Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021256--08065-3032425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 694 Dr. Bloch'» Wochrnschrifi Nr. 33 gesagt, was soll das eigentlich, es ist Unsinn. Nachdem wir gezwungen waren, zu prüfen, stellte es sich heraus, daß die bedeutendsten Physiologen Deutschlands das Schächten für eine der besten, vielleicht die beste Tödtungsart erklärt haben. Es ergab sich die merkwürdige Thatsache, daß die armen Jude», welche nach jüdischen Ritualgesetzen leben, biologisch besser gestellt sind als die reichen Assimilanten, während bei Andersgläubigen umgekehrt die Wohlhabenden langlebiger sind als die Armen. Da nun die meisten Menschen gern lange leben, so war dies gewiß ein mächtiges Argument gegen die Assimilation. Endlich kam man sogar dazu, sich mit dem Talmud zu beschäftigen. Früher hatte man über seinen Geist unzutreffende Vorstellungen gehegt. Es war gebräuchlich, über den Talmud schlecht zu reden; dies geschah namentlich von Leuten, die niemals auch nur ein Wort im Talmud gelesen hatten, die im übrigen Seiten darüber stteiten, wenn sie Jemand ein irrthümliches Citat Nachweisen können. Wo also dieses oder jenes aus dem Talmud gegen uns ins Feld geführt wurde, waren wir genöthigt, uns mit ihm zu beschäftigen und die Beschäftigung hat gezeigt, daß er weit besser ist, als sein Ruf. Endlich ergab sich, daß man umgekehrt sogar von uns lernen konnte. Sie wissen, daß MM heutzutage dahin gelangt ist, die Sonntagsruhe gesetzlich eiuzuführen. Damtt ist man gewissermaßen einem Beispiel gefolgt, das im jüdischen Staate vor 2000 Jahren gegeben ist. In diesem kleinen Beispiel zeigte sich, daß man mit der „Liebe" allein doch nicht mehr zum Ziele kam, und daß es doch nöthig war, das „kalte Gesetz" zu Hilfe zu rufen. Sie kennen ja wohl die gedankenlose Phrase, daß im Alten Testament das kalte Gesetz herrscht, im Gegensatz zum Neuen, in welchem die Liebe waltet. Das sind eigentlich keine Gegensätze. Ich möchte sagen, Gesetz und Liebe sind eben so wenig Gegensätze, als ich in Musik und Liebe Gegensätze finden möchte. Eines kann das andere enthalten, es kann es nicht enthalten, aber Gegensätze sind es jedenfalls nicht. Allein ob Gegensatz oder nicht, es zeigte sich, daß 2000Jahre Liebe nicht genügten, dieser Einrichtung die Durchführung zu sichern. Das jüdische Gesetz enthiett. concrete Vorschriften, durch welche sich seine Wirkung dauernd erneuerte, während das Ur-Christeuthum mit der abstracteren Darstellung des Sittengesetzes nur scheinbar die Gemüther beeinflußte Kant sagt in dieser Beziehung:*) „Beides, die Menschenliebe und die Achtung sütts Recht der Menschen ist Pflicht; jene aber nur bedingte, diese dagegen unbedingte, schlechthin gebietende Pflicht, welche nicht übertreten zu haben Derjenige zuerst völlig versichert sein muß, der sich dem süßen Gefühl des Wohlthuns überlassen will. Mit der Moral im ersteren Sinne (als Ethik) ist die Politik leicht einverstanden, um das Recht der Menschen ihren Oberen preiszugeben; aber mit der in der zweiten Bedeutung (als Rechtslehre), vor der sie chr Knie beugen müßte, findet sie es rathsam, sich gar nicht auf einen Vertrag einzulassen, ihr lieber alle Realttät abzustreiten und alle Pflichten auf lauter Wohlwollen auszudeuten." Noch in anderer Richtung hat der Staat von uns gelernt. Nachdem die Physiologen sich dahin ausgesprochen, daß das Schächten eine sachgemäße Tödtungsart ist, hat der preußische Staat, trotzdem es sich um einen ursprünglich jüdischen Gebrauch handelt, bei verschiedenen Proviantämtern die Tödtung der Schlachtthiere durch Halsschnitte eingeführt. Darin sehen Sie, wie nützlich es für den Staat eigentlich ist, auch Einwohner zu besitzen, welche von früher her andere Gebräuche, andere Meinungen haben. Das Trinken zum Beispiel Md andere studentische Künste können die Deutschen auch allein, dazu haben sie uns nicht nöthig, das haben sie früher in Deutschland auch gekonnt. Jeder yat das Recht, seiner Meinung zu sein und danach zu handeln, vorausgesetzt, daß er nicht gegen die Staatsgesetze fehlt. *) Definitivartikel zum ewigen Frieden, Anhang II, A. E. Danach ist aber die Frage der Assimilatton furchtbar einfach zu lösen. Wer von uns seine Gebräuche für besser erachtet, der hält an ihnen fest; wir behalten unsere Gebräuche, wenn wir sie für besser halten und wir benützen dagegen Deutsches, soweit wir dieses für besser halten. Wir nehmmen dann aber das Deutsche nicht, weil es deutsch, sondern weil es in concreto besser ist. Und der Fehler der Assimilation besteht eben darin, Alles deswegen für besser zu halten, weil es deutsch ist, ohne zu prüfen, ob es gut ist. Unsere Geschichte warnt ims davor, Alles, was nicht jüdisch ist, für besser zu halten, und wenn man von uns verlangt, Alles, was wir haben, aufzugeben zu Gunsten dessen, was unsere Umgebung thut, so sehen wir, daß unsere Umgebung selbst nicht nach diesem Grundsatz handelt. Man freut sich in Deutschland, daß ein Mann, wie Carl Schurz, der in Amerika zu hohen Ehren gekommen und Senator geworden ist, auch im neuen Vaterlande ein Deutscher geblieben ist. Man wünscht, daß der Deutsche im Auslande Deutscher bleibt, während die Leute, die hier wohnen, Deutsche werden sollen. Während man sich über Magyarisirung beschwett, erachtet man die Germanisirung für eine lobenswerthe That. Ein ethisches Moment kann ich darin nicht entdecken. Auch Lessing hat die Emancipation dahin verstanden, daß alle Volkstheile in ausgesprochener Eigenart neben einander leben sollen. In dem berühmten Gespräch Nathans mit dem Tempelherrn läßt er Nathan sagen: „Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen." Hätte er für die Assimilation sprechen wollen, so hätte er vielleicht sagen müssen: „nur muß der Brei sich mit dem Mus vertragen" Knorr und Knubben hat er sicherlich nicht als Sinnbild für die Assimilation gewählt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Die Männer der Nnticorruption. — Herrn Tomola's Carriöre. — Der belohnte Agitator. — Julius Cäsar und Julius Prochaska. — Herr Bielohlawek als angehende Leiche. — Das Gesinnungsspiel.) Als eine Partei der Anticorruption ist die christlich-sociale Partei gegründet worden. Als eine Partei von Männern, die in angeblichem Gegensätze zu dem liberalen Regime mit Hintansetzung jedes persönlichen Vortheiles nur das Interesse der Bevölkerung vertreten will, ist sie groß, oder vielmehr zahlreich geworden. Die Minorität von damals ist die Majorität von heute geworden, und damit war auch die platonische Feindschaft gegen die Corruption verschwunden. Solange man nicht die Macht hatte, war es leicht, keinen Mißbrauch mit ihr zu treiben; sobald man die herrschende Partei war, war es ebenso leicht, eine Parteiherrschaft zu inauguriren, -die ihren Inhabern und Mitgliedern eine reiche Dividende brachte. Mit Fug und Recht nennen sich die Herren die Partei der reinen Hände, denn bei ihnen gilt das Sprichwort: Eine Hand wäscht die andere. Die letzte Frucht vom Baume der christlich-socialen Erkenntniß oder auch vom Baume seines kommunalen Lebens hat der Herr Stadtrath Tomola gepflückt: der Vorkämpfer gegen den Bolksbildungsverein ist zum Director der Wahringer Mädchen-Bürgerschule ernannt worden. Wir wollen dem Herrn Stadtrath, obwohl er durch die Schule des Antisemitismus hindurchgegangen ist, nicht direct die Befähigung absprechen, eine Schule objectiv, d. h. ohne Rücksicht auf seinen Antisemitismus zu leiten; aber trotz dieses gewagten Optimismus kann uns seine politische Ueberzeuguug, die mit dem interconfessionellen und den Einfluß der Kirche ausschließenden Charakter - der geltenden Schulgesetze in Widerspruch steht, nicht als ein besonderer Befähigungsnachweis erscheinen. Und doch kann es nichts anderes als diese seine politische Ueberzeugung und Thättgkeit gewesen sein, die unter zweiundvierzig Bewerbern ihm, der von Allen die geringste Anzahl von Dienstjahren aufzuweisen hatte, das angestrebte Amt — oder sollen wir sagen Beneficium — verschaffte. Allerdings mögen Herrn Tomola die Dienstjahre, die er im Solde der antisemitischen Partei gearbeitet hat,