Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 586 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 31 Feuilleton. Der Letzte*) Erzählung von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". Erstes Capitel. Es ist ein frischer Decembertag des Jahres 1775. Doctor Ambrosius Purkhammer, geprüfter Bürgermeister und Borsitzender des Criminalgerichtes in E. in Deutschböhmen, betritt soeben sein Bureau, in welchem er den Actuar Globner damit beschäftigt findet, die eingelaufenen Acten und Poststücke zu ordnen. Purkhammer ist ein Mann in der zweiten Hälfte der Fünfzig, ist eigentlich mittelgroß, aber seine unproportionirte Dicke läßt ihn klein erscheinen und.macht seine Gestalt unförmlich. In seinem glattrasirten, plumpen, glänzenden Gesichte, das in einiger Entfernung einem Kürbis gleicht, fallen häßliche, graugelbe, runde Eulenaugen auf. Die kurze, knollige Nase, die eine goldene Brille trägt, sitzt unter einem stumpfen Winkel im Gesichte, so daß die großen Nasenlöcher ausdringlich und sichtbarerals bei anderen Menschenkindern hervortreten. Die so geschilderte Nase befindet sich in ungewöhnlich großer Distanz von den wulstigen, aufgeworfenen Mohrenlippen, welchen die Fähigkeit versagt zu sein scheint, sich schließen zu können, und daher fortwährend den Anblick zweier Reihen starker, gesunder, aber grüngelber Zähne gewähren. Das dicke, schwammige Doppelkinn vergrößert das ohnehin unförmliche Gesicht, welches durch die mächtige Allongeperrücke eben auch nicht verschönt wird. Actuar Albrecht Globner ist ein hochgewachsener, kräftiger, breitschultriger Mann von achtundzwanzig Jahren. Sein blühendes, der Sitte lener Zeit entsprechend bartloses Gesicht und die tiefdunkelblauen Augen stechen vortrefflich gegen das reiche, gepuderte Haar ab. Der Actuar nahm dem Bürgermeister Hut und Stock aus der Hand und half ihm sich des Oberkleides zu entledigen. Dieser ließ sich dann in seinen Lehnstuhl nieder, nahm die goldene Brille ab und reinigte mit einem seidenen Taschentuche deren angelaufenen Gläser. Nachdem er sich während dieser Zeit auch gehörig ausgeschnaust hatte, frug er, ohne Globner eines Blickes zu würdigen: „Etwas Wichtiges unter dem Einlauf?" „Euer Gestrengen: die Anzeige, daß heute in der Nacht beim Krämer Hladek ein Einbruchsdiebstahl verübt wurde." „Ist der Thäter in flagranti betreten worden, oder ist er entwischt?" frug der Bürgermeister eiftig. „Der Krämer und seine Frau waren auf dem Jahrmärkte nach Buchau gefahren; als sie spät in der Nacht ankamen, fanden sie die Ladenthüre erbrochen, Geld und Maaren gestohlen, die Diebe hatten, wie in der Anzeige behauptet wird, Alles ausgeräumt." „Sackerlott hinein!" schrie der Bürgermeister in höchstem Zorne, „wo stecken des Nachts denn die beiden Polizeidiener, wo die beiden Nachtwächter? .... da soll doch gleich das Helle Donnerwetter in die ganze Schwefelbande hineinschlagen . . . . man sollte alle diese Schufte gleich zum Teufel jagen!" „Euer Gestrengen!" wagte der Actuar einzuwenden, „die Leute sind unschuldig. Um dieselbe Zeit, in welcher der Einbrucbsdiebstahl am äußersten Ende der Stadt verübt worden sein mochte, hatte sich im Wirthshause zur goldenen Kugel eine großartige Rauferei zwischen Bauernbnrschen und Gesellen entwickelt, da mußten die Polizeidiener und Nachtwächter einschreiten. Nur mit großer Mühe gelang es, fünf der rabiatesten Raufbolde zu verhaften. Es hat viel blutige Köpfe und Beulen gegeben; und dem Wirthe haben sie Tische und Bänke zerschlagen." „Sie haben die miserable Gewohnheit, Jedermann zu entschuldigen," polterte der Bürgermeister. „Sie hätten eher alles Andere als ein Jurist, Sie hätten ein altes Weib werden sollen! .... Sie werden Ihr Lebenlang kein rechter Criminalbeamter werden! . . . . Das ist zum Teufelholen!" fuhr er nach kurzer Pause knurrend fort. „Gerade jetzt hat mir mein alter Freund und Hausarzt Dr. Wallbruck eine längere Abwesenheit vom Amte verordnet; er findet, daß ich — unberufen — zu sehr an *) Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrechtc Vorbehalten. Umfang zunehme, zu dick werde, weil ich zu viel in geschlossenem Raume sitze, zu viel Actenstaub schlucke, mit einem Worte, daß mir Erholung, Bewegung in freier Luft Noth thut; und hat mich eingeladen, ihn auf seiner hier in der Nähe liegenden Besitzung zu besuchen, mich dort längere Zeit aufznhalten, mit ihm auf die Jagd zu gehen; — ich hatte gehofft, gestern die Angelegenheit mit dem Abraham Duppau zu einem glücklichen Ende zu führen; aber der Jud hat noch nicht gestanden und jetzt kommt noch ein zweiter Criminalfall, allerdings von viel geringerer Bedeutung hinzu . . . ." Der Bürgermeister wurde unterbrochen, es wurde heftig an die' Thüre geklopft und ohne das „Herein!" des Bürgermeisters abzuwarten, überschritt Dr. Wallbruck, ein häßlicher, langer, hagerer Mann mit einem olivengrünen Gesichte, etwa ein Altersgenosse Purkhammer's, die Schwelle. „Quo modo vales?" rief der Arzt, dem Bürgermeister die Hand reichend. „An Verdruß fehlt es nicht, amice!" erwiderte dieser ärgerlich; dann wandte er sich an den Actuar. „Gehen Sie augenblicklich mit dem Kanzlisten Tirschenreuter zu dem Krämer Hladek und nehmen Sie den Localbefund auf!" Der Actuar verabschiedete sich schweigend mit einerdevoten Verbeugung. Zweites Capitel. Als die beiden Freunde allein waren, warf sich Wallbruck in einen Stuhl und rief: „Also wie steht's mit unserer Angelegenheit? Fährst Du heute mit Agathe zu mir hinaus nach Leindorf?" und als Purkhammer verneinend den Kopf schüttelte, fuhr der Arzt polternd fort: „Weshalb nicht? Ich kann es gar nicht erwarten, Deine schöne Mündel Agathe — ich darf wohl sagen, meine liebwertste Zukünftige — auf meinem Landgute zu sehen. Ich glaube mit Bestimmtheit, daß wenn wir sie aus dem Bannkreise Deines Actuars entfernt haben, sie unserem vereinten Andrängen nicht widerstehen können wird. Auf meiner Besitzung Leinberg feiern wir die Verlobung und bald darauf die Hochzeit." Purkhammer war heute in böser Laune und erwiderte mit einem giftigen Lächeln: „Sag' mir aufrichtig, alter Freund! Was erscheint Dir begehrenswerther, meine wunderschöne Nichte oder das wunderschöne, viele Geld, das sie von ihrem Vater, meinem Schwager, dem reichen Kaufmann Sebastian Hanger, geerbt hat?" „Man kann das Eine lieben und braucht das Andere nicht zu verachten", erwiderte der Arzt lachend, „übrigens" — er dämpfte seine Stimme zu einem leisen Flüstern herab, „Du sollst ja dabei' auch Deinen Nutzen finden. Es bleibt bei unserer Verabredung: Als Gatte Deiner Mündel verzichte ich auf die Rechnungslegung über ihre Vermögensverwaltung. Du hast vor Jahren, als Deine Schwester und ihr Gatte rasch nacheinander am Nervenfieber starben, und Agathe ganz verwaist zurückblieb, ihre Vormundschaft übernommen. Sie besaß damals ein Vermögen von hunderttausend Gulden; — ich will Dir gegenüber ein Muster von Genügsamkeit sein, ich stelle mich mit dem ursprünglichen Stammcapitale zufrieden und überlasse Dir den ganzen Zuwachs, welchen das Vermögen während dieser langen Zeit erfahren. Bruder Purkhammer! Ich glaube, Du machst bei dieser Affaire einen bessern Handel als ich selbst!" Wir sind noch nicht so weit, daß Du Agathe als Deine Frau heimführst und mir Gelegenheit bietest, Deine freundschaftliche Großmuth zu bewundern! Vor Allem kann ich vorläufig nicht mit Agathe zu Dir nach Leindorf fahren, und Du siehst es ja selbst ein, so lange sie in der Nähe dieses Lumpens, dieses Globner, lebt, der — nimm mir's nicht übel, amice! — weit jünger und schöner als Du bist, ist es nicht möglich, ihre Einwilligung zu erpressen." „Warum kannst Du noch nicht reisen?" „Mein Urlaub ist noch nicht angelangt, und wenn dieser auch morgen mit der Post eintrifft, so kann ich E. doch nicht eher verlassen; — als bis ich den Mörder der Barbara Rodlerin habe." „Sackerlott!" t schrie der Arzt ungeduldig, „der Jud' Abraham Duppau sitzt ja in Ketten in Deinem Kerker, — das ist der Mörder!" ■ „Das sagst Du, er aber sagt nein!" erwiderte der Bürgermeister.