Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-05 · 31 (5.8.1898) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021255--08053-3032412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 31 Dr. Vioch's Wochenschrift «eite 583 Katastrophe für die städtischen Finanzen zu werden. Bei den Steuergeldern aber hört auch die Gemüthlichkeit der Wiener auf, welche den Versprechungen des Dr. Lueger und seiner Partei willig nachgingen. Im Angesicht der allenthalben sichtbaren Straßengräben kann man sich der Vermuthung kaum entschlagen, daß die jetzige Rathhauspartei schließlich in die Grube fallen wird, welche sie anderen graben wollte. Berlin. (L i e b k n e ch t ü b e r den A n t i s e m i t i sm u s.) Zu dem Capitel von dem Antisemitismus der studirenden Jugend hat sich letzthin auch der Abgeordnete Wilhelm Liebknecht in einer Studentenversammlung geäußert. Er sagte unter Anderm: „Man sagt: „Deutschland den Deutschen", damit spricht man gewöhnlich aus: „Heraus mit den Juden". Ja, ich frage, sind denn die Juden keine Menschen? Wenn vor fünfzig Jahren Jemand gesagt hätte: in dem Baterlande Lessing's, der den „Nathan" geschrieben, werde eine Judenhetze entstehen, so hätte man ihn für das Irrenhaus reif gehalten. Bor fünfzig Jahren ahnte man nicht, daß am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Theil des deutschen Volkes derartig in Barbarei verfallen könnte, daß es für eine Judenhetze zu gewinnen wäre. Die Deutschen, die zur Hälfte aus Slaveu bestehen, sind ein noch größeres Mischvolk wie die Engländer und Franzosen. Leute, d i e d e n R a c e n h a ß b e t r e i b e n, st e h e u auf einer sehr niedrigen Cultur st u f e. Die akademische Jugend sollte sich s ch ä m e u, solchen Leuten Gefolgschaft zu leisten. Ich erwähne dies ganz besonders, weil gerade an den deutschen Universitäten der Antisemitismus die häßlichsten Blüthen getrieben hat." Breslau, 24. Juli. Am Sonntag den 17. v. M. fand im jüdisch-theologischen Seminar die wissenschaftliche Prüfung der zur Entlassung designirten Candidaten statt. Zur Prüfung waren vom Lehrercollegium zugelassen die Herren Dr. Doktor, Elbogen, Tieberger, welche sämmtlich bestanden, Elbogen unter Befreiuung von der mündlichen Prüfung, ein in den Annalen des Seminars seltener Fall. Die genannten Candidaten haben sich vor ihrer am 24. Jänner k. I., dem Gedächtnißtage des Stifters erfolgenden Entlassung noch der Rabbinatsprüfung im December d. I. zu unterziehen. Inzwischen hat Dr. Doktor bereits eine Berufung nach Glogau erhalten zur Vertretung des schwer erkrankten Rabbiners Dr. Rippner. Dr. Tieberger hat sich in seine Heimat Galizien zur Ableistung seiner Militär- Dienstpflicht als Oberlieutenant begeben. — Das Fränkel'sche Hospital hatte Anfangs Mai d. I. einen Bestand von 40 Kranken, im Laufe des Monats einen Zugang von 17, einen Abgang von 38. unter denen 4 durch Tod, so daß 19 Kranke am Ende des Monats in der Anstalt verblieben. — Um die zum 1. October ausgeschriebene Secretärstelle haben sich bisher 58 Bewerber gemeldet, Kaufleute, Beamte, Lehrer, Juristen. Der Vorstand hat beschlossen, 5 der Bewerber in die engere Wahl zu stellen. Während die Friedhöfe der Berliner Gemeinde am Sabbath fest geschlossen sind, in Posen eine Tafel am Eingang des Friedhofs den Besuch desselben am Sabbath verbietet, ist seit langer Zeit in unserer Gemeinde der Friedhof am Sabbath geöffnet. Jüngst richtete ein Gemeindemitglied an den Vorstand eine Beschwerde und ersuchte unter Hinweis auf die verschiedenen Unzuträglichkeiten,welche das Oeffnen des Friedhofes am Sabbath im Gefolge hat, und auf die Störung der Sabbathruhe, uni Schließung des Friedhofes am Sabbath. Die Antwort, welche der Vorstand mit anerkennenswerther Pünktlichkeit ertheilt hat, ist so interessant, daß wir sie hier, nach dem „Jüd. Volksblatt" im Wortlaut wiedergeben. Sie lautet: Synagogen-Gemeinde Breslau. Journ.-Nr. 675/98. Breslau, den 22. Juni 1898. Auf die Vorstellung vom 20. d. M. erwidern wir Ihnen, daß die Herren Rabbiner unserer Gemeinde in einem von ihnen vor nicht langer Zeit erforderten Gutachten übereinstimmend sich dahin geäußert haben, daß religiöse Vorschriften dem Besuche des Friedhofes an Sabbathen und Festtagen nicht entgegenstehen. (!!) Es fehlt somit an einem ausreichenden Grunde, welcher ein darauf gerichtetes Verbot rechtfertigen würde. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. P r i n g s h e i m. Sachs. Baden-Baden, 26. Juli. Die Grundsteinlegung unseres Synagogengebäudes gestaltete sich zu einer erhebenden, eindrucksvollen Feier. Der großherzogl. Oberrath war durch Herrn Regierungsrath Dr. Mayer vertreten. Die Weiherede hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. M a y e r-Bnhl. Zahlreiche gelad.ene Gäste, Deputationen benachbarter Gemeinden, zur Cur hier weilende Freunde hatten sich eingefunden. Der Bau verspricht ein würdiges Gotteshaus und eine Zierde unserer Stadt zu werden. Paris. Die Dreyfus-Affaire, die schon so manche häßliche Eigenschaft des französischen Nationalcharakters hervorkehrte, hat nach der Judenhetze nun auch eine Protestanten- und schließlich eine Fremden Hetze erzeugt. Den letzten Anstoß gab die Rede des Professors Stapfer in Bordeaux. Bei dem Begräbnisse des Rectors der dortigen Akademie ergriff der Decan der Facultät der schönen Wissenschaften, der als Literarhistoriker rühmlich bekannte Professor Paul Stapfer, das Wort. Er sprach von dem tiefen Leid, das der Dahingeschiedene, Rector C o u a t, über den Tod seines Sohnes empfunden hatte, und fuhr fort: „Dazu gesellte sich in seinen letzten Lebensjahren noch ein grausamer patriotischer Schmerz. Er, der Mann der Gerechtigkeit und der Logik, fühlte sich von einem wahren Schrecken erfaßt angesichts der sectirerischen Gewaltthaten, der Verwirrung aller von einem rasenden Winde der Unvernunft zerrütteten Ideen. Ich will mich über diesen Gegenstand nicht verbreiten und sage nichts, aus Furcht, zu viel zu sagen. Aber man soll wissen, daß dieser von einer heiligen Leidenschaft beseelte Mann sich die Uebel und die Schmach seines Landes so sehr zu Herzen nahm, daß er darob erkrankte. Ist es mir nicht gestattet, deutlicher zu sagen, auf welche Seite die Seele dieses großen „Jntellectuellen" hinneigte, so kann ich wenigstens versichern (das ist für keine Partei eine Beleidigung), daß die feinem Patriotismus geschlagene Wunde sich bis auf seinen Lebensquell ausgedehnt hatte.. Die Gerechtigkeit wird manchmal durch die Wolken der Leidenschaft verdunkelt. Wenn wir heute nicht wüßten, wo sie ist, so brauchen wir nur in die Fußstapfen dieses Gerechten zu treten. Dann sind wir sicher, die rechte Bahn zu wandeln." Der Bericht, den die „Gironde" über den Vorgang veröffentlicht, betont, daß der Verstorbene niemals die Ansichten bekundet hatte, welche Professor Stapfer ihm zuschrieb. Höchstens könnte er dies im intimen Verkehr mit dem ihm befreundeten Redner gethan haben. Die Anspielung auf die brennende Tagesfrage versetzte die Trauerversammlung in gewaltige Aufregung. Mehrere Collegen des Redners wandten sich bestürzt und entrüstet an den anwesenden Divisionsgeneral B a r a i a n e, den andere Officiere umringten, und baten ihn um Entschuldigung. Er antwortete würdevoll: „Wir sind bereit, unser Blut für das Vaterland zu vergießen. Wir grollen Niemandem, nicht einmal Herrn Stapfer." Damit noch nicht zufrieden, entsandten die Professoren der verschiedenen Facultäten dann noch eine Deputation ins Hauptquartier, um die Militärbehörden ihrer Ergebenheit zu versichern, und ließen sie durch die Localpreffe eine dahin lautende Note veröffentlichen, der Decan der fchönwisseuschaftlichen Facultät habe nur in feinem eigenen Namen gesprochen. Durch diesen Zwischenfall ist die Protestantenhetze in Paris wie in Bordeaux, wo die coufessionellen Gegensätze von jeher scharf ausgeprägt waren, wieder in Fluß gerathen, und auch die Fremdenhetze kommt dabei nicht zu kurz. Daß Paul Stapfer einer Familie angehört, die schon in der dritten Generation französisch ist, will da nichts mehr heißen. Sein Großvater war in der That der bekannte Theologe Stapfer, der als Staatsmann unter der helvetischen Republik in Bern eine Rolle spielte und als Gesandter nach Paris kam, wo er sich bleibend niederließ. Der Unterrichts minister hat Herrn Professor Stapfer auf sechs Monate suspendirt. Co.rstaniinopel. Sicherem Vernehmen nach ist der Sultan durch jüdische Persönlichkeiten von Rang auf die schlimme Lage der Israeliten in dem aufständischen Jemen aufmerksam gemacht worden und hat zngesagt, zu i h r e n G u n ft e n zu i n t e r v e n i r e n. Petersburg. Bor dem Bezirksgericht in Okmolinsk fand die Verhandlung gegen den Reserve-Unterofficier Jegor Durow, seine Frau und den Reservisten Jtassim Wannstein statt, welche angeklagt waren, von der rechtgläubigen Kirche zum Jndenthum übergetreten zu sein. Sie wurden zur Entziehung aller Rechte verurtheilt, außerdein Durow zur Verschickung in die Zwangsarbeit nach den Bergwerken auf 4 Jahre, seine Frau zur Ansiedelung in den entlegenen Gegenden Sibiriens und Wannstein zur Arrestanten-Compagnie auf 3% Jahre.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.