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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 592 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 32 wurde, wenn er sich mit der Morenu (Hatarali) von drei anerkannten rabbinischen Autoritäten ausweisen konirte. Hat ein Rabbiaatscaudidat ein Seminar regelmäßig besucht und die Studien an demselben absolvirt, so ist er verpflichtet, bei der Bewerbung um eine Stelle das Entlaffungszeugniß von dem betreffenden Seminar zu präsentiren. Unter allen Verhältnissen jedoch ist es Sache der betreffenden Gemeinde, welche einen Rabbiner anstellt, sich von dessen Fähigkeiten auf dem Gebiete der Theologie Ueberzeugung zu verschaffen. Nach dem Gesetze vom 21. März 1890 hat die politische Behörde darüber zu wachen, daß jeder Rabbiner auch den Nachweis allgemeiner Bildung erbringe, wovon die k. k. Statthalterei in rücksichtswürdigen Fällen die Dispens zu ertheilen berechtigt ist. Diesem klaren Wortlaute des Gesetzes gegenüber debutirt die in Teplitz erscheinende „Jüdische Chronik^ im Juni-Hefte d. I. mit der Unwahrheit, der Statthalter ernenne Dispens-Rabbiner. Die Ernennung eines Rabbiners ist einfach Sache der autonomen Gemeinde, welche nach § 12 des citirten Gesetzes die für das Amt des Rabbiners in Aussicht genommene Person der Staatsbehörde anzuzeigen hat. Letztere nimmt diese Anzeige entweder zur Kenntniß oder sie erhebt gegen die Bestellung der betreffenden Person Einsprache. Wenn nun in einzelnen Fällen ganz unfähige Personen zu Rabbinern ernannt werden, so ist dies im allgemeinen Interesse bedauerlich; doch ganz unzulässig ist es, wenn der Herausgeber einer „Jüdischen Chronik" seine Monatshefte mit unaufhörlichen Jnvectiven gegen die Gesammtheit von circa 150 Rabbinern (nach dessen eigener Angabe) zu füllen sich veranlaßt und berechtigt erachtet. PH. Lederer, Rabbiner in Liebeschitz bei Saaz. Assimilation.') Nachdem unsere Emaucipation in Frage gestellt schien, ist kein Rath so oft gegeben und so kritiklos angenommen worden, wie der, daß wir uns affimiliren sollen, damit die Gleichberechtigung, die nur auf dem Papier stand, in die Wirllichkeit umgesetzt werde. Die Juden hätten sich, um die Gleichberechtigung gewissermaßen zu verdienen, den Sitten, Anschauungen und Gebräuchen ihrer Umgebung vollständig anzupaffen. So vernünftig dieser Rath auf den ersten Anblick erscheint, so wenig kann er eine Prüfung aushalten. Es handelt sich bei der Assimilation um einen mißverständlich aus dem Bereich der Physiologie übertragenen Begriff. Man spricht von Assimilation bei der Nahrung; wie man die verschiedenen Nahrungsstoffe zu Fleisch, zu Zellen, zu Blut und Geweben gewissermaßen verarbeitet, so denken sich die Leute, sollen die Juden, welche bisher Fremdkörper seien, gewissermaßen ein organischer Bestandtheil in dem Ganzen werden. Die granlmatikalische Analyse zeigt uns, die Nahrung assimilirt sich nicht, sondern sie wird assimilirt. Dagegen bei den Juden heißt es, sie sollen sich affimiliren, es sind lebendige Menschen, die sollen sich gewissermaßen selbst aufgeben, um im Ganzen auszugehen. Wenn also in der Naturwissenschaft von sich affimiliren die Rede ist, so ist das „sich" der Dativ; wenn aber die Juden sich affimiliren sollen, so ist „sich" der Accusativ. Dieser kleine grammatikalischeUuterschied hat eine tiefe Bedeutung. In der Natur kann sich affimiliren, im Accusativ sich aufgeben, nicht möglich sein, nach dem obersten Gesetz der Natur, dem Gesetze der Selbsterhaltung. Deshalb ist auf dem Gebiete der Natur etwas, was etwa dem Affimiliren ähnlich ist, nicht zu finden. Die Anpassung nach Darwin ist nicht Assimilation, im Gegentheil es können sich da Eigenschaften und Fähigkeiten entwickeln, die der Umgebung feind- *) Obige Ausführungen bildeten auf einem Discussions-Abend eines reichsdeutschen Vereines für jüdische Geschichte den einleitenden Vortrag. lich und schädlich sind. Am ehesten kommt der Assimilirung nahe die sogenannte Schutzfärbung, das heißt, die Fähigkeit von Thieren, sich ihrer Umgebung in der Farbe anzupaffen. Gewisse Thiere, die sich sonst schwer vertheidigen, können die Farbe ihrer Umgebung annehmen, um den Angriffen ihrer Feinde zu entgehen. Am bekanntesten in dieser Richtung ist das Chamäleon, welches deshalb auch zum Sinnbild der politischen Charakterlosigkeit gemacht worden ist. Ich glaube aber, man thut diesen harmlosen, freundlichen Thieren vollständig Unrecht, sie haben keinen Ehrgeiz. Es handelt sich bei ihnen auch nicht um Assimilirung, sie stehen nicht auf dem Standpunkt, daß man durchaus grün bleiben muß, wenn man sich zwischen Blättern bewegt, sondern, wenn ich diese Thiere mit einer uns bekannten Art von Glaubensgenossen in Beziehung bringen sollte, so wären sie das Wappenthier derer, welche sich nicht zu erkennen geben wollen. Diese sind ja nicht gerade heldenhaft. Aber wenn ich wählen soll zwischen denjenigen, welche eine Meinung nicht zu äußern wagen, und denjenigen, welche nicht einmal wagen, eine eigene Meinung zu haben, so möchte ich den ersteren den Vorzug geben. Sie sind Kinder des Ghettos, sie gehen einher mit krummen Rücken, aber mit aufrechten Ideen, ihre Nachkommen hingegen haben aufrechten Gang, aber gebückte Ideen. Sie haben die Meinung, daß sie nicht ihrer Meinung, sondern fremder Meinung sein sollen. Der Affimilant, der niemals seiner Meinung ist, hat dadurch zwei charakteristische Eigenschaften. Erstens kommt er meist zu spät. Bevor er sich hineingelebt und seiner Umgebung nachgemacht hat, was er bei dieser vor sich sieht, hat diese schon etwas ganz Anderes begonnen. Der Affimilant erinnert deshalb an den Stutzer aus der Provinz, der in den Moden immer nachhinkt. Bevor die Juden zum Beispiel dazu kamen, freidenkerisch zu sein, waren die Christen' schon längst wieder pietistisch. Es ist des weiteren, eine Eigenschaft aller „Nachahmer", daß sie übertreiben. Die Uebertreibung ist ein Charakteristikum der Nachahmung. Es gibt deshalb keine ärgeren Chauvinisten, als die Juden. Das berüchtigte Linzer Programm Schönerers ist von einem Juden, Doctor Friedjung, entworfen. Wer den Juden den Vorwurf macht, daß sie in den Culturkampf mit großem Enthusiasmus gegangen sind, der hat nicht Unrecht. Auch das ist Folge der Nachahmung. Weihnachtsgeschenke werden von Niemand in so übertriebenerer Weise gemacht, wie jetzt von den Juden. Der berühmte Epigrammatiker und Wiener Redacteur- Julius Bauer bekam von einem Wiener Bankier, auch einem Juden, zu Weihnachten etwas geschenkt, worauf er seinen Dank in die Worte kleidete: Wenn ich die Sache recht bedenk, So muß ich wirklich lachen. Sie senden mir ein Christgeschenk — Was sind das für jüdische Sachen? In diesen Versen wird nicht nur diese Sitte der jüdischen Weihnachtsgeschenke persiflirt, sondern der Mann macht noch einen zweiten sehr seinen Witz, er ironisirt die jüdische Manier, was man vielleicht tadelnswerth findet, als „jüdisch" zu bezeichnen. Das ist der Kernfehler der Assimilation, daß das jüdische als etwas Tadelnswerthes angesehen wird. In einem Artikel der „Zukunft", „Höre Israel", der unberechtigtes Aufsehen gemacht hat, wird ausgeführt, die Juden kämen jetzt dahin, den deutschen Ideen sich anzubequemen, und bezeichnten jetzt schon - als jüdisch, was sie tadelnswerth finden; ein Jude habe von einem anderen Juden, der sich wegen materiellen Vortheils habe taufen lassen, gesagt, das sei echt jüdisch. Der Verfasser hat die feine Ironie dieser Bemerkung nicht verstanden. Nur ein Jude kann sich taufen lassen, denn die Christen sind schon getauft. Es sollte also gerade umgekehrt die Manier Persiflirt werden, das, was nicht gefällt, als jüdisch zu bezeichnen.

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