Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Sir. 31 i0r. Bloch's Wochenschrift Seite 587 Es entstand eine kleine Pause, Wallbruck blickte zu Boden und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ich muß den Juden auch für den Thäter halten; weil ich keinen andern habe", fuhr der Bürgermeister fort, „aber. er brach ab, und wieder nach einer kurzen Pause sprach er, „ich habe den Delinquenten gestern torquiren lassen, ich bin bis zum dritten, bis zum vorletzten Grade gegangen; — aber der Jud' hat noch immer nichts gestanden, er behauptet ganz unschuldig zu sein." „So laß' heute den vierten, den höchsten Grad in Anwendung bringen; da wird er schon aus einer andern Tonart pfeifen; bei dem vierten Grade erlangt man von dem Delinquenten jedes gewünschte Bekenntniß!" „Ja", meinte der Bürgermeister verstimmt und verlegen, „das ist Alles schon ganz recht und schön"; — aber wieder senkte er unwillkürlich die Stimme, „ein solcher Vorgang wäre eigentlich widergesetzlich. Artikel 38 der allgemeinen, peinlichen Gerichtsordnung bestimmt ausdrücklich: Die Tortur muß an einem Tage beendet sein. Da Duppan nichts gestanden, so hat er sich eigentlich vonr Verdachte gereinigt und sollte freigegeben werden. Freilich, fuhr der Bürgermeister stockend fort, „in einem weiteren Paragraphen wird dem Richter in einzelnen Ausnahmsfällen auch das Recht eingeräumt, einen Delinquenten an mehreren Tagen peinlich zu befragen — aber . . . ." „So mach' von diesem Paragraphen Gebrauch", unterbrach ihn der Arzt, „oder laß' den Juden in tausenv Teufel Namen laufen!" Wallbruck warf einen lauernden Blick aus Purkhammer. „Es ist eins so schwer als das Andere, — ich kann nicht so leicht den einzigen Menschen, den man vernünftiger Weise verdächtigen kann, als unschuldig entlassen. Der Mord ist hierin der Nähe, einige Stunden vom Sitze des Criminalgerichtes verübt worden; wenn der Verbrecher unentdeckt bliebe, wäre der Scandal zu groß! Ich muß um jeden Preis einen Thäter auffinden, freilich, ich wünsche, es wäre der richtige! ... Ich habe schon zweimal, kurz nacheinander schreckliches Unglück gehabt und habe derowegen von den Appellationspräsidenten den Grafen Wischnok und Wallis, strenge Rügen erhalten und meine Stellung ist erschüttert. Wenn es mir auch diesmal nicht gelingt, den Thäter zu eruiren, so kann es mir leicht geschehen, daß ich ungebeten meine Entlassung erhalte. — Vor zwei Jahren, als der Dechant in Buchau ermordet wurde, quälten wir uns mit einem Roßdiebe ab und torquirten ihn so lange, bis er den Mord mit allen erdenklichen Nebenumständen eingestand; wer war glücklicher als ich! — aber prost Mahlzeit! Wir hatten über das „überschwere Verbrechen" eine „härtere Todesstrafe" erkannt; und mußte derowegen das Urtheil an das Obergericht nach Prag zur Bestätigung schicken, und da wurde uns plötzlich der niederschmetternde Auftrag, wir sollten den Pferdedieb nur in Gottes Namen laufen lassen; der sei an dem Morde des geistlichen Herrn so unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Ein Deserteur, der in Prag justificirt wurde, hatte vor seinem Tode auf dringendes Zureden seines Beichtvaters noch mehrere Crimina, darunter auch den Mord des Dechanten, gestanden; und um unsere Beschämung voll git machen, mußte sich noch das unglückselige, curfürstlich bayrische Gericht mit einer Zuschrift gn das kaiserlich königlich böhmische Appellationsgericht wenden, aus welcher in lichtvollster Weise hervorging, daß der Pferdedieb zur Zeit, .als der Mord in Buchau verübt wurde, im Münchener Zuchthause einen Diebstahl abbüßte. Wir wären der Verordnung: den Roßdieb laufen zu lassen, ja recht gerne nachgekommen; aber der elende Kerl war durch die scharfe Frage so arg hergenommen, daß man ihn ins Spittel legen mußte, wo er richtig nach wenigen Tagen krepirte. Sein Weib, eine geriebene Canaille, drohte mich auf Schadenersatz für ihren verlorenen Ehegatten zu klagen, das mußte ich um jeden Preis verhindern, da wäre eine saubere Geschichte herausgekommen — und ich mußte dem nichtsnutzigen Weibsbilde noch aus meiner eigenen Tasche ein großes Stück Geld zahlen.Voriges Jahr, da erging es uns noch arger. Da war ein sächsischer Kaufmann auf offener Landstraße mit durchschnittener Kehle in seinem Blute schwimmend, seines Geldes und seiner Maaren beraubt, gefunden worden. Wir quälten uns monatelang und torquirten endlich zwei verdächtige Zigeuner zu Schanden; aber zuletzt mußten wir selbst einsehen, daß wir nicht die richtigen Leute vor uns hatten; wir konnten beim besten Willen gar keinen Thäter bezeichnen. Da hatte nun wieder einmal der Teufel sein Spiel! In dein benachbarten Eger griffen sie einen wandernden Musikanten aus, der im Verdacht stand, zwei junge Mädchen ermordet zu haben. Beim ersten Foltergrade schon gestand der gute Bursche dieses Verbrechen und gab das Geständniß des Mordes des sächsischen Kaufmanns rein nur aus Gefälligkeit zu . Und das Aergste war noch, derselbe Musikant war von uns selbst, wegen eines geringen Delictes zu ein Paar Tagen Arrest und einer Tracht Stockschläge verurtheilt worden; — er war in unserem Gewahrsam gesessen, wir hatten ihn in Händen gehabt! Ich habe damals von dem Appellationspräsidenten Grafen Wallis einen Verweis erhalten, der mit Vorwürfen über unbegreifliche Ungeschicklichkeit, strafbare Nachlässigkeit, unerhörte Unachtsamkeit und andern derartigen Redeblumen reich gespickt war.Ich habe es schon gesagt, diesmal muß ich einen Thäter finden, und wenn ich mir ihn aus der Hölle holen müßte.Es ist schier zum Verzweifeln!" „Na, na! Man stellt sich die Sachen zuweilen ärger vor als sie in der That ausfallen. Richtig, saccerment hinein! Da hätt' ich bald wieder an etwas vergessen, was ich Dich schon lange habe fragen wollen.Sei so gut und sieh mal den Kaufcontract da nach, ob er auch so recht abgefaßt ist?" So sprechend zog Wallbruck eine Schrift aus der Brusttasche und reichte sie dem Bürgermeister hin. Purkhammer hatte kaum die ersten Zeilen gelesen, als er verwundert ausrief: „Du hast von Claud Rodler um fünftausend Gulden Felder gekauft?" „Was ist denn daran Auffallendes?" frug der Arzt hastig. „Die Felder grenzen ja an meine Besitzung." er richtete seinen Blick durch längere Zeit auf seinen linken Aermel, von welchem er mit großem Eifer ein kleines Fleckchen wegwischte. „Du hast mir ja vor einigen Monaten einmal gesagt, daß Rodler die Felder, die Du zur Abrundung Deines Besitzes erwerben wolltest, um keinen Preis verkaufen will!" „Der Rodlerhvfbauer ist ein verständiger Mensch, er hat schließlich doch eingesehen, daß ich ihm für die Felder einen höheren Preis bot, als dies ein Zweiter thun möchte." „Hm .... merkwürdig! Am 16. November hast Duden Kauf mit ihm abgeschlossen? — und in der Nacht vom 18. auf den 19. November wurde sein Weib Barbara ermordet!" „Wie kommt denn Eins zum Andern? Claudy Rodler hat mir am 16. die Felder verkauft und in der zweiten Nacht darauf wurde seine Frau ermordet — oder glaubst Du, daß der Kaufcontract ein Talisman sei, der seine Frau vor dem Mörder, oder dem furchtbaren Tode hätte schützen sollen?" „Albernheiten"! knurrte Purkhammer unwirsch, „ja aber sag' mir nur noch das Eine: Du sagst mir ja sonst Alles, was Du unternimmst, wieso kommt es, daß ich von diesem Geschäfte erst jetzt erfahre? . . . . endlich was nützt Dich eine Kritik des Contractes? Das Actenstück, das Du mir da vorweift, ist ja doch kein Entwurf, es ist ein beiderseitig unterfertigter, beiderseitig bindender Contract; Claudy Rodler bestätigt den Empfang des ganzen Kaufschillings!" „Nun, ja!" meinte Wallbruck, „wenn sich doch ein Fehler im Contracte fände, so müßte er doch überschrieben werden, fünftausend Gulden sind ja kein Pappenstiel!" So sprechend, ließ er seinen Stock, den er in der hohlen Hand hielt, mit der andern eine rotirende Bewegung machen, bei welcher derselbe zu Boden fiel. Wallbruck bückte sich ihn aufzuheben, das Bücken mußte dem langen, wenn auch mageren Manne doch schwer fallen; denn als er sich erhob, war sein Gesicht kirschbraum gefärbt, „und, daß ich früher nichts mit Dir darüber gesprochen, ist ja auch ganz natürlich; wir kamen wohl in den letzten Wochen mehrmals zusammen; aber da hatten wir immer wegen Agathen zu sprechen, dann hattest Du den Kopf voll mit dieser unseligen Mordgeschichte, in der ja auch ich Zeugenschaft abzulegen hatte und . . . ." Die Unterredung der beiden Freunde wurde unterbrochen, der Criminalrath Labwandl trat, nachdem er zuerst höflich angeklopft hatte, in das Zimmer. Dr. Wallbruck wollte, wie er sagte, in Amtsgeschäften nicht stören und empfahl sich. lFortsetzung folgt.)