Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
- Tunis 1× ep/1048155
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Seite 684 Vr. Vloch's Wochrnschrifi Nr. 31 T" f Jv •V 1 4 I» I Petersburg. Wie verlautet, beabsichtigt Herr Baron Günzburg auf seinem Gute in Bessarabien eine jüdische Ackerbau-Colo nie zu errichten, welche auf 500 Dessatinen 20 Familien aufnehmen soll. — Der Unterrichts-Minister hat verfügt, daß die S öhn e jüdischer Lehrer von der Zahlung des Schulgeldes an den dem Ministerium unterstehenden Unterrichts-Anstalten befreit sind. Odessa, 10. Juli. Frau L. Aschkenasy hat aus Anlaß der Vermählung ihrer Tochter mit Herrn Baron A. Günzburg dem hiesigen jüdischen Krankenhause eine Spende von 100.000 Rubel zugewendet. — Mehrere jüdische Studirende der Petersburger und der Moskauer Universität haben von hier aus eine Pilgerfahrt nach Palästina unternommen. Warschau. Das zumeist von Juden bewohnte Städtchen Grabowiec (Gouv. Lublin) ist durch eine Feuersb r u n st fast vollständig zerstört worden. Vierhundert Familien sind obdachlos und gräßlichem Elend preisgegeben. Warschau. Auf Grund der „temporären Gesetze" vom Mai 1882, welche bekanntlich den Juden das Wohnrecht auf dem flachen Lande entziehen, war den hiesigen jüdischen Familien, welche in den benachbarten Dörfern Mrozy, Milosno, Rembertow, Willanowo rc. Sommeraufenthalt genommen hatten, anbefohlen worden, die Dörfer innerhalb 24 Stunden zu verlassen. Von dieser Maßregel wurden nahezu 300 Familien betroffen, aber noch schwerer die Ortsbauern, welche zum Theil von dem Vermiethen an Sommergäste leben und bisher ungehindert auch an Juden vermiethet hatten. Um diese schwere Schädigung abzuwehren, entsandten die Bauern eine Deputation an den General- Gouverneur Fürsten Jermetinßky, der sich aber außer Stande erklärte, die Anordnung aufzuheben, welche auf Weisung der Centralregierung erfolgt sei. Nun wandten sich die Bauern an den Minister des Innern Goremykin, indem sie in einer Denkschrift auseinandersetzten, daß der Senat erst im August 1897 entschieden habe, daß den Juden im Weichselgebiet nur der Ankauf bäuerischen Bodens, keineswegs aber der Aufenthalt und das Wohnrecht untersagt sei. Auch diese Vorstellung blieb ohne Erfolg, vielmehr erklärte der Minister der Deputation, daß die Bauern kein Verständniß hätten für das, was ihnen frommt, und daß es deshalb bei der Maßregel sein Bewenden haben müsse. Wie verlautet, beabsichtigen die Bauern, sich beschwerdeführend an den Senat zu wenden. Athen. Wenn die Juden bei dem Polizeimeister von Larissa sich beklagen, daß die thessalische Bevölkerung gegen sie excedire, so antwortet derselbe: „genau dasselbe kommt in Paris vor" und oft genug werden die Beschwerdeführer noch auf einige Stunden oder Tage eingesperrt. Besser geht es in Dolo, wo die Ortsbehörden sich energisch und gerecht erweisen. Kürzlich empfing der Minister des Innern, der jetzt Thessalien bereist, eine Deputation der Juden von Dolo, die ihm das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in Larissa ans Herz legte. In der Thal versprach der Minister auch, mit allen Kräften zu Gunsten der verfolgten Juden zu interveniren. In Larissa hat sich dagegen ein ganzes Counts von angesehenen Christen, unter denen sich der B ü r g e r m e i st e r und andere Gemeindeorgane befinden, gebildet, um die Verfolgung der Juden in aller Form zu betreiben. Der Oberst W a s s a s , der vom besten Willen den Juden gegenüber beseelt ist, kann bei der allgemeinen Mißstimmung auch nichts thun, denn selbst seine Soldaten verweigern ihnr den Dienst, wenn es gilt, für die Juden einzuschreiten. Algier. Seitdem die Thatsache feststeht, daß es Drumont gelungen ist, die Abberufung Lepini's durchzusetzen und an dessen Stelle als Generalgouverneur den antisemitischen Senator Pauliat zu bringen, sind unsere Judenfeinde mehr obenauf als je. Kein Wunder, daß man hier die Jagd auf die Juden jetzt geradezu als Sport betreibt und sich nur soweit vorsieht, daß man sie nicht geradezu todtschlägt. Kürzlich hat man zwei Rabbiner im Schlachthofe unter Todesdrohungen gezwungen: „Hoch Drumont, hoch Regis, nieder mit den Juden" mitzuschreien. Am 14. Juli kam es gelegentlich der großen Fackelzüge am Abend' zu mehreren blutigen Schlägereien. Wohl harten die Judenfeinde in einer Nachmittagsverfammlung diese Excesse angekündigt und die Behörden hätten leicht interveniren können, aber Herr Berseville, der den abwesenden Generalgouverneur vertritt, hütete sich wohl, etwas gegen die derzeitigen Herren von Algier zu thun und die Polizei aus eigener Initiative mochte gar nicht einschreiten. Tunis. Da die französische Regierung den antisemitischen Excedenten die Wohlthaten einer allgemeinen Amnestie zu Theil werden läßt, hat sie wenigstens soweit Gerechtigkeit walten lassen, daß sie die Juden, die wegen der gleichen Gründe verurtheilt sind, ebenfalls begnadigte. 22 Israeliten sind aus dem Gefängniß entlassen worden, nur die beiden Brüder Sitruk, die zu den höchsten Strafen verurtheilt wurden, müssen dieselben noch weiter verbüßen. Neuseeland. In der Stadt Christchurch ist ein Jude Mr. Louisson, der 1865 hier eingewandert ist, zum dritten Male zum Bürgermeister gewählt worden, ein Zeichen der Achtung, die er sich bei seinen Mitbürgern zu erwerben verstanden hatte. Jamaica. Hier ist kürzlich ein alter, jüdischer Friedhof entdeckt worden. In dem Negerdörfchen Lakowja, einst einer bedentenden Ansiedlung, jetzt aber nur ein Haufen von Ruinen, liegt dieser Friedhof, der mindestens ein Alter von 150 Jahren hat, und dessen Grabsteine vielleicht noch manche interessante historische Thatsache ergeben. Der erste Jude kam 1508 nach Jamaica, auch später, z. B. am 31. März 1663, wanderten Juden zum Theil in größerer Zahl ein; doch ist die Geschichte der Juden in Jamaica noch ziemlich dunkel. Vermischtes. Wien. (Verlobung.) Fräulein Laura B r o d, Tochter des Herrn S. Brod, Firma S. Brod & Comp., Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Armenrath rc., hat sich mit Herrn S. G e i r i n g e r, Obercantor in Gablonz a. d. Neisse, verlobt. Wien. (T r a u u n g.) Sonntag den 31. Juli l. I. fand im türkischen Tempel die Trauung von Fräulein Paula Edelhofer mit Herrn Leopold Jedlinsky, Beamter im Eisenbahnministerium, statt. 'LAien. (Auszeichnung.) Der Director des Gisela- Vereines und Vorstand des politischen Volksvereines, Herr Consul Arnold Marek, wurde vom Prinzregenten Luitpold von Baiern durch Verleihung des Titels eines königlichbaierischen Commercienrathes ausgezeichnet. Wie,-. (Josef H i e l d b u r g h ä u s s e r.) Die Wienerisraelitische Cultusgemeinde hat einen überaus schmerzlichen Verlust erlitten. Am 2. d. M. starb in Baden bei Wien das älteste Mitglied des Wiener Cultusvorstandes, Herr Josef Hieldburghäusser, im Alter von 80 Jahren. Die Nachricht von dem Hinscheiden des hochverehrten Greises, welcher eine Zierde nicht bloß des Judenthums, sondern der gesummten Bürgerschaft war, wird allgemein die innigste Theilnahme erwecken. Gleich feiner edlen Gattin, welche ihm vor einigen Jahren im Tode vorangegangeu ist, war Hieldburghäusser von einem Wohlthätigkeitssinne und einer Menschenliebe erfüllt, wie sie nur den Edelsten eigen ist. Wo es galt Kummer und Noth zu beseitigen oder zu lindern, Zwecke der Humanität und der Bildung zu fördern, zu helfen oder zu trösten, da stand der hochherzige Mann stets im Vordergründe. Niemand appellirte vergeblich an seine Herzensgute und unerschöpfliche Mildthätigkeit. Dem Vorstande der Wiener Cnltnsgemeinde gehörte Hieldburghäusser seit 25 Jahren an und bis in die letzten Tage seines Lebens widmete er alle seine Kraft der selbstlosen und aufopfernden Erfüllung der vielen Ehrenpflichten, die er im Dienste seiner Glaubensgenossen übernommen hatte. Er fehlte bei keiner Sitzung des Vorstandes; er war lange Jahre hindurch Obmann der Section für Cultusangelegenheiten, Obmann des Curatorinms der Königsberg'schen Mädchenerziehungsanstalt, Obmann-Stellvertreter der Chewra Kadischa, Präsident des allgemeinen israelitischen Taubstnmmeninstitutes rc. In allen diesen Ehrenämtern war er mit begeisterter Hingebung-bei der Sache, und die Verdienste, welche sich der ehrwürdige Mann um die Gemeinde und um die vielen humanitären Institute, deren Verwaltung er angehörte, sichern ihm und den Herzen seiner dankbaren Glaubensgenossen ein unvergängl''ches Andenken. Ein wahrhaft edler Mensch, ein leuchtendes Vorbild an jüdischen Tugenden, ist dahingegangen, und an feiner Bahre trauert die ganze Wiener Judengemeinde und trauern auch die vielen Armen und Bedrückten, denen er ein stets hilfsbereiter Wohlthäter und väterlicher Freund gewesen ist.