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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 590 Dr. Vloch's Wochenschrift Sir. 32 und der Deutsche nicht auf den Czecheu anwenden? Jede Nummer des „Deutschen Volksblalt" ist ein blutiger Hohn auf den § 302 unseres Strafgesetzes, jede Nummer des „Glos Narodu", der „Dcziennik Polski" und des „Ruch Katolicky" ist ein Spott auf den Ausnahmszustaud in Galizien. Das Volk ist wie ein Kind. Wenn es merkt, daß ein Verbot nur lässig gehandhabt wird, Übertritt es dasselbe aus Freude an dem Verbotenen mit wachsender Lust. Heute geht's gegen den Kaftan des polnischen Juden, morgen gegen die Czamara des Czechen und übermorgen gegen den Flausrock des Deutschen. Da aber das Gesetz der wesentlichste Bestaudtheil der staatlichen Ordnung ist, so führt die lässige Handhabung des Gesetzes schließlich zur Auflösung dieser Ordnung und zur Mißachtung der Staatsgewalt. Emile Zola und die französischen Künstler. Es ist doch eine herrliche Sache um die Dankbarkeit! Emile Zola hat sich die größten Verdienste auch um die Fortschritte der bildenden Künste in seinem Vaterlande erworben. Mit tiefstem, eindringlichstem Verständniß hat er das Heraufkommen einer neuen kräftigeren, urwüchsigeren Weise, als es die nüchterne, verknöcherte akademische war, beobachtet, und ihr den mächtigen Schutz seiner flammenden Worte voll angedeihen lasten. Tief ist er in die Seele des Schaffenden hinuntergetaucht und hat in seinem „i’Oeuvie“ den schwer ringenden vom kurzsichttgen Unverstand verlachten Schaffenden in seinem Maler Claude dargestellt — in unerreichter Weise. Und wie lohnt man ihm jetzt? Es ist gar ein lehrreiches Capitel, das von der menschlichen Erkenntlichkeit, und überreich an überraschenden Einzelheiten. Wer's nicht wüßte, daß und wie sehr die antisemitische Strömung in Frankreich überhand genommen und wie kräftig die Saat eines Drumont in dem blutgedüngten Boden Wurzel schlägt, auf dem vor einem Jahrhundert die Menschenrechte proclamirt worden sind, der betrachte, wenn auch blos flüchtig, die französischen neuesten Witzblätter mit ihren Carricaturen. Sie geben gründlicheren Aufschluß und erschöpfendere Nachricht als die phrasenreichsten Leader der großen Blätter. Der Jude und wieder der Jude muß als Zielblatt wohlfeiler Scherze herhalten. Krummnasig, wulstlippig, kahlhäuptig, schwarz-kraushaarig, protzenhaft, beringt, dickbäuchig und goldbekettet, lächerlich dandyhaft, so wird er dargellellt, den Cylinder immer im Nacken, die Daumen oben an der Weste. Im Verkehr mit dem schönen Geschlecht, welches die Liebe gegen Baarzahlung verschleißt, ist er von einer geradezu empörenden Sparsamkett, lüstern und knauserisch zugleich. Dabei spricht er sein hartes Deutsch-Französisch, also ein Grund mehr, um ihn zu verabscheuen. Die ersten Zeichner, wie Forain, Caran d'Ache und H. Gerbault, arbetten stark in diesem begehrten Artikel und stellen ihre ohne Zweifel bedeutende Kunstfertigkeit in den traurigen und beschämenden Dienst der allerschlechtesten Sache, weil cs das Publicum so will! Dieses verwerfliche Nachgeben läßt sich leider auch bei Schriftstellern bemerken, welche viel Talent besitzen und es eigentlich gar nicht nöthig hätten, noch mehr Geld zu machen und sich die Gunst eines launenhaften Publicums auf diese Manier zu erschmeicheln. Die hochbegabte Gyp zum Exempel ist unter die antisemttischen Autoren gegangen und veröffentlicht nun schon den zweiten von Bac geradezu scheußlich und gräulich illustrirten Band in dieser Art. Die farbig gedruckten, illuminirten Federscizzen stellen in der primitiv sein wollenden Weise des kleinen Moritz die entsetzlichsten Uebertreibungen von Judenfratzen dar. Nur der blindwüthigste Haß kann dem Zeichner die Hand dabei geführt haben. Der gute Geschmack steht abseits. Namentlich auf die Jüdinnen ist es hier abgesehen. Ohne Geist und ohne Witz, dafür mtt innerlichem Behagen, wird hier die „Judenbraut", welche einen Künstler wie Rembrandt begeistern konnte, der ja auch Juden in Menge gemalt, mit einem Kothbombardement beworfen. Daß es häßliche Frauen gibt, sei ohne weiters zugegeben. Doch nicht bei den Juden allein! Uebrigens, Jemand aus der Häßlichkeit einen derartige» Vorwurf zu machen, wie es hier geschieht, zeigt von schlechtem Geschmack, von niedrigster Gesinnung und barbarischer Gesittung. Und nun fallen sie Alle auch über Zola her und nehmen ihn in die Arbeit. Ihnen gilt es als feststehend und endgiltig ausgemacht, daß „cet animal deD.“, Dreyfus, ein nichtswürdiger Vaterlandsverräther, und daß Emile Zola sein bestochener Feiler Anwalt ist. Ein ganzes dickes Buch mit facsimilirten Aquarellen — der Name des Autors werde nicht genannt — ist herausgekommen; in seichter, abgeschmackter Weise wird der Dichter verunglimpft, als Dirnengenosse dargestellt und ihm alle nur denkbaren Schändlichketten angeheftet. Seine Bücher werden als Aeußerungen einer frivolen und geilen Phantasie vorgeführt und er selbst auf seinen Studienexcursionen als Einer, dem es gewaltig Spaß macht, das Sauglöcklein zu ziehen. Von dem ungeheuren Ernste, der reinigend alles durchweht, was Zola je geschrieben, ist diesem „Satiriker" auch nicht die leiseste Ahnung aufgestiegen. Forain, Caran d'Ache und Gerbault sind'weitaus talentirter als dieser kunstlose Sudler und stehen höher als er, der blos das Gefühl des Ekels, untermischt mit einigem Bedauern, Hervorrust. Forain zeichnet Zola wie er ,,J' Accuse" in ein leeres Schilderhäuscheu durch die Seitenfensterchen hineinschleudert, Caran bringt Dreyfus am Werk des Landesverrates. Der Deutsche reicht ihm mit der Feuerzange den Cheque hin. Dreyfus bindet mit der Gewandtheit des darin geübten Ladenschwengels ein umfängliches Paquet Geheimacten in ftmstvoller Verschnürung zusammen. Gerbault stellt Zola im Reisecostüm an die belgische Grenze, carrirtem Cloak und schottischer Mütze. Die splitternackte Wahrheit, nur mit einem Spiegelchen bekleidet, bedeutet ihm. sie gehe nicht mit. sie wolle in Frankreich verbleiben. Die Wahrheit — in Frankreich! Wer lacht da nicht mtt? Aber in ganz anderem, als dem vom Zeichner beabsichtigten Sinne. Aus einem Stoß von Zerrbildern auf den unerschrockenen, durch nichts zu beugenden Wahrheitshelden Zola, den- Vertreter der reinen Menschlichkeit unter halbtollen Unmenschen, haben wir nur einige herauszugreifen für nöthig erachtet, denn der Sinn und die Haltung der übrigen läßt sich ja wohl auch aus diesen wenigen gewählten Beispielen entnehmen. John Grand-Carteret, welcher sorglich die Carricaturen auf Bismarck alle gesammelt bat, hätte eine dankbare Aufgabe, wenn er auch die auf Emile Zola angesertigten in einem Bande vereinigen wollte, damit die Welt und ihre Nachwelt doch ersehe, wie das Große und Edle, das Selbstlose und Erhabene der Lächerlichkeit und Verachtung preiszugeben — versucht wurde am Ausgange des 19. Jahrhunderts. Der Königsberger Weise, Kant, kommt uns da in den Sinn; er citirt einen Satz von Shaftesbury und sagt: „Es ist ein starker Beweis für die Wahrheit einer vornehmlich practif che n Lehre, wenn sie das Belachtwerden aushält..." Es sei aber auch einer Ehrung gebührlich erwähnt, welche Emile Zola erfahren hat durch Anfertigung einer großen, schönen Medaille. Alexandre C h a r p e n t i e r, einer der bedeutendsten und vielseitigsten Künstler seines Faches, dessen prächtige Zeichnungen auch auf der jüngsten secessionistischen Wiener Ausstellung allgemeinste Bewunderung fanden, hat sie modellirt. Im zarten Relief, das kaum aus der Fläche herausstrebt, hat Charpentier kaum seines Gleichen unter den Zeitgenossen; seine tiefe Empfindung hat er auch an der Zola-Medaille bewährt und ein Meisterwerk der ganzen Gattung geschaffen. Der Avers zeigt Aola's mar-- kanten Kopf nach rechts im characteristischen Profil. Der als feister Prasser von den Carricaturenmachern ohne Ausnahme gezeichnete Dichter zeigt hier ein schmächtiges, kummervolles, sorgenreiches Antlitz, das vor Runzeln durchfurcht erscheint nach . allen Richtungen hin. Namentlich die Stirn ist gewissermaßen durchpflügt von diesen Zeichen. Zola muß sehr gealtert haben in den letzten traurigen Monaten, nach diesem jüngsten authenttschen Bilde von Meisterhand nach dem Leben zu urtheilen. Die Rückseite zeigt die Sonne von dichtem Gewölk zum größten Theil verhüllt, aber ihre Strahlen werden dennoch durchdringen. Die Inschrift verheißt es: „Die Wahrheit ist unterwegs und nichts vermag sie aufzuhalten. Emile Zola, 13. Januar 1898." Freunde und Bewunderer haben dem großen Manne diese umfangreiche Denkmünze, deren Radius gut 5 Centimeter beträgt, gewidmet und dargebracht. Die. erste englische Kunstzeit-

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