeichnen, durch welche wieder ein antisemitischer Agitator für seine parteipolitischen Dienste den klingenden Lohn erhält. Der christlichsociale Reichsrathsabgeordnete Julius P r o ch a s k a ist Director des städtischen Arbeitsvermittlungsamtes geworden. Diese Stelle trägt dem genannten „Socialpolitiker" nicht blos den mit derselben verbundenen Gehalt, sondern auch den Einfluß, der mit der Leitung eines solchen Amtes und mit der Macht über das Schicksal der Angestellten verbunden ist. Sie wird diesem „Volksmanne" ferner die Möglichkeit bieten, bei der Arbeitsvermittlung selbst das antisemitische Programm zu beobachten, und nachdem der erste Vicebürgermeister von Wien, nämlich Herr Josef S t r o b a ch, schon seinerzeit, als es sich um die Stellenbesetzung bei denr neuen Amte handelte, mit seinem feisten Lachen erklärt hatte: „So dumm werden wir nicht sein, einen Juden anzustellen" — Herr Strobach ist nämlich gar gescheit — so wird Herr Julius Prochaska seinerseits wahrscheinlich nicht so dumm sein, einem jüdischen Arbeitsuchenden eine Beschäftigung zuweisen zu lassen. In der Bestellung des obbemeldeten Agitators Julius Prochaska zum Director eines Amtes, dessen allererstes und ganz unerläßliches Erforderniß die vollste Objektivität, ja geradezu vollständige Parteilosigkeit ist, offenbart sich die Schamlosigkeit^ der christlich-socialen Partei in der parteiischen Ausnützung'der ihr Zugefallenen Macht genau in derselben Art, wie bei der Ernennung des famosen Stadtrathes Tomola zum Bürgerschuldirector unter ungerechter und kränkender Protegirnng zahlreicher Bewerber, unter denen er, der Annuität nach erwiesenermaßen der Letzte, der Befähigung nach ganz gewiß einer der Letzten ist. Der Schwiegervater des Herrn Tomola, bekannt dadurch, daß er sich einem jüdischen Weinpantscher zur Verfügung stellte, um zu Gunsten desselben im Wiener Rathhause etwas „zu richten", wird an dieser schleunigen Carriöre seines Eidams allerdings seine Freude haben, und Interessenten der von Herrn Stadtrath Tomola zu leitenden Schule kann es vielleicht nicht unwillkommen sein, zu wissen, daß Herr Tomola einen überaus gefälligen Schwiegervater hat. Was aber das städtische Arbeitsvermittlungsamt anbelangt, so ist es, von allen anderen Gründen abgesehen, selbstverständlich, daß es von allen der socialdemokratischen Partei angehörigen Arbeitern schon wegen der Persönlichkeit des Directors gemieden werden muß, der im Vereine mit dem ungefähr auf der gleichen Bildungsstufe mit ihm stehenden bücherscheuen Bielohlawek stzjne Bethätigung als „Socialpolitiker" in der wüsten und albernen Beschimpfung der Socialdemokratie suchte. Das auf Kosten aller Steuerträger ohne Unterschied der Confession und der Partei zu errichtende städtische Arbeitsvermittlungsamt wird also eilt ausschließlich anti* semitisches Institut sein, dessen Bestand und Betrieb nur Denjenigen zu Gute kommen wird, die sich der Zugehörigkeit zur christlich-socialen Partei durch Wort und That würdig erweisen. * q- * Es hätte übrigens nicht viel gefehlt, und dem neuen städtischen Arbeitsvermittlungsamte wäre der neugebackene Director durch einen vorzeitigen Tod entrissen worden, dahingerafft durch Mörderhand in der Blüthe seiner Jahre. Wie Julius Cäsar auf dem Forum, so sollte Julius Prochaska in der von Dr. Eder einberufenen Eisenbahnversammlung erdolcht werden. Nicht er allein, auch der Bielohlawek! Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wird über die Vorgänge in jener Versammlung Quellen, die leider sehr einander widersprechen, zur Verfügung haben. Die socialdemokratischen Berichte geben an, Julius Prochaska habe sich auf dem Wege zur Rednertribüne plötzlich niedergeworfen und habe einen stattgefundenen Ueberfall simulirt. Herr Bielohlawek erklärt, sein Freund sei infolge der ihm zugefügten Mißhandlungen zwei Tage krank gewesen; er muß also seitdem wieder gesund geworden sein. Julius Prochaska endlich behauptet in einer Berichtigung, daß er unter ärztlicher Behandlung krank daniederläge, weshalb ihm die „Arbeiterzeitung" den Rath ertheilt, sich die ärztliche Behandlung nicht gefallen zu lassen. Wir nehmen an, daß die Wahrheit in der Mitte liege; Herr Prochaska dürfte tatsächlich einige Hiebe bekommen haben, und er darf deshalb aus das Bedauern Aller Anspruch machen, welche den Faustkampf im politischen Leben perhorresciren. Leider gehört die christlichsociale Partei nicht zu dieser Gattung, denn sie war es, welche das Prügeln der Gegner in den Versammlungen zur Wiener Platzusance gemacht hat, und Gemeinderath Fochler, der vor den Augen des Dr. Lueger gleichzeitig mit anderen Deutschnationalen jämmerlich zugerichtet wurde, hat wahrlich nicht simulirt, Herr Dr. Lueger aber hat sich über die Berurtheilung eines Menschen geärgert, der damals den Deutschnationalen schwere Verletzungen zugefügt hat, und meinte, es sei bereits gefährlich, ein guter Oesterreicher zu sein. Auf Thränen des Mitleids bei seinen Parteigenossen hat also Julius Prochaska nicht zu rechnen und nur sein Freund Bielohlawek widmet den Scenen, die sich in jener Versammlung ereigneten, einen wahrhaft erschütternden Epilog im „Deutschen Vdlksblätt" unter dem Titel: „Die Freiheit vom socialdemokrattschen Standpuntte". Die Einleitung zu.diesem Arttkel ist ein echter Bielohlawek: „Wie viel Blut ist schon gefloffen um das Völkerideal „Freiheit" voll und ganz zu erringen? Lassen wir die Statistik in diesem Falle ruhen. Es genügt, wenn wir sagen, daß Ströme von Blut geflossen, und daß, wenn nicht alle Anzeichen trügen, dieserwegen noch Ströme von dem rothen Lebenssäfte fließen werden. Dabei dünkt sich aber die Menschheit über das Thier erhaben!" Auf diesem blutigen kulturhistorischen Gedankengang gelangt Herr Bielohlawek dazu, die Behandlung des Julius Prochaska in jener Versammlung zu besprechen, und dann der Phantasie des Lesers jene Ströme von Bielohlawekffchen Blut zu zeigen, die vergossen worden wären, wenn nicht ein gütiges Schicksal einem solchen Uuglück vorgebeugt hätte. „M i t Messern, und dafür habe ich genügend Zeugen, haben die Ordner!!! in der Versammlung auf mich gelauert." Merkwürdigerweise ist er aber heil geblieben, denn: „Hätte ich nicht eine so günstige Position im Saale gehabt und hätten meine Parteigenossen mich nicht mit Aufopferung beschützt, ich hätte nur alsLeiche dieBersammlung der freiheitlichen Socialdemokratie verlassen." Wir geben zu, daß sich Herr Bielohlawek — ähnlich Herrn Tomola — eine günstige Position verschafft hat, und daß auch diese seine Stellung den edlen Parteigenossen etwas eingetragen hat, aber wir begreifen nicht, wie eine Leiche, und sei es selbst die hypothetische des rührigen Herrn Bielohlawek,einen Saal verlassen soll. * q- * Die Zeit liegt keineswegs allzulange hinter uns, in welcher Herr Dr. Eder sich in den Heeresverband der christlichsocialen Partei aufnehmen ließ und sich in ihre vordersten Reihen drängte, um unter den Augen des von ihm hochgepriesenen Führers Dr. Lueger und an der Seite der damals noch „wackeren" Abgeordneten Prochaska, Bielohlawek und Axmann zu kämpfen. Die Freunde und Bekannten des Herrn Dr. Eder waren einigermaßen erstaunt über den so plötzlich erwachten Antisemitismus dieses Herrn, welcher nunmehr nach längerem Beisammensein mit den christlich-socialen Parteiführern mit Enthüllungen über den wahren Charakter dieser Leute debutirt. Natürlich haben die Christlich-Socialen nunmehr den „Verräther" an ihrer Sache aus dem Parteiverbande ausgeschlossen und dieser feierliche Act wurde unter dem Vorsitze des Dr. Lueger selbst vollzogen. Dr. Eder habe erwartet, daß ihm die Partei nach seiner Entlassung von der Nordbahn sofort eine einträgliche Stelle verschaffen werde. Mit dieser Zumuthung scheint die christlich-sociale Partei Herrn Dr. Eder gegenüber vielleicht nicht im Unrecht zu sein. Andererseits jedoch kann man es einem gut veranlagten Streber wirklich nicht verargen, wenn er dadurch, daß er Antisemitismus bekundet oder heuchelt, versorgt zu werden oder ein Mandat zu erlangen hofft. Das Eine oder das Andere, oder auch Beides, ist bisher allen christlichsocialen Agitatoren gelungen, dem politischen Schuster P u mmerer, der als Präsidialdiener im Rathhause angestellt wurde, wie seinen College» Axmann, Prochaska und Bielohlawek. Dr. Eder war der Parteileitung vielleicht zu intelligent, um ihn aufkommen zu lassen, und der Versuch, durch den Anti-