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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 593 In der Abhängigkeit vom Urtheil anderer sind die Assimilanten den Snobs ähnlich, einer bekannten Figur aus der Weltliteratur, von welcher namentlich l'baeberaAs book of snobs handelt. Der Assimilant ist gleich dem Snob, ein excentrischer Mensch. Sie haben beide ihr Centrum nicht in sich, sondern in anderen. Wie auffällig die internationale Verwandtschaft des Assimilanten mit dem Snob ist, konnte man aus zwei Citaten ersehen, welche dieser Tage im „Magazin für die Literatur" zu finden waren. Jules Lemaitre sagt vom Snob: „Der Snob ist ein junger Mann, mit geistiger Beweglichkeit und dem heißen Bemühen, im Neuesten mitzuthun. Ein Hammel, der an der Leine geht, aber dabei höchst würdig, zufrieden und selbstständig dreinschaut.Aber bei allem Bestreben, die neuesten Ideen zu vertreten, kommen die Snobs doch immer zu spät. Denn ehe sie von dem Neuesten Besitz ergreifen, muß es eine gewisse Approbation erhalten haben, denn die Snobs urtheilen nicht selbst." Le Maitre behandelt in dem Snob mehr die harmlose Außenseite, während Thackery mehr die inneren Triebfedern des Snob aufdeckt. Er sagt: „Du, der Du Deine Nachbarn verachtest, bist ein Snob, Du, der Du Deine Freunde vergißt, um Höhergestellten nachzulaufen, bist ein Snob, Du, der Du dich Deiner Armuth schämst und über Deinen Beruf erröthest, bist ein Snob." Nun ersetzen wir das durch andere Ausdrücke und sagen wir: Du, der Du Deine Glaubensgenossen verachtest, bist ein Assimilant, Du, der Du Deine Verwandten vergißt, um Höhergestellten nachzulaufen, bist ein Assimilant, Du, der Du Dich Deiner Abstammung schämst und über Deinen Glauben erröthest, bist ein Assimilant." Um nicht mißverstanden zu werden: jeder gesellschaftliche Streber ist Assimilant. Aber nicht jeder Assimilant ist Streber; es gibt zum Beispiel sehr ehrenwerthe Assimilanten, die aus einer falschen Auffassung der Pflichten eines Staatsbürgers für die Assimilation eintreten, ln praxi aber zu viel Pietät haben, nach ihren Theorien consequent zu verfahren. Die Parallelen zwischen diesen beiden Gattungen Menschen erscheinen außerordentlich frappirend und das ist ja auch kein Wunder, daß diese Aehnlichkeit vorhanden ist, denn Beide sind eben Menschen, die nicht ihrer Meinung, sondern der Meinung anderer Menschen sind, und nicht ihrer Empfindung, sondern der Empfindung anderer Leute folgen. Die Damen wollen die ungalante Bemerkung entschuldigen, daß diese Abhängigkeit vom Urtheil anderer, die Frauen besonders ungünstig beeinflußt hat. Es ist ausgefallen, daß, während allen anderen Religions-Gemeinschaften gerade die Frauen die stärkste Stütze bieten, dies bei den Juden in neuerer Zeit nicht der Fall ist. Das hängt mit der Erziehung der Frauen zusammen, welche man in geistiger Unfreiheit hat aufwachsen lassen. Früher waren die Frauen gewöhnt, in ihrem Manne ihre Autorität zu sehen, nachdem aber die Mauern des Ghettos gefallen sind und die Frauen gesehen haben, welche tiefe Verbeugung ihr Mann vor dem Landrath zu machen pflegt, hat die Frau sich natürlich sagen müssen: wenn deinem Manne der Landrath schon eine so große Autorität ist, so folgst du gleich dem Landrath und nicht deinem Manne. Läßt man überhaupt die kritiklose Nachahmung zu, welche das wesentliche Element der Assimilation ist, so ist nach meiner Ansicht ein Halten überhaupt nicht mehr möglich. Es scheint ja zunächst, als ob man nicht alles als gleichwerthig betrachten darf, und man sagen dürfte: in diesem Punkte kannst du meinetwegen Concessionen machen, es ist kein wichtiger Punkt. Aber in solchen Sachen heißt es: kriuoipii8 obsla! Es handelt sich um die Frage: soll man etwas thun, nicht, weil man es für wichtig hält, sondern weil andere es thun, um denen zu Gefallen zu leben. Von diesem Princip aus gibt es keinen Halt..mehr bis zur Taufe. Man beginnt mit dem Schächten. Man sagt: das ist ein asiatischer Gebrauch, warum behaltet ihr den? Darm kommt das Gebet au die Reihe, daß man im nächsten Jahre in Jerusalem zu sein hofft. An das denkt ja Niemand, im nächsten Jahre in Jerusalem sein zu wollen, also müßt Ihr das Gebet aufgeben, sonst seid Ihr keine guten Deutschen. Dann kommt das Verlegen der Sabbathfeier auf den Sonntag, das ist ja der bürgerliche Feiertag. Schließlich sagt man: ja, man lebt nun einmal in einem protestantischen Staate, und deshalb müßt Ihr Protestanten werden. Diese Stufenreihe ist nicht am grünen Tisch ausgedacht, sondern dergleichen hört man häufig von Glaubensgenossen. Und das sind noch nicht die Schlimmsten, welche die Taufe logisch begründen, ohne sich ihr zu unterziehen. Gegen diese Assimilirungsbestrebungen hat sich in neuerer Zeit eine starke Reaction unter den Juden geltend gemacht, und zwar zusammenfallend mit dem Rückgänge des liberalen Princips. So weit es sich um Länder handelt, die antisemitisch sind, ist der Zusammenhang ja klar. Es sind ja allerdings eine Menge Juden nicht vor dem Antisemitismus zurückgeschreckt, sie haben sich auch in dieser Beziehung assimilirt. Aber das kann man schließlich nicht von allen Juden verlangen. Wenn wir uns jetzt in Deutschland assimiliren, so ist das nicht das Deutschland Schillert und Goethe's, oder, um im antisemitischen Jargon zu sprechen, des vielfach überschätzten Lessing, sondern das Deutschland Stöcker's und Ahlwardt's. Es mag ja ftaglich sein, was man für Gewesenes geben kann, aber daß man sich Gewesenem schwer assimiliren kann, ist sicher richtig; und es ist zweifellos, daß das Deutschland, welches in der Vergangenheit so sehr auf uns wirkte, gegenüber dem Deutschland der Gegenwart wesentlich andere Züge aufwies. Aber nicht nur in Ländern, in denen sich der Antisemitismus geltend gemacht hat, ist eine Enttäuschung bei den Juden eingetreten, sondern diese Enttäuschung geht tiefer, weil gewissermaßen nicht blos das wirtschaftliche Princip des Liberalismus aufgegeben, sondern Eur pa, ich möchte sagen die europäische Cultur, zu dem Geständniß ihres Bankerots gekommen ist. Herbert Spencer hat vor Kurzem bei der Publikation des letzten Bandes seiner Philosophie erklärt, er wisse eigentlich nicht, ob sein Buch noch gelegen komme; als er es angefangen habe, sei eine andere Zeit gewesen, als die jetzige des Krieges Aller gegen Alle. Zu einem ebenso resignirten Urtheil gelangt Sir John Lubbock. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn-ich behaupte, daß-Lubbock neben Spencer derjenige ist, welcher in seinen publicistischen Arbeiten am meisten den Individualismus und den Liberalismus betont hat. Lubbock erlangte Alles, was man im Leben wünschen kann, ein an wissenschaftlichen Erfolgen reiches Leben, Adel und großen Reichthum und bis zum Alter war ihm Frische und Gesundheit gegeben. Es war also nicht Impotenz, die ihn auf den: Pariser Socialisten-Congreß von 1895 zu der Erklärung veranlaßte: „Ich bin zwar nicht für den Socialismus, denn ich nehme an, daß er unmöglich ist, aber die jetzigen Zustände halte ich auch für unmöglich." Nun, meine Damen und Herrm, eine Umgebung, die in dieser Weise vom Katzenjammer erfaßt ist, ist natürlich nicht geeignet, Propaganda zu treiben. Wo unsere Umgebung nicht an sich glaubt, ist sie nicht geeignet, uns zu veranlassen, so ohne weiteres sich ihr und ihren Anschauungen anzubequemen. Enttäuschung und Katzenjammer sind also das Ergebniß, nachdem 3000 Jahre die christliche Cultur in den europäischen Ländern wirken konnte! Indessen nicht nur das negative Moment hat mitgespielt, sondern auch positive Momente haben beigetragen, uns Juden von der Assimilation abzubringen. Nachdem man uns angriff, waren wir genöthigt, uns zu vertheidigen, und das hat uns dazu geführt, uns genauer mit uns bekannt zu machen, als es bisher der Fall war. Ich kann da auf unseren eigenen Verein als ein sehr erfteuliches Resultat des Antisemitismus Hinweisen. Wir haben früher gegen das Schächten geeifert und

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